Einzelbild herunterladen
 

Sr. 17»

Marburg, Freitag, 21. Januar 1876.

XL Jahrgang.

Anzeigennimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», ftvie die Annoncen-Bnreaux eon Th. Dietrich & Co. in flaffel und Hannover; Th. Dietrich in grantfurt a. M-; Laasenstein & Vogler m Lankfurt a. M-, Berlin, Leip- «g Eölu ic; Rudolf Moffe h, Berlin, Franlfurt a. M. rr.

ilmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte», sowie die Annoncen-Bureaux von G L. Daube 4 Co. in Franlfurt a. M.: JSger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A- 9tet*- meyer in Berlin; Carl Schüh- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

grscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrirteS SonntagSblatt" durch die Srpedition («och'fche Bnchdruckerei) bezogen Sh Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. fexl. Bestellgebühr). JnsertionSgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Die orthographische Koofereuz, ^lche in Folge der Berufung durch den UuterrichtSminisier Dr. Falk am 4. d. M. in Berlin zusammengetreten war, hat am 15. Jan. 1876 mit ihrer elfen Sitzung ihre Bera­tungen abgeschlossen. DaS vollständige Protokoll über ihre Verhandlungen sammt der ursprünglichen Vorlage und dm auS der Konferenz hervorgegangenen Modifikationen wird demnächst der Oefscntlichkeit übergeben werden. Indem jedoch die Herstellung dieser Publikationen ein paar Wochen in Anspruch nimmt, wird eS dem Jnterefie, welches alle gebildeten Kreise dem Gegenstände entgegenbringen, zweck­mäßig sein, daß sofort durch einen Auszug aus den Pro­tokollen über den wesentlichen Inhalt der Verhandlungen und Beschlüsse der Konferenz eine authentische Nachricht an alle, die sich dafür interessiren, gelange.

Die Generaldiskussion, welche nur einen Theil des nfien SitzungStageS in Anspruch nahm, richtete sich, wie bttReichs- und Staats Anzeiger" schreibt, dem wir diese Mtheilungen entlehnen, auf zwei Punkte. Erstens galt e» zu konstatiren, ob in Betreff der Grundlagen, auf roel chen die jbeiden Raumerschen Schriften beruhen, in der Versammlung Uebereinstimmung herrsche, damit eine etwaige Differenz sofort im Allgemeinen und nicht wiederholt bei den einzelnen Fragen zur Verhandlung komme. Als die Raumer'schen Schriften zu Grunde liegenden Ueberzeugungen bezeichnete der Vorsitzende Folgendes:

Wir haben eine in den meisten Punkten übereinstim­mende Rechtschreibung, welche mit der Entstehung der neu hochdeutschen Schriftsprache selbst in unzertrennbarem Zu» sammenhange steht. Der Grundcharakter unserer Recht­schreibung ist ein phonetischer, d. h. die Schrift sucht die gegenwärtig wirklich gesprochenen Laute zu bezeichnen, nicht, wie e» im Englischen und Französischen der Fall ist, für die vormals gesprochenen, jetzt nicht mehr vorhandenen gante die Zeichen zu conferviren. Der phonetische Grund- Charakter unserer Rechtschreibung wird aber durch einige andere Momente beschränkt, erstens duech dm unantastbaren Zug unseres Schreib-Gebrauches, in der geschriebenen Form deS Wortes den Zusammenhang seiner Entstehung zur Anschauung zu bringen (wir schreiben z. B. ich hatte, ich hätte, nicht ich hette, obgleich der Vocal nicht anders ge­sprochen wird alS in Kette, rette); ferner durch gramma tische Unterscheidungen (dahin gehört z. B. das Schreiben der Substantiva mit großem Anfangsbuchstaben); endlich durch da» Bemühen, die verschiedene Bedeutung phonetisch gleicher Wörter in der Schrift durch willkürliche Zeichen kenntlich zu machen (es genügt an die noch zu Anfang dieses Jahrhunderts übliche Unterscheidung von sein und schü zu erinnern). Daß unsere Rechtschreibung auch in ihrem phonetischen Grundcharakter der Verbesserung fähig

und bedürftig ist, beweist selbst ein oberflächlicher Blick in unsere Literatur; aber nur solche Vorschläge der Befferung haben ein Recht, welche durch den bisherigen EntwickelungS gang bereits angebahnt und vorbereitet sind, und welche dir werthvolle Gemeinsamkeit nicht erschüttern. Auch eine minder gute Ortographic, wofern nur ganz Deutschland darin Übereinstimmt, ist einer vollkommeneren vorzuziehen, wenn diese vollkommenere auf einen Theil Deutschlands beschränkt bleibt und dadurch eine neue und keineswegs gleichgültige Stellung hervorruft.

Als zweiter Gegenstand der Generaldiscussion wurde von dem Vorsitzenden die Frage sormulirt, wie weit eS zweckmäßig sei, der in dem Entwickelungsgange unserer Orthographie trotz ihrer Inkonsequenz erkennbaren Richtung zu folgen und nachzuhelfen, in welchen Grenzen sich die Reform halten muffe, wenn sie auf allgemeine Annahme hoffen wolle. Aus der eingehenden und lebhaften Erör­terung dieser Frage ließen sich im Wesentlichen folgende Punkte als Ueberzeugung der Conferenz conftatiren. Bon feiner Seite wird eine solche beffernde Modifikation in unserer Rechtschreibung empfohlen, welche nicht schon durch den bisherigen Entwickelungsgang unseres Schreibgebrauches vorbereitet ist. Ferner, die Berathungen der Konferenz betreffen zwar zunächst die Feststellung der deutschen Oriho- graphie für die Schulen, aber es darf nicht daran gedacht werden, zwischen einer etwa für den Schulunterricht vor­zuzeichnenden Orthographie und dem allgemeinen Schreib­und Druckgebrauche einen gewaltsamen Riß herbeiführen zu wollen, durch diesen Gesichtspunkt werde die Einfach­heit und Konsequenz der orthographischen Regeln, so sehr dieselbe für den Schulunterricht wünschenSwerth sein möge, ihre nothwendige Begrenzung finden müffen. Eine be­stimmte Formel für das einzuhaltende Maß ließ sich nicht auffinden, vielmehr zeigte sich, daß diese Frage, bis zu welcher Grenze eine Abweichung von dem bisherigen Schreib- Gebrauche zu empfehlen sei oder zulässig eine, bei jedem einzelnen Hauptpunkte besonderer Erwägung unterzogen werden müffe.

Tagesbericht.

Die allgemeine Nothlage hat sich diesmal auch bei der Darlegung des Etats ganz besonders gezeigt. Fast in allen Zweigen sind die Einnahmen des Jahres 1875 unter denen des vorigen Jahres zurückgeblieben. Insbesondere hat der Verkehr auf den Eisenbahnen nicht die Einnahme gebracht wie früher. Bei der Stempelsteuer beträgt der Ausfall 21/2 Mill. Mk. Nur die Forst- und Bergwerksverwaltungen haben einen Ueberschuß aufzuweisen; infolge deffen ist das Deficit allerdings vermieven, aber von den großen Heber schüssen der früheren Jahre ist nicht mehr die Rede. Mit

Berücksichtigung deS gegenwärtigen NothstandeS ist denn auch die Einnahme für das Jahr 1876 bedeutend geringer gegen das Vorjahr, nämlich um 43 Mill. Mk. angesetzt. Hervorzuheben ist noch, daß im Bergwefen gleichfalls eine bedeutende Mindereinnahme, nämlich von 9 Mill. Mark vorgesehen ist, sodaß auch auf liefern Wege der Finanz- mintfter nicht auf eine Besserung rechnen darf, sondern sich auf ein weiteres Zmückgehen gefaßt machen muß; ebenso ist auch die Einnahme der Eisenbahnen wieder um 5 Mill. Mk. niedriger als im letzten Jahre angenommen. Trotz­dem glaubt der Finanzminister, daß man muthig und fest in die Zukunft sehen muffe; doch scheint nach seinen eigenen Ansätzen diese Zukunft noch nicht im laufenden Jahre beginnen zu sollen.

Die Arbeiten zur Einführung der EinheitSpatrone im ganzen deutschen Reiche sind säst vollendet; die Gewehr­fabrik in Amberg ist mit der entsprechenden Aptirung deS bayerischen WerdergewehrcS sehr vorgeschritten, und so wer­den im Lause dieses Jahres sämmtliche deutsche Cavallerie- Regimenter als Ersatz für die seit 1871 in Gebrauch ge­nommenen französischen Chassepot-Karabiner die in der Spandauer Schießschule erprobten Karabiner (Mausersystem, Muster Nr. 71) erhalten. Mit Vollendung dieser Maß. regel wird die zum allgemeinen Gebrauch der Einheitspatrone geeignete Bewaffnung des deutschen Heeres vollständig durch­geführt fein.

ES ist davon die Rede, sämmtliche preußische Jnvaliden- Compagnien aufzulösen,

Ein Telegramm aus Rom vom 16. Januar meldet: Der Vatikan hat Weisungen an die Bischöfe von Köln und Trier erlassen, worin dieselben aufgefordert werden, ein Mittel zu suchen, um ihre Absetzung zu verhindern." Hierzu bemerkt dieKöln. Zig.": Es wird sich mit dieser Nachricht wohl verhalten, wie mit den gleichfalls unver­bürgten Mittheilungen über einen gestechtrn rnockus vivendi, die in letzter Zeit durch die Blätter gingen.

Deutsche- Reich.

Berlin, 19. Jan. Auf Veranlaffung deS Ministers für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten ist von dem königlichen statistischen Bureau eine Zusammenstellung,die landwirthschastliche Bevölkerung dcs preußischen Staates nach den Ergebniffen der Volkszählung vom 1. Dezember 1871* bewirkt worden. Diese hat folgende» Resultat ge­liefert : ES betrieben die Lanvwirthschaft 924.413 männ­liche und 74,890 weibliche Unternehmer als Hauptbeschäf­tigung, 66,254 männliche und 1828 weibliche Unternehmer alS Nebenbeschäftigung; 23,359 männliche und 11,629 weibliche Angestellte als Hauptbeschäftigung, 877 männliche und 677 weibliche Angestellte atfl Nebenbeschäftigung;

Die Nebelwitwe.

Original-Erzählung von F. L- '

(Fortsetzung.)

Sie waren jetzt auf der Villa und ließen um die Er- laubniß bitten, sich der Herrin vorzustellen. Bald standen fie vor ihr, mit beschleunigten Herzensschlägen das Bild ihrer geheimsten Gedanken mit dem Original vor ihnen vergleichend. Hatten sie sich einzureden gesucht, daß dieses zurücktreten würde gegen den Strahlennimbus, womit die Phantasie eS umkleidet hatte, so täuschten sie sich. Nicht im erborgten Glanz des Ranges, der gesellschaftlichen Stel­lung, nicht mit der stolz abwehrenden Hoheit, die jeden kühnen Blick zu bannen verstand nein, angethan mit der geheimnißvollen Macht ihrer Natur, mit der Fülle siegenden Liebreizes, der spielend alle Waffen der Vernunft unb der Vorsätze entwendet, so trat sie ihnen entgegen. Sie verstand es, eine Fee mit der Wünschetruihe, alle dem Eigenthümer selbst noch unentdeckte Schätze des Geistes auf fremdem Gebiete hervorzulocken und anzuregen; die köst­lichen Stunden verrannen wie im Fluge. Als sich die Freunde zögernd verabschiedeten, nahm sie ihnen das Ver­sprechen baldiger Wiederkehr ab.

Siegmund jubelte auf dem Heimwege; in jugendlich siberschwellendem Drang der Glückseligkeit pries er mit unerschöpflichen Worten den Reiz, welchen die Erscheinung btt schönen Frau über die Schwüle des Dasein» verbreitet hatte, schalt e» sinnlose Thorheit, nicht der Lockung deS süchtigen Augenblickes bereitwillig Folge zu leisten, sich Frische unb Heiterkeit aus dem Born der Schönheit zu trinken. Chiysanthus gab ihm stillschweigend Recht; es toar eine ganz veränderte Stimmung über beide gekommen; reicher, sonniger gestaltete sit das Lcben um sie her, noch Dehr in ihnen; dort war ein Quell entsprungen, der tausend

niegeahnte Keime zum raschen Blühen entfaltete; dieNach" tigall im Herzen" feierte ihren Lenz.

Schon nach wenigen Tagen ritten die Beiden im lieber« muth freudiger Erwartung, heitere Scherze und Neckereien austauschend, beffelbigen W ge». In dem Bereich des Herrenhauses angelangt, bemerkten sie eine größere Reg­samkeit als sonst; emsige Geschäftigkeit, Vorbereitungen, wie zu einem Feste schienen im Gange zu fein, und die rüstigen Diener und Mägde des Hauses, von zahlreich an» geworbenen Händen unterstützt, eilten mit Lasten von zu- bereiteten oder noch der Zubereitung harrenden Lebens­mitteln ab und zu; Sitze waren errichtet, schimmernde Tische unter den Bäumen. Der herrschende Strom der Bewegung zog sich seitwärts, einem sanften, mit Reben bepflanzten Abhänge entgegen, wo die freundlichen Häuser der Winzer, die Gebäude zum Keltern und Presien der Trauben malerisch sich hervorhoben. Den dort her er­schollen in verworrenem, aber in der Entfernung harmonisch zusammenklingenden Tongemenge die Gesänge und Weisen vieler einzelnen Stimmen. Es waren die Arbeit und da» Vergnügen der Weinlese, welche hier eine thätige und auf­geweckte Menfchenmaffe versammelten; denn obgleich die Anpflanzungen der edlen Rebe neben dieser Villa der Gräfin weniger beträchtlich waren, als anderswo auf ihren Be­sitzungen, und obgleich der Ernst der politischer? Vorgänge jeden lauten AuSbruch der Freude zu verbieten schien, konnte doch diese, immer mit froher Sehnsucht erwartete Zeit nicht ohne die Spuren heiterer Regung vorübergehen, und es hatten sich dazu, wie immer, wenn auch weniger zahlreich als sonst, Gäste ans der Nähe und Ferne eingefunden. Nur einige flüchtige Worte des Willkommens konnte die schöne Gebieterin deS Hause», welche anordnend und be­fehlend die Berichterstattungen des Hausmeisters entgegen nahm, den beiden Freuuden schenken, die sich unter die ab-

unb zuroogende Menge der Anwesenden mischten. Dann und wann nur erhaschten sie einen Schimmer ihre» Ge­wandes , einen Silberklang ihrer Stimme, der die vollen und biegsamen Laute ihrer Muttersprache zur Musik erhob.

Sie ließen sich ohne Wahl von der Fluch der Bewegung forttreiben, bald hier, bald dort hervortauchend, eS war überall ein anziehende» und farbenfrischeS Gemälde, da» noch vielfach an Reiz und Fülle gewann, als der Beginn der großen, auf den Abend festgesetzten Hauptmahlzeit alle die auf mannigfaltige Weise beschäftigt gewesenen au» dem Weingarten zu den duftenden und reichbesetzten Tafeln rief, die für die Arbeiter und Winzer in dessen Umkreise, in den dazu bestimmten Räumen, für die al6 Gäste herzu gekom­menen Traubenleser, Kaufherren, Besitzer unb andere ge achtetere Teilnehmer in den Sälen de» Schlöffe» festlich errichtet waren. Die mit Kränzen und üppigen Gewinden geschmückten Wände strahlten bald vom Glanze der Kerzen, wiederhallten vom harmonischen Jubel der Tine, welchen die Zigeuner, die braunen Musiker der Haide, mit weißen Zähnen unb sprühenden Augen, von erhöhter Tribüne herab mit ihren Instrumenten unter die erregten Gemüther schien- betten, bie der herrliche Wein wie auf unsichtbaren Schwingen bet süßen Loszebundenheit der Freude entgegen trug.

Einen noch seligeren Rausch senkten die Blicke der rei­zenden Gräfin in die Herzen der beiden jungen Männer. Sie zeichnete sich gleichmäßig au», sie richtete oftmals da» Wort an sie; sie durften als die Mtibegünstigten auf dem Balkon deS Schlöffe» in ihrer Nähe weilen, al» sich die ersten Garben de» veranstalteten Feuerwerk» praffelnd in die Luft erhoben, sie mit vorübergehendem Glanze erfüllend. Später, als die rythmischen Wirbel de» Tanze» die Füße beflügelten, ward ihnen da» Glück, die zarte Hand berühren zu dürfen, auf kurze Minuten die reizende Gestalt in flitzet Verschlingung an sich zu ketten.