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Sr. 1«

Marburg, Dienstag, 18. Januar 1876.

XI. Mga»z.

Ämetgen nimmt entgegen: die Expedition d. Blattei, sowie die Annoncen-Bureaax Den Th. Dietrich L So. in Aafsel und Hannover; Th. Dietrich m Frankfurt a. M-; Haasenstein & Bögler in Keauksurt a. M, Berlin, Leip- jig, Mn ic; Rudolf Moste in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

(l'lbrrhclTifdir Icilmig.

Anzeigen nimmt entgegen: die E^editiou d. Blattes, sowie die Annoncen-Bureaur von ®. L. Daube & So. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, A. Rete- meyer in Berlin; Sari Schütz» ler in Hannover; E. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn» und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen Beilage3Iuftrtrte6 Sonnta,»blatt" durch die Expedition («och'fche Buchdruckerei) bezogen 2fc Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pf,. <exl. Bestellgebühr). - JnfertionSgebühr für die gespaltene Z«le 10 Pf,. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pf,, berechnet.

Der Oberpräfident

von Hesse« »Nassau ist wie wir aus stcherer Quelle vernehmen in der Person des Freiherrn von Ende, seither Regierungspräsident in Düsseldorf ernannt. Bei der hervorragenden Wirksamkeit, welche gerade in den neuen LandeStheilen dem obersten Beamten zugetheilt ist, muß die Persönlichkeit desselben unsre Leser außergewöhnlich interes- fiten. Freiherr von Ende ist am 18. Mai 1815 in der Waldau bei Kassel geboren, jedoch soviel uns bekannt ist er nur gewissermaßen zufällig unser specieller LandSmann, da er nicht der Hessischen Familie seines Namens angehört und der Aufenthalt seiner Eltern in der Waldau damals ein ganz vorübergehender war. Irren wir nicht, so ist der neue Oberpräsident ein Schüler der Landes- Schule zu Pforta. Nach längerem Dienste als Landrath wurde er zum Königlichen Polizeipräsidenten in Breslau ernannt, in welcher Stellung er acht Jahre thätig war, von 1870 an ist er Regierungspräsident in Düsseldorf.

Herr von Ende ist ein Staatsmann von imponirendem Aeußeren und weltmännischen Manieren, durch große Reisen in den Orient, durch parlamentarische Thätigkcit (im Frank­furter Parlamente und im Deutschen Reichstage) und lang­jährige Stellung als hoher Beamter, nach allen Richtungen hin sür seine neue Stellung vorbereitet. Es geht ihm der Ruf eine» umsichtigen und streng rechtlichen Beamten voraus.

Wir werden den neuen Oberpräsidenten mit dem vollen Vertrauen empfangen, welches schon aus der Wahl seiner beiden Vorgänger gerechtfertigt ist. Wir sprechen den Wunsch und die Hoffnung aus, daß der oberste Verwalter der Interessen unserer Provinz mit geübtem Ange das Wesen unseres Volksstammes und seine berechtigten Wünsche erkennen und mit scharfem Blicke die Blasen, welche vorüber» gehende sich breitmachende Strömungen und Partheiungen auswersen, von de« wahre« Gehalte und dem Kerne der Sache unterscheiden werde I

Somit heißen wir den neuen Oberpräsidenten der Provinz willkommen 1

Zur Reform der deutsche» Rechtschreibung.

Da» Schwanken, welches seit Jahren in der deutschen Rechtschreibung um sich griff, hat schon oft die Frage nach einer gründlichen Reform, ober wenigstens nach einer end­gültigen Regelung der streitigen Punkte in Anregung ge­bracht. Aber die Regelung dieser Frage ist deshalb so ungemein schwierig, weil die Gegensätze sich so Überaus schroff gegen« Überstehen, und die Grundsätze, von welchen die verschiedenen Richtungen der Sprachwissenschaft au-gehen, kaum eine Aus­gleichung möglich machen.

Diejenige Richtung, welche bisher in Schule und Leben in der deutschen Rechtschreibung den Ausschlag gab, ist die, welche sich auf den Usus stützte, und den Grundsatz auf«

Die Nebelwitwe.

Original-Erzählung von F. L.

(Fortsetzung.)

Es war ein neue« Leben in dem alten, seit lange ver­nachlässigten Stammsitz der Edlen von Körmeny ange­brochen, seit die heitere Erscheinung des ehemaligen Stu- dmtea dort weilte, welcher, der Aufforderung des Freundes nachkommend, in sorgloser Zuversicht seine noch unfertigen Plane für eine zukünftige Lebensstellung aufgegeben, seinen Studien ein rasches Ende gemacht hatte. Mißtrauische Zurückhaltung, vorsichtiges Abwägen von gegenseitige» Rechten und Leistungen der Freundschaft lagen nicht in feinem offenen Charakter, der mit der idealen Auffassung der Jugend, gleich wie er ihr die Berechtigung zuerkannte, frei an dem geistigen Besitze de» andern, seinen Anschau­ungen und Empfindungen Theil zu nehmen, auch dieselben Grundsätze in Hinsicht äußerer Vortheile und Interessen gelten ließ. In diesem Sinne durste er ohne Bedenken, ohne das drückende Gefühl der Abhängigkeit von dem Ge der au« dessen Eigenthnm empfangen; würde er doch an dessen Stelle wie er gehandelt und dieselbe unbefangene Entgegennahme von ihm beansprucht haben. Da» Ver hältniß beider zu einander gestaltete sich also ganz natür­lich und zwangslos, und wenn in irgend einem Sinne von Dankbarkeit und Verpflichtung hätte die Rede fein können, so war eS ChrysanthuS, der sich diese gegen Siegmund für dessen Kommen auferlegt fühlte und dies mit stiller, fast rührender Wärme zu Tage treten ließ. Seine Augen strahlten vor innerer Befriedigung bei der Vorstellung, daß es ihm vergönnt fei, jene« Opfer ihm zu vergüten, ihm eine gesicherte und freudige Zukunft in seiner unmittelbaren

stellte: »Usus est tyrannus « Diese Richtung hielt sich bisher an das Herkömmliche und allgemein Gebräuchliche, ohne im Einzelnen zeitgemäße Aenderungen auszuschließen. Dabei suchte sie allerdings noch ein zweites höhere« Prinzip als maßgebend aufzustellen, ohne sich indessen demselben voll ständig unterzuordnen. Dieses ist das sogenannte phonetische Prinzip, welches als Grundsatz auffteOte:Schreibe wie du richtig sprichst," da« die richtige Aussprache zum Aus­gang der Rechtschreibung machte. Sollte indessen diese« Prinzip zur allgemeinen Durchführung in der deutschen Rechtschreibung kommen, wie es eine nicht unbedeutende Klasse von Sprachforschern verlangt, so würde damit eine so ra­dikale Veränderung vor sich gehen muffen, und unsere Schreib­weise damit vollständig umgeworfen werden. Auf diesem Gebiete sind überhaupt eine so große Menge von Experi­menten angestellt worden, daß dies allein schon zeigt, wie schwierig die Durchführung de» rein phonetischen PrlnzipcS ist. Die Sprache ist nämlich etwas historisch Gewordenes; sie kann nicht wie ein Gewächs Nach einer bestimmten Form zugeschnitten werden; ihr kann nicht durch eine Behörde, und sei sie auch von den berufensten Männern zusammen­gesetzt, der Weg ihrer Entwickelung auf gewaltmäßige Welse vorgezeichnet werden. Würde z. B. das phonetische Prinzip jetzt von der berufenen Conferenz angenommen, und zur Durchführung kommen, so wäre dadurch eine solche Diffe­renz mit der Schreibweise unserer klassischen Schriftsteller eingeführt, daß dies zu den gerechtesten Bedenken Veran­lassung gäbe.

Diesen beiben Richtungen gegenüber ist nun endlich auch die historische Schule der deutschen Sprachforschung hinzu getreten, die sogenanntehistorische." Dieselbe hat ihre Begründung durch die Gebrüder Grimm gefunden, und geht von dem Grundsatz der historischen Ableitung und der sprach­lichen Verwandtschaft aus. Sie greift namentlich auf die Sprache de« Mittelalter« zurück, und »acht die damalige Schreibweise zum Ausgangspunkte unserer modernen Recht­schreibung. Sie setzt sich dabei oft über allgemein gültige und längst adoptlrte Regeln hinweg und stellt hin und wieder eine Schreibweise her, durch welche geradezu einzelne Worte eine veraltete und längst verlassene Gestalt wieder annehmen würden. Außerdem verwirft sie die deutsche Schrift, sowie das Großschreibm der Hauptworte, und will sich in dieser Beziehung den romanischen Völkern und unserer mittelalter» lichen Schreibweise anschließen.

So große Verdienste die Gebrüder Grimm und die historische Schule um die Erforschung unserer Sprache auch haben, so kann weder die deutsche Sprache noch deren Recht­schreibung auf da» Mittelalter, wie sie e» empfehlen, zurück geführt werden. Der Ausgang unserer geistigen Entwicke­lung und der ganzen Blüthe unserer Sprache beruht auf den deutschen Klassikern am Ende des vorigen und dem An­fänge dieses Jahrhundert«. Die Grundsätze, sdle damals maßgebend geworden sind, können nicht ungestraft, und ohne

die größte Gefahr verlassen werden. Wir geraden sonst in eine Verwilderung und Mißbildung der deutschen Sprache hinein, die uns nicht vorwärts, sondern rückwärts wirft. E« läßt sich überhaupt nicht leugnen, daß sowohl in Styl als auch in Bildung der Worte keineswegs ein Fortschritt eingetreten ist, und daß die großen Vorbilder, Göche, Schiller und namentlich Lesflng noch immer Unerreicht dastehen.

Soll also etwas festes und mustergültige« für die deutsche Rechtschreibung geschaffen werden, so kann diese» nur mit der größten Behutsamkeit geschehen. Ein einseitiges Expe- rimentiren nach der rein wissenschaftlich historischen, oder der phonetischen Seite hat die größten Bedenken; da« bisher gewordene und durch den Usu« geheiligte hat unbedingt da« Recht der größten Berücksichtigung. Die Grundsätze, nach denen sich unsere Orthographie in dem letzten Jahrhundert entwickelt hat, haben daher in dieser Frage ein besondere« Gewicht. Wenn wir auch im Prinzip dem phonetischen System den Vorzug geben, so kann dasselbe doch auf keinen Fall bei der praktischen Feststellung allein den Ausschlag geben, und muß dem herrschenden Gebrauch ein großer, wenn nicht der größte Spielraum eingeräumt werden.

Deutscher Nrich.

Berlin, 15. Jan. Die Erwerbung der Eisen­bahnen durch das Reich nimmt bereits eine festere Gestalt °n. Die Regierung läßt sich durch die Opposition in partlkularistischen Kreisen keineswegs beirren, auch in den parlamentarischen Kreisen herrscht die überwiegende Zustim­mung zu dem Projekte. Demselben wird noch in dieser Session des Reichstage« und de« Landtages nähmgetreten werden. Das ReichSeisenbahnamt ist gegenwärtig damit beschäftigt einen vollständigen Entwurf für die Erwerbung der Bahnen auszuarbeiten. Dem Reichstag wird davon Mittheilung gemacht, sowie seine Zustimmung in Verhand­lungen wegen Ueberlassung der preußischen Staat«, und Prlvatbaheen an da« Reich eingefordert werden. Alsdann wird gleichfalls die Zustimmung de» preußischen Landtage» zu der Uebertragung der preußischen Bahnen eingeholt werden. Da ein Widerspruch von diesen VettretungSkörpern nicht zu erwarten ist, so dürften die Unterhandlungen mit der preußischen Regierung und den verschiedenen Bahn­gesellschaften, so wie der Reichsregierung bis zum Herbste zum vorläufigen Abschluß gelangen, so daß nach Geneh­migung der Verkauf-Verträge der Uebergang bereit« Ende dieses Jahre« zum Vollzug kommen. Die hohe witthschaft- llche und Bedeutung dieser Angelegenheit wird namentlich in industriellen und Handelskreisen allseitig anerkannt. Die Berliner Börse begrüßte die Nachricht, daß der Reichs­kanzler die Lösung dieser Frage bei seinem letzten parlamen­tarischen Diner bestimmt in Aussicht gesetzt, durch eine wesentliche Besserung der Course. Vor Kurzem ging durch die Zeitungen die Mittheilung eines im Jahre 1867

Nähe zu bereiten, und jener hinwieder nahm, als sich von selbst verstehend, die Aufsicht und Ausführung von Ob­liegenheiten auf sich, die dem weniger kecken und praktischen Sinne des andern lästig und fremd geblieben waren. Er vertiefte sich mit dem ihm eigenen Feuer in die fremden Zustände, und seinem raschen Zurechtfinden in Menschen und Verhältnisse, seinem muntern, leichtherzigen Wesen gelang e« schnell, sich in seiner Umgebung Geltung und Beliebtheit zu verschaffen. Gewiß hätte ihn diese Begabung veranlaßt, eine ihm zusagende Geselligkeit von außen auf­zusuchen, aber wo war diese, wo waren die Feste, der heitere Genuß der Gegenwart geblieben ? Ueberall der Ernst eine« drohenden Entschlüsse», trotzige« Zusammen­halten, offene Auflehnung gegen die verhaßten neuen Ein­richtungen, Mißtrauen und Zurückhaltung gegen die Frem­den. Dem jungen Gutsherrn selber bewies man diese kühle Stimmung unter seinen StandeSgenvssen, obgleich er. der e« für unwürdig achtete, unentschieden in der Mitte zu stehen, wo der glühende Wille eines Volke« zu Tage drängte, ohne Rückhalt seine rege Theilnahme dafür kund' gegeben hatte.

So fühlten die Freunde sich fast auf einander beschränkt und auf die Unterhaltungen angewiesen, welche zumeist die Natur In ihrer unerschöpflichen Fülle ihnen darbot. Sieg­munds lebensprudelnde Frische und Chrysanthn«' träume­rische Innigkeit durchdrangen sich gegenseitig zu harmonischer Verschmelzung, und wie in jenen bewunderten Bündnissen, welche die Geseichte alter Völker uns überlieferte, schienen beide von einem Willen beseelt einander sich zum Glücke zu genügen in jener sicheren Befriedigung, die keinen stür­mischen Wunsch, kein Hinausschweifen über die glückliche Gegenwart aufkommen ließ.

Siegmund hatte wahrgesprochen, als er sagte: die Liebe zu Theresen könne nicht störend zwischen ihn und den Freund treten. Ein zärtliches Brieschen, da« die Luftschlösser einer heiteren Zukunft schimmernd vor ihr aufbaute und eine Ver­einigung in nahe Aussicht stellte, flog hinüber zu dem an- mutbigen Mädchen; aber dann wandte sich dec Geist ihre» Geliebten wieder ungehemmt seiner Umgebung zu, versenkte sich mit vollstem Empfinden in die Wonne der Ungebun­denheit, in diesen wundervollen Traum der Einsamkeit und der Jugend, der sich allmächtig und traut der Brust be- meistert, sie ihr geheimste» Sehnen ausachmen läßt in seiner Allgenügsamkeit. So empfand er, wenn er an de» Freunde» Seite dahinfauste auf flüchtigem Rosse und die schranken­lose Unendlichkeit selber sich vor ihnen auf der flimmernden Haide zu breiten schien, mit tausend Reizen lockend sie zu umfassen; oder wenn beide in Waldeskühle gelagert dem Flüstern in den Laubkronen über ihnen horchten und son­nige Lichterchen durch den Schatten hüpfend auf sie her­niedersprühten. Dann liebte eS ChrysanthuS, in süße» Be­hagen versenkt zu träumen, während der musikbegabte Sieg­mund mit seiner klangvollen Stimme eia Lied anstimmte, oft jubelvoll, oft von jener Wehmuth erfüllt, die dem Ent­zücken selber nicht fremo ist, zuweilen sich unterbrechend, al« wolle er dem Nachhall der eigenen Töne lauschen.

ES war diesmal eine Streiferei in einet früher selten besuchten Richtung, welche sie weiter Vordringen ließ, al« sie zu Anfang selber beabsichtigten, indem die Neuheit der Umgebung, die eigentümliche Beschaffenheit de« BodenS um sie her immer mehr vorwärts lockten. E» war ein seit- sanier Uebergang von der menschenbelebten, mit der üppigsten Fruchtbarkeit bekleideten Landstrecke, die sich ihnen im Rücken dehnte, bi« zu diesem schweigenden und öden Strich. Wasser-