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Mr. 301

Marburg, Dienstag, 29. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

H^cheint täglich außer an «Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Mennements-PreiS bei der tiriebition 2*/« Mk, bei den Postämter 3 Mk. 50 Mz. lexcl. Bestellgeld), crusertions-iebabr für die gespaltene Zeile 10 Mg. Reklam n für die Zeile 25 Pfg.

GklWschk Mittig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d BlotteS, sowie b. Annoncen-Bureaux von Haosenstein unkBoater in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Franlsnrt a M-, Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube uni» ßo. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u.Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Sonutagsblatt.

Expedition- Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Loch.

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Mit dem 1. Januar beginnt ein neues Abonnement auf die in ihren 21. Jahrgang tretende Oberhessische Zeitung nebst deren Beiblätter

Amtliche Nachrichten für die Kreise Marburg u. Kirchhain und

Illustriertes Gonntagsblatt.

Wir bitten die Bestellungen bei den Postämtern gefälligst bald machen zu wollen, damit in der Uebersen- dung keine Unterbrechung stattfindet. Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender beigefügt.

Der Quartalspreis bei den Post­ämtern beträgt M. 2,50 und Bestell­geld 40 Pfg.

Neuzugehende Abonnen­ten hiesiger Stadt erhalten vom Tage der Bestellung bis zum 1. Januar die Oberhessische Zeitung gratis.

Deutsches Reich.

Berlin, 27. Dez. Am Weihnachts-Heiligabend waren sämtliche Mitglieder der kaiserlichen Familie, soweit die­selben in Berlin anwesend, mit den Majestäten im Palais zur Weihnachtsfeier vereinigt. Der Kaiser, der sich im erfreulichsten Wohlsein befindet, war in heiterster Stimmung. Am 1. Festtage empfingen der Kaiser und die Kaiserin den aus Gesundheitsrücksichten von seinem Amte zurück­tretenden Oberhofmarschall v. Pückler in Abschiedöaudienz. Der Kaiser hat ihm den Schwarzen Adlerorden in Brillanten verliehen. Weiter wurde der Reichskanzler von beiden Majestäten empfangen. Um 5 Uhr fand Familiendiner im kronprinzlichen Palais statt. Gestern und heute erteilte der Kaiser Audienzen und empfing den Besuch der Mit­glieder der kaiserlichen Familie. Am zweiten Feiertag mittag wurde dem Kaiser eine überaus herzliche Ovation dargebracht. Der Aufzug der Schloßwache hatte Tausende

vor das Palais gelockt und brausende Hurrarufe er­schütterten die Luft, bis der Kaiser, wohl und frisch aus- schend, an das Fenster trat. Immer wieder dankte der greise Monarch mit freundlichem Lächeln. Der Andrang war so groß, daß die Wache kaum vorüberpassieren konnte.

Berlin, 24. Dez. DerReichsanzeiger" meldet: Zur Feier des Regicrungsjubiläums des Kaisers findet am 3. Zanuar ein feierlicher Gottesdienst in der Schloßkapelle statt und daran anschließend eine Gratulationskour im Weißen Saale des königl. Schlosses, woran neben anderen Kategorien auch die Chefs der fürstlichen und vormals reichsständischen gräflichen Häuser teilnehmen. Der Hof­marschall Graf Perponcher ist an Stelle des Grafen Pückler zum Ober-Hof- und Hausmarschall, der Vize-Oberstallmeister von Rauch zum Oberstallmeister ernannt worden. Der Staatsanzeiger" publiziert einen allerhöchsten Erlaß, be­treffend das Statut der königlichen Bibliothek zu Berlin. DieRordd. Allg. Ztg." schreibt: Rach amtlichen Berichten aus Sansibar wurde dort am 20. Dezember an Bord des Bismarck" der Handelsvertrag zwischen dem deutschen Reiche und dem Sultanate von Sansibar unterzeichnet. Das Vertragsinstrument überbringt ein Marineoffizier, der Sansibar bereits verlaffen hat. Die Vorlage desselben an den Bundesrat und den Reichstag ist noch im Laufe dieser Session zu erwarten. Die Verhandlungen haben Ende Oktober begonnen; sie wurden auf deutscher Seite durch den Kontre-Admiral Knorr und den kommissarischen General- Konsul Travers geführt und fanden, dank dem Entgegen­kommen und der freundschaftlichen Haltung des Sultans einen schnellen und günstigen Abschluß. Der Vertrag ent­hält eine Reihe neuer und wichtiger Bestinimungen, wobei insbesondere den Wünschen des zunächst beteiligten Ham­burger Handelsstandcs Rechnung getragen wird. Auch die neuen, durch die Erwerbungen der ostafrikanischen Gesell­schaft entstandenen Interessen fanden eine besondere Be­rücksichtigung, insofern für gewisse, nach den deutschen Schutzgebieten bestimmte Artikel, speziell landwirtschaftliche Maschinen, Geräte und Materialien zur Anlage und zum Betriebe von Eisenbahnen und Tramways vollständige Jmportzollfreiheit stipuliert wurde. Hiernach ist zu er­warten, daß das Friedenswerk, an besten Gelingen der Takt und die Umsicht des Befehlshabers des Geschwaders einen wesentlichen Anteil hat, dazu beitrage, die Beziehungen zwischen dem deutschen Reiche und Sansibar und dessen Herrscher enger zu knüpfen und eine sichere Grundlage für den deutschen Handel in den deutschen Kolonialuuternehmungen in Ostafrika zu bilden. Heute vormittag fand Hierselbst die Unterzeichnung des Protokolls statt, betreffend deutsche und französische Besitzungen an der Westküste Afrikas und in der Südsce. DieBerl. Polit. 91." bringen einen offiziösen Artikel, in dem sie für das Branntweinnwnopol plaidieren. Nachdem die vielfach vorgeschlagene Ersetzung der Maischraumsteuer durch eine hohe Fabrikatsteuer und

ebenso eine Erhöhung der Maischraumsteuer als ungeeignet bezeichnet worden sind, heißt es: Scheine daher die vor­zugsweise bisher erörterte Form der Spiritussteuer wenig geeignet, den Anforderungen zu genügen, welche an eine Reforni dieser Steuer zu stellen seien, so liege es auf der Hand, daß neue Methoden der Besteuerung, vor allem also die Form des Monopols, in den Kreis der Erörterung gezogen werden müßten. Gerade dieses könne, wenn auf richtiger Basis durchgeführt, all den Anforderungen genügen, die man an eine gute Reform der Branntweinbesteuerung stellen müste. Es dürfe dann aber nicht ein Rohspiritus­monopol, sondern müsse ein richtiges Branntweinmonopol sein. Der Staat müsse Eigentümer des gesamten Spiritus und alleiniger Verkäufer des Branntweins werden. Nur dann könnten alle beteiligten Interessen Berücksichtigung finden. Freilich seien die Schwierigkeiten bei Durchführung solcher Aufgaben groß, aber unlösbar seien sie nicht. DieBerl. Polit. Nachr." berechnen für die ersten zwei Monate feit Einführung des neuen Börsensteuergesetzes einen Mehrertrag von dreiviertel Millionen Mark. Das­selbe Organ berichtet über eine Verfügung des Finanz­ministers v. Scholz: Die Lex Huene bestimmt, daß die Ver­teilung derjenigen Beträge, welche aus den landwirtschaft­lichen Zöllen an die Kommunalverbände überwiesen werden, zu Zweitdrittel nach dem Maßstabe der in den einzelnen Kreisen aufkommenden bezw. fingierten Grund- und Ge­bäudesteuer erfolgen soll, soweit solche nach den Grund­sätzen der Kreisordnung vom 13. Dezember 1872 durch Zuschläge zu den Kreissteuern herangezogen werden kann. Damit die erste Verteilung stattfinden kann, ist es not­wendig, zunächst die auf die einzelnen Kreise treffenden Beträge an Grund- und Gebäudesteuer, sowie an fingierter Grund- und Gebäudesteuer nachzuweisen. Der Finanz­minister hat demzufolge eine Verfügung an die königlichen Regierungen erlassen, nach welcher die betreffenden Nach­weisungen bis zum 15. Februar 1886 einzureichen sind. Da eine Verteilung der zum, erstenmal verfügbar werdenden Summe erst nach Beginn des Etatsjahres 1886,87 auf die alsdann bestehenden Kreise erfolgen kann, wird für die Angabe der letzteren die vom 1. April 1886 ab gültige Einteilung bezw. Abgrenzung allgemein zum Anhalt zu nehmen sein. DerMagdeb. Ztg." wird gemeldet: Die Nachricht, wonach ein neues Berufskonsulat für Sofia ge­schaffen und hierzu ein Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt, v. Saldern, berufen sein soll, erweist sich als Erfindung. Als der frühere Generalkonsul in Sofia, Herr v. Braun­schweig, zum Chef der außerordentlichen Mission an den Schah von Persien und später zum persischen Gesandten ernannt worden war, wurde Herr v. Saldern als Vertreter des Generalkonsuls nach Sofia gesandt. Das ist alles, von weiterem war überhaupt nicht die Rede. Richtig ist, daß Herr v. Saldern im künftigen Jahr hier erwartet wird.

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Ich habe hier bet mir das Vermächtnis Ihres Vaters, Herr v. Rospangen, das er mir gegeben hat und mit der dringenden Bitte, cs genau zu lesen und in allen Stücken danach zu verfahren, um wenn möglich seiner Enkelin die Rechte und die Lebensstellung wieder zu verschaffen, welche sie verloren, aber einzunehmen ein Recht hat.*

Sie ist die Tochter meiner Schwester," erwiderte der Freiherr,und gern will ich gut machen, was ich an den Rechten ihrer Mutter geschmälert habe. Jahrelang habe ich nach dem Vater, nach meiner Schwester und ihrem Kinde vergeblich geforscht; glauben Sie mir, Herr v. Brunner, ich habe mich in Reue zermartert und Alles, was ich besitze, gäbe ich gern hin, könnte ich dadurch gut machen, was ich an meinen Eltern gesündigt habe! Die Zeit der Erkennt­nis kam für mich leider, als es zu spät war, als Alle, welche mich einst so sehr geliebt, schon durch mich ins Un­glück gestürzt waren! Sie sind nun Alle tot!" setzte er vor sich hinstarrend dumpf hinzu.Alle!*

Es war bittere, wahre Reue, die ihn marterte, und Reinhard bemitleidete jetzt den Mann, den er noch am Abend zuvor schonungslos verdammt hatte. So reuig und de­mütig hatte er den stolzen Mann nicht zu finden erwartet.

Eine Zeitlang saß der Freiherr in sich zusammengesunken da; er schien die Gegenwart des Fremden ganz vergessen zu haben. Bilder aus der Vergangenheit zogen an seiner Seele vorüber: er sah die schöne, sanfte Mutter, den stolzen, aber gegen ihn mehr denn zu guten Vater; dann war erst die Mutter gestorben, zum Tode getroffen durch den Kummer, deu er der einzige Sohn seinen Eltern bereitet. Sein

Vater war Musikus geworden, weil er ihn durch seine Ver­schwendung, seine Leidenschaft fürs Spiel nack und nach um Alles, ja selbst um das Stammgut der Familie gebracht; der alte Mann mußte für sich, seine Tochter und deren Kind a> beiten, mühsam arbeiten, im fremden, nichtdeutschen Lande . . Im Elend war erst die Schwester, dann der Vater fern von der Heimat gestorben und begraben, und das Geschick seiner Enkelin mußte der Großvater in die Hände eines Fremden legen ...

Langsam fuhr Herr v. Rospangen mit der Hand über die Stirn, dann sagte er:

Und wo ist die Tochter meiner Schwester? Bitte erzählen Sie mir von ihr! Ich danke Gott, daß fte noch lebt und ich zum Teil wenigstens an ihr werde gut machen können, was ich verschuldet habe!*

Reinhard erzählte dem Freiherr» nun Alles, was seine Pflegebefohlene betraf. Er sprach von ihrem Talent, von ihrer Schönheit, ihren Studien auf dem Pariser Conserva- torium und ihren Trtumvfen als Sängerin. Dann weiter: wie sie hierher nach der Residenz gekommen, wie sie William kennen gelernt und er, Reinhard nach und nach erfahren, daß der Freiherr der Bruder von Selmas Mutter sei. Von der Liebe der beiden jungen Leute sprach Reinhard noch nicht.

In Gedanken versunken hatte der Andere ihm zugehört. Oft hatte er den NamenSelma Spang* in Verbindung mit bem höchsten Lobe dieser Künstlerin nennen hören hätte er ahnen können, daß diese Künstlerin seine Nichte

Ja,* sagte er nach einer Pause,eS ist eine Naturgabe in unserer Familie, das musikalische Talent, und namentlich unsere Frauen haben sich ausgezeichnet durch hinreißend schöne Stimmen; keine aber von ihnen hatte bis jetzt nötig gehabt, ihr Glück damit zu machen, für Geld zu singen.

Er hatte in bttterm Tone gesprochen, den ganzen ver­letzten Stolz des in seinem Innersten gekränkten hochgebo­renen Mannes in seine Worte hinein gelegt.

Es wäre mir lieber gewesen,* schloß er,meine Nichte arm, ja als Bettlerin wiedergefunden zu haben, denn als eine Künstlerin, welche sich für Geld bewundern läßt, und vor Jedem singt, der 10 Maik Entrse bezahlen kann!"

Reinhards Stirn überflog ein unmutiges Erröten und seine Antwort lautete streng:

Herr v. Rospangen, daß es so kommen mußte, ist nicht die Schuld Ihrer Nichte: es war der Wunsch Ihres Vaters allerdings unter der Voraussetzung, daß ich Selma zur Seite bleiben würde. Ich habe dem Wunsche des Sterben­den entsprochen, habe seine Enkelin nicht einen Augenblick verlassen oder aus den Augen verloren und kann Ihnen auf mein Ehrenwort die feste Versicherung geben, daß Selma v. Blankenberg eine ebenso bedeutende Künstlerin wie sie ein reines, edelgesinntes und schönes Mädchen ist! Ihr Leben ist ohne jeglichen Schatten und Vorwurf, und ist be­rechtigt, den Namen, der ihr gebührt, mit Stolz zu führen; sie wird demselben Ehre machen!"

Der Freiherr war unter diesen Worten moralisch zusam­mengeknickt. Sichtlich verlegen und betroffen entgegnete er:

Verzeihen Sie, Herr v. Brunner, ich hatte einen Augen­blick vergessen, daß ein Edelmann meiner Nichte Beschützer, gewissermaßen ihr Vormund und der Vollstrecker des letzten Willens meines unglücklichen Vaters gewesen. Ich fühle es, daß ich Sie durch meine Aeußerungen habe verletzen müssen, der ich Ihnen zu so großem Danke verpflichtet bin. Bringen Sie mir meine Nichte: mein Haus soll fortan ihre Heimat, meine Familie die ihrige sein und an ihr will ich meine Schuld sühnen!" (Fortsetzung folgt.)