Sr. 18.
Marburg, Sonnabend, 22. Januar 1876.
XL Mrga»g.
gmetgen nimmt entgegen: die ExPedittan d. Blatte», (■■ie die Annoncen-Bureaux Hn Th- Dietrich & Eo- in jksiel und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M-; Kaasenstein 4 Vogler tn Frankfurt a. M-, Berlin, Leip» m Köln rc; Rudolf Moss« tz, Berlin, Frankfurt a. M. rc.
ObcchcMe Irilung.
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Tagesbericht.
Der „Reichs-Anzeiger" publicirt die Ernennung des Freiherrn von Ende zum Ober - Präsidenten der Provinz Hessen Nassau.
Die „Nordd. Allg. Zig." berichtigt: Die telegraphische Meldung der „Weser-Ztg." wegen unmittelbar bevorstehender Verkündigung der Synodalordnung war verfrüht; ebenso Ist die Nachricht, daß die Allerhöchste Sanction ertheilt sei, zur Stunde noch unrichtig.
Zur Berathung über eine Mehrzahl zum Theil sehr »ichftger Vorlagen aus dem Gebiete des Veterinärwesens and der Beterinärpolizei hat, wie wir hören, der Minister für die landwirthfchaftlichen Angelegenheiten zum ersten Male das Plenum der neu geschaffenen technischen Deputation für da» Beterinärwesen einberufen. Die Versammlung, welche ihre Verhandlungen am Donnerstag begonnen hat, besteht zur einen Hälfte aus Grundbesitzern und praktischen Landwirthen; zur anderen Hälfte aus hervorragenden medicinischen und thierärztlichen Gelehrten und Prak- tikern. Alle Provinzen des Landes finden darin ihre Ver- ttttung. Den wichtigsten Theil der Berathungen bilden die zur Ausführung des Viehseuchengesetzes erforderlichen Instructionen, über welche durch den Austausch der Meinungen zwischen den Fachmännern und den das praktische vedürfntß vertretenden Landwirthen eine abschließende Verständigung herbeigesührt werden soll, so daß voraussichtlich demnächst ohne Verzug die Publication der sehr eingehenden und umfafienden Instruction ergehen wird. Ferner wird sich die Versammlung mit der Frage über den Erlaß von Einfuhrverboten zum Schutze gegen die Lungenseuche, mit neuer Regelung deS thierärztlichen Prüfungswesens, mit der Begutachtung der Vorschläge wegen Gewährleistung beim Viehhandel für das deutsche bürgerliche Gesetzbuch, mit der Aeußerung über internationale Maßregeln zur Uiv trrdrückung der Lungenseuche, endlich mit der Organisation einer Veterinär-Statistik ftfRPreußen beschäftigen. Auf die Ergebnisse der Verhandlungen behalten wir uns vor zurück zukommen.
Die wenn auch mit Vorbehalt zustimmende Entscheidung England» bezüglich der Note des Grafen Andrassy wird von der Londoner Presse gebilligt, nur die „Morning- W tadelt daS Aufgeben der traditionellen Politik und behauptet, Frankreich und Italien seien nur den Nord- «ächten gefolgt, weil England sich passiv verhielt.
Au» Konstantinopel erfährt die „Daily News" über Dien, daß der britische Bice Eonsul in Canen, der Hauptstadt der türkischen Insel Kreta, zahlreiche Briese von einflußreichen Einwohnern zu Gunsten einer Annexion mit Großbritannien empfing. Dieses Vorgehen stößt auf die Opposition dtt griechischen Partei, welche Instructionen
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Die Netelwilwe.
Original-Erzählung von FL-
(Fortsetzung.)
Am anderen Tage, der den beiden Glücklichen in der Aähe der vergötterten Frau nur zu schnell dahinfloß, sprengte ein Diener des jungen Edlen von Kirmeny im eiligen Ritte vor die Villa der Gräfin. Er sprang vom dampfenden Gaule und begehrte seinen Herrn zu sprechen, dem er die dringende Bitte überbrachte, daß er eines zwingenden Grunde« wegen schleunig nach Hause zurückkehren a6ge. ES war der alte Zarosch, der ihm diese Botschaft sandte; er war nicht selber gekommen: dies hätte seinen Herrn befremdet, wenn er darüber nachzudenken geneigt ge- tttsen wäre. So stimmte ihn der Gedanke unmuthig, schon so bald von hier zu scheiden; an einen möglichen Unfall In der Heimath dachte er nicht, eS erfüllte ihn nur eine unbestimmte quälende Unruhe. Sein Freund war durch die Ausführung irgend einer phantastischen Idee dtt Gräfin, die seine Gewandtheit verwirklichen sollte, in Anspruch genommen; denn ihr seltener Scharfsinn pflegte rasch und untrüglich die Fähigkeiten oder hervorstechenden Eigenthüm- üchkeiten in ihrer Umgebung herauszufinden.
Jndesien sprengte Chrysanthus bald nach Entgegennahme dn Sendung auf seinem behenden Braunen dahin, die Straße entlang, welche an einem Wäldchen vorbeiführte, das er, dem Sonnenbrände zu entgehen, aussuchte; den Diener hatte er vorausgeschickt. — ES war dort angenehm;
ritt unwillkürlich langsamer und vertiefte sich in allerlei Unklare, doch überaus anmuthige Vorstellungen; denn in Hnet Brust bewahrte er wie einen köstlichen Schatz die Erinnerung an jede» Lächeln deS Weibes, das dort schon allmächtig thronte, an die holden Wotte des Abschiedes, di« so gesprochen, bedeutungsvoll durch den Ton, den warmen
aus Athen erhält. Es herrscht viel Aufregung und daher die Ernennung deS bisher in der Herzegowina beschäftigt gewesenen Raouf Pascha zum Gouverneur von Kreta mit erweiterten Vollmachten.
Deutsches Reich.
•• Berlin, 20. Januar. Der Mittheilung, daß dem am vergangenen Freitag stattgehabten Ministerrathe bereits eine Vorlage für den Landtag, Erwerbung der preußischen Eisenbahnen durch den Staat beschäftigt hat, ist bereits officiöS widersprochen. Dieses Dementi muß auch heute trotz der erneuerten Behauptung der „D. R.-C." aufrecht erhalten werden. Wie ich höre, wird auf Anregung deS Ministerpräsidenten in einer der nächsten Sitzungen des Staatsministeriums die Eisenbahnfrage zur Erörterung der Regierung gelangen. Es scheinen alle diese Gerüchte wohl nur Nachklänge aus den Mittheilungen über die bei dem Diner des Fürsten Bismarck am 13. d. M. gehabten Unterhaltungen zu sein. — Die „Nat.-Ztg.", anknüpfend an den gestrigen Artikel der „Prov.-Corresp." über die parlamentarische Zeiteintheilnng, kommt wiederum auf die frühere Idee zurück, zur Erledigung der Justizgesetze eine Frühjahrs - Session des Reichstages anzusetzen. Es ist jedenfalls zu einer solchen die erste Bedingung, daß die Justiz Kommission rechtzeitig mit ihren Berathungen, d. h. vor Ostern fertig ist, damit die Möglichkeit da ist, eine Session vor Eintritt der heißen Jahreszeit schließen zu können. Diese Möglichkeit wird aber bis jetzt in keiner Weift als bestehend erachtet. — Nach den neuesten Nachrichten aus London erscheint es sicher, daß das englische Cabinet den Andraffy'schen Reformvorschlägen für die Türkei zustimmen wird. Es wird nun wohl die Zeit bald eintreten, welche diese Vorschläge in der Praxis «»führen soll. — Zum Studium der vorhandenen pneumatischen Leitungen an anderen Orten waren die Geheimen Ober- RegiernngSräthe Elsafier und Hede nach London, Paris und Wien entsendet worden. Auf Grund der von ihnen gemachten Erfahrungen werden die pneumatischen Einrich. hingen in Berlin getroffen werden.
München, 19. Jan. Aus Anlaß beleidigender Angriffe gegen den als liberal bekannten katholischen Pfarrer Martin in Zell, welche eine Correspondenz der „Germania" cnthielt, ließ die Gemeindeverwaltung von Zell dem genannten Pfarrer eine von fämmtlichen Gemeindeausschuß- Mitgliedern unterzeichnete Erklärung folgenden Inhalts zustellen: „Die „Frans. Ztg." brachte in ihrem Morgen- Blatte vom 6. Januar d. IS. einen der „Germania" entnommenen Correspondenz-Artikel aus Würzburg, welcher über die Stellung des hochw. Herrn Pfarrer» Martin zu der Gemeinde Zell in den Worten ergeht: „Seine gläu-
Blick, der sie begleitete. Die Umgebung schwand mehr und mehr um ihn, seine Gedanken schweiften auf schimmernden Bahnen der Phantasie; da bäumte sich plötzlich sein Roß und that einen Sprung zur Seite. Eine große Gestalt erhob sich vor ihm, wie aus dem Erdboden herauSgestiegen Seine erste Bewegung war nach dem Pistol im Halfter; aber ein zweiter Blick überzeugte ihn, daß er es mit keinem Räuber, sondern mit der seltsamen Alten zu thun habe, deren unheimlicher Blick schon einmal störend in die Träume seine» Glückes fiel. Sie war im Nu an seiner Seite und griff unerschrocken dem Pferde in die Zügel. Sie schien auch auf das Thier eine magische Gewalt auszuüben, denn es stand zitternd und schnaubend still. Dicht zu dem bestürzten Reiter sich heranbeugend, daß ihr hartes, runzlicheS Gesicht fast seine Wange berührte, sagte sie mit einer Stimme, die hohl und scharf ertönte: „Kehre um nach Hause, junges Blut! Komm nimmer wieder, wenn du das Unglück meiden willst 1 Du führst den Namen Körmeny; fliehe den Zauber, der dich umgarnt, beschwöre nicht da» Verderben herauf I" — „Hinweg, was willst du?" stieß der Jüngling hervor, indem er mit vorgehaltenem Arme die Erscheinung von sich drängte, die nur langsam zurückwich. „Was soll deine räthselhafte Warnung? Welch ein Unglück bedroht mich?"
Sie richtete sich groß in die Höhe, den düster flammenden Blick der tief in ihren Höhlen liegenden Augen starr auf ihn geh. stet; dann schüttelte sie den Kopf und in ihren Geberden sprach sich ein so tiefes, kummervolles Bedauern aus, daß es ihn unwillkürlich zum Mitgefühl bewegte. Ehe er aber den Mund zum Sprechen wieder öffnete, kam sie ihm zuvor. „Hüte dich," rief sie mit schrillem Tone, „hüte dein warmes Leben vor ihr, die kein Herz hat, fo schön sie ist; hüte dich!" —Sie trat schnell in das Gebüsch hinein, di» hinter ihr zusammenschlug. „Kehre niemals wieder, hüte dich!" erscholl noch einmal ihre Stimme au» dtt Ent-
bigen Parochianen perhorreSciren ihn und erblicken in ihm da» größte Kreuz, das ihnen die Vorsehung seit Menschen- Gedenken auferlegt hat." Die unterfertigte Gemeindeverwaltung muß diese Angaben nicht blo» als unwahr bezeichnen, sondern im Gegentheile bestätigen, daß bet hochwürdige Herr Pfarrer Martin in seiner Pfarrgemeinde daS vollste Vertrauen" genießt, sowohl hinsichtlich seine» pfarramtlichen Wirkens als feiner priesterlichen Haltung. Die Gemeinde-Verwaltung Zell." Dieser Beschluß ist von Männern der verschiedensten Patteirichtung mit Einstimmigkeit gefaßt worden.
Pest, 20. Jan. Das Unterhaus hat die Regierungs- Vorlage wegen der Einlösung von 20 bis 22 Millionen Schatzbons aus der zweiten Hälfte des Renten«AnlehenS unverändert angenommen.
Der«, 18. Jan. Der Internationale Post-Congreß hat heute nur eine kurze Sitzung gehalten, in welcher e» sich um die Ernennung einer Commission sür Vorberathung der vorliegenden Fragen handelte. Wie eS heißt, sollen die Anträge der Vertreter Großbritanniens und Frankreichs betreffend die Gebühren für den überseeischen Transport sehr weit auseinander gehen, während von dem Vertreter Deutschlands ein mehr vermittelnder Antrag gestellt werde. Der Antrag Großbritanniens soll auf Fr. 25 pro Ko. lauten, der Frankreichs auf Fr. 6 und der Deutschlands auf Fr. 20.
Pari-, 19. Jan. Die neuesten Artikel dtt „Times" zeigen noch mehr als der gestnn erwähnte die Unsicherheit der Haltung, aus'der hervorgeht, daß die unbedingte und vollständige Theilnahme der englischen Regierung an den projectirten Schritten der übrigen Mächte in unterrichteten englischen Kreisen selbst für zweifelhaft gehalten wird. Die hiesige „France" bringt heute eine Notiz, von der sie sagt, sie stamme auS Petersburger Quellen; dieselbe schließt mit der Bemerkung, eS handle sich augenblicklich um die Frage, ob man der Türkei das Andraffy'sche Document überreichen solle oder ein anderes. Da» geht wohl etwas weit; in- deffen ist der Eindruck in der That nicht ganz abzuweisen, daß eine leichte Stockung in den Verhandlungen über An- drassy's Vorschläge eingetreten sei; den Inhalt der letzteren auf daS mildeste zu reduciren, ist ohnehin die allgcmeintte Tendenz. — Im Inneren spielte sich eine seltsame Komödie ab. Die der Regierung nahestehenden Organe lobstngen aus allen Kristen über den vorzüglichen konservativen Ausfall der Wahlen vom Sonntag, und zu gleicher Zeit melden die republikanischen Zeitungen den Sieg ihrer Sache aus allen möglichen Departements. Daß die Officiösen merklich schön färben, ist sicher; wie weit ab« ihre Gegner die Wahrheit sagen, ist gleichfalls schwer zu entscheiden.
fernung. Unwillig und dem sonderbaren Zufalle nachgrübelnd, der ihm so unvermuthet eine störende Warnung entgegen- treten ließ, setzte er seinen Weg fort, indem er bald da« freie Feld erreichte und das treue Thier zu rascherem Lause anspornte.
Er traf gegen Abend in seinem Schlöffe ein und forschte etwas unmuthig, was denn so Wichtiges vorgefallen fei. Man wußte nichts, konnte ihm keine Auskunft ertheilen; so befahl er denn, Zarosch nach feinem Zimmer zu bescheiden. Er ging hinauf und war überrascht, al» dieser ihm dort schon entgegentrat; denn daS Gesicht de» Alten, da» immer sonst das Gepräge einer geraden und männlichen Offenheit an sich trug, zeigte sich so verändert, und in seinem wechselnden, unruhigen Ausdruck offenbarte sich eine so tiefe Bewegung, daß der junge Manu erstaunt und fragend auf ihn blickte.
„Herr," sprach jener mit einer vor unterdrückter Aufregung rauh klingenden Stimme und vornüber gebeugter Haltung, „Herr, verzeihe mir, ich habe dich getäuscht I Bei den Heiligen, ich konnte mir nicht ander» helfen, ich wußte mir keinen Rath, dich von dort zu entfernen 1 Um jeden Preis mußte ich die», ich mußteI Mein rothes Herzblut wollte ich darum geben, wenn du nicht da» Schloß der Gyormaihy besucht hättest! — O, daß eS dahin kommen mußte!" — „Du hast mich getäuscht, du betrogst deinen Herrn?" ries Chrysanthus, von maßlosem Erstaunen erfüllt und von diesem zum Zorn übergehend. — „Verräther, sprich, warum thatest du da», welche wahnsinnige Thorheit verblendete dich?" — Der GreiS athmete hoch auf. — „Herr, schilt mich, strafe mich, aber nenne mich keinen Verräther!" sagte er mit leidenschaftlicher Aufwallung. „Ja, ich habe dich getäuscht, weil ich eS mußte, weil ich kein anderes Mittel finden konnte! — Ich beschwöre dich, ich flehe dich an bei dem Andenken deines Oheim», deiner