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Marburg, Sonntag, 20. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
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Wochenschau.
Unser Kaiser widmet sich den Regierungsgeschäften in gewohnter Rüstigkeit und wird hoffentlich sein 25jähriges Regierungsjubiläum am kommenden 2. Januar in voller Gesundheit begehen können. Der neue türkische Botschafter Tewfik wurde vom Kaiser in Antrittsaudienz empfangen, und weiter präsentierte sich der neue Erzbischof von Köln, Herr Dr. Krementz, am Kaiserhofe. Der Einzug des Kirchenfürsten in Köln und seine Inthronisation im Dom find glänzende Schauspiele gewesen. Zum Nachfolger des Erzbischofs als Bischof von Ermeland ist der Generalvikar Dr Thiel gewählt worden. Damit sind sämtliche preußische Bischofssitze bis auf den von Posen-Gnesen wieder besetzt. Verstorben ist der Vater des regierenden Königs von Portugal, König Ferdinand, von Hause aus ein sachsen-
Heitzer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Selma war ihm in den Jahren, die vciflossen, seit ihr Großvater sie seinem Schutz anvertraut hatte, wie eine jungt Schwester lieb geworden. Er blickte mit wehmühtigen Em' pfindungen zu ihr nieder — mußte er sie doch nun von sich lassen ... — Wie sehr und herzlich er sich auch ihres Glückes freute, dieser Gedanke stimmte ihn trübe: er war zu sehr an Selma gewöhnt: sie hatte sein einsames Leben verschönt, sie hatte sein eigenes Leid vergeffen machen und ihn direkt zu seiner erfolgreichen schriftstellerischen Tbätigkeit angespornt. Was blieb ihm nun? — Er wieder allein mit sich und seinen quälenden Gedanken.... — Doch hell zuckte es trotzdem auf in seinen Augen: er hatte ja auch seine Welt sich errungen, hatte seine Arbeiten, sein Dichten und Schaffen — und dies mußte ihm von nun an Alles sein.
Nachdem am späten Abend William glückberanscht sich entfernt und auch Selma sich zurückgezogen hatte, saß Reinhard noch allein in seinem Ztwmer und blätterte in alten, vergilbten Papieren. Was er da las, schien ihn sehr zu befriedigen, man konnte eS seinen Zügen ansehen. Die Schriftzüge waren von zitternder Hand auf das Papier geworfen: es war das Vermächtnis des alten Musikanten, Selmas Großvaters!--
ES war ein großes Stück Menschenleben voll unsäglichen Leidens in diesen alten Papieren ausgezeichnet, und trotzdem sprach aus ihnen ein stolzer, ungebeugter Charakter. Als Reinhard diese Blätter zuerst gelesen, da hatte die Lektüre derselben ihm zugleich den Schlüssel gegeben zu dem geheim- UiSvollen Wesen des alten Musikers.
Dieser mußte, ehe er starb, einer Vertrauensperson die Geschichte seines Lebens offenbaren; seine Enkelin war ihm
koburgischer Prinz, und der mecklenburgisch - schwerinsche Staatsminister Graf Baffewitz. Der Tod des letzteren ist ein sehr plötzlicher und schneller gewesen.
Die Reichstagsabgeordneten haben sich doch daran erinnert, daß sie nicht allein Volksvertreter, sondern auch Menschen sind, und daß sie nicht nur ihren Wählern, sondern auch ihren Familien Rechenschaft zu geben haben, und darum haben sie angesichts des Weihnachtsfestes zeitig mit dem Raten und Tagen ein Ende gemacht und sich nach Haus begeben. Ueber die Ereigniffe der letzten Woche muffen aber selbst die ergrautesten Parlamentarier erstaunt sein. Die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern wurde in bekanntem breiten Stile durchgeführt, und drei ziemlich lange Sitzungen gehörten dazu, bis die von keiner Seite beanstandeten Forderungen bewilligt worden waren. Wenn man daraus auf die Erledigung des hartbestrittenen Militäretats hätte schließen wollen, unter zwei Wochen wäre gar nicht an ein Fertigwerden zu denken gewesen, und auf etwas AehnlicheS hatte man sich auch ziemlich allgemein gefaßt gemacht. Aber o Wunder! In zwei Sitzungen von zusammen 8 Stunden war der ganze Riesenetat mit seinen Millionen erledigt und zwar fast durchgängig nach den Beschluffen der Budgetkommission, die im ganzen von den Rcgierungsfordcrungen ca. 17 Millionen abgestrichen hatte. Der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff gab sich zwar noch die größte Mühe, das harte Herz des Reichstages etwas weicher zu stimmen, aber die Arbeit war eine vergebliche. Der Reichstag blieb bei seinem „Nein", und zuletzt nahm deshalb auch die Debatte fast ganz ein Ende; die Forderungen wurden ohne weitere Bemerkungen bewilligt oder abgelehnt. Dadurch ist denn die Erledigung des Militäretats in zwei Tagen zu stände gekommen, und die Reichsboten sind über diese Fixigkeit nicht böse gewesen. Beim „Vergnügte Feiertage" zum Abschied gab es in Wahrheit vergnügte Gesichter genug. Auch der eifrigste Parlamentarier ist ja nur ein Mensch.
Drei Wochen werden also die Geschäfte im Reichstage nihen, und in der Zwischenzeit winken die Festtage mit ihrer Stille. Das Resultat der bisherigen Sitzungen ist naturgemäß gerade kein besonders großes, fix und fertig ist nur das neue Beamtenpensionsgesetz beraten, über welches der Bundesrat späterhin die Entscheidung zu treffen haben wird. Alles übrige bedeutete nur die Einleitung zur eigentlichen Parlamentskampagne, die ein ganz beträchtliches Stück des neuen Jahres beanspruchen wird, um so mehr, da am 15. Januar auch der preußische Landtag wieder zusammentritt, welcher das Fortschreiten der Reichstagsarbeiten stark beeinflußt. Alle großen Gesetze, welche für den Reichstag bestimmt sind, werden also im neuen Jahre erst ihre Erledigung finden. Unbekannt sind noch immer die Spezialbestiminungen des neuen Branntweinmonopols;
ihm dazu zu jung, zu unfähig, so Manche» aus diesen Aufzeichnungen zu verstehen und richtig zu würdigen. Da lernte der alte Herr Spang Reinhard kennen und dieser erschien ihm mit der Zeit als der geeignete Hüter seines Familien- Geheimntsses. Nachdem er ihm Selmas Zukunft anvertraut, mußte er ihm auch sein Geschick mitteilen, ihn wiffen lassen, wie es gekommen war, daß er so elend, so ärmlich und ver- lassen dem Tode entgegen ging. —
Der alte Mann war einst ein stolzer Mann gewesen und gerade ihm mochte es wohl sehr schwer geworden sein, das zu erzählen, was er die „Schande seines Geschlechts und NamenS" nannte. —
Einst hatte er, jung und noch hoffnungsreich, auf eine lange Reihe stolzer Ahnen zurückblicken können, die Alle ihren und seinen Namen zu hohen Ehren gebracht und als rechte ritterliche Männer sich gezeigt hatten. Auch die Frauen seines Hauses waren ohne Ausnahme den edelsten Familien des Landes entsprossen. Er selbst hatte ein sehr schönes Mädchen als seine Gemahlin heimgeführt, .die Tochter eines alten aber verarmten Hauses. Liebe, wahre Herzensneigung hatte diesen Bund geknüpft. Damals hielt er sich für den Glücklichsten der Menschen — besaß er doch rin über Alles geliebtes, schönes, junges Weib, waren doch seine Güter doch schuldenfrei und warfen ihm eine Rente ab, welche ihm erlaubte, ein seims Namens und Standes würdiges, ja selbst ein glänzendes Haus zu machen! — Sein erstgeborenes Kind war ein Mädchen gewesen. Es war dies das erste Mal, daß ein sehnlicher Wunsch von ihm unerfüllt 1 geblieben: er hatte sich einen Knaben, einen Erben seines '
Samens, gewünscht, da er der letzte seines Stammes war. 1
Sod) wb — als das engel-schöne Kind ihm entgegen 1 lächelte, da war er doch glücklich als Vater und versöhnt , mit den Launen des Schicksals. 1
Ach, hätte er damals ahnen können, was die Zukunft in ihrem dunklen Schoße für ihn barg! — Er würde dann
- es herrscht auch fortgesetzt Dunkel darüber, wann eine Einbringung desselben im Bundesrat zu ermatten ist. Daß vor Wiederzusammentritt des Reichstags etwas Näheres 1 bekannt wird, ist kaum anzunehmen, vielleicht verlautet i aber Bestimmtes, wenn der von der freifinnigen Partei eingebrachte Antrag gegen das Branntweinmonopol verhandelt werden wird. Wünschenswert wäre es allerdings auf jeden Fall, daß in einer so bedeutsamen Angelegenheit bald klarer Wein eingeschenkt würde; das ist nach jeder Richtung hin gut.
Der entgültige Abschluß der Karolinen - Frage ist in diesen Tagen in Rom erfolgt, wo int Vatikan das Vertragsdokument von dem Staatssekretär Kardinal Jacobini und dem deutschen und spanischen Vertreter unterzeichnet worden ist. Von einem Malheur in ihren kolonialen Bestrebungen ist die deutsche Neu-Guinea-Kompanie betroffen worden: der ihr gehörige Dampfer „Papua" ist auf der Fahrt von Kaiser - Wilhelmsland auf Neu - Guinea nach Cooktown gescheitert, die ganze Besatzung aber glücklicherweise gerettet worden. In Ostafrika hat die definitive Abgrenzung der Gebiete des Sultan« von Zänzibar und der deutschen ostafrikanischen Gesellschaft begonnen. Zum Jahrestage des Kamerun-Gefechtes — 20. Dezember — ist in Berlin das Kamerun-Panorama, welches eine Darstellung jenes Kampfes und der Kamerun - Gegend gibt eröffnet worden und hat allgemeinen Beifall gefunden.
In Frankreich haben am letzten Sonntag die Ersatzwahlen zur Deputiertenkammer keiner Partei ein angenehmes Resultat gebracht, denn die Zahl der abgegebenen Stimmen ist durchgängig zurückgegangen. In Paris ist niemand definitiv gewählt worden und haben also abermals Stichwahlen stattzufinden. Regierung und Volksvertretung stehen noch immer vor der Entscheidung über die Frage, ob Tonking und Annam in Ostasieu besetzt gehalten oder geräumt werden soll. Die Kammerkommis- ston ist für bie Räumung dieser kostspieligen Kvlonieen und sie hält daran auch fest, trotzdem General Courcy neue Siege über die annamittschm Seeräuber meldet. An die Errungenschaften dieses Generals glaubt kein Mensch mehr.
Aus Böhmen kommen wieder einmal Klagen über die Zurücksetzung von Deutschen. Der Statthalter in Praa hat einem deutschen Gemeindebeamten die Bestätigung versagt und zwar ohne Nennung irgend welchen Grundes Die Sache hat viel böses Blut gemacht. In Prag haben sich die Deutschen seit 15 Jahren zum erstenmale wieder an den städtischen Wahlen beteiligt. Der Ausfall war ein ansehnlicher Achtungserfolg, der beweist, daß die Stadt doch nicht ganz so slavisch ist, wie die Czechen es gern darstellen möchten. — In Oberitalien ist in verschiedenen kleinen Orten die Cholera ausgebrochen. Bei strenger Handhabung geeigneter Vorsichtsmaßregeln dürfte aber die — ■ ----- । — ii ----------
nicht dem Stolz, mit den vor Glück leuchtenden Augen nach dreijähriger Ehe de» Sohn begrüßt haben, dessen Geburt ja endlich feine heißesten Wünsche krönte. -
Wie glücklich, wie selig waren die Eltern im Besitz ihrer henlich gedeihenden Kinder, deren Geist und Körper aufs Vorteilhafteste sich entwickelte! — Und als ans dem kleinen Hugo ein vielversprechender Jüngling geworden, da schickte der Vater ihn hinaus in die Welt, um ihn die militärische Carrivre einschlagen zu lassen; er sollte Offizier werden und als solcher eine Reihe von Jahren dem Vaterlande dienen. Zwar pochte das Mutterherz ängstlich-besorgt, als es den Liebling nach der Residenz ziehen lassen mußte, wo die Gefahren, denen er seither glücklicherweise fern gestanden, nun so nahe an ihn heranzntreten drohten. Ihr Gemahl jedoch schalt sie ängstlich, verzagt; er selbst hatte die beste Zuversicht und vertraute stolz dem Charakter sowohl wie dem Herzen seines Sohnes. —
Nur wenige Jahre später dachte der Vater ganz anders. Sorgenvoll schüttelte er das Haupt; eine Eigenschaft, welche er früher nie bei seinem Hugo ahnte, machte ihm schwere Sorge; der junge Offizier zeigte die besten Anlagen, ein ruckuchtsloser Verschwender zu werden, und ein leidenschaftlicher Spieler war er bereits! —
Nicht ohne mitunter große Mühe und schwere Anstrengung hatte der Vater nach und nach sehr bedeutende Summen beschafft und geopfert, um die Ehre seines Sohnes und damit auch die seines Namens frei zu erhalten. Wiederholt hatte er Hugo gedroht, es sei das letzte Mal, daß er ihm helfen könne, und Jener hatte bann stets aufs Neue bem Vater bie heilige Versicherung gegeben, er wolle sich bessern, wolle nie mehr spielen. —
Solche Versprechungen — wie oft find, sie gegeben, wie selten gehalten worden?! —
(Fortsetzung folgt.) •