Sr. 16»
Marburg, Donnerstag, 20. Jamar 1876.
XI. Jahrgang.
gnietgen nimmt entgegen: He Expedition d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaux von Th- Dietrich & So. in gflffd und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Laasenstein 4 Vogler in Frankfurt a. M.Berlm, Leip- ,ig, Eöln «; Rudolf Moffe ifl Berlin, Frankfurt a. M. re.
OhcrhcWc Jalung.
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Die Erwerbung von Eolouien
Die „Gazelle" ist vor wenigen Tagen von ihrer Reise «ach dem Osten Australien» und den melanesischen Inseln mrückgekehrt. Sie hat bei dieser Gelegenheit eine Reihe eon Znseln besucht, die noch in keine» Herrn Besitz sind, und auf die zum Theil schon früher die Aufmerksamkeit gelenkt wurde, al» besonder» geeignet, um dort eine Flottenstation oder deutsche Colonie anzulegen.
Ob die „Gazelle" von diesem Gesichtspunkte au» die verschiedenen Inseln in Augenschein genommen hat, wissen wir nicht, aber unwahrscheinlich wäre es nicht, denn der Wunsch ist oft genug ausgesprochen worden, daß wir auch in dieser Beziehung nicht hinter anderen Völkern zurück bleiben möchten, sondern für unfern immer mehr anwach- senden Seehandel und unsere Marine in den verschiedenen Meeren Flottenstationen anlegen, und andrerseits uns in ben Besitz von geeigneten Ländern setzen, um dort deutsche Colonien zu gründen.
ES ist allerdings bei uns eine Zeit lang die Ansicht verbreitet worden, daß auswärtige Besitzungen ein Nebel sind, und keinen Nutzen gewähren, seitdem das Freihandelsprinzip zum Durchbruch gekommen ist. Allein es ist mit diesem Prinzip so, wie mit vielen anderen Grundsätzen der Freihandelstheorie; e» ist nichts als eine unbewiesene Behauptung.
Auffällig ist e» wenigstens, daß trotzdem die Freihändler die Schädlichkeit der Colonien und ihren vollständigen Un- werth al» unumstößlich annehmen, das praktische England nicht daran denkt, seine Colonien aufzugeben, vielmehr dieselben immer mehr erweitert, und auch die anderen Länder, wie Frankreich, Holland, und namentlich Rußland, ihren Colo- nialbesttz auSdehnen, um dadurch ihrer Industrie und ihrem Handel neue Absatzgebiete zu verschaffen.
Man hat unter anderem auch erkannt, Deutschland habe .weit mehr Bortheil davon, daß die Auswanderer, welche Jahr für Jahr Deutschland verlaffen, Bürger der vereinigten Staaten «erden, weil sie dadurch werthvolle Handelsverbindungen zwischen beiden Ländern Herstellen; wie irrthüm- lich indessen diese Auffaffung ist, geht daraus hervor, daß die deutschen Auswanderer in Amerika ihre Bedürfnisse an Fabrikaten vollständig befriedigen können, und die Ausfuhr dahin vielmehr ab- als zugenommen hat.
Den Absatz, den wir gegenwärtig nach Nordamerika haben, hätten wir auch ohne die großartige Ansiedelung der Deutschen in den vereinigten Staaten gehabt. Wenn hingegen Deutschland Länder erworben hätte, wo unter dem Schutze der deutschen Regierung die deutschen Auswanderer sich hätten niederlaffen können, so hätte unser Handel und unsere Industrie ein festes Absatzgebiet gewonnen. Man rechnet allein in ben vereinigten Staaten gegen 3 Millionen Einwanderer deutscher Abkunft, wenigstens eine Million ist auf Südamerika, Australien und die übrigen Welttheile zu
Die Rebelwitwe.
Original-Erzählung von F. L.
(Fortsetzung^
.Wie schön sie ist!" Siegmund kehtte da» glühende Gesicht dem dunkelnden Himmel zu; aus seiner Brust drängte sich, fast gewaltsam der Jubel, die Inbrunst des bewundernden Gefühles, das sie nicht mehr lautlos in sich zu fasten vermochte. Ahnungsvoll wendete fein Gefährte sich hinweg. „Die Nebelwitwe!" flüsterten seine Lippen unwillkürlich und leise in sich hinein. Sie sprachen weiter kein Wort mehr auf dem nächtlichen Wege.
Am anderm Morgen trat dem jungen Gutsherrn ein nicht Erwarteter entgegen, Zarosch, der Diener feines Oheims. In der Miene des Alten, der niedergehaltenen Trauer seines Blicke» lag eine trübe Kunde. Er stand in straffer Haltung vor ihm, aber in seinem Wesen lag eine düstere Feierlichkeit; eine flüchtige Bewegung lief über die wettergehärteten Züge dahin und fein dichter Schnurrbart zitterte über seinem Munde. Aber dann sprach er laut und fest: „Herr, dein Oheim ist gestorben, er sendet dir seine letzten Grüße durch mich." — Erschütternd trafen diese Worte ben Jüngling. Alle», was ihm der so plötzlich Entristene gewesen und geworden: einziger Blutsverwandter, Wohlthäter und Beschützer — und wie er dahin gegangen sei in der Bitterkeit seines Geschicke» — geschieden nun für immer, entrückt feinet Dankbarkeit, die sich zu vergelten sehnte — diese Gedanken bemächtigten sich seiner mit heißer Wehmuth.
verhüllte die Stirn mit der Hand, langsam floffen Thränen über seine Wangen. „Also keine Wiederkehr!" seufzte er, der Scheidestunde gedenkend.
Gewaltsam entriß er sich der Erinnerung, sein Mund
rechnen, so daß also in den letzten fünfzig Jahren mindestens 4 Millionen Auswanderer Deutschland verlassen haben, die mit ihrem Kapital und ihrer Arbeitskraft für das Vaterland verloren sind. Wäre dieser Strom der Auswanderung t dagegen in Länder gelenkt worden, welche als Colonien mit Deutschland in fester Verbindung blieben, so wäre dieser große Verlust abgewendet worden; denn einerseits hätte diese große Anzahl von Auswandern dazu genügt, um bedeutende Strecken zu cultiviren, und uns auf diese Weise billigere Rohprodukte zugeführt; andrerseits aber hätten sie ein festes Absatzgebiet für unsere Fabrikate gebildet.
Rechnen wir den jährlichen Bedarf von Manufaktur- und anderen Waaren pro Kopf auf 100 Mark, so würde dies allein einen regelmäßigen Export von 400 Millionen Mark gebildet haben, eine Summe, welche beinahe die Hälfte des englischen Exportes nach seinen Colonien bildet. England stützt seine Manufaktursuprematie ganz allein auf feine Colonien, an denen es regelmäßige Abnehmer feiner Fabrikate hat, und durch welche sein Handel und seine Schifffahrt sich zu so hoher Blüthe entwickelt haben, daß gegenwärtig England über eine Milliarde Mark jährlich nach seinen Colonien exportirt, was die Hälfte seines ganzen Exportes auSmacht.
Wenn nun auch jene 4 Millionen Auswanderer jetzt für uns verloren sind, so sollte eS doch vor allem die Aufgabe der Reichsregierung fein, in Zukunft von Deutschland einen so großen Verlust an Kapital und Arbeitskraft abzuwehren. Grade jetzt, wo die Auswanderung nach Amerika sehr abnimmt, würde die Gründung deutscher Colonien und Flottenstationen von großem Erfolge begleitet sein, und dazu dürften jene Inseln nördlich und nordöstlich von Australien, welche die „Gazelle" jetzt besucht hat, sich ganz besonders empfehlen.
Deutsches Reich.
= Berlin, 18. Jan. Der preußische Landtag, einst der Mittelpunkt der legislatorischen Thätigkeit in Preußen, hat seit der Gründung de» deutschen Reiche« sehr viel von seiner Wirksamkeit abgeben müssen. Auf der einen Seite hat er Hauptaufgaben an den Reichstag abgeben müssen; auf der anderen Seite sind nicht unwesentliche Zweige durch die Verwaltungsreform den Provinziallandtagen anheimgefallen. Dennoch bleibt ihm immer eine wichtige Stellung, weil ihm bie Culturaufgaben und die Verwaltungssragen des größten deutschen Staates bleiben. Die diesjährige Session wird allerdings in Ansehung der in der Thronrede angedeuteten Vorlagen bedeutend hinter der vorigen Session zurückbleiben, denn eö bleibt ihr nur eine geringe Nachlese, insofern das noch nachgeholt werden soll, was damals nicht zur Vollendung kam. — Auch in der diesmaligen Thronrede findet sich ein bemerkenSwerther Passus über die wirth- schaftliche Lage. Die Regierung gesteht zu, daß der Druck,
floß über von hastigen Fragen und Erkundigungen, denen Zarosch mit gefaßter Erwiderung begegnete. „Er starb gestern Abend in meinen Armen," berichtete dieser; „ich bin seiner Leiche vorausgeeilt, der du hier die Ruhestätte neben seinem Geschlechte bereiten sollst. Müde des ruhelosen Treibens der letzten Zeit, gedachte er dich heimzu- suchen, dich, den Einzigen seines Herzens. Er war dir nahe schon, da ereilte ihn sein Verhängniß. Er folgte ihm ohne Murren, er liebte daS Leben nicht mehr. Nur das war sein Schmerz, daß er nicht im Kampfe für die Rechte feiner Ration das Ziel fand, wie er es oft sich gewünscht, — daß eine Kugel von der Hand eines Landsmannes ihn niederstreckte l" — „Warum, wie geschah eS — o, all' ihr Heiligen! Fiel er im Zweikampf, ward er — Zarosch, ich beschwöre dich, nenne mir den Namen deS ThäterS 1 — Er, der mir Vater war, soll an mir einen Rächer finden!" — Prüfend schaute der Alte unter seines, zusammengezogenen Brauen hervor aus den in seinem Zorn und Schmerz wie Verwandelten, dessen Augen funkelten, dessen sonst so wilde Züge die Strenge drohender Entschlossenheit angenommen hatten. Er schüttelte den Kopf und sagte bedächtig: „Wohl hatte er dich recht beurtheilt, Herr, als er mir anbefahl, den Namen zu verschweigen. — Es sind oft wunderbare Wege, die die Vergeltung wandelt; oft kriecht sie, der Schlange gleich, unter dem Schutt der Jahre hervor, ihr Opfer zu erfassen. — Laß sie begraben sein mit den Tobten."
„Vergeltung?" wiederholte der Jüngling betroffen. Zarosch sah finster vor sich hin; in den Falten seiner Stirn wühlte der Gram, der für Augenblicke seine Rechte geltend machte. Er bezwang ihn, richtete sich empor. „Herr," sprach er, nahe herzutretend, „nun gehört dir der arme Rest meiner Tage, fett
der auf Handel und Industrie liegt, noch nicht beseitigt ist; aber sie gibt sich der Hoffnung hin, daß e» trotz der vorgekommenen Ausschreitung der Arbeitsamkeit und der bewährten Thatkraft des preußischen Volkes gelingen werde, die Schwierigkeiten der jetzigen Lage in nicht ferner Zeit zu überwinden. Es wäre allerdings sehr wünschenSwerth, wenn sich die Ansicht der Regierung bestätigte; aber leider gibt die gegenwärtige wirthschastliche Lage sehr wenig Aussicht dazu. Erst in den letzten Tagen sind wieder aus Rheinland und Westfalen Nachrichten eingetroffen, auS denen namentlich hervorgeht, daß sich die Eisenindustrie noch fortwährend im Niedergang befindet. Es mußten im Siegener und Saarbrücker Kreise wieder bedeutende Arbeiterentlassungen vorgenommen werden. Auch aus anderen Fabrikkreisen treffen nur ungünstige Nachrichten ein, und dabei wird von unterrichteter Seite behauptet, daß bie Krisis noch keineswegs ihren Höhepunkt erreicht habe; der Industrie vielmehr ein weiterer Niedergang bevorstehe, so daß die Nothwendigkeit immer mehr hervortritt, durch die Gesetzgebung und Verwaltungsmaßregeln der Calamität mit Energie entgegenzutreten.
WaudSbeck, 12. Jan. Außer der Ehre, im deutschen Reichstage durch einen Soeial-Demokraten vertreten zu fein, genießen wir jetzt auch die Ehre, in unserer Kirchen- Gemeinde durch vier Socialdemokraten vertreten zu werden. Bei der Wahl von vier kirchlichen Gemeinde«Vertretern siegten nämlich die Candidaten der social»demokratischen Partei mit Überwältigender Majorität. ES wurden gewählt : der Maurergeselle Schrader mit 331, der Zimmergeselle Meid am mit 330, der Gastwirth Richter (der bekannte social-demokratische Agitator) mit 329 und der Maler Egge mit 326 Stimmen. Die Gegenkandidaten erhielten nur bezw. 68 und 66 Stimmen.
Breme», 18. Januar. Einem Telegramm an den Norddeutschen Lloyd zufolge ist der „Salier" wieder flott und heute früh nach Bremen weitergefahren. (Siehe Art. London.)
Pari-, 17. Januar. Da» Ministerium sammelt die einlausenden Nachrichten Über die jetzigen Wahlen der Vertrauensmänner, aber e» giebt sie bis jetzt nicht au», einfach weil sie noch zu unvollständig sind. Nur ojficiö» meldet der FratitzaiS, das im Departement der Vogesen, wo Buffet« Candidatur auf dem Spiele steht, feine Anhänger in der Mehrzahl gewählt seien, und die HavaS'sche Agentur verkündet, daß in vierzehn Departements, wo die Ergebnisse sich schon überblicken lassen, die conservative Sache günstige Erfolge davongetragen habe. Im Departement der unteren Seine, setzt sie naiv hinzu, sind fast sämmtliche Maires gewählt. Das Sammeln und Ordnen der Berichte wird wohl noch bi» Mittwoch dauern, und selbst bann, wenn man alle Namen und Qualitäten der Gewählten kennt, wird es da, wo die bäuerlichen Wähler überwiegen, nicht
er gestorben, der Edele, Großmüthige; er, den ich noch auf den Armen getragen, dessen kindliche Schritte ich geleitet, dessen jugendlichen Arm ich geübt habe! Du bist mein Herr, bie Sache meines Volkes, so mächtig sie ruft, , wird trium- phiren ohne mich! Du bist sein einziger Verwandter, fein Blut fließt auch in dir, feine letzten Worte waren von der Liebe für dich durchdrungen. Er ließ mich geloben, deiner Jugend ein Warner, ein Berother zu sein, dir stets zur Seite zu stehen, treu, wie er mich erfunden zu allen Zeiten. Und ich will es, bei der gnadenreichen Gottesmutter, bie mich hört, es ist mein fester und freier Wille. Der Erzengel Michael möge mich zerschmettern, wenn ich nicht wie dein Schatten zu dir halte." — Er hob die Rechte empor, bie ehrlichen Augen leuchteten in dem braunen Gesichte. Die Bravheit und die Zuverlässigkeit seine» Wesen», die so unverfälscht sich offenbarten, lief in dem Gemüthe des Trauernden ihm gegenüber eine sichere Empfindung von Trost hervor. Er drückte dem Greise kräftig und bewegt die Hand. „Wackerer Zarosch, sei mir willkommen! Ich nehme dich an als ein Vermächtniß deS theuren Todten. Sei mir, was du ihm wärest; bleibe stet» um mich, mein Vertrauter, mein Freund."
Es war ein Bund, ein schweigendes Verständniß zweier Naturen, die, obgleich auf verschiedener Altersstufe, von ungleicher Aussicht u-id Lebensstellung, doch einer wie der andere einer inneren Nothwendigkeit folgten, indem sie sich an ein anderes Sein mit allen Kräften anschlossen. War es bei dem jüngeren Manne der Freund feiner Jugend, der diesem Bedürfniß seiner Seele Genüge that, so war es bei dem älteren der gleichsam ihm vererbte Gegenstand seiner Zuneigung, der Nachfolger seines Herrn, auf den sein Herz jetzt seine ganze Wärme, die unermüdete Fürsorge,