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Mr. 9.

Nlarburg, Mittwoch, 12. Januar 1876.

XL Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: He Expedition d. Blatte», fewie die Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & ***

Saffet und Hannover; Th- Dietrich in Frankfurt a. M-; Haasenstein & Logier t# Frankfurt a- W, »erftnSet»- jig, Cöln re; Rudolf Moffe in Berlin, Frankfurt a. M. re.

(8)brt!)rDifd)f Jritung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Spedition d. Blatte», sowie bie Annoncen-Bureaur von ®. L- Daube 4 Co. in

Frankfurt a. M.; Jägerische Buchhandlung in Frankfutt a. R.; Jnvalidendank, A. Sete« meyer in Lettin; Carl Schüß- ler in Hannover; 6. Schlotte in Bremen.

Erscheint täglich außer den Werktagen nach Sonn« und Feiettagen. Preis für das Guartal mit der wöchentlichen Beilage ,,JNustrtrteS LonntagSblatt" durch die Expedition (Koch'sche Buchdruckerei» bezogen 2^ Mark, durch die Postämter des Deutschen Reiches S Mark 50 Pf«, (exl. Bestellgebühr). — Jnsettionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«.

Für in der Expedition zu ettheilende Auskunft und Annahme von Adressen werden 25 Pfg. berechnet.

Zum Bau des ReichstagSgebäudeS.

Nach langem Hin» und Herschwanken ist endlich die Frage über den definiftven Bau des ReichStagSgebSudeS in ein entscheidende» Stadium getreten. Der Reichskanzler hat heim BundeSrath einen Antrag eingereicht, nach welchem eine Vorlage über den Bau de» ReichStagSgebSudeS au» dem Terrain dcS Kroll'schen Etablissements noch in dieser Session gemacht werden soll. Damit wird hoffentlich diese langwierige und unerquickliche Sache, um die schon so viel Staub aufgewirbelt ist, zum Abschluß kommen.

Al» nach Beendigung des deutsch-französischen Krieges der Reichstag zum ersten Male zusammen trat, brach sich überall die Ueberzeugung Bahn, daß die Einigung des beut* schrn Volke« und die Herstellung des deutschen Reiches durch ein großartige« monumentales Gebäude auch äußerlich zum Ausdruck kommen müfle. Der Reichstag bewilligte 10 Millionen Thaler zur Ausführung b« Gebäubes und setzte sofort eine Commission zur Berathung über die Wahl des geeigneten Platzes nieder. Obgleich nicht weniger als gegen 80 Offerten einliefen, so wandte sich doch sowohl die öffent­liche Meinung als auch die Commission sofort demjenigen Platze zu, auf welchem da« großartige SiegeSdenkmal zur Erinnerung an die ruhmvollen Kriege des letzten JahrzentS errichtet ist, und der sowohl durch seine Ausdehnung und seine Lage, als auch durch die gegenwärtig zur Ausführung kommenden Gartenanlagen unbeteiligt bet schönste und groß artigste Berlins ist. Allerdings befinden sich auf demselben dort, wo überhaupt da» ReichStagsgebäude aufgeführt werden könnte, schon Bauten, indeffen bietet die Erwerbung derselben keine unüberwindlichen Schwierigkeiten, und fordert auch nicht zu hohe Kosten, während alle übrigen Terrain«, die angrboten worden sind, entweder mit MMhQMN Unkosten erst freigelegt «erden müßten, oder sie stnvTwenn schon bereit« an Plätzen gelegen, doch meist in einer für ein sol­che- Gebäude ungeeigneten Gegend und selbst die Erwer- bungSkosten übermäßig hoch.

Von den beiden auf dem KönigSplatz gelegenen Gebäu- ben entschloß sich die Commission für da« Kroll'sche Etabliffe- ment, »eil dieser Platz an Größe den gegenüberliegenden Bauplatz, den da« RaSzynSki'sche Palais einnimmt, bedeu­tend übersteigt, und jener nicht einmal ausreichen dürfte.

Der Reichstag beschloß indeffen in einer sehr spärlich besuchten Versammlung gegen den Vorschlag seiner Com- misfion von der Erbauung auf dem Terrain de« Kroll'schen Etablissement« abzujehen, weil daffelbe zu weit außerhalb der Stadt liege, uns wählte dafür auf den Vorschlag des Herrn Reichensperger da« Terrain hinter der Porcellanma- nufaktur. Da von vorn herein einzusehen war, daß dieser Platz durchaus ungeeignet sei, einerseits weil seine Größe nicht genügt, andrerseits weil er bereits für andere Zwecke bestimmt war, so konnte die« nut alö ein Schachzug dcS Herrn Reichensperger angesehen werden, um den Bau des Gebäude« überhaupt hinzuziehen, oder womöglich ganz zu

verhindern. Inzwischen tauchten allerlei ganz unmögliche Projekte auf, die entweder darauf auSgingen, ganze Stadt­viertel, namentlich in der theuersten Gegend der Stadt zu demoliren, ober den schönsten Theil beö Thiergarten« in vanbalischer Weise zu bemoliren, obwohl sich dagegen bie gesummte Berliner Bevölkerung abwehnend verhielt, und eS bekannt war, daß bet Kaiser niemals seine Genehmigung bazu geben würde.

Der Einwand, der vorzugsweise gegen die Wahl des Kroll'schen Etablissements geltend gemacht wurde, wird übrigens in nächster Zeit vollständig seine Bedeutung ver lieren, da sowohl die Pferdebahn als auch die neue Stadt­bahn In seiner unmittelbarsten Nähe vorbeifahren wird. Auch kann unmöglich bie Bequemlichkeit einiger Reichstagsmit- glieber der einzige Bestimmungsgrund bei der Auswahl des Platzes fein. Es kommt endlich auch daS noch in Betracht, daß in unmittelbarer Nähe des Königsplatzes auch eine ganze Auswahl von Bauplätzen vorhanden sind, auf welchen die mit - der Zeit noch nothwendig werdenden Bauten für Reichszwecke, fv wie j. B. für das Reichsgericht, verschie­dene Reichsministerien rc. re. aufgeführt werden können.

Nachdem nnn der Kaiser und die Reichsregierung auf Grundlage der Arbeiten der Kommission für den Platz auf dem Kroll'schen Etablissement entschieden haben, würde der Reichstag durch eine Ablehnung der Vorlage deS definitiven Baues unnöthig hinziehen, da nicht zu erwarten ist, daß ein anderer geeigneter Platz sich finden dürfte, noch daß die maßgebenden Kreise sich einer anderen Wahl hinneigen werden. Soll also endlich zu dem Bau eines definitiven ReichStagsgebäude« geschritten werden, so bleibt nichts an­dere« übrig, als dem Vorschläge deS Reichskanzler« zuzu­stimmen.

Tagesbericht.

ES wird von der Reichsregierung beabsichtigt, der deutschen Botschaft in London, wie sie bereits einen Militär- Attachs hat, auch einen Marine - Attachö beizugeben, dem die Aufgabe zufallen würde, die Entwickelung der englischen Marine zu beobachten. Auch der deutschen Botschaft in Petersburg soll ein solcher Marine - Attache beigegeben werden.

Auch in dem abgelaufenen Jahre hat die Einfuhr von Maaren nach Deutschland wieder erheblich zugenommen, während die Ausfuhr bedeutend heruntergegangen ist. Hebet- dies ist es konstatirt, daß die Einfuhr, auch was den Werth bet Maaten anbetrifft, überlegen ist. Dieses Resultat for- bett sehr zum Nachdenken auf unb beweist, daß die deutsche Industrie sich in einer sehr ungünstigen Lage befindet. Außerdem ist diese Handelsbilanz für den allgemeinen Wohl stand der Nation eine große Gefahr.

In China steht dem deutschen Reich eine Verwickelung bevor. Der Regierungsbeamte an dem Orte nahe Panchoor, wo bie Piraten der „Anna" Zuflucht genommen haben,

soll sich weigern, dem deutschen Kriegsschiff „Cyelop" zur Verhaftung der Senäuber bie verlangte Unterstützung zu gewähren.

Die vom CultuSminister^zur Feststellung einer einheit lieben brutschen Rechtschreibung berufene Commission be­schäftigte sich in ihrer Donnerstags Sitzung u. A. mit den Dehnungszeichen. Sie faßte dabei, dem Vernehmen nach, mit überwiegender Stimmenzahl den nicht unwichtigen Be­schluß, das DehnungS-h nach den tieftonigen Vocalen a, o und u für in der Regel überflüssig zu erklären und deffen Streichung zu empfehlen (zum Beispiel „wonen" statt „wohnen"). Wo das h aus etymologischen Gründen steht, wie in „Ohm" (verkürzt aus „Oheim"), soll das h beibehalten werden. Dagegen hielt man es der größeren Deutlichkeit wegen für geboten, nach e und i das Deh­nung« h zu belassen. Man ging dabei von der Ansicht aus, daß, wollte man zum Beijpiel den Stamm - Silben mit dem Voeal e das dehnende h nehmen, bei dem in den deutschen Vorsilben unb Endungen so häufigen Vchkommen de« e zu befürchten wäre, baß bie betreffende Stammsilbe nicht genügend hervortreten würde (man vergleiche „befehlen" und „befelen"). An bie Stelle be« Doppelvoeal« in Wör­tern wie „Saal" will bie Majorität der Commission im Allgemeinen ben für die Dehnung vollkommen genügenden einfachen Voeal gesetzt wiffen („Sal"). — Aus Vorstehendem geht wohl schon zur Genüge hervor, daß die Commission im Allgemeinen zu Compromissen sehr geneigt ist, daß sie bald hier dem phonetischen, bald dort dem historischen Prineip etwa» zugibt und an dritter Stelle endlich dem gegenwärtigen Sprachgebrauch zuweilen beide opfert.

AuS Oesterreich kommt die Nachricht, daß dort bereits militärische Vorbereitungen zum Einrücken österreichischer Truppen in Bosnien und die Herzegowina getroffen wer­den. Es sind nämlich die Affenikommissionen zum Ankauf von Trainpferden zusammcngetreten; auch find Weisungen an die Depots»Commaudos zur Armirung der Truppen- CorpS ergangen. Es sollen zunächst fünf Divisionen, ca. 100,000 Mann, mobil gemacht werden, unb ist bereits al« Termin des Einmarsches ber Anfang be« Frühlings in Aussicht genommen worben.

Man will neuerdings wieder Jntriguen de« ehemaligen österreichischen Reichskanzlers Grafen Beust auf bie Spur gekommen fein. Vor Kurzem wurde der Inhalt eines Schutz- und Trutzbünduiffrs zwischen Preußen unb Oester­reich von E. v. Girardin veröffentlicht. Man führt diese Publikation auf ben Grafen Beust zurück, der damit die Absicht verfolgen soll, Rußland von Deutschland abzuziehen. Außerdem soll Graf Beust auch an den Umtrieben gegen ben Grafen Anbraffy theilnehmen, um denselben aus seiner Stellung zu verdrängen.

Aus Paris wirte gemelbet, daß der türkische Botschafter, Sadyk Pascha, eine Confercnz mit dem Herzog Dccaze« gehabt habe, in welcher er denselben aufgefordert hat, dem Reformprojekt der Kaisermächte nicht beizustimmen. Man

Die Nehelwitwe.

Ottginat-Erzühlung von F. L-

(Fortsetzung.)

Ich schwankte wie ein Träumer einher — ich konnte nicht« fafien, al« den Gedanken an sie. Zwei Tage — e« war an abgelegener Stelle — da begegnete ich ihm, ihrem Gatten. Er ritt sorglos und ohne Acht; ich fühlte e« wie Wahnstnn in meinen Schläfen hämmern, die Mächte der Finsterniß riffen mich dahin. Ja, ihrer war die That, nicht mein, einen Augenblick wandte Gott sein Antlitz von mir und da —

Die Stimme de« Erzählenden erstarb in abgebrochenen Lauten. Die geballte Faust an die Stirn gepreßt, ver» harrte er regungslos unb schweigend. In tiefster Brust erschüttert, von Ahnung überwältigt, schien Chrysanthus dem Nachthall der Worte noch zu lauschen, al« jener, wie erwachend, da« gesenkte Haupt emporrichtete.

„Alle« war aus," sprach er Hangle« weiter, „fortan glimmt der ewige Brand in meiner Seele; da« Grauen vor mir selber rächt da« verletzte Gebot ber Ehre, be« Gewissen«. — Ich litt bie Qual ber Verbammien, unb sie? — Ist der Gedanke, da« Wort, bie daS Verbrechen heraufbeschwiren, sinb sie nicht selbst ba« Verbrechen? — Sie lebt, sie ist glücklich, ihre sonnenhelle Schönheit bleibt unangetastet; vergöttert, geliebt, von Freiern umringt, reichte sie vor brei Jahren bem reichen Magnaten, dem Obergespan unseres Kreise«, bie Hand. Noch einmal führte mich baS unerforschliche Schicksal ihr entgegen, mei ne« Willen« spottenb. Die warnende Stimme im Innern Mißverstehend, wollte ich die heimische Gegend noch meiden,

dort auf dem Schlöffe noch verweilen. — WaS war'S. was ben Unseligen trieb, mich zu überfallen, blind in bie ungern entblößte Waffe zu rennen, baß ich wiberwillig gezwungen, zum zweiten Mal sie von einem Gatten be­freite. —

„Ich habe jetzt mein Hau« bestellt, ber Sohn meiner Schwester wird seiner walten. Mich zieht es zu den Be- rathungen meines Volkes; ihm zu nützen, dem ich ange­höre, mein Blut ihm zu geben ist ber einzige Wunsch, den ich hege. — Unb nun leb’ wohl, Chrysanthu«, mein Sohn. Sei bie« mein Abschied, denn mit bem Frühesten werde ich in des treuen Zarosch Begleitung dich unb diese Gegend verlassen."

Sie gingen beide im Stillschweigen zurück in die Woh nung. Stephan Körmeny erfaßte mit langem, festem Drucke die Hand be« Jüngling«, bann begab er sich auf sein Zimmer. Chrysanthu« sah ihn nicht wieder.

Vielerlei Sprachen, Trachten und Völker grüßt die Donau auf ihrem weiten Lauf: bald lachende, waldge­schmückte Inseln umfangend, überschaut von rebenumkränzten Hügeln, von Bergen und Felsen, wo manche Ruine, manch zerbröckelndes Denkmal von den Tagen frühester Vorzeit, von Römerzügen, von Türkendruck und sieghafter Helden­wehr erzählt; bald zwischen trotzigen Gebirgsmaffen ein­gezwängt daherbrausend mit gesammelter Kraft, ober in majestätischem Verweilen ben Reichthum ihrer Gewässer zum weiten See entfaltend; immer schön, immer ben Men scheu an sich lockenb, der so gern mit seinen Wohnungen, seinen Stidtm sich nahe dem flüssigen Gebiet ber Nixen lagert. —

Zwei Schwesterstäbte schaaren sich dem steinernen Heere ihrer Häuser, einander grüßend, zu beiden Seiten des ge­waltigen Stromes. Hoch empor heben sich Thürme unb Spitzen von Gotteshäusern unb die langgestreckten Waffen stolzer Paläste. Damals, vor über siebzig Jahren, staub das jetzt so Volk- und verkehrreiche Pest noch weit hinter Ofen, dem altberühmten Sitz der Könige, zurück; ober schon schwellten sich bie Adern de« Reichthums und be« Handels, die in ihm münden unb es zu feiner blühenden Entfaltung bringen sollte, und damals wie heute spannte ber kühne Bau ber beide Stävte verbindenden Brücke, die breite Fluth besiegend, sich von bem einen Ufer zu bem anderen hinüber.

Eben fchritt von der zuerst genannten Richtung her sorglosen Ganges ein junger Mann über ihren, vom Ge­wühl zahlreicher Wanderer und Fuhrwerke belebten Bogen. Er trug die auszeichnende Kleidung der Studenten der erst vor wenigen Jahren nach Pest verlegten Univerfität, unb die keck auf eine Seite gestülpte Kopfbedeckung, auf der eine Feder schwankte, beschattete ein frische« Gesicht, von krausen, schwarzen Haaren eingefaßt Halblaut ein Liedchen trällernd, zuweilen sich darin unterbrechend, um ein flüchtiges Wort be« Grußes einem Bekannten, eine harmlose Neckerei irgenb einem hübschen Mädchen zuzurusea, verfolgte er seinen Weg läng« der am Flusse gelagerten Häuserreihe der älteren Stabt, die er jetzt erreicht hatte. Em bestimmtes Ziel, das ihm vorschwebte, ließ ihn ohne Aufenthalt seinen Weg fortsetzen durch breite Straßen uno enge Gäßchen, bi« er endlich, in einem solchen am äußeren Umkreis ber Stadt angelangt, seinen eiligen Schritt mäßigte, ihn immer langsamer werden ließ und zuletzt in der Nähe eines Häuschen«