Nr. 301
Mnrburg, Mittwoch, 23. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
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Leopold von Ranke.
Zum 21. Dezemder.
Am 21. Dezember 1795 ward zu Wiehe in Thüringen Leopold von Ranke geboren, der größte Historiker unserer Zeit, welcher heute also sein 90. Lebensjahr vollendet und zwar in vollster Frische und Kraft des Geistes, wenn auch der Körper augenblicklich sich leidend befindet. Die größten Ovationen werden ihm bereitet, dem Fürsten seiner Wiffen- schast, welcher eine so beispiellos lange, an Ehren und Auszeichnungen so reiche Laufbahn hinter sich hat, daß sie selbst die eines Alexander von Humboldt übertrifft. Betrachten wir dieselbe in flüchtigen Zügen.
1818 ward Ranke Oberlehrer in Frankfurt a. O., wo ihm eine umfangreiche, alte Bibliothek Gelegenheit und Möglichkeit, teilweise wohl auch die Anregung zu seinem
Heißer Sinn.
Roman von Theodor KUster.
(Fortsetzung.)
In London hatte sie sich niedergelassen. Das erbliche musikalische Talent der Familie hatte in dem alten Herrn einen besonders hervorragenden Vertreter gefunden; zwar hat er sich bisher nur als Dilettant auf der Geige versucht, doch mancher Künstler von Beruf neidete ihm nicht mit Unrecht seine Fertigkeit, sein elegantes Bogenführen, seine weichen, wunderbar schönen Töne, die er dem von ihm hoch, geschätzten Instrument zu entlocken verstand. Der stolze Mann war erster Geiger in einer Theater-Kapelle und dankte Gott, daß er so für seine Tochter und Enkelin das genügende tägliche Brod zu erwerben vermochte. Die schöne Kunsr, welche er bisher nur als Liebhaberei betrieben, ward ihm von nun an zum Existenzmittel für sich und seine Lieben.
Einfach und still für sich hin lebten sie jetzt, die einst an Glanz und Ueberfluß gewöhnt gewesen; doch sie waren zufrieden — Beide — Vater und Tochter. Kein Makel ruhte auf ihrem Namen, den der alte Herr nun für immer als verschollen betrachten mußte. — DaS stolze Geschlecht hatte ein rasches Ende gefunden; ein einziger Sproß hatte es in Nacht und Elend versinken machen, hatte vergeudet, was Jahrhunderte mühsam aufgebaut.
Sie klagten Beide nicht. Nur als der Vater seine geliebte Tochter bleicher und immer bleicher werden, als er ihren zarten Körper immer mehr zusammensinken sah, da sank auch seine Manneskraft und er flehte zu Gott, ihm die Tochter — seine Liebe und seinen noch einzigen Stolz, dem unmündigen Kinde — der kleinen Selma — die zärtlich liebende Mutter zu erhalten.
In Gottes Ratschluß jedoch war es anders vorgesehen, die hartgeprüste Frau welkte langsam dem Tode entgegen, das herbe Unglück hatte sie zu schwer, zu plötzlich und zu
ersten Werke gab, die „Geschichte der romanischen und germanischen Völkerschaften" (Bd. I, Berlin 1824). Merkwürdig und noch nie hervorgehoben ist es, daß dieses Buch ihn bereits ganz auf der Höhe seines Strebens zeigt, daß es typisch ist für alle späteren und eigentlich alles enthält, was Rankes Größe und Bedeutung ausmacht. Denn diese beruht einerseits darin, daß er die seit Herausgabe der Monumenta Germaniae ausgestellten neuen Regeln der Quellenkritik auf neue Gebiete der Geschichte anwendete, ferner die Staatsarchive benutzen lehrte, und somit eine neue Methode schuf. Ihre Grundzüge aber hat er schon in der berühmten Beilage seines Erstlingswerkes fixiert, in der „Kritik neuerer Geschichtschreiber" und er bildete sie nun weiter aus, als er von 1827—1831 die Archive zu Wien, Venedig re. durchforschte. Damals entdeckte er auch die durch ihn so berühmt gewordenen Relazione, d. h. die Berichte des Venetianischen Gesandten an die Signori« der Republik, welche er ausführlich benutzte und als eine der wichtigsten Quellen nachwies. Heber äußere Umstände, über Kriege und Verhandlungen enthalten sie fast gar nichts, dagegen aber die feinsten Beobachtungen über Fürsten und Völker, Personen, innere Zu stände und Verhältnisse jeder Art. Und damit kommen wir auf den zweiten Teil von Rankes wahrer Bedeutung: seine neue Methode, die Hilfsmittel archivalischer Forschung wendete er auf neue Gebiete an, nämlich auf die des Rechts, der Verfassung und Kultur der Völker. Aeußere Begebenheiten, kriegerische und diplomatische Verwickelungen, welche bisher fast allein den Inhalt historischer Werke bildeten, hatten für ihn nur Wert, insofern sie die inneren Verhältnisse und die Entwickelung der Nationen beeinflußten. So gab er der Historie erst Geist und Leben, schuf er das, was wir heute „Kulturgeschichte" nennen, und schrieb dieselbe in universalem Sinne. Er h^s also erst die wirkliche Geschichtswiffenschaft begründet dadurch, daß er ihr neue Mittel für neue Zwecke verschaffte, und diese beiden Gesichtspunkte finden wir schon 1824. Die Beilage enthält die Methode, die Wege, das Buch selbst zeigt die neuen Ziele, denn es ist durchaus eine Kulturgeschichte, und universaler noch aufgefaßt, als manche späteren Werke, welche sich auf engere Gebiete beschränkten. Es zeigt Ranke mit einem Schlage als den Meister der Forschung und hob ihn sofort auf die Höhe des Ruhmes, denn schon 1825 wurde er als Professor der Geschichte nach Berlin berufen.
In langer Reihe folgt dann ein Werk dem anderen, und als Dunker u. Humblot 1868 in Leipzig eine Gesamtausgabe veranstalteten, konnten sie diese schon auf 45 Bände berechnen. Aus Rankes Schule gingen die größten Historiker unserer Zeit hervor, Giesebrecht, Sybel, Waitz, Nitzsch, Dropsen u. a., und ihre „Jahrbücher des Deutschen Reiches unter dem sächsischen Hause" sind musterwuchtig getroffen — sie konnte nicht länger dagegen ankämpfen. Vernichtet fast, in thränenlosem Schmerz geleitete der Greis seine Tochter zur letzten Ruhestätte .... Oh, wie feErnte er sich selbst nach dem ewigen Frieden, nach der Ruhe des Todes! Doch er mußte leben um seiner kleinen, jetzt siebenjährigen Enkelin willen.
Der Musiker Spang lebte still und zurückgezogen mit der kleinen Selma in dem wetten London. Bis wenige Jahre vor seinem Tode hatte er in der Kapelle der italienischen Oper mitgewirkt und gute Einnahmen gehabt. Allein sein Augenlicht hatte dann schnell und empfindlich abzunehmen begonnen und es war ihm endlich unmöglich geworden, seine musikalische Thätigkeit länger fortzusetzen. Der Dirigent der Kapelle war dem alten jpei rn, seinem ersten und besten Geiger, sehr gewogen und gab ihm beim Scheiden die Zusicherung, daß seine Enkelin — Selma, die schnell und korrekt Noten zu schreiben gelernt hatte — alle Musikalten für die Kapelle der Oper zum Kopieren erhalten sollte.
Es war ein mühseliges Brod und wirklich zu bewundern, wie die zwei Menschen davon leben konnten.
Eine innige Liebe verbanden Großvater und Enkelin. Der alte Herr hatte es sich zur alleinigen Aufgabe seines noch übrigen Lebens gestellt, Selma die denkbar umfassendste Bildung zu geben, um sie zu befähigen, nach seinem Tode auf eigenen Füßen stehen zu können. Er hatte es verstanden, in ihr den Trieb zum Lernen zu wecken, und jeder ersparte Schilling wurde zum Ankauf von Büchern verwandt. Er konnte ja nur dies Eine seiner Enkelin geben.
Selma wußte nichts von dem traurigen Geschick ihres Hauses, welches Mutter und Großmutter ihr sorglich verschwiegen hatten. Sie wußte nur, daß ihr Großvater nicht immer so arm, daß er in Deutschland etwas anderes als ein Musikus gewesen.
Soweit die Aufzeichnungen des alten Herrn, denen schließ
gültige Arbeiten. Sie zeigen, daß Ranke auch das Gebiet des Mittelalters beherrschte, wenngleich er persönlich mit Vorliebe sich stets der modernen Geschichte gewidmet hat.
Am 21. Dezember 1865 ward er in den Adelsstand erhoben, nach Böckhs Tode wurde er Kanzler des Ordens pour le merite. Er ist Präsident der historischen Kommission in München, mit Orden und Ehrenzeichen überhäuft. 1872 wurde er von den Vorlesungen dauernd dispensiert, 1877 feierte er fein 60jähriges Doktorjubiläum unter Teilnahme der weitesten Kreise, und größer, glänzender noch werden jetzt die Festlichkeiten an seinem neunzigsten Geburtstage sein. Am merkwürdigsten aber und wohl noch nie dagewesen ist die Geistesfrische, mit welcher der hoch- betagte Greis sein letztes und größtes Werk fortsetzt, die „Universalgeschichte", von welcher demnächst wieder ein neuer Band publiziert werden soll.
Derselbe bildet den Abschluß seines ganzen Lebens, die Krönung seines stolzen Gebäudes, und sie entspricht in auffallender Weise dem Anfänge.
Als Jüngling gab er den Historikern neue Wege, die Hilfsmittel archivalischer Forschung. Diese wurden immer reichlicher benutzt, und sie ergaben so viele reizvolle Details, daß über ihnen die jüngere Generation unserer Historiker sich zu verlieren drohte. Man bestrebte sich nur noch, immer neue Schätze auszugraben, immer neue Bausteine herzustellen, aber man vergaß, sie zusammenzufügen. Da hat sich der greise Meister erhoben, welcher stets die Geschichte jedes einzelnen Volkes im Zusammenhänge mit der ganzen Menschheit betrachtete, und er schrieb die erste, wirkliche Weltgeschichte. In ihr zeigt er die Einheit in der Vielheit, die Wahrheit der Dinge, die fortlaufende Entwickelung der ganzen Menschheit, durch sie gibt er unseren Historikern das schönste Beispiel, wie man neue Hilfsmittel nur zu einheitlichen Zwecken verarbeiten muß, statt die Details um ihrer selbst willen zu suchen und sich über ihnen zu zersplittern. So ist es eine wahrhaft rettende Thal, die er dadurch ausführt, aber auch eine Großthat in höherem Sinne noch.
Bisher hatten wir nur Weltgeschichten der äußeren Vorgänge der einzelnen Völker neben einander. Jetzt hat Ranke das, was er stets anstrebte, zu vollendetstem Ausdruck gebracht, er hat die erste wirkliche Weltgeschichte in Deuschland geschrieben, die erste „Philosophie der Geschichte", um diesen Ausdruck Voltaires zu gebrauchen. Er hat aber damit auch unsere moderne Geschichtswissenschaft durch einen positiven Aufbau verteidigt gegen den furchtbaren Angriff, welchen Buckle in seiner „Geschichte der Zivilisation" gegen sie geführt hat. Buckle ist ein echter Materialist, und als solcher hat er mit ungeheuerem Scharfsinn und unglaublicher Gelehrsamkeit nachzuweisen versucht, daß die Menschheit keinen freien Willen besitzt, daß sie
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lich noch die Bitte beigefügt war, Reinhard möge dieselben: Selma erst bann mitteilen, wenn seiner Ansicht nach der geeignete Zeitpunkt dafür gekommen sei; oder den Inhalt dieser alten vergilbten Papiere seiner Schutzbefohlenen je nach Umständen auch ganz zu verschweigen.
All die persönlichen Papiere des Greises, die ausgiebigsten Familien-Dokumente waren beigelegt, ebenso Selmas Geburts-Zeugnis, welches sie als eine Baronesse Blankenberg legitimierte.
Noch einmal prüfte Reinhard v. Brunner genau jedes einzelne der Papiere: sie waren ja jetzt von unendlichem Wert, von der höchsten Wichtigkeit für Selma, da diese mit Hilfe derselben nun die Stellung wieder einnehmen konnte, in welcher sie geboren worden.
Sorgfältig packte er die sämmtlichen Papiere wieder zusammen, verschloß sie jedoch nicht aufs Neue, sondern legte sie für den andern Morgen bereit, an dem er mit ihnen vor Williams Vater hintreten wollte, um, gestützt auf die schwerwiegenden Dokumente, für die Liebe der Beiden jungen Leute zu werben.
Es war schon sehr spät, als Reinhard endlich zur Ruhe ging. Die Geschichte des alten Londoner Musikanten wollte ihm nicht aus dem Kopfe, hinderte seinen Schlaf und machte ihn nachdenklich.
„Wie sonderbar der Zufall oft spielt!" murmelte er vor sich hin. „Oder ist es nicht Zufall, sollte es wirklich eine höhere Fügung geben? — Fast bin ich versucht es zu glauben . . . Und was mag dann wohl mir noch bestimmt sein? Einsamkeit, Leere sehe ich nur noch vor mir, jetzt und in aller Zukunft! ..."
Lange noch warf er sich ruhelos auf seinem Lager hin und her. Die Bilder der Vergangenheit traten in diesem Augenblick merkwürdig vor seine Seele und verscheuchten den Schlaf von feiner Ruhestätte.
(Fortsetzung, folgt.)