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Marburg, Donnerstag, 17. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
ML'int täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Ävonnemcnts-Preis de! der .«Spedition 21/« '?l,f . bei d/,i Postämter 2 Mk. f>0 P,'g (ejcl. Best-llgeld). ^qsertions^ebNbr für die fl.fpalfcne Zeile 10 'Bfg. «iefiom n für die Zeile 26 Pfg.
AerlMchk Jritiniß.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureoux vvnHoafenstein undVogler in Frankfurt o. M , Caffel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a M .Berlin.D-ünchenund Köln; G. L. Daube und t'o. in Frankfurt o. M-, Berlin, Hannover u.Paris-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Zllnstricrtcs Sonntagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Perlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. Dez. Am Tage des 25jährige« Regierungs-Jubiläums des Kaisers wird in dem am Sonntag, den 3. Januar, abzuhaltenden Gottesdienst folgendes Allgemeine Kirchengebet mit Allerhöchster Genehmigung eingeschaltet werden: „Laß, »Herr, Deine Gnade groß werden über den Kaiser, unseren König und Herrn, und wie Du 25 Jahre lang die Regierung in seiner Hand behalten, ihn dabei aus großen Gefahren errettet, in Krieg und in Frieden mit Barmherzigkeit überschüttet und mit Ehren gekrönt hast — gepriesen sei dafür Dein heiliger Raine! — so sei auch ferner sein Schirni und sein Schild und sein großer Lohn, bewahre ihm noch Geist, Seele und Leib in rüstiger Kraft und setze ihn nach wie vor unserem Volk und Land zu bleibendem Segen. Amen." — Die Streichungen, welche die Budgetkommissiotr des Reichstags dem Plenum bei den: Militäretat empfiehlt, betragen im ganzen 6 737 649 Mark und betreffen folgende Positionen: Im Ordinarium sollen die für den Generalstabsarzt der Armee als Dienstzulage geforderten 900 Mk. abgesetzt werden, ferner statt 49 Kanzleisekretäre nur 45 bewilligt, also 10200 Mk. gestrichen worden. Von den zur Reinunerierung von Kanzlei- diätarien in Ansatz gebrachten 23100 Mk. hat die Kommission 1650 Mk. gestrichen und-bei den zu Unterstützungen ausgeworfenen 21 420 Mk. 300 Mk. abgesetzt. Das Büreau- geld für die höheren Truppcnbefehlshaber ist um 10548 Mk. vermindert morden. Beim Generalstab sind statt 45 nur 40 Offiziere in der Charge vom Hauptmann und Stabsoffizier angesetzt, wodurch die bezügliche Position um 10 800 Mark verringert wird. Bei 605 Zahlmeistern ist das Durchschnittsgehalt von 2044 auf 2000 Mk. reduziert worden, wodurch eine Ersparnis von 26 900 Mk. bewirkt wird. Durch Erhöhung der voraussichtlichen Ersparniffe infolge von Manquements werden 10300 Mk. gewonnen, bei den Kommandozulagen 479 216 Mk. abgesetzt. Die entsprechenden Abstriche werden wie im preußischen, so auch im sächsischen und württenibergischen Etat gemacht. In der Naturalverpflegung sind 904049 Mk. abgesetzt. Im Extraordinarium ist die zur Beschaffung von Konservenvorräten ausgesetzte Summe um 728 500 Mk. vermindert. Gestrichen sind ferner folgende Bausummen: 300 000 Mk. für Berlin (Kaserne für die 2. Abteilung 2. Garde-Feld- ArtillerieregimentS), 100000 Mk. für Magdeburg, 93 600 Mark für Düsseldorf, 100000 Mk. für Minden, 15 000Mk. für Neuß, 10000 Mk. für Köln, 10000 Mk. für Darmstadt, bei Neubauten für Remontedepots sind 57 000 Mk. abgesetzt, für den Exerzierplatz bei Lichterfelde 574 800 Mk., für'ein Depot in Thorn 61000 Mk., für einen Neubau von Stallungen in Ulm 138500 Mk. Schließlich sind im außerordentlichen Etat abgesetzt: 121200 Mk. für die evangelische Garnisonkirche in Straßburg, 289 000 Mk.
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Auch William war eine interessante, männlich-schöne Erscheinung und hob sich unter seinen Kameraden aufs Vorteilhafteste ab. Er tanzte mit den schönsten der anwesenden Damen und seine Mutter sah und verstand recht wohl deren Blicke, die heiß und begehrend an dem schönen und reichen jungen Manne hingen. Allein bei keiner der schönen verweilte William v. Rospangen länger; er that eben nur seine Pflicht als einziger Sohn des Gastgebers und tanzte als solcher so ziemlich q^it allen Damen, namentlich mit den unberücksichtigt Gebliebenen.
Als es spät zu werden begann, schmerzten Ellen Rospangen die Augen von all dem Zusehen; leise, von Niemandem bemerkt, schlich sie nach ihren Gemächern zurück, gestützt auf deu Arm ihrer treuen Jugendfreundin und Gesellschafterin Jesfie Wilkens. Ermüdet, abgespannt schlief sie bald ein, während drüben, im andern Flügel des palastartigen Gebäudes, lange noch Musik und Tanz die zahlreichen Gäste erheiterten. Aber Niemand gedachte der vereinsamten Frau, deren Reichtum allein solche Feste ermöglicht hatte.
Einige Tage nach jener Ballnacht fuhr Frieda, nur von ihrem Bruder begleitet, zu einem Concerte der Saison. Beide Geschwister schwärmten für Musik und waren selbst nicht unbedeutende Dilettanten in Gesang und Spiel, na- mentlich Frieda die eine vorzügliche Stimme hatte.
«Ich freue mich ungemein auf das heutige Concert," sagte ste. „Die Sängerin — das Fräulein Spang — hat eine Stimme, wie Du ste selten so schön gehört hast; st« ist überhaupt auch in ihrer Erscheinung hinreißend — und dazu noch die herrlichen, reinen Töne!" rief Frieda begeistert.
„Ja, sie ist ein herrliches Geschöpf," entgegnete ruhig, wie nachdenklich, der junge Offizier.
Selma Spang befand sich schon seit einiger Zeit in der
für die Unterofsizierschule in Neubreisach, 42 000 Mk. für die erste Rate zuni Bau einer Kaserne in Ratibor, 7000 Mk. für Leobschütz, 200000 Mk. für Kassel und 8000 Mk. für Schwetzingen. Von den zur Erweiterung beziv. Neuerwerbung von Artillerie-Schießplätzen geforderten 4444 601 Mark sind 1444 601 Mk. gestrichen worden. — Die Arbeiterschutzgesetz-Kommission des Reichstags setzte heute ihre Beratungen fort. Abg. Dr Schneider gibt den sozialdemokratischen Antragstellern zunächst darin Recht, daß sich manche üble Verhältnisse, wie z. B. der Leipziger Fvrmer- streik, günstiger für die Arbeiter gestaltet haben würden, wenn ihnen das Koalitionsgesetz nicht durch das Sozialistengesetz beschränkt wäre. Auch den Mangel einer genügenden Zahl von Fabrikinspektoren gebe er in vollem Maße zu, doch gebe das keineswegs genügende Motive für den Auerschen Antrag zur Schaffung eines Reichs - Arbeitsamts. Diese Organisation könne keineswegs, nach den Bestimmungen der Verfaffung, dem Bundesrat überlassen werden. Die Verpflichtung, hier die nötigen Detailvorschläge zu machen, könne den sozialdemokratischen Antragstellern trotz des großen Vertrauens, welches sie hierbei ausnahmsweise dem Bundesrate entgegenbrächten, nicht abgenoinmcn werden. Abg. Merbach hofft auf die gedeihliche Weiterentwickelung des Instituts der Fabrikinspektoren; der Fabrikintspektor sei bereits jetzt überall ein gern gesehener Ratgeber der Unternehmer und der Vertrauensmann der Arbeiter, das Vertrauen der letzteren zu dieser Einrichtung sei in entschiedenem Zunehmen begriffen. Wenn Abg. Pfannkuch gestern auf den Berliner Maurerstreik hingewiesen und es als einen Fortschritt im Solidaritätsbewußtsein der Arbeiter bezeichnet habe, daß die Arbeiter im Interesse der Mitarbeiter auf die höheren Einnahmen aus Akkordarbeit verzichtet haben, so möge dahingestellt bleiben, wieviel Einfluß die Pression auf diese Solidarität gehabt habe, aber vor diesem Fortschritt möge Gott die armen Arbeiter bewahren, er würde der Industrie den Untergang bereiten. Abg. Grohs sprach sich sympathisch für den Vorschlag Auer aus, fand aber die vorgeschlagene Organisation der unteren Instanzen zu schwerfällig und büreaukratifch. Abg. Dr. Böttcher war bemüht, das innerlich Unpraktische der vorgeschlagenen Organisation der Reichs-Arbeitsämter nachzuweisen. Aber die Durchführung der sozialdemokratischen Vorschläge sei überhaupt unmöglich. Neue Institute lassen sich nicht im Handumdrehen schaffen. Ein tüchtiger Fabrikmspektor leiste mehr und besseres, als die ganze vorgeschlagene Organisation der Arbeitsämter. Das Streben aller müsse darauf gerichtet sein, die bestehenden Institutionen in arbeiterfreundlichem Sinne weiter auszubilden. Geheimer Rat Lohmann erklärte die sozialdemokratischen Vorschläge in formaler und materieller Hinsicht für unannehmbar. Dieselben würdeip^die Verwaltung der Einzelstaaten desor
ganisieren, in ihrer Gesamtheit involvieren die sozialdemokratischen Anträge deu Versuch, einen Teil der inneren Verwaltung der Einzelstaaten auf streng isolierte Behörden zu übertragen. Das Reich habe hier keine Kompetenz und es wäre auch ganz unpraktisch, das Institut der Fabrikinspektoren der Reichsaussicht zu unterstellen. Die Abgeordneten Hitze und Dr. Lieber sprachen sich für weitere Ausbildung des Instituts der Fabrikinspektoren aus uub standen, wie die übrigen Redner, den Arbeiterschiedsgerichten sympathisch gegenüber. Im übrigen hielten sie ebenfalls die Vorschläge der Sozialdemokraten für undurchführbar. Abgeordneter Lieber sprach sein Erstaunen darüber aus, daß die Antragsteller ihren Vorschlag vom vorigen Jahre, „Arbeiterkammern" zu errichten, fallen gelassen und nunmehr „Arbeitskammern" fordern. Die Debatte wird morgen fortgesetzt. Zum Referenten über diesen Teil der Anträge ist Abgeordneter Lohreu bestellt worden. — Die Deutsch - Freisinnigen brachten zum Etat der Verbrauchssteuern den Antrag ein, zu erklären, daß die Einführung des Branntweinmonopols in politischer, wirtschaftlicher und finanzieller Beziehung verwerflich sei. — Die Deutsch - Freisinnigen brachten im Reichstage einen Antrag ein, nach welchem die Ausweisungen als durch das nationale Interesse nicht gerechtfertigt bezeichnet werden. — Die Entsetzung des vormaligen chinesischen Gesandten in Berlin, Li-Fong-Pao, von allen Aemtern und Würden hat, wo der Gesandte, ein ungewöhnlich begabter Mann, sich in vielen Kreisen Hochachtung und Freunde erworben hat, begreifliches Aufsehen gemacht, und man hat allerlei Gründe über den Schritt verbreitet. Von all den Ausstreuungen ist tyatsächlich nichts begründet, weder hat man es dem früheren Gesandten vorgeworfen, daß er und das Gesandtschasts - Personal sich zu sehr mit deutscher Sitte und deutschem Wesen vertraut gemacht hätten, noch hat man ihm gar die Bestellungen von chinesischen Kriegsfahrzeugen auf deutschen Schiffswerften zum Vorwurf gemacht. Seine Absetzung erfolgte der „Köln. Ztg." zufolge, lediglich, weil er unter Umgehung der Hofetiquette sich in den Provinzen nach einer Stellung umgesehen hat, ehe er sich am Hofe zu Peking meldete.
Köln, 15. Dez. Der neue Erzbischof begab sich heute, vormittags, in feierlichem Zuge nach dem Dome. Der Zug wurde von etwa 400 Geistlichen im Ornat eröffnet; cs folgten ein starker Sängerchor, dann das Festkomitee und hierauf unter einem Thronhimmel der Erzbischof, welcher überall den Segen spendete. Den Schluß bildeten die Bruderschaften und Vereine mit mehreren hundert Fahnen. — Nach der Beendigung des Hochamts hielt der Erzbischof eine lateinische Ansprache an den Klerus und eilte deutsche an die Menge. Im Dom erteilte er von der Estrade des Wesiportals den erzbischöflichen Segen und
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Residenz hatte bereit? tu zwei Konzerten gesungen und reichen Beifall gefunden. Heute sollte sie zum letzten Male fingen, wenigstens fürs Publikum; dann kamen noch einige Hofkonzerte und später beabsichtigte sie ihren Triumpbzug durch die großen Städte Deutschlands fortzusetzen. Obgleich ihr glänzende Anerbietungen gemacht worden waren, um sie dauernd zu fesseln, wollte ste doch keinen verbindenden Vertrag unterzeichnen, sondern wahrte sich ihre Freiheit.
Und Frieda v. Rospangen hatte mit ihrem schwärmeri- fchen Lobe der Künstlerin in der That nicht übertrieben: Selma war eine hinreißend schöne Erscheinung — schöner als je zuvor. Eine reizende Befangenheit bei ihrem Auftreten kleidete sie allerliebst. Da war nichts von dem Selbst- bewußtsein bekannter Künstlerinnen: schüchtern blickten die vergißmeinnichtblauen Augen auf die bei ihrem Erscheinen schon jubelnde Menge. Dann ward es so still in dem großen Konzertsaal, daß man ein Blättchen hätte fallen hören können, denn Jeder lauschte nur auf die herrlichen Töne, welche so schmelzend, so rein und doch anscheinend so ohne jede Mühe ihrer Kehle entströmten und die Zuhörerschaft in Entzücken versetzten.
Frieda saß mit ihrem Bruder in einer der ersten Reihen. Der Gesang hatte sie so tief bewegt, daß Thränen in ihren Augen schimmerten. Als die Sängerin ihr erstes Lied beendet, als rauschender Jubel den Saal erfüllte und Kränze und Bouquets in so reichem Maße zuflogen, daß Selma sich immer aufs Neue verneigte, da sagte Frieda begeistert zu ihrem Bruder:
„Sie ist wirklich wunderbar schön und ihre Stimme himmlisch! — Ich möchte hingehen zu ihr, ste bitten, ihr die Hand drücken zu dürfen, und ihr sagen, wie ich für sie schwärme!" —
Dicht neben William, der am Ende der Reihe neben seiner Schwester saß stand ein Herr, welcher Frjedas Worte gehört hatte. Er schaute iu das Geficht des jungen Mäd
chens, das so begcisteit von der Künstlerin sprach, und sein Blick blieb auf den Zügen desselben hasten.
Der Herr war Reinhard v. Brunner, oder — wie er sich jetzt ausschließlich nannte — Franz Fontaine.
Er wandte sich an William und sagte verbindlich:
„Gestatten Sie mir, der jungen Dame an Ihrer Seite im Namen der Sängerin herzlich zu danken; ich bin Selma Spangs Obeim und werde gern der Ueberbringer der schmeichelhaften Anerkennung fein, welche meine Nichte sich im Herzen Ihres — Fräulein Schwester errungen hat."
„Sie sind der Oheim von Fräulein Spang?" erwiderte der Offizier. „O das freut mich sehr! — Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorstelle: William v. Rospangen — hier meine Schwester Frieda." —
Er reichte Reinhard zugleich seine Karte.
Dieser gab ihm die seinige und William las: „Franz Fontaine." —
„Mein Herr," sagte rasch der junge Offizier und blickte erstaunt auf den hochgewachsenen Mann neben ihm, „sind Sie — habe ich die Ehre, in Ihnen den bekannten Schriftsteller vor mir zu sehen, dessen Romane so viel Aussehen bei uns erregt haben?".....
„Ich chabe allerdings einige Romane geschrieben," antwortete leicht errötend Reinhard; „ob ste nun den Wert besitzen, den sie so freundlich ihnen beilegen, das weiß ich nicht." —
Er hatte noch nie zuvor mit irgend Jemanden über seine schriftstellerische Thätigkeit gesprochen.
„Ich freue mich ungemein, Herr Fontaine, Sie kennen zu lernen," fuhr William fort. „In unserer Familie sind Ihre Arbeiten mit größtem Jntereffe gelesen worden und ich habe schon längst gewünscht, den Verfasser kennen zu lernen." (Fortsetzung folgt.)