Wr. 8.
Marburg, Dienstag, 11. Januar 1876.
XL Jahrgang.
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M Obtrhchliht Jnluiifl
Die englische Handelspolitik
In der Regel segelt das stolze Albion unter der kosmopolitischen Flagge deS Freihandels, namentlich wenn eS sich darum handelt, den eigenen Fabrikaten die Staaten deS Continentes zugänglich zu machen. Ist doch England in dieser Beziehung mit gutem Beispiele vorangegangen, und hat alle seine Häsen geöffnet, damit auch die anderen europäischen Länder ihre Fabrikate auf den englischen Markt bringen können; freilich giebt eS auch Leute, welche behaupten, es sei dies nur eine Lockspeise, denn der gewiegte Dritte wiffe recht wohl, daß er bei Herstellung deS Freihandels nichts einzubüßen habe. England sei allen Staaten der Welt durch seine Kapitalmacht, durch die günstigsten Produktionsbedingungen, durch einen Höhepunkt der Fabrikation, dem kein Land der Erde sich vergleichen könne, so weit überlegen, daß Niemand mit chm concurriren könne, und am wenigste« daran denken dürfe, mit ihm auf seinem eigenen Boden zu rivaliflren.
Man hat darauf hingewiesen, daß England auf dem Gebiete der Industrie ein Riese sei, mit dem verglichen alle anderen Länder nur Pygmäen seien, die ungestraft mit ihm die Concurrenz nicht aufnehmen könnten. Es wird hervor- gehoben, daß die englische Eisenindustrie unter den vorzüglichsten Bedingungen mehr producire, als alle übrigen Länder der Welt zusammen genommen, und in der Lage sei, mit Leichtigkeit seine Produktion noch zu verdoppeln; daß es mehr wie daS doppelte so viel Spindeln für die Baumwollenproduktion in Bewegung setzt als alle Länder der Erde, und keines in diesem Zweige auf die Länge ihm gewachsen sei. Man weist ferner darauf hin, welche Vortheile England bisher aus der Durchführung des Freihandels in den Lindem des ContinentS davongetragen hat; wie es beispielsweise Deutschland, daS einst in der Leinen- und Woll-Manufaktur den höchsten Rang einnahm, ebenso wie alle anderen Länder überflügelt hat, und gegenwärtig in Deutschland einen bedeutenden Absatzmarkt für die Produkte dieser Fabrikation gewonnen, während umgekehrt Deutschland von dem Freihandel Englands so gut wie gar keinen Nutzen davon getragen hat. So stehen also die Grundsätze des Freihandels im Dienst der englischen Handelspolitik, um England zur Werkstätte der ganzen Welt zu machen, und den andern Völkern die arkadischen Beschäftigungen zu über- lassen Korn und Wein zu bauen, während es selbst dies schmutzige und mühselige Geschäft übernimmt Eisen und Stahl zu fabriciren, und sich damit belastet, Kleiderstoffe für alle Völker der Welt zu weben.
Nicht wahr! DaS ist praktischer Humanismus, den das fromme England an seinen Mitmenschen zu üben bereit ist; nur schade, daß eS noch Leute giebt, die hinter dieser kosmopolitischen Larve nur den kraffesten Egoismus sehen, und darin die Begierde erkennen, alle Völker sich tributär zu machen, und ste wie eine Citrone auszupressen.
Hin und wieder tritt ein Kennzeichen der wahren englischen Handelspolitik zu Tage, entkleidet von dem Flitter-
taat der humanistischen Phrase und von der philantropischen Idee deS Freihandels. Jedesmal wenn England seinen Colonialbesitz, das Fundament seiner Macht und Manu- aktursuprematie auszudehnen int Begriff ist, wenn es mit ächter Krämerschlauheit sich in den Besitz der Suezkanalaktien setzt, um zunächst den Handel von Aegypten an sich ju reißen, wenn es dann die Ausfuhr von Tunis mono »olisirt, und den anderen Völkern die Thür vor der Nase zuschlägt, um nach und nach Afrika für sich auszubeuten, wie eS jetzt Indien, Australien, Canada und Südamerika ausbeutet, wie eS in jenen Ländern entweder die blühende Industrie vernichtete, wie in Indien, ober sie im Zustande von Weiden- und Agrikulturländern erhält, um allein das Monopol dieser Märkte zu genießen, und so auch fernerhin thnen seine Jndustrieprodukte aufzwingen zu können., Dort Jomntt das wahre Gesicht Englands ohne die verhüllende Larve zum Ausdruck; jenen Ländern setzt eS einfach die Pistole auf die Brust, während es für Europa sich als Menschenfreund gerirt, und von Gleichberechtigung und Freihandel spricht.
Englands Handelspolitik ist, wie eS jetzt wieder zu Tage getreten ist, nicht von irgend einer Theorie, von einer kosmopolitischen Idee diktirt, ste ist durchaus national und dient einzig und allein der Bereicherung der englischen Nation. Daher rechnet England mit allen Größen und arbeitet mit allen Mitteln, die zu diesem Zwecke führen. So zwang eS in früherer Zeit Portugal zum Minthuenver- trag und Spanien zum Asstentovertrag, während eS mit Frankreich den Edenvertrag abschloß, so hat eS jetzt die Suez-Canalaktien an sich genommen und mit Tunis einen rnonopolistrenden Handelsvertrag abgeschloffen, so macht es endlich in Deutschland, Oesterreich und Frankreich Pro« paganda für den Freihandel, alles einzig und allein, um sein Ziel zu erreichen, die alleinige Werkstätte der Welt zu werden.
Tagesbericht.
Für den Reichstag ist eine Frühjahrssession nicht in Aussicht genommen, auch soll die Herbstsesston der lausenden Legislaturperiode möglichst abgekürzt werden, weßhalb zur Vorlegung nur der Reichshaushaltsetat, sowie die Ju stizgesetze beabsichtigt wird. Auch der Landtag soll schon im Mai geschlossen weroen. Ueberhaupt geht die Absicht darauf hinaus, die Reichstags- und Landtagsverhandlungen möglichst abzukürzen, und eine Vereinfachung der parlamen tarischen Verhandlungen herbeizuführen.
Der Bau des ParlamentSgebäudeS scheint endlich aus dem Stadium der Ungewißheit herauskommen zu sollen. Die preußische Regierung hat einen Antrag beim Bundes rathe eingeretcht, nach welchem der Reichskanzler zu er. mächtigen sei, nach Zustimmung des Reichstages mit dem preußischen FiskuS und den sonstigen Interessenten wegen Ankauf des Kroll'schen Etabliffements zur Erbauung deS Reichstagsgebäudes in Verhandlung zu treten. Da der
BundeSrath von vorn herein dem Antrag günstig war, so wird derselbe dort auf keinen Widerstand stoßen und möglichst beschleunigt werden, um dem Reichstag noch in dieser Session vorgelegt zu werden.
Die Reichsjustizcommission hat ihre arbeiten wieder ausgenommen. An der Sitzung hat auch der Abgeordnete Lasker Theil genommen, der also nicht, wie behauptet worden, aus der Commission ausgetreten ist. Auch der Abgeordnete Gneist soll ferner an den Sitzungen Theil nehmen. In der Commission wurde die GeneraldiScusston über die Advokatur vorgenommen. Der Abg. Lasker sprach sich für die Freigebung derselben auS, während der Justizminister Dr. Leonhard die Durchlührung der Advokaturfreiheit wenigstens für Preußen für durchaus unmöglich erklärte.
Ueber das Reformprojekt AndraffyS erfährt man jetzt, daß die Mitwirkung der Mächte zu demselben in der Weise in Anspruch genommen wiro, daß jeder einzelne Vertreter in Constantinopel der Pforte für seinen Theil ein besonderes Msmoire überreichen wird. Die drei Ostmächte werden identische Noten übergeben. Die Ueberreichung dürfte in der zweiten Hälfte des Januar vor sich gehen.
Außer der französischen Regierung hat nun auch die italienische Regierung ihre Zustimmung zu dem Resonn- projekt Andraffy'S erklärt; dagegen hat Lord Derby sich 14 Tage Bedenkzeit zur Beantwortung der Note auSge- beten, woraus man folgern will, daß England nicht geneigt sei, dem Resormprvjekt beizutreten.
Die Nachrichten aus Konstantinopel lauten wieder bedrohlich. Die Pforte soll entschloffen sein, gegen Montenegro ernstlich einzuschreiten, fall« dasselbe noch fernerhin die Insurgenten unterstütze.
Auch in Griechenland soll gerüstet werden, nicht um einen Angriff auf die Türkei vorzunehmen, aber um allen Eventualitäten in diesem Frühjahr gewachsen zu sein.
In Aegypten intriguiren die Franzosen gegen den Einfluß der Engländer. ES ist soeben eine Specialcommission von Paris nach Kairo abgesandt, um die Freundschaft zwischen Frankreich und Aegypten zu befestigen. Der Khedive soll sehr wenig geneigt fein, sich England zu unterwerfen; er hatte bereits die Absicht, völlig mit England zu brechen und sich wieder ganz Frankreich zuzuwenden; indessen in Berücksichtigung der möglichen Folgen eine« solchen Schrittes hat er sich damit begnügt, seinen Großvezier Nuben Pascha, der das Suezcanalgeschäft mit England gemacht hatte, aus seinem Amte zu entlasten.
Deutsches Reich.
w Berlin, 8 Jan. Preußen hat dem BnndeSrathe den Antrag vorgelegt, der Reichskanzler solle ermächtigt werden, die Einleitung von Verhandlungen vorzunehmen behufs Erwerbung des Kroll'schen Etablissements und eines Stück Thiergartens behufs Errichtung des Reichstagsge« bäudes. — Die fortschrittlichen Blätter sind noch voller Entrüstung über die Wahl des Ministers v. Manteuffel als Vorsitzenden des Provinziallandtages der Provinz Bran-
Die Nehelwitwe.
Original-Erzählung von F. L.
(Fortsetzung.)
»Als der jüngste unter drei Geschwistern blieb ich länger der Obhut der besten, zärtlichsten Mutter überlasten, die in das empfängliche Gemüth des Knaben früh die Liebe zn dem Schönen und Edlen zu pflanzen sich bemühte, bereu reine« Abbild sie selber an sich trug. Meine Seele zog e« zu dem Verkehr mit der Natur; sie hatte im Geheimen zu ihr gesprochen, ste an sich gefestelt mit unzerreiß- lichen Banden, Wald und Haide waren mir verttaut, aber der Wille des Vaters berief mich in das Gewühl der Kaiserstadt, wo schon Eustach, mein älterer Bruder eine Charge in der Armee bekleidete. E« waren Friedensjahre, deren sich die Völker nach blutigen Kämpfe« erfreuten, jene nach der denkwürdigen Zeit der Kriege mit dem großen Preußenkönig; aber für den feurigen Geist der Jugend, der in dem bleiernen Einerlei de« Dienstes nach Ruhm nach Auszeichnung, nach freierer Entfaltung seiner Schwin- gen sich sehnte, verstrichen sie inhaltslos. — Ueber ein Jahrzehnt war vergangen, feit ich das Vaterhaus ver- lasten, die geliebte Mutter war lange schon gestorben, Julia, meine Schwester, von einem verhaßten Ehebündniß bedroht, heimlich mit dem Freunde ihres Herzens entflohen, mein Vater, den ich selten nur gesehen, verweilte nur im Auslande. Die Heimath jenseits der Theis war verödet für meine Liebe, und doch zog es mich dahin mit Allgewalt, wäre eS auch nur, um mit Svhnesthränen ein theureS, Trab zu benetzen. Ich «ahm Urlaub; es war zur gefeg
neten Zeit deS Herbstes, wo der Weinstock seines süßen Reichthums entkleidet wird, der die Schaaren hülfreicher Fremden herbeizieht; wo aus den Städten die Familien im Geleite zahlreicher Gäste sich auf die Landsitze begeben, ber festlich frohen Tage zu genießen, die Gott ou8 seiner Fülle ber vor andern geliebten Gegend schenkt. — O Luft meines Vaterlandes, von Musik durchklungen, von Sonnengolbe verklärt, vom Schnee ber Gebirge erfrischt, wie hob sich in bir die Brust, wie sorgenlos schlug mein freies, unent- weihteS Herz dem Wendepunkte seines Geschickes entgegen. — Ich kehrte unterwegs auf einer Villa ein, da begegnete ich ihr, deren Blick für ewig meinen Frieden verbannte. Sie war schön wie die jugendliche Rose, schön wie ein Lichtstrahl der Frühe. Konnte ich ahnen, baß hinter diesen Formen, die vom Himmel zu stammen schienen, das Verderben lauerte.
Wie ich selbst, weilte sie nur vorübergehend hier. Ich begleitete sie nach kurzen, wonnigen Tagen in da« HauS ihrer Verwandten zurück. Sie war arm, eine Waise, wenn auch auS edlem Geschlecht. Paradiesische Gefilde ber Zukunft zogen an,'mir vorüber, als ich ihren Liebesschwüren Dertrauenb roieber nach meinem Stanbort kehrte; unbanfbar hatte ich bie Heimath, das Grab ber Mutter nicht besucht, hingeriffen von dem einen, »unbetbaren Gefühl, bo« mich beherrschte, mich dem Abgrunb entgegen schleuderte." — Auf'S neue übermannte den Sprecher die Gewalt der Erinnerungen. Sein Auge sprühte unter den verzerrten Brauen, die Muskeln des bleichen Gesichte« zuckten und die zusam- mengebiffencn Zähne knirschten an einander. Wie von einem übermächtigen Gedanken bezwungen, sprang er von seinem
Sitz und bie geballte Faust streckte sich brohend empor. Erschrocken bem Ausbruch solcher Erregung gegenüber, erhob sich ChrysanthuS ebenfalls; aber bie Worte des Mitgefühls, der Besänftigung, die auf seinen Lippen schwebten, starben unhörbar auf denselben. — »Schaudert dich, Jüngling, faßt dich bie Ahnung eine« Verbrechens? — Ja, schaudere, zittere vor ber Leidenschaft, die dahin führte!" Stephan rief es abgebrochen und dumpf, indem er sich von ihm abwendete. „SD, gnadenreiche Mutter des Welterlösers, ich liebte das Gute, meine Seele war jeder Gemeinheit fremd, und doch —."
Er kehrte sich plötzlich mit geisterhaftem Blicke zu ihm hin. „Ja, erfahr' es denn: ich ward zum Frevler an ManneS- chre und Gesetz, zum Mörder durch fiel — Nicht jenes letztemal; o nein, bei St. Stephan, meinem Heiligen, diesmal war ich rein von Schuld I Der greife Thor, ber feine« Besitze« nicht froh geworben, verfolgte mich mit ungerechtem Argwohn. Sein schöne« Weib hatte sich bem Tanze entzogen, er vermißte ste. Seine rasenbe Eifersucht suchte mich auf; er überhäufte mich mit beleibigenben Schmähungen, mit Drohungen, bie ich anfangs mit Gelassenheit zurückwie«. Er entfernte sich, aber von Wein unb Haß entflammt, kehrte er wüthenber zurück, beschimpfte mich in ber Mitte einiger Edlen, bei denen ich im Nebenzimmer weilte. Ich war entehrt, wenn mein Säbel nicht aus der Scheide flog, dem (einigen zu begegnen: ich kämpfte ja nicht für mein Leben — hätte er e« hinuehmm mögen! Das Geschick, seine blinde Leidenschaft fügte eS anders, er fiel in ehrlichem Kampfe. Es litt mich damals nicht mehr am Orte; ich gab mein Ehrenwort, mich den Anforderungen der Gesetze, jeder Verantwortung zu stellen, und entwich hierher, wie du weißt."