Nr. SO».
Marburg, Freitag, 25. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
grsteint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und F«jertagen. - Quartal« AbonnementS-VreiS bei der Expedition 2>/< Mk, bei br« Postämter 2 Mk. 50 Pfg. iexcl. Bestellgeld». JnsertionSaebübr für die «spalten« Zeile 10 Psg. Revam n tür die Zelle 26 Pfg.
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Anzeigen nimmt oatgeg« die Expedition d. 551a 1kl, sowie d.AnnoneeN'Bnreaux von Hoasenstein undBooler in ^rentfurt a. M , Gaf<, Magdeburg und Wtoa, Rudolf Moffe in Frankfnot a M , Berlin,Vünchen»nd Köln; ®. L. Daube und 6o. in Franksurt a. M-, Berlin, Hannover u.Paril.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchljain. — Zlliistricrtcö Tonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Amtliche Nachrichten für die Kreise Marburg u. Kirchhain und
Illustriertes Sonntagsblatt.
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Deutsches Reich.
Berlin, 23. Dez. Der Unterrichts Minister hat die Königlichen Provinzial-Schulkollegien wissen lassen, daß er für sich von selbst verstehend erachte, daß die höheren Lehranstalten das Regierungs - Jubelfest des Kaisers als König von Preußen am ersten Sonntage nach dem Schlüsse der Weihnachtsferien festlich begehen. Die Anordnung der Feier bleibt den Direktoren überlassen. — Der bevorstehenden Session des preußischen Landtages wollen die „Berl. Pol. Nachr." eine nur kurze Dauer vindizieren. Außer dem Etat und den zugleich Verkehrs- und finanzpolitischen Vorlagen, deren Einbringung bevorsteht, dürfte von größeren organischen Gesetzentwürfen zunächst nur die Kreis- und Provinzialordnung für Westfalen zu gewärtigen sein, deren Durchberatung voraussichtlich allerdings nicht unerhebliche Schwierigkeiten bieten werde, obwohl die meisten Prinzipienfragen bereits bei der entsprechenden Vor-
Weihnachten.
Die Glocken läuten durch die stille Nacht, SDHt Eis bemalt sind die Scheiben, Die Englein halten an dem Fenster Wacht, Und schau'n auf das fröbliche Treiben; Doch leise weht es von Haus zu Haus, Heber Stadt und Land in die Welt hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe!"
Im Himmelssaale ein Christbaum steht, Umfunkelt von tausend Flämmcheu, Chrtstkindlein den Baum umgebt, Hängt Gaben die Füll an die Stämmchen Doch leise weht es von Haus zu Haus, Ueber Stadt und Land in die Welt hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe!"
In die Hütten eilt eS wie in den Palast, Erfüllet die Herzen mit Wonne, Eilt weiter und weiter ohne Ruh' und Rast, Mit Aeuglein, so klar wie die Sonne, Und leise weht es von Haus zu Haus, Ueber Stadt und Land in die Welt hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe!"
Im warmen Stübchen, da ist es so traut, Von Tannenduft lieblich umwoben, Die Kindlein, sie lachen und jubeln laut, Und preisen den Höchsten da oben, Denn leise weht es von Haus zu Haus, Ueber Stadt und Land in die Wett hinaus: „Ehre sei Gott in der Höhe!"
läge für Hannover und Hessen-Nassau entschieden wurden. Ausgeschlossen sei es freilich nicht, daß im Gefolge der NeichSgesctzgebung gesetzgeberische Aufgaben erwachsen, wie sie in Bezug aus die Beteiligung Preußens an dem Nordostseekanal ohnehin in Aussicht stehen. Dies könnte z. B. wohl der Fall sein, wenn, wie dies vor einigen Tagen von anderer Seite angeregt wurde — mit welchem that- sächlichen Hintergründe vermag die genannte Korrespondenz nicht zu sagen — eine Beteiligung der Kommunen an den Erträgen der Branntweinsteuer in Aussicht genommen würde. Sollte dies wirklich der Fall sein, "so wäre zu wünschen, daß die gesetzgeberische Initiative dazu führte, daß mit Hülfe dieser Mittel einer organischen Re- sorm der Kommunal- und Schullasten der Weg geebnet würde. Aber auch abgesehen davon würden ohne Zweifel die Vorbereitungen zum Abschluß gebracht, um im Falle erneuter Angriffe gegen die preußische Volksschule nötigenfalls das gesetzliche Fundament derselben zu verstärken — In Bezug auf das Branntweinmonopol schreibt die „Post": „Auch für uns ist das Monopol wegen der damit notwendig zusammenhängenden Eingriffe in die wirtschaftliche Bewegung und sonstiger Schattenseiten an sich nichts weniger als sympathisch; es würde uns nur dann gerechtfertigt erscheinen, wenn zur Erreichung des vorbezeichneten Zieles ein anderer geeigneter Weg sich nicht darbietet. Darüber wird natürlich erst dann sich urteilen lassen, wenn die Pläne der Regierung greifbare Gestalt gewinnen. Was vorher an Verdikten gefällt wird, ist nicht von sachlichem Ernste, sondern von dem Agitationsbedürfnis diktiert. Uns widerstrebt natürlich eine solche Sachbehandlung auf das Aeußerste, das demagogische Treiben der Herren Richter und Genossen scheint uns ernster und patriotischer Männer unwürdig, und das nicht in geringerem Grade, weil ihnen die „Germania" Beifall zollt. Ergiebt sich bei eingehender sachlicher Prüfung der Vorschläge der Regierung, daß auch ein anderer Weg ohne Schädigung der Landwirtschaft zum Ziele führt, dann mag man ihn einschlagen; xeigt sich aber, daß das Monopol das einzige geeignete Mittel zur Erreichung der erstrebten Zwecke ist, so würde es überhaupt verkehrt sein, lediglich ans dem Grunde vor der Ergreifung desselben zurückzuschrecken, weil es eben ein Monopol ist. Das hieße nichts anderes, als das ernste und schwere Interesse unseres Landes doktrinären Anschauungen opfern."
Potsdam, 23. Dez Das heutige Bulletin konstatiert eine recht gute Nacht bei dem Prinzen Wilhelm. Das Fieber hat seit gestern abend aufgehört, die katarrhalischen Erscheinungen haben sich bedeutend gemindert.
Leipzig, 23. Dez. Das Reichsgericht verwies den Chemnitzer Sozialistenprozeß zur nochmaligen Verhandlung an das Landgericht zu Freiberg.
Ausland.
Paris, 22. Dez. Es war der Knabe Parzival, der
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Frieda ging unruhig in ihrem Boudoir auf und ab. Bet jedem Ton der Hausglocke zuckte sie zusammen und eilte zum Fenster, um sich zu vergewissern, ob der Ankommende ihr Bruder, ob cs der Oheim Selmas sei.
Um die Mittagsstunde hörte sie einen Wagen vorfahren.
Sie öffnete das Fenster und sah einen Herrn aussteigen, in welchem sie denselben Mann zu erkennen glaubte, der im letzten Konzert sich angelegentlich mit William unterhalten hatte — den Oheim der Künstlerin.
Gespannt horchte Frieda auf seine Schritte; sie hörte, wie er an ihrer Thür vorbei zu ihres Vaters Kabinet geführt ward, und dort eintrat. Sie lauschte, um zu hören, ob er bald wieder jenes Kabinet verlassen werde — doch die Unterredung der beiden Herren schien eine lange werden zu wollen, formt eine Stunde war bereits vergangen und noch immer blieb bet Oheim Selmas bei dem Freiherrn v. Rospangen.
Hätte Frieda ahnen können, was in der Zeit dort vorging! —
„Reinhard v. Brunner" — so hatte der „Oheim" der Künstlerin sich bei dem Freiherrn melden lassen, so lautete auch die Karte, welche der freiherrliche Bediente seinem Herrn auf silbernem Tablet überreichte.
Dem hochstolzen Edelmann gegenüber wollte auch Reinhard als Edelmann auftreten.
„Herr Baron," eröffnete er, nachdem er auf die Einladung des Herrn v. Rospangen diesem gegenüber Platz genommen, die Unterhaltung, „cg ist ein äußerst delikater Punkt, der mich zu ihnen führt."
niemals etwas von den Rittern und ihren Aventurien vernommen hatte. Wäre seine schöne Unwissenheit doch auch dem Pariser Berichterstatter in der Abenteuerpolitik von Tonking beschicken, mit welcher Ursprünglichkeit würde er dann von den Tonkinesen Freppel, Paul Bert und tutti quanti sagen und singen! Aber so ...! Das Bismarcksche Wort von dem scheinbar endlosen Zug der Statisten in der Jungfrau von Orleans, mit dem er die Richterschen Reden verglich, läßt sich wahrlich auch auf die Tonking- debatte anwenden. Aber der Roggen wird freilich nie so ausgedroschen, daß nicht doch noch hier und da ein Körnchen zum Vorschein käme. Wenn beispielsweise Herr Bischof Freppel mit martialischer Energie kaltblütig von der „Rache der Zukunft" spricht, als wenn sie seinem christlichen Gewissen als etwas Selbstverständliches erschiene, wenn er von seiner Parlamentskanzel herab verkündet, daß die mit der Räumung Tonkings verbundene Erniedrigung Frankreichs für Elsaß nicht das Signal für die Befreiungsthat der Zukunft sei, wenn er sich schließlich seiner Freunde in Elsaß-Lothringen rühmt, die ihm beistimmen, so sind das Bekenntnisse, welche für uns doppelten Wert haben und beweisen, daß die Anhänger der Tonkingpolitik ebenso chauvinistisch denken, wie die, welche bei Tage oder bei Nacht-----rücken wollen. Nicht minder bezeichnend, wenn
vielleicht auch minder interessant für uns, ist die Art, wie die ritterliche Rechte einen der ihren behandelt, trotzdem er ein Monseigneur, ein Kirchenfürst ist. Offenbar wollte sie beweisen, daß sie, was den Ton betrifft, viel vergessen und von der Republik.... viel gelernt hat. Ueber die Zukunft Frankreichs klärt uns Clemeuceau mit dem vielsagenden Worte auf: „Die Armee erhält vom Parlament Befehle, nicht dieses von jener!" und „XIX. Siede" ruft merkwürdigerweise aus: „Wer hat das je bestritten?" Man traut seinen Augen nicht, in diesem doch opportunistischen Blatte die Apologie'der parlainentarischen Exekutivgewalt, des beständig tagenden Konvents zu finden, wie ihn Clemenceau allerdings in seinem leider schon halbvergessenen Wahlprogramm gefordert hat. Ueberaus ergötzlich ist auch der Zweikampf Clömenceau-Thiers. „Du kannst nicht mitreden, Rosenkranz", sagt der eine: „du warst nicht in Tonking". Und der andere: „Du kannst nicht mitreden, Güldenstem, du warst 1870 nicht dabei".
London, 23. Dez. Die Morgeublätter veröffentlichen ein Schreiben des früheren Staatssekretärs für Irland, Forster, welches die Meinung ausdrückt, die Herstellung des Homernle würde die irische Frage nicht lösen, auch mit Gefahren für Großbritannien, sowie für Irland verknüpft sein.
Haag, 23. Dez Die Regierung brachte in der Kammer einen Gesetzentwurf ein, betreffend die Erhebung eines Eingangszolles von Petroleum, Holz, Seide, Südfrüchten und betreffend die @r. öhung des Zolles auf Thee.
Bukarest, 23. Dez. Der russische General Vvieikoff ist hier eingetroffen und alsbald nach Giurgiewo weiter-
Seine Augen blickten fest auf den Freiherrn.
„Ich bin begierig zu erfahren, Herr v. Brunner," er- toiefoerte dieser, „welchem Umstande ich die Ehre Ihrer per- sönlichen Bekanntschaft zu verdanken habe."
Reinhard begann zu erzählen. Er teilte dem Freiherrn mit, wie er vor Jahren in London den greifen Musiker und dessen Enkelin kennen gelernt; er sprach von dem Tode des alten Herrn und sagte, daß dieser das junge Mädchen seinem Schutze antiertraut, ihm zugleich aber eine Art letzt- williger Verfügung hinterlassen habe. Dieses Vermächtnis des Sterbenden führe ihn heule hierher.
Aufs Höchste entfremdet, nicht ohne innere Unruhe schaute her Freiherr auf feinen Besucher. Dieser fuhr fort:
„Als ich jenen Greis zum ersten Male sah, unterlag es bei mir keinem Zweifel, daß derselbe — wie man zu sagen pflegt — bessere Tage gesehen haben müsse, daß er ein Mann von vornehmer Geburt, von Welt sei; daß ein herbes — wohl unverdientes — Geschick ihn dahin geführt, wo ich ihn fand — wo er nahezu erblindet — kurze Zeit nach unserem Bekanntwerfoen in Armut und Elend gestorben wäre, hätte er sich nicht in mir einen Freund und Helfer gesichert gehabt. Seinen Tod konnte ich allerdings nicht aufhalten, doch tch habe seinen Lebensabend dadurch verschönt, daß ich mich mit meinem Ehrenwort ihm gegenüber verpflichtet, feiner Enkelin ein treuer Beschützer, ein Vormund, ja ein Vater im vollsten Sinne des Wortes werden zu wollen. Er war ein Aristokrat, den Elend und Alter physisch wohl beugen konnten, dessen edles Blut, dessen berechtigter Stolz sich jedoch keinen Augenblick verleugnen, dessen hohe Gesinnung nie einem Wechsel unterliegen konnte. — Der alte Musiker Spang war der Freiherr v. Rospangen, Ihr Vater, Herr Baron! Die Enkelin desselben, mein Mündel, heißt