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Sr. 7.

Marburg, Sonntag, 9. Januar 1876.

XI. Jahrgang.

Anzeigen nimmt entgegen: feit Expedition fe. Matte», sowie dir Annoncen-Bureaux von Th. Dietrich & «» « «affet und Hannover; Th. Dietrich in Frankfurt a- M ; Baasenstein & Vogler in

m Berlin, Frankfurt a. M. rc.

WcchcWe Icilung.

Anzeigen nimmt entgegen: die Eq>editi»n d. Matte», sowie btt Annoncen-Bureaux von L- Daube <fc Co. in Frankfurt a. M.: Jäger'sche Buchhandlung in Frankfurt a. M.; Jnvalidendank, 31. Rete- meyer in Berlin; Carl Schüß- ltr in Ha nnover; 6. Schlotte in Bremen.

grfchrint täglich außer den Werttagen nach Sonn- und Feiertagen. Preis für das Quartal mit der wöchentlichen BeilageJllustrtrtrS Sonntagsblatt" durch die Expedition («och'sche Buchdruckerei) bezogen Mark, durch die Postämter deS Deutschen Reiches 2 Mark 50 Pfg. (eil. Bestellgebühr). JnsettionSgebühr für die gespaltene Zelle 10 Pf«. Für in der Expedition zu ertheilende Auskunft und Annahme von Adreffen werden 25 Pf«, berechnet.

ließ sich der BiceprSstdent des MinisterratheS noch einmal in einer trotzigen Rede in der Nationalversammlung ver­nehmen, welche eine Berufung an das Land war und das rothe Gespenst zum heilsamen Schrecken der ängstlichen Wähler durch daS Haus gehen ließ. Am Sylvesterabend halte die Nationalversammlung endlich ihre Arbeiten zum Schluffe gebracht und ihr Präsident, der Herzog Audiffret Pasquier, hielt eine Ansprache an das Haus, worin er an den fremden Feind und an die Commune al» die Verhält niste erinnerte, unter welchen die Deputirten ihr Mandat erhielten, die Vaterlandsliebe der Versammlung pries, das VerfastungSwerk als unvollkommen, doch als Schutzwehr gegen Anarchie und Despotismus bezeichnete und zum Ver­trauen auf die Redlichkeit Mac Mahons und auf die Weis« heit der künftigen Kammern ermahnte. Die Linke schied mit einem Hoch auf die Republik, die Rechte mit dem Rufe:ES lebe Frankreich!" Um die Monarchisten nicht zu verletzen, vermied der Präsident der National Versarnm. lung den Namen Republik, wie Buffet denselben systematisch in seinen Reden vermeidet, um die Linke zu ärgern. Die in der Schlußsitzung ersolgte Wahl deS ständigen Ausschusses ergab 13 Mitglieder von der Linken und 12 von der Rech­ten; am 3. Januar hielt dieser Ausschuß seine erste Ber- sammlung und beschloß, erst am 20. Januar wieder zu sammenzutreten. An demselben Tage vrrkündigte daS Amts- Blatt das Preßgesetz, welches der Verwaltung das Recht, den Blättern den Straßenverkauf zu verbieten, entzieht und durch welches der Belagerungszustand in allen Departe­ments, mit Ausnahme derjenigen, in denen die große Be- völkerungSheerde Paris, Lyon und Marseille und die Haupt­stadt Versailles liegen, aufgehoben wird. Der osfizielle Neujahrs > Empfang bot keine bemerkenswerthe Rede und ging geschäftsmäßig, in Versailles kalt, in Elyfse dagegen mit allem Pomp, wie Napoleon IIL eS liebte, vor sich.

Mit dem neuen Jahre hat Spanien die Gewißheit empfangen, daß eS nun bald an Stelle der königlichen Dictatur wieder eine constitutionelle Regierung erhalten wird. Die Wahl der CorteS ist auf den 15. Januar, der Zusammentritt derselben auf den 15. Februar anbe­raumt.

Der König von Portugal konnte am 2. d. M. die CorteS mit einer sehr 'befriedigenden Thronrede eröffnen. Die Finanzlage ist eine sehr günstige, so daß neue Steuern nicht in Vorschlag zu kommen brauchen; die Beziehungen mit den auswärtigen Mächten lasten nichts zu wünschen übrig.

Die Untersuchung wegen deS Unfalls deS Dampfers Deutschland von den englischen Behörden ist beendet; da« Unheil ist zwar noch nicht gesprochen, soviel aber hat sich bereits herausgestellt, daß die Klagen über die Fahr lässtgkeit der harwicher Behörden oder gar dir über Strand«

räuberei unbegründet sind. Andererseits erscheinen auch Capitän und Mannschaft deS verunglückten Schiffe« in gutem Lichtt; jener namentlich frei von gröberer Schuld.

Die neuesten Nachrichten über den Feldzug der Nie­derländer auf Sumatra lauten günstig. Offizielle Depeschen vom 26. und 31. Dec. melden, daß die hollän­dischen Truppen mehrere Positionen der Atchinesen einge­nommen haben, ohne große Berluße zu erleiden.

Dänemarks politische Lage ist beim Beginn diese» JahreS im Wesentlichen ganz dieselbe wie zu Anfang deS vorigen. Die Regierung hat es mit einer Opposition zu thun, welche im LandSthing zwar nur die Minderheit, im Folkething aber die überwiegende Mehrheit für sich hat.

Der Kaiser von Rußland hat am 31. December den Tag zu feiern gehabt, an welchem er vor 50 Jahren zum Chef deS Pawlo-v'schcn Garderegiments ernannt worden war. Dem Großfürsten Michael, Statthalter de« Kauka» su«, ist am 28. December in Tiflis ein Sohn geboren worden, der, wie ein kaiserliche» Manifest dem Reiche ver­kündet, den Namen Alexis erhalten hat.

Nachdem das griechische Ministerium KumunduroS beschlossen hat, den vom Papste neu errichteten und dem Msgr. Marango übergebenen erzbischöflichen Stuhl al» nicht vorhanden zu betrachten, da das Staatsrecht rin so eigenthümliches Verfahren der katholischen Hierarchie ein­fach verbiete, sucht man von Rom aus glattzüngig die Sache so darzustellen, als habe der König Georg seine herzliche" Genehmigung bereits dazu gegeben und sehe sich jetzt von seinen eigenen Ministern verleugnet. ^Richtig mag sein, daß Papst und König über die Frage ein paar höfliche Briese gewechselt haben, aber von seinem staatlichen Rechte hat letzterer sich sicherlich nichts vergeben.

Hussein Avni Pascha, der entschiedene Gegner der Poli­tik dcs jetzigen GroßvezierS, ist nach Bruffa entfernt wor­den, macht sich jedoch Hoffnung, baldigst wieder zurückbe- rufen zu werden, da er meint, mit dem Aufstande in der Herzegowina könne nicht pactirt, sondern müsse kurzer Pro­zeß gemacht werden. Ja, er giebt sich sogar dem Glauben hin, die Großmächte würden e« ruhig geschehen lasten, daß ein türkisches Armeekorps Montenegro besetze, von wo auS ja der Aufstand immer frische Nahrung erhalte.

Die rumänische Deputirtenkammer hat am 29. Dec. daS Budget für 1876 mit 78 gegen 16 Stimmen ange­nommen und sich dann bis zum 22. Jan. in die Weihnachts- Ferien zerstreut.

Deutsches Reich.

Berlin, 7. Jan. In kürzester Zeit soll die Or­ganisation de« ReichSgejundheitS-BmteS, für welches bereit« die Mittel im Reichshaushalts - Etat angewiesen sind, zur Ausführung kommen. In Aussicht genommen sind für die

Politische W-chm-Ueterficht.

Von unserem Kaiser wurde die diesjährige GratulationS- tout am Neujahrstage, wie auch die votigjährige, in sehr besriedigrndrr Gesundheit abgehalten, und diesmal war auch der Fürst Reichskanzler al« Ministerpräsident wieder per­sönlich an der Spitze deS Staatsministeriums erschienen, woran er 1874 und 1875 durch ungünstige GesundheitS- umstände verhindert worden war. Wie Heller Sonnenschein über Berlin und dem kaiserlichen Palais den Tag be­günstigte und eine zahlreiche Menge in die Umgebung des PalaiS gelockt hatte, so erscheint unseren politischen Wetter- kundigen auch der politische Himmel im Ganzen noch rein von Wolken, und wenn auch derReichs- und Staats- Anzeiger" einem Artikel deSPester Lloyd" einen Platz in seinen Spalten einräumte, welcher eS als noch ungewiß hinstellt, ob die Aufständischen in Bosnien und der Her­zegowina sich mit den Seitens der Großmächte ihnen aus­zuwirkenden Reformen zufrieden geben würden, oder etwa eine PacificationS-Besetzung noch nothwendig werden könnte, so hat doch die bisher überwiegende Friedenszuversicht, die sich aus die noch ungetrübte Einigkeit der Großmächte stützt, nicht erschüttert. Am Montag, bezw. Dienstag, sind die Provinziallandtage jener preußischen Provinzen, für welche die neue Provinzialordnung gilt, durch die betreffenden Oberprästdmten eröffnet worden.

Die Wiener Blätter führen ein heftiges Bombarde­ment gegen die Ansprüche der Ungarn über das in Pest gegenwärtig zu berathende Zoll- und HandelSbündniß aus, t« liegen jedoch hundert Gründe vor, welche eine gegen­seitige Verständigung empfehlen. Tisza ist entschlosten, sich nichts Ungebührliches bieten zu lasten, er weiß nicht minder wie Andrasty und Auersperg, daß die Existenz des Wiener EabinetS auf dem Spiele steht, wenn es zu keinem Ein­vernehmen kommt, das für beide Theile das Maximum des auf dem Wege der Gerechtigkeit und Billigkeit Erreichbaren ist. _ Die neuen Armeeverordnungen Über die Rangtour finden in der österreichischen Armee Beifall, in Ungarn dagegen äußert man sich gegen die neue Organisation des Generalstabes höchst mißtrauisch.

Der schweizerische BundeSrath darf kaum erwarten, seine vier neugewählten Mitglieder vor der zweiten Hälfte de« Februar ihre Sitze einnehmen zu sehen.

Die italienische Regierung, welche bekanntlich seit längerer Zeit der Reorganisation ihrer Handelsverträge ein äußerst lebhaftes Interesse zuwendet, beabsichtigt auch mit dem Bicekönig von Aegypten neue Vereinbarungen zu treffen und hat den Senator Scialoja zur Leitung der daraus bezüglichen Verhandlungen nach Kairo entsandt.

Frankreich ist mit dem Schluffe des Jahres 1875 vor einem wichtigen Wendepunkt angelangt. Arn 29. Dez.

Dir Rebelwitwe.

Original-Erzählung von F. L- (Fortsetzung.)

Es «ar noch alles im Schlöffe wie auSgestorben; er ging zögernd über den Corridor, wo er zuvor die wunder­bare Erscheinung gehabt. Fast war er geneigt, sie für einen Traum zu halten; aber dieser Traum halte eine tiefe Spur in seiner Seele zurückgelasten. Er wandte unwillkürlich den Kopf nach jener Seite; die Flugelthüren des Saales standen geöffnet, und auf der Schwelle gewahrte er, sich abgewendet, ben Majordomo des Hauses, der nach innen einige halblaute Befehle ertheilte. In der Mitte lag auf einem Marmortische, mit einem türkischen Teppich leicht verhüllt, ein Gegenstand, der die Umriffe eines menschlichen Körper« zeigte. Betroffen und nachgrübelnd schritt er durch die leeren Räume weiter, wo nur hin und wieder ein ver­schlafener Diener lehnte, in da« Freie hinaus. Zarosch, der bei den Pferden hielt, schien ihn mit sichtbarer Unge duld erwartet zu haben; aber sie wechselten kein Wort mit einander. Rund umher prangte die Natur in verjüngter Schönheit nach dem Regenbade, deffen Spur noch glitzernd an Halm und Laub schwankte. Sie ließen die Roste aum­greifen in die frische Morgenluft, in die weit vor ihnen sich dehnende, nur von dem wolkenlosen Horizont begrenzte bräunliche Fläche hinein.

Und jetzt, mein Sohn, hält mich nicht« mehr hier zurück. Ich habe dich vor den Richtern, den versammelten Nettesten der Gemeinde und den zunächst wohnenden Edlen in deine Rechte al« Gutsherr eingesührt. Brief und Ur­kunde verbürgen dir ben ungeschmälerten Besitz alle» besten, wa« ich mein nenne, sollte ich nimmer zurückkchren. Ich scheibe beruhigt, du wirst allen ein milder Gebieter fein. Morgen ziehe ich aus- Reue hinaus, ein unstätcrjWau-

berer. Vielleicht, daß ich noch einmal einen Halt für den ermüdeten Geist finde, eine Idee, die ihn erwärmt, sei es im Kampfe, sei e« in der friedlichen Wahrung der ge­fährdeten Rechte meiner Nation, an deren geheiligten Grund­festen Josephs Hand despotisch zu rütteln wagt. Ich bin kein Hasser deS Besteren, weil es neu ist, ich ver­schmähe nicht als ein Thor die labende Frucht, weil sie dem heiligen Boden nicht entsproßt; aber dem gebieterischen Zwange des Fremdlings gegenüber, selbst wenn er einher- tritt mit der Miene deS WohlthäterS, empört sich dem Magyaren daS innerste Herz in der Brust. Mißtrauisch gegen den rücksichtslosen Geber weist ein edler Sinn selbst die sonst willkommene Gabe zurück. Schon gährt es ge­waltig im Vaterlande; überall Mißmuth und unzufriedener Groll. Schon sind die Gemüther auf das äußerste er­bittert und bet offene Ausbruch des gekränkten National- GefühlS bereitet sich vor. Vielleicht entscheidet im Kampfe das Geschick auch den Zwiespalt meines Leben«. Du hingegen halte dich ferne jener Bewegung, die bald wie lodernde« Feuer um sich greifen wird. Sie ist dir fremd, sie berühtt nicht dein Innerstes, ruft dir nicht die zwin­gende Verpflichtung hervor, ihr zu dienen. Vetlaffe du diese Gegend nicht; ein weites Feld deS Schaffens und der Thätigkeit ist dir geöffnet; nur ben Sumpf meide und feine Nähe."

Sie schritten beide neben einander, Oheim und Neffe, unter dem verschlungenen Laubbach von Nußbäumen und Kastanien, die zum Theil mit Früchten beladen sich in weiter Ausdehnung an einander reiheten. AuS dem vernachlässigten Garten hinter dem Wohnhause waren sie in diese Anpflan­zung hineingetreten, die sich unmittelbar an jenen lehnte. Vertraulich und hingehend hatte der ältere Mann seinen Arm um die Schulter deS Jüngeren gelegt; da« offene Antlitz de« letzteren trug in diesem Augenblicke den Stempel

einer gerührten und dankbaren Zuneigung, welche sich in dem beredten Blick voll Jnnigkett aussprach, ben er auf seinen Verwandten richtete.

Und kann eS nicht anders sein, mußt du mich ver- laffen?" brach er jetzt fast ungestüm aus.Soll ich dem Gefühle deiner maßlosen Güte unterliegen, dein Geschenk hinnehmen, ohne daß mir die Genugthuung werde, durch die treueste SohneSliebe dir danken zu können? Soll ich wieder vereinsamt unter Fremden die Forderung meine» Herzen« abweisen, das dich so gern in warmer Anhäng­lichkeit umfassen möchte?" Thränen glänzten in feinem aufgefchlagenen Blicke, Stephan drückte liebevoll seine Hand. E» ist heilsam für dich, ich scheide," sagte er nach geraumer Weile, indem et mit gesenkter Stirn und verschränkten Ar­men langsam einige Schritte vorwärts thitt.Ja, eS ist bester so; mein Trübsinn würde deine Jugend Niederhalten, die sich ich zweifle nicht daran in meiner Abwesen­heit frisch und lebensfreudig entfalten wird. O, die Jugend hat so reiche Heilsquellen in sich selbst 1 Nein, mein Ver­weilen würde ein Hinderniß, eine Störung in beinern Leben sein." Er stand still, richtete den Blick voll ruhiger Schwermuth in die Ferne. Lange verharrte er so in sich versunken; bann kehrte er sich zu feinem Gefährten, unb mit ber Hand auf einen kunstlosen Sitz, von einem rohen Baumstamm gebildet, hinzeigend, der halb versunken und von Gestrüpp überwuchert unter einer mächtigen Kastanie sich erhob, beutete er jenem an, dort an seiner Seite Platz zu nehmen. Er stützte ben Kops in die Hand; unbeweglich, wie trämenb, sann er minutenlang, bis ein schwerer Seufzer sich seiner Brust entrang. Ohne aufzublicken, wie sich selber ein schmerzliche» Bekenntniß ablegenb, fielen die Worte in Absätzen, tonlos unb oft zurückgehalten, von seinen Lippen.

Weßhalb ich fliehe, mich selbst verbanne von ber theuren Stätte meiner Geburt, weßhalb ich die Gabe deiner Liebe,