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Nr. 300.

Marburg, Dienstag, 22. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

S^ckeint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und Feiertagen. - Quartal- AbonnementS-Preis bei der Qrpeöiiion 2*/« Mk, bei gen Postämter 2 Mk. 50 Pfg. (ejcl. Bestellgeld!- JnserrionSgebadr für die gefpaltene Zeile 10 Pfg. Aeklam n für die Ze,le 25 Pfg.

GkchlWt Ziritmiß.

Anzeige» nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Lnnoucen-Bureauk von Haafenstein unbVogler in Frankfurt a. M-, Cassel, Magdeburg und ißiien, Rudolf Moste in Frankfurt a M-, Berlin,Vünchen»nd Köln; T. L. Daube und Üo. in Frankfurt ja. M- Berlin, Hannover ».Pari-

Wöchcntliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. l>. Kreise Marburg «. Kirchhain.ZllnstriertcS Sountagsblatt.

Exrevition Markt 21. Redaktion, Snnt und Verlag von Jvh. Ang. Koch.

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Mit dem 1. Januar beginnt ein neues Abonnement auf die in ihren 21. Jahrgang tretende Oberhessische Zeitung nebst deren Beiblätter

Amtliche Nachrichten für die Kreise Marburg u. Kirchhain und

Illustriertes Sonntagsblatt.

Wir bitten die Bestellungen bei den Postämtern gefälligst bald machen zu wollen, damit in der Uebersen- dung keine Unterbrechung stattfindet. Der Nr. 1 k. I. wird ein Wand­kalender beigefügt.

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Neuzugehende Abonnen­ten hiesiger Stadt erhalten vom Tage der Bestellung bis zum 1. Januar die Oberhessische Zeitung gratis.

Mn neuer Bazaine.

Vieles können die Franzosen ertragen, sie sind in dieser Hinsicht sogar ein sehr gut ausgestattetes Volk, nur eins ist ihnen unerträglich, zugeben zu muffen, daß sie irgend­wo, irgendwann und von irgend einem Volke in einem Krieg oder auch nur in irgend einer Schlacht besiegt worden seien; da aber in der Welt nicht alles nach Wunsch gehen kann, so weist die Geschichte trotz jener ausgesprochenen Eigentümlichkeit der Franzosen neben vielen glänzenden Kriegsthaten derselben eine sehr stattliche Reihe von Kriegen und Schlachten auf, an welchen die Franzosen, gelinde ge­sagt, nicht als Sieger beteiligt waren. Deutschland, Italien, Spanien, Rußland und Amerika, auch der französische Boden selbst war wiederholt der Schauplatz solcherIrr­tümer der Weltgeschichte". Letzterem Mangel der Welt­

ordnung abzuhelfen, war von jeher die französische Geschichts­schreibung eifrig thätig, und Thiers z. B. verdankt seine Popularität als Historiker keineswegs bloß seiner glänzen­den Darstellungsgabe, sondern in weit höherem Grade seiner seltenen Fertigkeit, die Geschichte im Interesse des Ruhmes derGrande Nation" zu korrigieren. Nirgends wird die Mythenbildung so systematisch kultiviert, wie in Frankreich und wo sie nicht ausreicht, wo sich irgend eine Niederlage unter keinen Umständen in einen Sieg, wenigstens nicht sofort verwandeln läßt, da sind es die Menschenopfer auf dem Altar der nationalen Eitelkeit, welche in Wirksamkeit treten. Die französische Nation kann nicht irren, nicht fehlen, nicht besiegt werden, aber ein einzelner Franzose kann wohl einmal so tief sinken, daß er, sei es nun um schnöden Geldgewinnes willen, sei es durch irgend eine andere Leidenschaft geblendet, seines Berufs als geborener Sieger .vergißt und den Feind siegen läßt. Das ist die äußerste Konzession, welche die französische Selbstanbetung dem Ansprüche anderer Nationen, daß auch sie zu kriegen und zu siegen wissen, zu inachen sich entschließen kann.

Zn der Gegenwart, deren Schnelligkeit der Nachrichten­vermittelung,- deren entwickelte Publizität, deren schneller Verkehr die Möglichkeit der Mythenbildung bedeutend er­schwert, muß natürlich das oben letztgenannte System, das der einzelnenMenschenopfer", des Sündenbockes, des Ver­ratsgeschreies mehr und mehr an die Stelle der einfachen Geschichtsfälschung treten. Den Gram um die Kapitulation von Metz erleichterte sich die französische Nation dadurch, daß sie die ganze Verantwortung für diese kolossale Niederlage dem schleunigst konstruiertenVerrat" Bazaines aufbürdete. Und schon jetzt, 15 Jahre nach dem Fall von Metz, ist ein neues Opfer ä la Bazaine notwendig und auch sofort gefunden. Die Niederlage, um deren Abwälzung von der französischen Armee auf die Schultern eines Einzelnen es sich hierbei handelt, ist allerdings fast noch verletzender für die französifche Eitelkeit, als irgend eine an sich weit größere während des deutsch-französischen Krieges; denn sie wurde nicht etwa von einer im Rufe der Tapferkeit stehenden Nation, sondern von den Chinesen den Bannern Frank­reichs zugefügt. Das darf natürlich nicht für möglich gelten, und sofort ist auch das Opfer, Oberstleutnant Her­binger, provisorischer Kommandant der zweiten Brigade nach der Verwundung des Brigadegenerals Negrier in den unter dem Namen Schlacht bei Langson zusammengefaßten Treffen, gefunden. Der diesmalige Sündenbock ist nicht etwa von China oder England bestochen worden, sondern er hat sich nicht weniger als 11 Tage lang imalkoho­lischen Zustande" befunden und während desselben nicht bloß einen glänzenden Sieg der Franzosen vereitelt, sondern auch, nachdem diese wirklich gesiegt hatten und er an die Stelle des verwundeten General Negrier trat, sich in den

Kopf gefetzt, eine« überstürzten, fluchtartigen, tagelangen Rückzug anzutreten, während auf der anderen Seite die Chinesen in voller Flucht waren.

Oberst Herbinger ist zwischen Frankreich und Ostasien bereits wiederholt hin- und hergeschickt und jetzt von neuem in Frankreich eingetroffen. Er hat öffentlich die Geschichte der Ereignisse von Langson darlegen wollen, aber der Kriegsminister Campenon hat ihm jeden bezüglichen Schritt verboten und ihm nur gestattet, vor dem Tonkingausschuß der Kammer zu sprechen, wenn dieser ihn vorladen sollte. Der Ausschuß der Kammer hat aber seine Arbeiten bereits beendet, General Briere de l'Jsle, der frühere Obergeneral in Tonking, und sonstige Zeugen haben behauptet, daß Her­binger betrunken gewesen, also hat es damit sein Bewenden; der Sündenbock ist da, und um alles in der Welt muß darauf gesehen werden, daß keine Aenderung in dieser An­schauung eintritt. Denn so ist alles gut: Frankreich ist nicht besiegt, sondern ein französischer Befehlshaber hat im Rausch seine Pflicht vernachlässigt, und dafür kann die glorreiche Nation nichts. Dieses ganze Gewebe hat aber ein immenses Loch: Wenn Herbinger wirklich gröblich seine Pflicht vernachlässigt, die französischen Truppen im vollen Siegen einen fluchtartigen Rückzug hätte antreten lassen, so würde er vor ein Kriegsgericht gestellt sein, degradiert sein und schwere Strafe empfangen haben. Zu diesem will's aber partout nicht kommen, und dasWarum nicht?" ist einfach. Eine genaue Untersuchung würde ergeben, daß die französische Heeresverwaltung sich große Blößen gegeben, daß General Negrier schon geschlagen war, bevor Herbinger das Kommando übernahm und endlich, daß die Chinesen zu siegen wissen. Aber da das nicht sein darf, so bleibt es dabei: Oberst Herbinger war betrunken abgemacht. Ihm aber etwas thun? Bewahre! Die Behauptung ge­nügt schon.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Dez. Der Kaiser nahm die Vorträge des Generals v. Albedyll und des Grafen Monts entgegen, erteilte dem hier eingetroffenen Statthalter Hohenlohe eine längere Audienz und machte bann eine Ausfahrt. An dem um 5 Uhr stattsindenden Lotschaftsdiner werden auch der Fürst Hohenlohe und Graf Herbert Bismarck teil­nehmen. DerKreuz-Ztg." zufolge wird das Re- gierungsjubiläum des Königs, unter Ausschluß aller größeren Festlichkeiten, durch einen Gottesdienst int Dom gefeiert werden; hierauf findet eine Defilierkur der Spitzen der Armee und der Staatsbeamten statt. Fremde Sou­veräne werden auf besonderen Wunsch des Kaisers, welcher jede mit Gepränge verbundene Festlichkeit vermieden wünscht, persönlich nicht erscheinen, wohl aber ihre Glück­wünsche durch Handschreiben, die von den Botschaftern und

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

So war es auch mit Hugo. Der Vater ahnte jedoch lange nicht den Umfang der Verbindlichkeiten, die fein Sohn auf Ehrenwort eingegangen; er wiegte sich, nachdem längere Zeit keine Forderungen an ihn gelingt waren, in dem be­glückenden Wahn, daß Hugo tdatsächlich umgekehrt sei und ein anderes, ein besseres Oben zu führen begonnen habe, und freute sich der Sinnesänderung des jungen Mannes. Er gab ihm so viel als seine Mittel nur gestatten wollten nur um ihn nicht aufs Neue der Versuchung auszufetzen, sich die Mittel zu einer standesgemäßen Existenz durch das Spiel zu verschaffen.

Die Tochter hatte sich inzwischen vermählt mit einem zwar nicht so reichen, aber hochangesehenen Staatsmann. Um ihr eine Mitgift geben zu kömieu, hatte der Vrter eines feiner Güter verkaufen miiffcn. Seine Einkünfte wurden dadurch um ein Bedeutendes geschmälert und manch em­pfindliche Einschränkung mußte vorgenommen werden im Hause der Eltern.

Einige Jahre vergingen. Die Eltern glaubten an eine dauernde Besserung ihres Sohnes. Da ward ihnen eines Tages die keinem Zweifel nutet liegende Nachricht, daß Hugo sich schlimmer denn je in Ehrenschulden verwickelt habe, daß Cassation ihm drohe, daß er verloren fei, wenn nicht neue beträchtliche Summen zur Rettung seiner Ehre geopfert würden. Der Familienname war verpfändet; schweigend, aber innerhalb weniger Stunden zum Greise geworden, griff der Vater zum letzten Mittel: er verkaustr mit Aus­nahme des Stammsitzes der Familie alle seine Habe und brachte den Ertrag selbst nach der Residenz.

Ruhig, doch mit über Nacht silbern gewordenem Scheitel

stand er vor Hugo, der ihm in die Augen zu blicken nicht den Mut hatte.

Es ist das Letzte, was ich Dir opfern kann," sagte der alte Herr.Muß ich ferner für Dich eintreten, so sind Deine Mutter und ich BettlerI Du mußt die militäri­sche Laufbahn von nun an ernstlich als ausschließlichen Beruf, mutzt sie als Brodstudium verfolgen. Deine Mutter und ich wir brauchen nicht viel; wir haben uns zu be­gnügen gelernt. Aber vergiß es nicht Hugo, daß Tu jetzt Soldat bist, um Deinen Lebensunterhalt damit zu ei werben! Zulage von Deinen Eltern kannst Tu nach diesem letzten Opfer und von heute an nur in sehr geringem Maße er­warten, denn bis auf unser Stamwgut das kleinste von all den stolzen Gütern, die wir besessen ist Alles ver- kanit und ich habe jetzt nicht mehr die Mittel, um für Dich einstehen zu können .... Vergiß daS nicht und richte Dick tanad) ein V*

Wieder waren Jahre vergangen, doch sie waren für den Vater sowohl wie für die Mutter kummerschwer gewesen, Sie kränkelte eine Zeitlang dann starb sie.

Viel Leid batte der nun alt gewordene Mann ausgehalten das schlimmste sollte indessen noch kommen.

Sein Sohn war nicht nur ein Verschwender und ein Spieler geblieben! Man hatte ihm den Abschied gegeben; er selbst hatte die Residenz verlassen und im Besitz eines Wuchere? befanden sich Wechsel, die Hugo selbst acceptiert, andere, die er im Accept gefälscht hatte, bereit Summe Alles verschlang, was der Vater noch befaß und opferte, um die Ehre seines Namens zu retten! Es genügte kaum, um alle Verpflichtungen zu decken. Und sie mußten gedeckt wer­den, da der Inhaber der Wechsel drohte, den jungen Frei­herrn gerichtlich verfolgen zu lassen, falls er nicht befriedigt würde.

Herr v. Rospangen opferte Alles, tilgte die Verbindlich­keiten seines verschwundenen Sohnes und ward darüber

zum Bettler, nur um seinen Namen vor Schande zu be­wahren.

Das Stammschloß seiner Familie, an welchem sein ganzes Herz gehangen, er mußte es in die Hände des Wucherers übergehen sehen. Gebrochen an Leib und Seele ging er aus dem Vater hause.

Seine Tochter war gekommen, ihn abzuholen; sie nahm den geliebten, so schwer geprüften Vater mit in ihr eigenes Haus.

Nun folgten für den alten Herrn einige Jahre der Ruhe der Ruhe eines Schwe'geprüften. Von seinem Hugo batte er Nichts mehr gehört; er war dem Vernehmen nach nach Amerika gegangen. Allein der Letdenskelch war noch nicht geleert: auch die Tochter mußte ihn noch kosten! Auch ihr stilles, ruhiges Glück mußte der Vater noch ver­nichtet sehen: ganz plötzlich starb ihr Gemahl, und ließ seine Wittwe fast mittellos mit einem im zartesten Alter stehenden Töchterchen zurück. Mit der kleinen Slma und ihrem alten, tiefgebeugten Vater verließ die Wittwe die deutsche Heimat, in der nur Not und Elend ihrer harrten. Sie und ihr Gatte hatten damals bereitwillig den größten Teil ihres Vermögens für den Bruder und Schwager hingegeben, sie hatten Alles der Ehre geopfert und nur eine verhältnismä­ßig unbedeutende Summe baaren Geld s neben einer kärg­lichen Pension blieb der jungen Wittwe für den alten Vater, ihr Kind und sich selbst der frühere Reichtum der Fa­milie war in die Hände von Wucherern übergegangen, der Glanz des Namens erloschen.

So gingen sie denn die Drei: Vater, Tochter und Enkelin übers Meer, nach England, und lebten dort unter dem verstümmelten Namen: der alte Herr nannte sich Spang Sie mußten sich ein neues Leben da gründen, mutzten arbeiten für den Umerhal:!

(Fortsetzung folgt.)