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Marburg, Donnerstag, 31. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

Erscheint täglich autier an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal- Äbonnements-PreiS bei der Srvedition 2/« 'M., bei beit Postämter 2 Mt. -'0 Pfg. lexel. Best-llgeld). ^nsertions^ebüdr für die o-spaltene Zeile 10 Pfg Retlam n für die Zeile 25 Pfg.

(i)linlf cfftfdic jfitiing.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d Annoneen-Bureaux von Haasenstein undBoaler in Frankfurt a. M-, Caffel, Magdeburg und Wie», Rudolf Messe in Frankfurt a M., Berlin,München und Köln; G. L- Daude und <-'o. in Frankfurt a. ült.f Berlin, Hannover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. L. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

Mit dem 1. Januar beginnt ein neues Abonnement auf die in ihren 21. Jahrgang tretende Oberhessische Zeitung nebst deren Beiblätter

Amtliche Nachrichten für die Kreise Marburg u. Kirchhain und

Illustriertes Donntagsblatt.

Wir bitten die Bestellungen bei den Postämtern gefälligst bald machen zu wollen, damit in der Uebersen- dung keine Unterbrechung stattfindet. Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender beigefügt.

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der Bestellung bis zum 1. Januar die Oberhessische Zeitung gratis.

Das Jahr 1885.

Von den Toten soll man nur Gutes sagen! Das Jahr 1885 gehört oder doch bald zu den Toten, aber von ihm nur Gutes reden zu wollen, ist unmöglich. Wollte man es dennoch versuchen, so müßte man einen ganz bedeutenden Teil seiner Ereignisse rundweg fortstreichen, und das ist wiederum unmöglich. Und so muß denn das Endurteil ausgesprochen werden, daß das verflossene Jahr ein recht unruhiges und aufregendes gewesen ist, das durch feinen fortwährenden Kriegslärm auch Handel und Wandel Manche Schädigung bereitet hat. Wir in Deutschland können ebenfalls ein Lied davon singen (russisch-englischer Streit). Zu dem unaufhörlichen Spektakel in der Politik kamen dann noch wirtschaftliche Schwierigkeiten hinzu, die, wenn sie auch jetzt bereits teilweise wieder im Abzüge be­griffen sind, doch manchem den Kopf gehörig warm gemacht. Alles in allem genommen, brauchen wir nicht zu wünschen' daß sich das Jahr 1886 feinem Vorläufer ganz und

gar zum Exempel nimmt, 'Nicht viele würden ihm Dank dafür wissen.

Wir beginnen unsere Jahresübersicht im speziellen mit den Ereignissen am deutschen Kaiserhofe. Unser greiser Kaiser ist uns auch in diesem Jahre erhalten geblieben und am kommenden 2. Januar begeht er sein 25jähriges Regierungsjubiläum als König von Preußen. Ein Viertel­jahrhundert Geschichte hat damit seinen Abschluß erhalten, und welche Geschichte? Aus einem Bündel eifersüchtiger, getrennter Staaten ist eine Weltmacht, die erste Macht der Welt geworden, au deren Spitze Kaiser Wilhelm in er­habener Einfachheit und Bescheidenheit steht. Sorgenvoll richteten sich wiederholt die Blicke aller Deutschen nach dem Palais unter den Linden in Berlin, inehrmals war der greise Herr nicht unbedenklich erkrankt, aber immer wieder half ihm nächst Gott die Kraft und Rüstigkeit seines Körpers. So konnte denn der Kaiser bei der Enthüllung des Stand­bildes König Friedrich I. im Potsdcvner Lustgarten selbst die Ansprache an die Truppen halten, selbst dasPräsen- tierts Gewehr!" kommandieren. Sichtlich gekräftigt wurde der Kaiser durch den Besuch von Ems und Gastein, wo er mit Kaiser Franz Joseph von Oesterreich zusammentraf und auch die Kaiserin Elisabeth begrüßte. Zum Manöver suchte der Kaiser Karlsruhe und Stuttgart aus und wurde überall mit begeisterten: Jubel empfangen. Aber auch die Trauer ist neben so vieler Freude an den Kaiserthron her­angetreten : Prinz Friedrich Karl von Preußen, Fürst Karl Anton von Hohenzollern, Prinz August von Württemberg sind vom Tode dahingerafft und recht nahe ging dem kaiser­lichen Herrn auch das Dahinscheiden des Statthalters von Elsaß-Lothringen, Freiherrn von Manteuffel. Im übrigen blieb das Kaiserhaus und die deutschen Fürstenhäuser von Trauerfällen verschont.

Eine für einen deutschen Minister und Staatsmann noch nicht dagewesene Huldigung brachte sein 70. Geburts­tag am 1. April dem Reichskanzler Fürsten Bismarck. Der Kaiser und die deutschen Fürsten, weite Volkskreise brachten dem Kanzler ihre Glückwünsche dar, der sich im allgemeinen während des ganzen Jahres ziemlich wohl be­fand, trotzdem er, wovon weiter unten die Rede, nament­lich durch die auswärtige Politik in ganz außerordentlichem Maße in Anspruch genommen war. Im Reichstage gab die Ablehnung für den Direktor im Auswärtigen Amt vom 15. Dezember v. I. und die Adressenbewegung, welche dar­aus folgte, Gelegenheit zu sehr scharfen und heftigen De­batten, bis endlich bei der dritten Etatsberatung die Summe bewilligt wurde. Eine Auflösung drohte eine Zeitlang dem Reichstage, da für die Verlängerung des Sozialisten­gesetzes wenig Stimmung vorhanden zu sein schien. Das Gesetz wurde aber doch noch auf ein Jahr verlängert. Von den vom Reichstag beschlossenen hervorragenden Gesetzen nennen wir das über die Dampfersubvention, die neue Börsensteuer und endlich die neuen Zollerhöhungen für Ge­treide, Holz rc. Aus der im November begonnenen neuesten

Session des Reichstags ist die bekannte Kaiserliche Botschaft zu den Polenausweisungen zu erwähnen, die Auseinander­setzung zwischen dem Reichskanzler und Herrn Windthorst. Die Hauptarbeit fällt in das neue Jahr, namentlich auch die Diskussion des Branntweinmonopolprojektes. Der preu­ßische Landtag nahm das Verwendungsgesetz des Abgeord­neten v. Hüne, welches die Verteilung der auf Preußen entfallenden Summen aus den neuen Getreidezöllen rc. regelt, an, und das Lehrerpensionsgesetz. Eine ganze Reihe neuer Bahnlinien wurde bewilligt, im Kirchenstreit aber kein Fortschritt gemacht. Zu erwähnen sind hier lediglich die Neubesetzungen der Erzbistümer Köln, Ermland und Limburg. Aus den anderen Bundesstaaten heben wir her­vor, daß nach langen Streitereien endlich die Braunschweiger Frage zum Abschluß gelangte. Der Herzog von Cumber­land wurde von der Thronfolge ausgeschlossen, Prinz Albrecht von Preußen einstimmig zum Regenten gewählt, der sein Amt mit guten Aussichten angetreten. In Baden ver­mählte sich der Erbgroßherzog mit der Prinzessin Hilda von Nassau, und aus Sachsen kam großer Jubel über die dortige brillante Finanzlage, die beste unter allen deutschen Bundesstaaten. Ja, die Sachsen! Das neue Jahr bringt für die innere Politik im Reiche wieder eine Reihe von wichtigen Aufgaben. Im Vordergründe stehen immer noch Finanz- und Sozialpolitik, und manche Nuß wird da noch zu knacken sein.

Seit dem Vorjahre ist Deutschland in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten. Die Kolonialpolitik stand da­her im Reichstage, wie außerhalb desselben, mit im Vor­dergründe. In Berlin hatten wir zu Anfang dieses Jahres noch die Afrikanische Konferenz, aus deren Beratungen als neues Staatswesen der Kongostaat hervorgiug. Unsere eigenen Kolonieen haben sich bedeutend ausgedehnt und cs ist an der Kolonisation eifrig fortgearbcitet worden. Resul­tate kann erst die Folgezeit ergeben. Aus dem Kvlonial- Erwerb erwuchsen uns eine Reihe von Streitigkeiten, die erfreulicherweise, wenn auch manchmal nach ziemlichem Lärm, stets zu einem friedlichen Abschluß führten. Nur in Kamerun kam es zu Weihnachten des Vorjahres zu dem bekannten Zusammenstoß zwischen unseren Blaujacken und den deutschfeindlichen Negern. Die englische Eifer­sucht auf die deutsche Kolonialpolitik führte zu scharfen Auseinandersetzungen und Fürst Bismarck sagte den Herren Gladstone und Lord Granville im Reichstage ziemlich derb die Wahrheit. Man sah in London seine Thorheit, Kra- kehl umEchts anzufangen, ein, und die Sache verblutete sich wieder. Als Friedensbote kam der englische Thron­folger, der Prinz von Wales, zu Kaisers Geburtstag nach Berlin, nachdem vorher Graf Herbert Bisnmrck in London erfolgreich unterhandelt hatte. Kolonialkonflikt Nr. 2 war der Zank mit dem Sultan von Zanzibar, der sich beim Erscheinen der deutschen Flotte fügte, und Nr. 3 der Karolinenstreit mit der Deutschenhetze in Spanien, Be­schimpfung der deutschen Gesandtschaft in Madrid rc., der

Heißer Sin».

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Als er nun William v. Rospangen kennen gelernt und sehr bald sich überzeugt habe, doß der junge Offizier Sel­ma aufrichtig und ehrlich liebe, da habe er immer noch ge­schwiegen, um erst Williams Liebe zu erproben; würde er dieselbe stark genug finden, um, allen Vorurteilen trotzend, die bürgerliche Künstlerin sich zu erheben und zu seiner Gemahlin zu machen, dann konnte er auch mit Recht anneh­men, daß diese Liebe fürs ganze Leben vorhalten und Sel­ma glücklich werden würde.

Nun weißt 2)u/ fuhr Reinhard fort,weshalb ich Williams Liebe zu Dir begünstigte, weshalb ick so leicht Herrn v. Rospangens Einwilligung zu Eurer Verlobung erlangte. Du siehst nun, meine liebe Selma, daß Du aus edlem Hause kommst, daß dieses nur eine verhältnismäßig kurze Zeit unter dem Druck der Verarmung verdunkelt und verschollen gewesen, jetzt aber so stolz und reich dasteht wie nie zuvor! Und nun, Selma, erwartet Dich Herr v. Rospangen, der Bruder Deiner Mutter, mit Sehnsucht: er hat Dich, Deine Mutter und seinen Vater Deinen Groß­vater jahrelang eifrig, leider aber vergeblich gesucht. Mich freut es doppelt, mein Kind, daß ich der erste sein darf, dem es beschieden ist, Dich als Baronesse Blankenberg zu begrüßen/ schloß er lächelnd und dem gänzlich verwirrten Mädchen die Hand entgegenstrcckend.

Selma ergriff die Rechte ihresOheims" und preßte leidenschaftlich ihre Lippen auf die schmale, weiße Hand Reinhards, der ihr eine Reihe von Jahren hindurch ein Vater im wahrsten, vollsten Sinne der Wortes gewesen

war. Sie war bestürzt; wie träumend hatte sie seine Ent­hüllungen vernommen. Endlich fand sie Worte:

Wie ist denn das alles nur mögltck?! Träume ick oder habe ich Wahrheit gehört?! Williams Vater ist der Bruder meiner Mutter?! rief sie starr vor Eistaunen. Er also mein Cousin?!"

Traurig mit dem Kopfe nickend setzte sie hinzu:

Jo, ja nun versteh ich, warum sie immer so traurig war und so bleick, und so viele Thränen mein Gesicht netz­ten, wenn sie mich küßte .... Nur schwach kann ich mich meiner armen Mutter erinnern, aber ich weiß, daß sie arm, unglücklich war. Und dabei war sie eine Baronin?! war von Jugend auf an Glanz und Reichtum gewöhnt?!"

Thränen begannen reichlich über die Wangen der jungen, schönen Künstlerin zu perlen, sie galten dem Leid ihrer ver­storbenen Mutter.

Und mein armer, unglücklicher Großvater," fuhr sie fort,wie muß er erst gelitten haben! Und nie bat er geklagt! Wie konnte er nur so ruhig, so ergeben, so zu­frieden sein?! und obenetn bei dem traurigen, gedrückten Leben, das er in London führte?!"

Lange saß sie still. Ihre Gedanken weilten jetzt bei den beiden geliebten Tote». Reinhard ehrte ihr Gefühl und ließ sie allein.

Eine Stunde und noch mehr war verstrichen. Selma hatte ihr gesammtrS vergangenes Leben vor ihrem Geist« vorüberzieben lassen. Sie stand jetzt vor einem neuen Ab­schnitte desselben und eine glänzende, ihr Glück sichernde Zukunft lag vor ihr.

Wie reich an Erfahrungen, an Schicksalswechsel, wie vielseitig nach allen Richtungen hin war ihr bisheriges Leben nicht schon gewesen, obgleich (8 so kurz; wie arm waren

Beide sie und ihr G oßvater in London-, tu dem engen, kleinen Stübchen! Und doch war sie zufrieden gewesen trotz des mühseligen Notenkopierens; sie hatte ja, so weit sie denken konnte, ein besseres Leben nie gekannt.

Als dann der Großvater gestorben war, da kam sie aller­dings in ganz andcrezVerhältnisse: Reinhard führte sie der Kunst zu, schuf ihr ein sorgenloses Dasein und sie fühlte sich glücklich wie nie zuvor. Auch jener Zeit ihrer mit Worten nie offenbarten ersten Liebe, dieses Mißverständnis­ses ihres Herzens, weihte sie einige Augenblicke der Erin­nerung und sie fühlte es jetzt wohl, daß jenes Gefühl für ihren Beschützer doch nur in der Verehrung gegipfelt hatte, welche das übervolle, dankerfüllte Mädchenherz gegen den Mann empfunden, der mit fester und sicherer Hand, mit klarer Erkenntnis der Verhältnisse und der Zukunft sie ins Leben eingeführt und bis heute ihr wie ein forgltcher Vater zur Sette gestanden hatte.

Hatte Selma sich doch auch ohne inneren Kampf und schnell getröstet, sobald sie damals in Paris zu der Einsicht gelangt war, daß Reinhard ihre Neigung nicht erwidere. Wie ganz anders würde es jetzt sein, mußte sie denken, wenn William sie nun verschmähen, sich von ihr abwenden sollte?! Sie fühlte, daß sie seinen Verlust nicht verschmerzen könnte, nicht im Stande wäre, sich ferner, ttn täglichen Umgang mit ihm vielleicht, ei« ähnliches Verhältnis zu denken wie mit Reinhard.

Ruhige, innere Seligkeit war über sie gekommen; nicht äußere Freude zeigte sie über die frohe Botschaft Reinhards, noch über die ihr bevorstehende glänzende Lebensstellung: war sie sich dock selbst kaum bewußt, wie nachhaltig und bedeutend diese Veränderung in ihr Leben etngreifen mußte.

(Fortsetzung folgt.)