Marburg, Donnerstag, 24. Dezember 18&>.
Nr. 309
. Jahrgang
ObkWslhr Aituiig
Wöchtiitlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg ». Kirchhai». - Illustriertes Lonntagsblatt.
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Weihnachten.
Wochenlanger Kriegslarin, Waffengeklirr und Kanonendonner, angesichts dessen die erschreckten Völker nicht wußten, ob nicht ein böses Ungefähr einen allgemeinen, europäischen Brand entfachen würbe! Jetzt ist das Wcihnachtsfcst her- angekoinmen, und als erfreulichstes Festgeschenk bietet es uns die Kunde von der voraussichtlich schnellen und sicheren Schlichtung all der Wirren, welche so lange Europa in Aufregung gehalten. Das deutsche Weihnachtsfest, wie wir es begehen, zwischen Rhein und Ostsee, und bis hinab zu den schneebedeckten Alpen, erheischt zu seiner würdigen Festesfeier den ungestörten Frieden und die Garantie für die Aufrechterhaltung der Ruhe in Europa. Die deutsche Weihnachtsfeier ist keine oberflächliche, wie bei anderen Nationen, wir gehen in ihr vollkoinmen auf und verzichten in diesen
Erscheint täglich außer an yAerktagen nach Sonn-und Feiertagen. Quartal- -.doimemenlS-Breis de, der (rxvebitivn 2*/« P k , bei fen Postämter 3 Mk f-U P,g. (eycl. Best Eigelb). Znsertionsaebübr für die gespaltene Zeile 10 Pfg. Siefiam n für die Zeile
•26 Pfg.
Heitzer Sinn.
Roman von Theo vor Krister.
(Fortsetzung.)
XL
»Aber, William, was hast Du nur? — Du bist auffallend zerstreut: ich glaube Du hast gar nicht gehört, was tch gesprochen habe? sagte kopfschüttelnd Frieda von Rospangen zu ihrem Bruder am Morgen nachdem er am Abend zuvor Selma seine Liebe erklärt hatte.
Die Geschwister saßen noch am Frühstückstisch, den der Bater soeben erst verlassen, und Frieda hatte lebhaft von den Erlebnissen des letzten Balles zu William gesprochen, während er träumerisch lächelnd mit den Augen dem bläulichen Dampf seiner Cigarre folgte und seine Gedanken in der Zukunft zu weilen schienen.
William hatte in der That nicht gehört, was seine Schwester gesagt. Ihm war das Herz zu bewegt vom Glück und auch wiederum zu bang vor dem Resultat der Unterredung seines Vaters mit Selmas Oheim: was würde der in diesem Punkte starrsinnige Mann sagen zu der Verbindung seines Sohnes mit einer Sängerin von bürgerlicher Herkunft. — Er kannte den grenzenlosen Ehrgeiz des Freiherrn und wußte auch, — oder glaubte zu wissen, — daß sein Vater ganz andere Pläne in Bezug auf ihn hatte; trotzdem aber stand es fest bei ihm: er wollte dem Ehrgeiz des Vaters seine Liebe nicht zum Opfer bringen!
„Du siehst heute so geheimnisvoll aus, Williams bemerkte die Schwester; „was hast Du nur auf dem Herzen? — Beichte mir doch — ich bin verschwiegen, glaubs mir! ~~ Du weißt, wie lieb ich Dich habe und daß ich nicht aus Neugier sondern aus Teilnahme frage."
„Aber neugierig bist Du kleine Eva bei alledem doch auch," entgegnete ihr Bruder lächelnd. „Nun, ich will Dir mein Geheimnis mitteilen, wenn Tu mir versprichst, Hm
Tagen gern auf eine Teilnahme an den Welthändeln; aber um das zu können, muß das Herz frei, darf der Mut nicht bedrückt sein. Allerdings konnten wir von vornherein davon überzeugt sein, daß sich das deutsche Reich nicht in die fremden Streitigkeiten einmischen werde, aber die Kriegswelle konnte auch an unsere Grenze schlagen und uns die Nachteile der Kriegöfurie und ihres Regiinentes erkennen und fühlen lassen. Die Ereignisse des letzten Vierteljahres haben, das bleibt, nachdem die Gefahr befeitigt, doch immer bestehen, die unbedingte Gewißheit von der Einigkeit aller großen europäischen Staaten in allen politischen Fragen stark erschüttert, unb wir haben also um so mehr Ursache, für den uns zum Weihnachtsfest wiebergeschenkten Frieden dankbar zu sein.
Mehr denn je bedarf Deutschland des Friedens, um die zahlreichen Aufgaben, welche bei uns ihrer Erledigung harren, zu lösen, und, langsam aber stetig fortbauend, das Reich immer mehr zu festigen unb zu kräftigen. Wir können mit hohem Stolze sagen, daß kein anderer europäischer Staat von der Machtstellung unseres Vaterlandes sich so eingehend mü den Forderungen beschäftigt, welche die Zeitverhältnisse stellen, daß nirgends so ernsthaft an der Weiterentwickelung der inneren Zustände gearbeitet wird, als bei uns. Müssen wir freilich hinzufügen, daß über die Mittel und Wege zu den großen Reformzielen noch große Uneinigkeit herrscht, das ist doch sicher, daß energisch die Lösung der schwerwiegendsten Fragen in die Hand genommen ist, daß der Stein ins Rollen gebracht ist, der die Inschrift „Ausbau des Deutschen Reichs" trägt. Lange Zeit mag noch darüber vergehen, bis er schließlich feinen Platz für immer erhält als Grundstein nationaler Wohlfahrt, aber wir zweifeln nicht, daß dieser Tag kommen wird und mit ihm zugleich die Klarheit des Rechts. Es ist ein Gährungs- und Reinigungsprozeß, den wir durchleben, und' bei dem es nicht immer ruhig und sanft zugehen i kann, der aber die Folge zweifelsohne haben wird, daß er die echte, reine Wahrheit zutage fördert, die Prinzipien, auf welchen das Reichsgebäude dann felsenfest ruhen wird. Deutschland ist in seinem tiefsten Innern kerngesund; daß der herrschende Prozeß auch äußerliche Krankheitserscheinungen zuwege bringt, ist kein Wunder, und sogar recht gut; dadurch wirb die Bildung eines zersetzenden, zerfressenden Leidens verhindert. Wir wollen alle im deutschen Vaterlande sein Wachstum, feine Wohlfahrt,' fein Gedeihen, und wir werden es dahin bringen durch Kämpfen und Stürmen, wenn wir nur unserem guten deutschen Charakter, dem Vorbilde treu bleiben, das unser Kaiser uns gegeben: Einig, selbstlos, fest, stark, treu!
Wir reklamieren das Weihnachtsfest speziell als ein gutes deutsches Fest, und zwar mit Recht. Nirgends und bei keinem anderen Feste verschwinden so die äußeren Vater meine Partei zu vertreten, es dürfte das wünschenswert, ja notwendig sein."
„Du machst mich ja im höchsten Grade gespannt auf Deine Bekenntnisse, William! — Bitte, erzähle, denn ich brenne vor Neugier . . .„
„Du fandest ja doch auch, Frieda, daß Fräulein Spana ein reizendes Mädchen ist; ich fiabe Dir erzählt, daß ich sie näher kennen gelernt habe, und kann heute hinzufügen- sie ist in ihrer Häuslichkeit und nach ihrem Herz-n und Charakter ebenso rühmenswert und vorzüglich, wie sie schön ist; ich habe nie ein junges Mädchen kennen gelernt, so tief denk nd und so gemütvoll wie sie!"
„Du liebst sie?" rief Frieda mit glänzenden Armen.
„3a, von ganzer Seele, Schwester, und auch sie, S-lrna — liebt mich! Gestern Abend haben wir uns aegenfeitia unsere Liebe gestanden. B
„Und Du hast die Absicht, sie zu heiraten?!" jubelte Frrcda.
„Natürlich, Kind! — Wenn ich ihres Besitz-s nur erst gewiß wäre; aber das Schlimmste bei der Sache ist- was wird Papa dazu sagen? — Du kennst seinen Stolz, seinen Ehrgeiz, namentlich wenn es uns Beide, unserer Zukunft
„3a, das ist allerdings wahr," sagte Frieda bedenklich - „Papa wird nicht so erfreut sein über diese Nachricht wie ich es bin. Er kennt Fräulein Spang ja auch gar nicht, bat sie nie gesehen, rhre Stimme nie gehört. Aber ich glaube William, wenn er sie erst einmal gesehen haben wird, dann muß auch er sie liebgewinnen, denn sie ist so schön, so ausnehmend liebenswürdig."
3hr Oheim, der bekannte Schriftsteller Franz Fontaine, . fagte mir, er wurde den Vater bewegen, seine Einwilligung 1 zu unserer Verbindung zu geben. Wie er das anstellen will, weiß ich nicht, indessen ist er nicht der Mann, bet etwas verspricht, was er nicht ausführen zu können über-
Stanbesunterschiebe, wie zu Weihnachten. Im Palais unseres Kaisers, in ber ärmlichen Hütte an der Landstraße, im Hause des Bürgers, überall sind die Jnsaffen um das deutsche Weihnachtösymbol, den strahlenden Tannenbaum, vereint, überall schwindet an diesem Tage der Unterschied zwischen Diener und Herr, jedes Haus gleicht einer Familie, in der jeder nur bestrebt, Freude zu erwecken, Freude mehren zu helfen. Die eigentliche Weihnachtsfreude besteht in derjenigen, welche mir anderen bereiten, und so ist's wohl überall. Auf diese Weihnachtsfeier sind wir stolz, und die Deutschen, welche ber alten Heimat den Rücken wendend in der Fremde ihr Heil versuchen, bewahren die Erinnerung daran und pflegen die deutsche Christfeier treu am neuen Wohnort. Unser Weihnachtsfest bildet somit ein starkes Bindemittel für alle Angehörigen unseres Stammes, es trägt mit dazu bei, die Nationalität zu wahren und den deutschen Namen hochzuhalten. Unsere Landsleute sind über die ganze Erde zerstreut und wo Deutsche ihr Haus betreten, finden sie herzlichen Willkomm! Diese Zusammengehörigkeit unter den Söhnen Deutschlands im Auslande war nie so fest entwickelt, -wie gegenwärtig, und wir hoffen, das nationale Land, welches jene untereinander und uns mit ihnen verbindet, wird sich immer fester gestalten. Deutsche Sitten, die wir von den Vätern ererbt, heilig zu halten, wird stets uns nur Segen bringen und es gilt das ganz besonders von der Christfeier. Genuß- und prunksüchtig, leichtlebig und äußerem Schein huldigend, wird unsere Zeit genannt, und auch wir Deutsche können uns nicht davon freisprechen, daß wir diesem Zuge manchmal vielleicht etwas zu sehr huldigen, daß wir gar zu willfährige Nachahmer deffen sind, was andere Nationen an leichtem Tand produzieren. Wir brauchen das nicht, unsere köstliche Weihnachtsfeier, die noch in jedem deutschen Hause fortlebt, beweist, daß wir bei uns Gutes genug, haben, daß wir nicht auf fremde Narreteien zu achten brauchen. Das Weihnachtsfest und seine Feier, wie wir sie haben, sind deutsch, sie predigen christliche Nächstenliebe, deutsche Wahrheit und Treue, Ehre und Kraft, und die wollen wir wahren! \
Deutsches Reich.
Berlin, 22. Dez. Die „Nordd. Allgem. Zeitung"' meldet aus Nom: Bei dem Diner anläßlich ber Unterzeichnung des Protokolls über die Karolineufräge brachte Graf Paar die Gesundheit des Papstes, des erfolgreichen Vermittlers in der Karvlinenangelegenheit aus, worauf Kardinal Jakobini auf das Wohl der Souveräne und Chefs aller Staaten trank, deren Vertreter anwesend waren. — In der am Sonnabend unter dem Vorsitz des Staatsministers, Staatssekretärs des Innern v. Bötticher abgehaltenen Plenarsitzung genehmigte der Bundesrat den zeugt ist. Herr Fontaine spiach mit großer Sicherheit, fast ein wenig geheimnisvoll, gerade als ob er ein untrügliches Mittel eine Art Talisman besitz;, mittels dessen ihm Papas Einwilligung zweifellos sei . . Ich hoffe sehr auf ihn, Frieda; er wird heute noch dem Vater seinen Besuch machen. Aber ich bin im höchsten Grade aufgeregt. Schwesterchen — ich muß fort in die frische Lust! — 3n einigen Stunden vielleicht bin ich schon der glücklichste Mensch — oder unaussprechlich elend! — Was kann ich thun, Frieda, wenn Papa „Nein" sagt! — 3ch bin ja vollständig abhängig von ihm und kann Selma dann nicht heiraten, wenigstens so bald nicht. . Aber lieben werde ich sie all mein Leben lang, werde Alles aufbieten, mir eine Selbstständigkeit zu erringen, um sie eines Tages doch zu meiner Gattin machen zu können!" tief William erregt.
»Hoffe das Beste, Bruder!" tröstete Frieda. „Komm bald zurück von Deinem Spaziergang. 3ch selbst bin durch Deine Enthüllungen so aufgeregt, daß ich gern gleich wissen möchte, wie es wird; ob Papa, wenn der Oheim von ihm kommt „3a" gesagt hat. 3ch würde mich von Herzen mit Dir freuen, William, denn eine so herzige Schwägerin zu bekommen, hätte ich mir nie träumen lassen! — Sage ihr, wenn Du sie wieder siehst, daß ich sie liebe und mit Ungeduld den Augenblick ersehne, sie an mein Herz drücken, als Schwester sie begrüßen zu können."
„3ck danke Dir, meine liebe Frieda," sagte bewegt der junge Offizier und drückte innig die Hand, die sie ihm entgegen hielt.
Dann ging er. Das Zimmer war ihm zu eng, wahrend fein Herz überströmte von Glück, Seligkeit und Bangen 3n dieser Stunde erkannte er, wie teuer Selma ihm war' wie der Zauder ihrer Schönheit und Herzensgüte sein Herz in Fesseln gelegt hatte.
(Fortsetzung folgt.)
Anzeigen nimmt ndgegen die Expedition d BloUet, sowie d Annonoen-Bureaux vvnHaasenstein undBoaler in Franlsurt a. M-, Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moste in Frankfurt ♦ a M.,Berlin,Vünchenund Köln; G. L. Daube und *>o. in Frankfurt o. M. Berlin, Hannover u.Pari-