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81 r. IO. Marburg, Donnerstag, 13. Januar 1876.

XL Jahrgang.

feeie die Ännoncen-Bureaux von Th. Dietrich L So. m gaffet und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a- Dl-; Stein & Vogler i« rta-M, Berlin, Leip- in rc; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. rc.

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Zur Saualifiruug

In einer der letzten Sitzung des Reichstages hatte der Abgeordnete WiggerS, Rostock, die Frage an die Reichs- Regirrung gerichtet, wie dieselbe sich zu der Canalisirung verhalten werde, und darauf von Setten des Präsidenten de« ReichskanzleramteS Dr. Delbrück die Antwort erhalten, daß bereits Borarbeiten stattfinden, aber der betreffende PaffuS in der ReichSversaffung in der Angelegenheit der Kanäle nur so aufgefaßt werden könne, daß vom Reiche die Normen eines Kanalsystems entworfen würden, den Einzelstaaten aber die Ausführung überlassen werden müßte.

Diese Antwort hat namentlich in industriellen Kreisen sehr wenig befriedigt. Man hatte grade dort darauf ge rechnet, daß da« Reich diese Frage nicht btoS mit Normen beantworten, sondern die Lösung derselben thaisächlich in die Hand nehmen würde, weil man sich von der Thätigkcit der Einzelstaaten nach den bisherigen Erfahrungen sehr wenig verspricht.

Deutschland steht bekanntlich hinter den meisten Ländern Europa» in Beziehung auf die Kanalisation sehr weit zu­rück; England, Frankreich, Holland und Belgien sind ihm um das zehnfache überlegen; selbst Rußland hat mehr für die Berbinvung seiner Flüsse gethan, alS Deutschland. Di- Ursache dieser Erscheinung lag bisher in dem PatikulariS- mu», in der Zerstückelung der einzelnen Länder, in der Gleichgültigkeit der meisten deutschen Regierungen gegen Handel und Industrie. Unter solchen Umständen konnte eS nicht zu dem Ausbau eines allgemeinen EanalnetzeS kommen; ja die natürlichen Wafferstraßen, die großen Flüffe entbehrten jeder Regulirung; sie versandeten nach und nach und wurden zum Theil für die Schifffahrt bei­nahe unzugänglich. Niemand wollte etwas dafür thun, Dagegen wollten alle Regierungen Vortheile aus der Fluß- Schifffahrt ziehen, und belasteten dieselbe mit hohen Abgaben.

Das ist nun allerdings jetzt anders geworden, aber bi« zu produktiven Unternehmungen find wir immer noch nicht gekommen. Vielsach ist die Aussicht verbreitet, daß die Eisenbahnen vollständig zur Bewältigung des Verkehrs genügen, und e« ist daher grade dort, wo am meisten da­hin gewirkt werden müße, dem bisher bestehenden Mangel adzuhelfen, sehr wenig Neigung dazu vorhanden, das Beispiel der übrigen Länder Europas und Amerikas nach­zuahmen. Alle« was bisher in Deutschland, und speziell in Preußen auf diesem Gebiete geleistet wurde, ist so un bedeutend, und entspricht so wenig dem wirklichen Bedürf- niß, daß man die wenigen kleinen, viel zu schmalen und zu seichten Kanäle kaum ernsthaft mit in Anrechnung brin­gen kann. Nur wenn man sich entschließen würde, von der früher verfolgten Praxi» ganz abzugehen und Kanäle von solcher Breite und Tiefe zu erbauen, um Dampfschiffe von mindestens 6000 Ccntncr Tragkraft zu führen, ist erst ein wirklich großer Erfolg zu erwarten. Roch vor Kurzem

hat dieTimes" ihre Verwunderung darüber ausgesprochen, daß man in Deutschland die hohe Bedeutung der Kanali­sation so ganz verkenne; sie hat eS geradezu für unglaub­lich erklärt, daß Deutschland mit seinen 5 Milliarden Kriegs- Entschädigung bisher nichts für die Kanalisation gethan habe, während Frankreich unmittelbar nach dem Kriege 600 Millionen Francs für den Ausbau seine» Canalnetzes bestimmt hat.

Man wundert sich darüber daß Frankreich, England, Holland, Belgien und die vereinigten Staaten Deutschland in merkantilischer Beziehung immer mehr überflügeln, daß Deulschland immer konkurrenzunfähiger wird, und fein Ex­port immer mehr abnimmt, aber die wahren Ursachen dieser beklagenswerthen Erscheinung werden von den meisten noch verkannt. Es ist jetzt so weit gekommen, daß bei­spielsweise die einheimische Kohle in unseren Seehäfen nicht mehr mit der englischen concurriren kann, und zwar einfach deshalb, weil uns die billigere Waffersracht fehlt. Seit der Erhöhung der Eisenbahntarife sind die Klagen der In­dustriellen allgemein, daß durch diese erhöhte Fracht der Bezug der Rohprodukte bedeutend vertheuert und dadurch der Industrie ein unermeßlicher Schade zugefügt ist. Dieser Zustand hat allmählig den Charakter einer allgemeinen Ca- lamiiät angenommen, unv läßt die aller bedenklichsten Folgen befürchten. Eine Beseitigung deffelben ist erst dann zu er­warten, wenn sich die Reichsregierung entschließt, die Ka­nalisationsfrage ernstlich in die Hand zu nehmen, und sich nicht blos damit begnügt, Normen zu entwerfen, sondern daran geht, ein umfaffendes Kanalnetz auszubauen.

Tage-bericht.

Die Nachrichten eines auswärtigen Blattes über In­dienststellung einiger deutscher Kriegsschiffe können sich gutem Vernehmen nach nur auf Vorbereitungen beziehen, welche in Kiel und Wilhelmshaven für die am 1. April 1876 in Aussicht genommene Indienststellung eines UebungS- GefchwaderS der Schulschiffe getroffen werden und alljähr­lich um dieselbe Zeit wiedcrkehren. Die Vorbereitungen müffen frühzeitig begonnen werden, weil während der Aus­bildungszeit der am 1. Februar einzuziehenden Rekruten nur geringe Kräfte zur Disposition stehen.

Auf Veranlassung des Reichskanzlers werden im nächsten Monat.Conferenzen von Delegirten der deutschen Seeufer- Staaten stattfinden, um die Einrichtung von Untersuchungen bei Seeunfällen in Berathung zu ziehen.

Nach königlicher Verordnung ist der Landtag auf den 16. d. M. zusammenberufen. Am Tage der Eröffnung wird eine erste kurze Sitzung des Abgeordnetenhauses statt- finden, um das Bureau zur Verloosung in die Abheilungen zu ermächtigen.

Von der preußischen Regierung soll eine durchgehende Reform des MedicinalwesenS in Angriff genommen werden.

Zwei großartige Kasernenbauten stehen in nächster Zeit in Berlin bevor, welche an Ausdehnung alle» überragen

Die Rebelwttwr.

Original-Erzählung von F. L- (Fortsetzung.)

ES war schon spät, als er sein Quartier erreichte, wo ihm, ttotzdem die Hauswirthin mit einem Licht entgegen hat. Eie blieb lauschend eine Minute auf der Treppe stehen, als K das Zimmer öffnete, um hinein zu gehen. Eine Gestalk eilte bei feinem Eintreten ihm entgegen, und unter dem Ruf:Siegmund, mein Siegmund, gelobt fei Maria und Jesus 1" umschlangen ihn zwei Arme, fühlte er eine Brust in stürmischer Freude an der (einigen schlagen. ChrysanthuS, du?" Das heiße Jugendblut wallte hoch empor, der Ungestüm feiner Natur machte sich in fast lär­menden Ausbrüchen der Freude Luft, während dem wei­cheren Freunde Thräneu im Auge glänzten. Dann löste er plötzlich seine Arme von dessen Schulter, trat einen Schritt zurück und schaute ihn prüfend an.Wie du ge­wachsen bist, ChrysanthuS, anders, kräftiger geworden, al» zu jener Zeit; aber die treuen Augen siud'S von damals und die liebe Stimme!"

Di« köstlichen Stunden der Mittheilung folgten nach dem ungezügelten Aufschwung der ersten Minuten; die be­ruhigten Geister, zurückversetzt in die Vergangenheit, er­gossen sich in einander. Hinter dem braunen Tische, den die Hand be» Studenten mit manchem ausgeschnittenen RamenSzuge bedeckt hatte, saßen die beiden noch lange bei dem gefüllten Weinkruge im traulichen Gespräch. Viel hatten sie sich zu fragen, zu erzählen, und die Nacht war schon weit vorgeschritten, ehe fie, der späten Stunde ge­denkend, sich erhoben.

Und morgen, mein Bruder," schloß ChrysanthuS mit einem innigen Blicke,morgen ziehst du mit mir in meine neue Heirnath! Gesegnet die Stunde, da ich dich wieder gefunden, dich, dm so schmerzlich Vermißten! Von nun an für immer vereinigt, werden wir alle« theilen mit einander und doppelten Reiz wird das Leben uns bieten. Gedenke deines Versprechens," sagte er mit dringender Mahnung, als Siegmund von einem Gedanken betroffen, das Auge senkte,du gelobtest zu kommen, so bald ich dich rufen würde, und nun bin ich hier, ich rufe dich. Nach langen Tagen der Vereinsamung wird mir der Freund, ein Herz das mich liebt, zur Seite stehen!"Immer noch der schwärmerische Knabe," lächelte der andere.Hast du denn in diesen verflossenen achtzehn Monaten kein Band geknüpft, Niemand gefunden, der dich liebte ? Etwa ein rosiges Mädchen mit schelmischen Augen und Purpur- Lippen?

Erröthend wandte der ehemalige Zögling de» Klosters da« Gesicht zur Seite und schüttelte den Kopf.Nein, nein," erwiderte er hastig,ich liebe kein Mädchen. Ich habe mich auf mich selber, auf die Gesellschaft meiner Bü­cher beschränkt. ES ward mir so schwer, mich erst heimisch zu machen in der fremden Umgebung. Zudem kam trau­rige Kunde von außen und der, beffen Großmuth ich alles verdanke, gebot mir scheidend, mich den Wirren der Gegen­wart fern zu halten."Wohl find diese Wirren dro hender als je," bestätigte Siegmund ^nachdrücklich, abge­zogen von einem Gegenstände, bet ihn beschäftigt halte, mit schnell verdüstertem Blick.Die grollende Unzufrieden­heit hat sich zum Gewitter zusammengezogen, das zer­schmetternd sich entladen will. O, daß so viel Trennung,

dürsten, was an Militärbauten bis jetzt in Europa besteht. ES sind dies die Bauten zur Unterbringung der Garde- Artillerie und verschiedener anderer Truppengattungen im Norden und Süden von Berlin. Im Süden werden die­selben sich in der Nähe der Potsdamer, Anhalter, Dres­dener und Militär-Bahnen an die Kaserne des Eisenbahn- Bataillons anlehnen, während die Bauten im Norden an die bereits bestehende Ulanen-Äaferne in der Nähe der Ham­burger, der Lehrter und VerbindungS-Bahn anschließen werden. Der letzten Bauplatz beträgt eine Strecke von 4000 Fuß und eine Breite von 2000 Fuß. ES soll dort das Äofernement für die ganze Garde - Artillerie unterge­bracht werden.

Beunruhigende Nachrichten durchziehen gleichzeitig die Hauptstädte Europas. In Paris und Wien bemächtigte sich namentlich der Börse ein panikartiger Rückgang aller Course. Die Ursache davon waren die Nachrichten über den Stand der orientalischen Frage. Die Mittheilung, daß der türkische Boffchafter den Herzog DecazeS aufgefordert habe, die Reformprojekte der Kaisermächte nicht zu acceptiren und die Stellung, welche mithin die Pfotte zu diesem Projekte einnimmt, trägt hauptsächlich zu dieser Verstim­mung bei. Dazu kam die Nachricht au» Konstantinopel, daß Graf Zichy dem Großvezier in osficiöser Weise da« Reformprojekt mitgetheilt, und dieser ihm darauf geant­wortet habe, die Pforte weise die Idee dieser Mediation zurück und werde der Bevölkerung ihres Lande« die Ga­rantie der nützlichen Reformen selbst geben. Endlich kam noch die Mittheilung, daß Oesterreich bereits seine Reserven einziehe und demnächst in Bosnien einrücken werd«. Außer­dem ist es in hohem Grade auffällig, daß die Organe des Grafen Andraffy seit zwei Tagen eine völlig veränderte Sprache führen und nicht blos die Möglichkeit einer be­waffneten Intervention in den infurgirten Provinzen hervor- heben, sondern sogar betonen, daß diese sogar unter ge­wissen Umständen nothwendig werden könnte. DerDeutsche Staatsanzeiger" bemüht sich zwar allerdings, diese Nach­richten zum Theil zu entkräften, indem er namentlich die aus Konstantinopel gekommene Meldung auf ein Börsen­manöver zurückführt, dennoch wird von anderer Seite be­richtet, daß die Pforte das Reformprojekt vollständig ignorire und sich den Anschein gebe, als wenn sie dessen Hcistenz überhaupt bezweifle. Auf keinen Fall dürfte die Vermitte­lung so glatt abgehen, als man Anfangs erwartete, und wenn alle diese Nachrichten auch noch nicht als durchaus zutreffend betrachtet werden können und in einem oder dem anderen Falle noch genauerer Bestätigung bedürfen, so läßt sich doch nicht ableugnen, daß die Situation eine ernste ist und weitere Verwickelungen noch bevorstehen.

Nach Pariser Telegrammen wurde Herzog DecazeS im achten Pariser Arrondissement zum Staatskandidaten aus­gestellt. DieAgence HavaS" erfährt, daß der Herzog von DecazeS viel zur Ausgleichung der Differenzen im Ministerium beigetragen hat.

Anklage und Bedrängniß aus edlem Samen keimen mußte. Möchte die Stunde der Saat doch erscheinen, die die bange Schwüle von den Geistern nimmt; denn au» Kampf und Blut nur erhebt sich da» Recht I" Ein kriegerischer Funke blitzte au» den Augen be» Studenten; die Arme über die Brust zusammengeschlagen, stand er herausfordernd mit aufgerichteter Stirne da.

Eint sich da» Recht dem Zwange, und ist e» wohl gethan vor Gott, wenn ein Mensch, wenn auch ein mäch­tiger, die Geister mit Gewalt bringt selbst auf bie Bahn de» Fortschritt» ?" sprach langsam ber sinnende Gefährte. Ist e« weise. die noch unzeitige Blüthe von einander zu biegen, baß sie früher sich entfalte; fie, die noch farblos, ungewSrtig be« Strahles, ihn nicht ertragen kann, nur welken, verschrumpfen wird? Jst'S vielleicht nicht Frevel vor bcm, der allmälig aber sicher, auch die Blüthezeit bet Menschheit herbeiführt, wenn ein Sterblicher bem schwachen Auge bie Binde entreißt, bas dann nur verworrene Schrecken um sich steht? Doch still bavon, was hat ber Geist der Parteien, die Schmähsucht ber Menge mit unserer Freunbschaft zu thun l Sie ist unser, unser Gut, bie freund­liche Sonne, in deren Licht sich uns alles verklärt, was bas Leben trübt. O, sie war meine Hoffnung in den traurigen Winterabenden, wenn der Sturmwind draußen heulte und die kalte Hand der Einsamkeit mein Herz zer­drücken wollte; mit dem Gedanken an fie kam Freudigkeit und kühne Gewißheit über mich, daß bu nimmer bie Ge­löbnisse unserer Jugend, nimmer mir bie Treue brechen würdest." ES blitzte ihm warm vom Ange, Siegmund schlug kräftig in die dargebotene Rechte de» Freunde». Dein für immer, mein Bruder, nichts auf Erden kann