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Marburg, Freitag, 18. Dezember 1885.
XX. Jahrgang
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Exvedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Militärische Betrachtungen über den serbisch- bulgarischen Feldzug.
(Von einem deuiswen O'stzier)
Der Zeit wird es Vorbehalten sein, über viele auf diesen Krieg bezügliche Punkte ein abschließendes Urteil herbeizuführen, trotzdem aber drängen sich jetzt schon Gedanken auf über zwei Punkte, die von ausschlaggebender Bedeutung für jede Kriegführung sind, und das ist einmal die Frage der Wichtigkeit eines militärisch gebildeten Kriegsherrn, der selbst Soldat ist im eigentlichen Sinne des Wortes, und ferner diejenige der Hcereöaufbringung in Berbindung mit der die Dienstzeit betreffenden.
Was den ersten Punkt anlangt, so sehen wir auf serbischer Seite den König Milan, welcher sich allerdings inmitten seiner Armee befand, jedoch ohne jeden bestimmenden Einfluß auf den sachgemäßen Gang der Operationen blieb. Die serbischen Truppen operierten in getrennten Gruppen, die ganz unabhängig von einander und ohne einer sachverständigen Zentralstellung unterworfen zu sein, in den Kampf traten. Es fehlte der einheitliche Wille, ohne den keine Unternehmung zu einem gedeihlichen Abschluß gebracht werden kann. Allerdings war König Milan bei dem Hauptteil feiner Armee, aber dieser allein konnte den Feldzug nicht entscheiden, und schließlich ist wohl die Annahme nicht unbegründet, daß er aus ähnlichen Gründen, wie seinerzeit Napoleon III. seine Hauptstadt verließ. Er war kein Feldherr, kein Soldat, eines unmittelbaren Einflusses auf die Truppen mußte er sich begeben, die Leitung lag bei den sachverständigen Generalen. Es ist gar nicht anders denkbar, als daß Milan eher hindernd als fördernd eingreifen konnte. Es fehlte den serbischen Truppen naturgemäß die Hingebung an den Monarchen, welcher gleichzeitig auch als Kriegsherr des unter den Waffen befindlichen Teiles des Volkes die Interessen der letzteren mit seiner Person verband. Nur so kann die Kraft eines Volkes einheitlich und erfolgreich entwickelt werden, und einen besseren Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme giebt es nicht, als den Umstand, daß unmittelbar nach den serbischen Niederlagen eine Stimmung im Lande sich breitmachte, die das Heil des Vaterlandes in einer Beseitigung des Monarchen sah. Man fühlte eben einen Unterschied zwischen König und Feldherr heraus und nur von einem letzteren war eine Aenderung zu erwarten. Wie anders gestaltet sich die Sache bei den Bulgaren. Hier ein Fürst an der Spitze, welcher von Beruf Soldat, selbst die Leitung der Operationen in der Hand hatte, welcher inmitten seiner Truppen nicht als Zuschauer, sondern als Kommandierender stand und mit seiner Person die Jnteresien der Armee verband. Letztere wußte und fühlte das ebenso genau, als
das Land selbst, als das Volk. Und was die Hauptsache ist, im Unglück, unter dem unmittelbaren Eindruck der anfangs erlittenen Niederlagen machte sich dieses Ueber- gewicht geltend, welches ein Monarch auszuüben im stände ist, der selbständig und ohne indirekt oder direkt vom Generale abhängig zu sein, die Operationen leitet. Das Wort: „Ein Volk ist da, wo seine Fahnen wehen", hat sich hier in besonderer Weise bewahrheitet. Bei den Fahnen war aber auch der militärisch gebildete, sachverständige Monarch. Mögen noch viele andere Gründe und Gesichtspunkte hinzukommen, aus denen sich mit die plötzliche Wendung des Waffenglücks herleiten lassen wird, die Hauptsache bleibt immer: hier ein Soldat als Monarch, dort ein Mann, welcher dem Kriegshandwerk ferne stand. Schon jetzt läßt sich ohne Frage wiederholt die Notwendigkeit hieraus herleiten, daß die Kommandogewalt des Monarchen in der Armee mit allen Mitteln gestärkt werden muß, und die Mahnung für uns, daß nichts mehr geeignet sein kann, die Schlagfertigkeit des Heeres zu schmälern, als wenn der Monarch in seiner Eigenschaft als Kriegsherr nicht einen ausschlaggebenden Einfluß auf alle Verhältnisse behält und ausüben kann, die in einem Heeresorganismus in Frage kommen. Jede Einschränkung der Kommandogewalt muß die Stellung des Monarchen in feinem Heere lockern und naturgemäß wird das Fehlen eines Kriegsherrn überhaupt, wie in einer Republik der Fall, die Sachlage für einen Staat noch ungünstiger gestalten.
Der andere Punkt, auf den wir die Aufmerksamkeit lenken wollen, betrifft ein Gebiet, auf welchem die Ansichten noch vielfach sehr zu divergieren scheinen. Mit einem Wort, der serbisch-bulgarische Krieg hat zur Evidenz gezeigt, daß eine Armee mit einer milizartigen Ausbildung absolut außer stände ist, einen Offensivkrieg zu führen, und wenn die numerische Ueberlegenheit noch so bedeutend ist. Wir haben bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, in welcher Weise die serbische Armee sich komplettiert. Dieselbe verfügt bei ihrer 1- bis 2jährigen Dienstzeit über ein großes Quantum von Leuten, welche als ausgebildet in den Listen geführt werden. So viel Kadres waren aber nicht vorhanden, um im Kriegsfälle alle Ausgebildeten aufzunehmen, sondern es mußten eine große Anzahl neuer Truppenteile formiert werden, während die vorhandenen Kadres eine unverhältnismäßig große Anzahl Mannschaften zur Komplettierung gebrauchten. Die Folge war, daß die Verbände nicht festgefügt, daß die Schlagfertigkeit der Truppe als solche nur eine minimale war, daß die Offiziere nicht ihre Mannschaften kannten und letztere nicht ihre Offiziere. Der ganze Organismus war nicht klar und durchsichtig, es war zu viel improvisiert und das nicht allzu bedeutende Maß in Disziplin reichte nicht hin, um die Armee im
Bewegungskriege zuverlässig und gefechtsbereit zu gestalten. Die persönliche Tapferkeit des Einzelnen, so wertvoll sie sonst auch sein mag, reicht nicht hin, jene Uebelstände zu beseitigen. In den ersten Stadien des Feldzuges machten sich diese nicht so geltend, weil die bulgarischen Truppen noch nicht konzentriert waren und ein anhaltender Widerstand nirgends geleistet werden konnte. Aber in solchen Fällen zeigt sich gerade die Güte eines Heeres, einer Truppe, wo es gilt, Hinderniffe auf Hinderniffe zu überwinden in andauernden Kämpfen, welche große Anforderungen an den Geist und die Disziplin einer Truppe stellen. In einer kurzen Dienstzeit läßt diese sich aber nicht erzielen, bei dem ersten Eifer stellt sich an Stelle von Ausdauer und Selbstbeherrschung sehr leicht Mutlosigkeit und Verzweiflung ein. Auf der anderen Seite zeigt uns die bulgarische Armee, welcher Grad von Ausdauer und Zähigkeit erreicht werden kann bei einer längeren Dienstzeit. Drei Jahre dauert dieselbe in Bulgarien. Allerdings war die numerische Ueberlegenheit eine nicht unbedeutende, aber das vorhandene feste Gefüge der regulären Truppen bildete einen wahren rocher de bronze, an welchem die sonst in aller Eile aufgebotenen Truppen, sowie die Milizen Ost - Rumeliens einen festen Anhalt fanden. Einen anderen Vorzug hatte die bulgarische Armee dadurch, das die vorhandenen Friedensstämme und Kadres nur auf einen höheren Mannschaftöstand gebracht wurden und Neuformationen nicht eintraten. Fürst Alexander hatte seine Truppen fast in derselben Organisation, wie sie im Frieden formiert waren, zur Verfügung und konnte auf ein absolut festes Gefüge rechnen, ohne welches er eine Offensivbewegung nach Serbien hinein auch nicht hätte unternehmen können. An den Bataillonen, deren Mannschaften eine längere Dienstzeit hinter sich hatten, brach sich der Angriff der Serben trotz ihrer Ueberlegenheit. Es soll hier nicht in Abrede gestellt werden, daß für reine Landesverteidigungszwecke und besonders in solchen Gegenden, wo die gebirgige Formation einer hartnäckigen Verteidigung sehr zu Hilfe kommt, Milizen nicht sehr gute Dienste leisten können, aber eine Offensive, welche die Entscheidung bringen soll, läßt sich mit ihnen nicht durchführen. Auch der nord- amerikanische Sezessionskrieg wurde schließlich durch das Auftreten von wirklichen Soldaten beendet, nachdem alle Anstrengungen der Milizen zu keinem Resultat geführt hatten. Unserer Meinung nach hat der serbisch- bulgarische Feldzug ein Beispiel mehr dafür geliefert, wie thöricht es ist, zu Gunsten einer etwa erreichbaren numerischen Ueberlegenheit die Dienstzeit zu schmälern. Das wird sich stets rächen, nur mag hier zum Schluß noch bemerkt sein, wie die Verluste einer Truppe, deren Mannschaften nur eine kurze Dienstzeit genossen, stets größer
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Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
„Es ist mir angenehm, zu hören, daß die Produkte meiner Thätigkeit in Deutschland Anklang gefunden haben," erwiderte Reinhard artig. „Sie sind der Erste, der mir dies sagt, Herr Baron."
„O wenn Sie nur wüßten, wie man für Sie schwärmt. — Sie sind wahrscheinlich seit ganz kurzer Zeit erst vom Auslande zurückgekehrt? — Ich habe nämlich trotz aller Erkundigungen über Sie nie mehr erfahren können, als daß Sie nicht in Deutschland lebten; Ihren Namen hält man so ziemlich allgemein für ein Pseudonym, und ich weiß, daß Viele schon vergeblich sich bemüht haben, Näheres, Bestimmtes über Sie zu erfahren. Darf ich meinen Bekannten, Ihren Verehrern, von Ihnen erzählen?" —
„Bitte, thun Sie das nicht: ich liebe dir Einsamkeit, meine Nichte sowohl, wie ich mögen nicht in den Strudel der Welt gezogen werden," sagte Reinhard bestimmt.
Dies ist in der That zu bedauern, denn Sie hätten hier einen vollkommenen Triumph gefeiert. — Darf ich um dir Ehre bitten, Ihrer Fräulein Nichte vorgestellt zu werven? — Ich möchte Gelegenheit haben, mir, so lange Sie noch hier unter uns weil', Ihre persönliche Freundschaft zu gewinnen.
Beide Herren drückten sich herzlich die Hände.
„Es wird mich freuen," sagte Reinhard, „wenn Sie un8 morgen mit Ihrem Besuch beehren wollen."
Meiner Schwester darf ich ihr Geheimnis wohl verrathen?
In diesem Augenblick begann Selma wieder zu singen, und Beide lauschten nun dem Vortrag der Künstlerin. Mit Entzücken hingen Williams Blicke an ihrer Erscheinung und einen Moment lang wollte eS ihn dünken, als habe auch sie auf ihn geblickt — Sie hatte wohl Reinhards Gestalt mit den Augen gesucht und William an seiner Seite bemerkt,
aber es konnte ihr nicht entgehen, daß dieser sie voller Verwunderung anschaute, und rasch errötend senkte sie die Augen. —
Das Konzert war zu Ende. Herzlich, wie alte Bekannte hatten William und R inhard sich von einander verabschiedet.
„Also das ist ein Rospangen!?" murmelte Reinhard, den sich entfernenden Geschwistern nachschauend, vor sich hin. „Morgen wird er zu uns kommen, dann muß ich zu erfahren suchen, ob er zu jenen Rospangen gehört, vielleicht ein Sohn des Einen, Bestimmten ist. — Es kann kaum anders fein, denn das Gesicht der schönen Schwester meines neuen jungen Freundes trägt dieselben mir fo bekannten Züge. . .* —
Sinnend blieb Reinhard noch auf derselben Stelle stehen, wo er sich von den Geschwistern getrennt hatte, dann verließ auch er den Konzertsaal, um Selma abzuholen und mit ihr heim zu fahren.
„Wir bekommen morgen Besuch, Selma," sagte er, als der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte. „Ich habe eine recht angenehme Bekanntschaft gemacht — ein liebenswürdiger junger Mann mit seiner Schwester; er wünschte sehr auch Ihnen vorgestellt zu werden, und so habe ich ihm denn gesagt, er möge un8 morgen seinen Besuch machen."
„Ist es der Offizier der neben Ihnen stand?" fragte sie befangen.
„Ja — Lieutenant v. Rofpangen. Er wird auch Ihnen gefallen, wie er den besten Eindruck auf mick gemacht hat. Er ist ein liebenswürdiger, feingebildeter junger Mann, scheint auch in seinem Berufe tüchtig zu sein, denn ich erfuhr gesprächsweise von ihm, daß er zur Kriegs-Akademie kommandirt sei, und das ist an sich schon ein hohes Zeugnis für tfnen jungen Offizier."
Selma schwieg. — Nachdem sie an diesem Abend zur Ruhe gegangen, dachte sie nicht an die Triumphe, welche fie heute wiederum gefeiert, nicht an die vielen Kränze und Bouquets, welche man vom Konzertsaal nach ihrer Wohnung gebracht: nur ein paar tiefdunkle, bewundernde Augen sah
sie — immer noch auf sich gerietet, und ihr war so eigentümlich ums Herz — und doch fühlte sie sich so glücklich, so zufrieden.......
Um die Visitenstunde ward Lieutenant William v. Ro- fpangen am nächsten Vormittag bei Reinhard und Selma, die Beide lesend und hin und wieder sich unterhaltend in ihrem Salon saßen, gemeldet.
Aufs Liebenswürdigste empfing Reinhard den Besucher und stellte ihn Selma vor. Errötend verneigte sie sich; sie sah ja dieselben Augen wieder auf sich gerichtet und mit so innigem, herzigem Ausdruck — dieselben Augen, an die feit gestern fast unablässig hatte denken müssen.
Wie entzückt war William von ihrer lieblichen Befangenheit! — Das war nicht eine stolze, große Künstlerin die da vor ihm stand; nicht ihres hohen Wertes bewußt stellte sie sich ihm dar: rein, einfach, anspruchlos in ihrer reizenden Mädchenhaftigkeit trat sie ihm gegenüber.
Er blieb länger, als es sich eigentlich für einen ersten Besuch schicken mochte. Als er sich endlich empfahl, bat er um die Erlaubnis, wiederkommen zu dürfen.
„Sie werden uns immer herzlich willkommen sein, Herr Baron," entgegnete Reinhard. Sie sind hier unser einziger Bekannter und ich wünsche, daß wir als gute Freunde scheiden." —
„Sie sprechen schon vom Scheiden, Herr Fontaine, wollen Sie uns denn so bald wieder verlassen?" fragte der junge Offizier beklommen.
„Wir find gänzlich Herren unserer Zeit und unseres Thuns, nickt war, Selma? — Wir können bleiben' wo und so lange wir wollen; allein unsere Absicht trat es trotzdem, in einer Woche etwa von hier wieder abzureisen."
„Möchte eS Ihnen dock noch recht lange bei uns gefallen," sagte herzlich William. Dann verabschiedete er sich.
(Fortsetzung folgt.)