XI. Jahrgang.
; JUatfitirq, Sonnabend, 1. Jammr 1876.
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Oesterreich Ungarn und die Provinzial Correspoudenz.
Seit einiger Zeit machten sich in Oesterreich Bestre- Hungen geltend, die einerseits daraus auSgingen, den Centra- USmuS «Hebet herzustellen und Ungarn seine Verfassung zu nehmen, andererseits das föderalistische Experiment zu versuchen. Die erste Richtung fand ihren Vertreter und Ausgangspunkt in dem ehemaligen deutschen ReichSmtnister von 1$48 und späteren Begründer des österreichischen Centra- ltSmuS, vyn Schmerling; die zweite Richtung aber in dem Baler de» -EoucordatSs,,.Grasen Thun. Beide, obgleich in Endzielen entgegengesetzt, berühren sich doch darin, daß sie die gegenwärtige Ordnung, und namentlich die Leitung des gemeinsamen Ministers beider Reichshälsten, Grasen Andrasiy ansechten und die bestehende Verfassung, ganz besonders aber daS Verhältniß UngaryS zu Oesterreich, einer Umgestaltung unterziehen wollen. Bezeichnend für die öfter reichischen Zustände ist es, daß Vielen der Zeitraum von vier Jahren, während welcher daS jetzige Ministerium am Ruder ist, zu lange dauert. Eine VerSnderuogslust, die man sonst nur als Charakterzug der Franzosen hinstellt, hat sich in Oesterreich durch die Unstätigkeit der dortigen Verhältnisse eingebürgert, sodaß man vielfach einer unzu sriedenheit mit der gegenwärtigen Entwickelung begegnet, und häufig eine Gattung von Leuten fieht^pie mit,dem Rufe: »Juchhei -Was Neuesl" jedem neuen Gestirn ent- graenstürzt. Die leichtstnnige und oberflächliche Art hat namentlich ihren Sitz la der Wiener Journalistik, deren Leichtfertigkeit, Verlegenheit. «nb Schamlosigkeit alle Grenzen überschreitet.
Rur so ist es zu erklären, daß die so überaus sachgemäße und wohlwollende Besprechung der Provinzial Corre spondenz über die letzten Vorgänge in Oesterreich-Ungarn gehässigen Aeußernngen Veranlasiung gehen konnte. Wäre die österreichische Presie überhaupt einer verständigen Er« örterung zugänglich, so würde sie die Darlegung des.mini- steriellen preußischen Organ» al» eine durchaus natürliche und sachgemäße Besprechung begrüßt, und die Berechtigung derselben anerkannt haben.
Ohne allen Zweifel handelt es sich bei der Darlegung diese» hochofficiäsen, dem Reichskanzler sehr nahestehenden
** auf das 1. Quartal 1876
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i®ie Exp..d. Obertz Zeit.
Organs, zu zeigen, daß die deutsche Regierung einen ganz besonderen Werth darauf legt, daß die gegenwärtige Vcr asiung in Oesterreich bestehen bleibt, und Graf Andrasiy, der sich al» einen zuverläfligen Freund, und als eine Stütze deS DreikaiserbündnisseS und damit deS europäischen Friedens bewiesen hat, in seiner Stellung erhalten werde. Die Grundlage des BündnisieS ist daS gegenseitige Verirauen. Daß ein solches aber nach der Herstellung einer ccntra- listijchen Verfasiung untergraben werden müßte, in sofern diese Aenderung ihre Spitze gegen das neue deutsche Reich kehren würde, ist nicht bloß Erfahrungssache, sondern ist ja von dem Hauptrepräsentanten dieser Richtung, Herrn v. Schmerling, selbst zugestandeu.
Grade diejenigen Elemente in Oesterreich, welche auf die konstante Entwickelung ihres Reiches Gewicht legen und nicht in eine Abenteuer-Politik sich hineinstürzen wollen, sollten sich über die offene Aeußcrung des ministeriellen preußischen Organs freuen und in demselben die Auffasiung oeS deutschen Reichskanzlers erblicken, wie diese in der Thai ist. Statt dessen aber gewähren uns eine gewisie Anzahl österreichischer Blatter einen höchst unerquicklichen Anblick, indem sie nämlich die Gelegenheit zu den gehässigsten Angriffen gegen den Reichskanzler und das von ihm insptrirte Organ benutzen. Daß übrigens diese Auffasiung der österreichischen Presie nicht von dem Grafen Andrasiy getheilt wird, geht daraus hexvor, daß dieser eioe, durchaus befriedigende Erklärung hat abgeben lasien, in welcher er da» Verhalten der österreichischen Presie bedauert, und dem ihm speciell nahestehenden Organ den Auftrag gegeben hat, den Artikel der Provinzial-Correspondenz nach seiner durchaus wohlwollenden Tendenz und als keineswegs für Oesterreich beleidigend, zu beurtheilen.
Wie wahr und zeitgemäß dieser Artikel ist, beweisen übrigens die Urtheile der ungarischen Presie, die nicht bloß die Darlegung der Provinzial«Korrespondenz bestätigte, sondern auch über die klare Aeußerung de» halbamtlichen Organs sich sehr erfreut erklärt.
Um so beschämender ist eS, daß auch ein Theil der deutschen Journalistik, theilS au« der ihm eigenthümlichen Neigung zur Opposition, theilS aus tendenziöser Böswilligkeit in das Urtheil der Wiener Journalistik eingestimmt hat, und dadurch wiederum beweist, das auch innerhalb der deutschen Presie noch Mangel an wahrem Sinn für deutsche Ehre theilweise erscheint und die PolitikdeS Reichskanzlers nicht immer verstanden, und richtig und unpar- theiifch beurtheilt wird._______________________________________
Tagesbericht.
Fürst Bismarck, der stch gegenwärtig auf da» angestrengteste den Geschäften widmet, erfreut sich einer durchaus befriedigend^! Gesundheit. Er hat stch in den letzten Tagen
auch mit der definitiven Gestaltung feiner zukünftigen Woh- nung, des Radziwill'schen Palais, beschäftigt, und Anord« nungen zur Neugestaltung der großen hinter beiden Gebäuden liegenden Parks erlassen. Es soll nämlich zunächst das Radziwillsiche Palais vollständig umgebaut, und mit großen Repräsentationsräumen versehen werden, während die jetzige Wohnung deS Reichskanzlers niedergerisien und zu einem Ämtsgebäude füp die politische Abtheilung deS auswärtigen Amtes hergerichtet werden soll.
Die Ablehnung der neuen Steuergesetze durch den Reichstag ist in den Bundesrathskreisen sehr mißliebig ausgenommen worden. Bekanntlich sind dieselben nicht von der preußischen Regierung auSgegangen, sondern von den kleineren Staaten mit Rückstchlj aus die unverhältnißmäßige Last der Matrikularbeiträge, in Anregung gebracht worden. Die Regierungen jener Staaten wollen sich bet der Ablehnunf deS Reichstages nicht beruhigen, und darauf dringen, da die Steuerreform in der nächsten Session wieder zur Bo läge kommt.
In den Abgeordnetenkreisen des Reichstage« findet da« Projekt der Uebernahme der Eisenbahnen durch das Reich eine viel größere Zustimmung als anfänglich erwartet wurde. ES soll eine Interpellation vorbereitet werden, um die Reichs regierüng zur schnelleren-.Förderung und.baldigen Anbahnung dieses Projektes anzuregen. ,. . ।
Die neuen Provinziallandtage werden in den Provinzen Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen am 3. Janu-1 ar, in der Provinz Preußen am 4. Januar, und der preu- . ßische Landtag bestimmt zum 13. Januar eröffnet werden.
Herr v. Girardin hat die Welt mit einer Seisations« ente beglückt, die an Lächerlichkeit ihres Gleichen ucht. Er veröffentlicht nämlich in dem Pariser Journal „L- France^ i ein Schriftstück, wonach Preußen im Jahre 1867 -ar Oester- reich ein Schutz und Trutzbündniß geschloffen sabe, (n r welchem sich Oesterreich verpflichtet, Preußen tn sacm Bestreben. die deutsche Einigkeit herzustellen, nicht zuemmen ' sowie stch in einem eventuellen Kriegsfälle mit Fnkceich 1 neutral zu verhalten. Dagegen habe Preußen s bereit 1 erklärt, Oesterreich bei der Erwerbung Bosnien« Hlfljch > sein zu wollen, und ihm die Souveränität über dftonau- t länder zu garantiren. Das gelungenste aber ist, dcvefter- reich stch verpflichten soll, wieder in den deutschen ad zu j treten, und seine Truppen Preußen unterzuordnen, hrend andrerseits Preußen gelegentlich die (einigen auch O-rcich unter ordnen will, womit also da« Resultat de« Äru von 1866 für Preußen rückgängig gemacht würde. E« Dirk- lich erstaunlich, wa» für Sottisen die Franzosen d,reu- > ßischen Regierung zutrauen. Abgesehen davon, daß Oiretch durch den Prager Frieden bereit» jedem Einfluß auf Ätsch' * land entsagt hatte, daher auch keine Einsprüche mehren ; die deutsche Einheit erheben konnte, und überdies d'Nett- ;
' - •; Die Nebelwitwe.
$>/' Original-Erzählung von F L- ,;iV /
Z« langsamen, scharf abgesetzten Schlägen tönte die mitternächtige Stunde vom uralten Thurme des Klosters hernieder. Zitternd verschwebte der Klang indem zewölb- ten Kreuzgange, wo die geweihte Lampe vor dem Mutter- gvtteSbilde brannte, da» in Stein auSgeiührt in feiner ruhigen Milde au» einer Nische herniederjchaute. Gerade au» und zur Rechten und Linken dehnte stch der Raum und verlor stch an der Grenze deS Schimmers in dunkle Ferne. Zuweilen strich es kühl und seufzend wie ein G-ffter hauch von dort herüber, der Sand auf den schwärzlichen Steinplatten deS Fußbodens knisterte wie unter flüchtigen, unhörbaren Tritten, und der leichte Zugwind brachte die einsame Flamme zum Wanken. Das Schweigen der Nacht waltete ringsum; die Bewohner der Zellen rührten auf ihren hatten Lagern, und von außen sahen nur die Sterne be» Himmels mit ihren tausend und tausend Augen in das Geheimniß be« grauen Gebäudes, mit seinen Höfen, Gängen und Vorplätzen, seinen ragenden Mauern unv Thürmen. Auch In den abgelegenen Saal, wo die Kostgänger deS Kloster« schliefen, blickten sie durch die hohen Spitzbogen finster mit den kleine«, mattblinkenden Scheiben. Sah zu dieser Stunde noch ein Augenpaar wachend zu ihnen empor, den himmlischen Friedensboten, vielleicht voll Sehnsucht, wünschend oder flehend? -
Bon den läng« der Wand gereihten Lagerstätten er' hoben sich friedlich die Athemzüge der S '.lafenven, der Draum spann sein Netz über Ilie seinem Bann Verfallenen. Nur auf der einen, recht«, dem Fenster zunächst, ließ der dämmernde Schein von außen die Umriffe einer aufrecht sitzenden Gestalt erkennen. Unbeweglich still verharrte sie, hki« vemgunch kein Laut vrrristh, haß sie wache, dqß sie,
lebe; die Hand stützte das von üppigem Haarwuchs bedeckte Haupt, dessen Stirn voll jugendlicher Reinheit und jugendlicher Schwärmerei sich h-rnieder senkte. Die Augen waren geschloffen, selbst nicht das Licht der funkelnden Himmel« körper durfte die tief in stch versunkene Seele ihrem Sinnen entziehen. Unb doch spielten in diese ihre Abgeschlossenheit Bilder und Gestalten beS Lebens hinein, lockenb oder ab« abschreckend, freundlich oder drohend. Au» der unbekannten Ferne winkte es herüber, griff mit Schauern des Entzücken», mit beklommener Ahnung an daS schlagende Herz. Aber enger und immer enger rückten die Schranken der flattern den Phantasie zusammen; ein tiefer, seliger Abgrund that sich auf, und von der Natu: bezwungen. sanken die Glieder in sich selbst zusammen, allmälig zurückgleitend auf das Kiffen.
Da fühlte der Träumer seine Schuster ersaßt, eine Stimme nannte seinen Namen, ein warmer Körper ließ sich aus den Rand des Bettes nieder und eine blühende Wanze schmiegte stch vertraulich dicht an die (einige. ,Du bist e«, Siegmund?" sagte er, ohne zu erschrecken; er wußte, daß eS sein Freund war, der in dem ungestörten Frieden der Nacht zu ihm kam, Worte der Zuneigung, des Verstäud- nisieS mit ihm zu tauschen, seinem Herzen, daS so unge duldig nach Mitgefühl, nach Mittheilung sich gxWt, Ge- -sellschaft zu leisten. . x., ,
Schnell ermuntert kam ihm die Besinnung, die Erinnerung wieder. Er erfaßte, er drückte die Hand deS Ange fcmmenen in der feinigcn. „Dank dir, daß du kommst, mein Getreuer, mein Bruder! O, warum muß ich dich hier zurücklasien, dich, dem beim ersten Anblick schon meine ganze Seele gehörte! Seit dem kurzen Jahr, daS du hier weilst, hatten Diele Manern Reize für mtch; alle Freude, die mir hier geworden, jeder rege Aufschwung deS Gefühls kam mir durch dich, durch, bdye warme Anhänglichkeit, deinen irischen,
freudigen Sinn. Sie trösteten, sie beglückten den lllein- 1 stehenden, den früh verwaiseten. Werde ich dafw einerj Ersatz wieder finden, wird das Leben in einer mir fremd i West, bei dem nie zuvor erschauten Verwandten mich dal Glück kennen lehren? Nun, da ich morgen schon von hi-, scheide, ersaßt es mich wie Bangigkeit und Zagen. SeiV sam, daß ich neben der hoffenden Freude etwa» wie dauern, wie unklare Furcht empfinde. Sprich du mit deiner ■ muthigen Sicherheit zu meiner Thorheit, schilt, verlache .i spotte mich aus, wenn du willst! Oder ist'«, weil ich da Gebete« vergaß, die Nacht, die e» mir anthat, und tarn-1! die schwächlichen Gedanken über mich, weil ich nicht schl- , konnte?" *;
Der andere schwieg eine Weile, ehe er halblaut" ■ jener erwiderte: „Du hast Recht, ChrysanthuS, dich thör .' zu nennen, weil du zagst, wo du dich ohne Rückhalt freu > solltest! Hättest du nicht zu mir gehalten von AnfaP ; j l liebte ich dich nicht wie meine Seele — sieh, ich kön ‘ t dir dein Glück mißgönnen. Jetzt kann ich mich tut v ■ - geduldig härmen, daß man meiner hier vergaß, dß die ft beengenden Manern mich fern halten sollen. Wa«"' " | und Nacht mich mit Sehnsucht füllt, was verlockend vd mir schwebt in Traum und Wachen — dir wird eS ob.il Wunsch und Zuthun. Ein günstiges Geschick thui die Pfor^l der Zukunft vir auf und im Sonnenglanz der Frech J geschmückt, verheißend breitet sie sich an» vor dir, dem L’ l dankbaren, der nicht jubelnd die Arme ihr entgegenstre stch nicht froh herzuvrängt, wo ich an seiner Stelle md glücklich priese!" 1
Er hielt ein in grollender Wehmuth, während CH | santhuS halb beschämt daS Wort nahm: „Siegmund, sp.,1 nicht also, tadle mich nicht, weil ich noch einmal in <??] danken mich zurückschmiege in daS, was bald hinter ; I auf immer zurückbleidt und versinkt. Wenn auch ich .‘1