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Marburg, Mittwoch, 16. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. Illustriertes Lountagsblatt.

______________ Expedition. Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Sinzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Hoaienstein unbVogler in Frankfurt a. M, Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a M.,Berlin,Münchenund Köln ; G. L. Daube und *'o. in Frankfurt a. M-, Berlin, Hannover ».Paris.

scheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und «eiertagen. Ouartal- «»»nnements-Preis dei der a/öeditian 2*/* VI. bei »en Postämter 2 Mk. 50 «s, lexcl. Bestellgeld), ^sertionsgeblibr für die /spaltene Zeile 10 Psg. 5; flam n für die Zeile 25 Pfg.

Deutsches Reich.

Berlin, 14. Dez. An Stelle des Oberlaiidesgerichts- präsidenten v. Holleben, welcher seinen Wohnsitz außerhalb Berlins verlegte, ist Graf Stolberg-Wernigerode zum Vor­sitzenden des Zentralkomitees des Preußischen Vereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger ge­wählt worden und hat die Wahl angenommen. Der Stellvertreter des Reichskanzlers, v. Bötticher, verkündet jetzt die vom 30. November datierte neue Bahnpolizei- Ordnung für die Eisenbahnen Deutschlands. Der erste Abschnitt behandelt den Zustand, die Unterhaltung und Be­wachung der Bahn, der zweite den Zustand, die Unter­haltung und Revision der Betriebsmittel. Letzteremüssen fortwährend in einem solchen Zustande gehalten werden, daß die Fahrten mit der größten für dieselben zulässigen Geschwindigkeit ohne Gefahr stattfinden können". Der dritte Abschnitt behandelt die Handhabung des Betriebes. (Die schnellfahrenden Züge, sowie die Extrazüge der aller­höchsten und höchsten Herrschaften haben unter anderem behufs besonders pünktlicher Beförderungüberall den Vor­rang vor den andern Zügen". Wenn es fernerim Interesse des Lokalverkehrs wünschenswert erscheint, kann mit den Güterzügen auch Personenbeförderung stattfiuden, jedoch darf deshalb keine Beschleunigung derselben über die für solche zugelassene Geschwindigkeit eintreten".) Der vierte Abschnitt enthält die Bestimmungen für das Publi­kum, der fünfte gibt die Bahnpolizeibeamte, deren 17 Ord­nungen angeführt werden. (Die Bahnpolizeibeamten haben dem Publikum gegenüber ein besonnenes, anständiges und rücksichtsvolles Benehmen zu beobachten und sich insbesondere jedes herrischen und unfreundlichen Auftretens zu enthalten. Unziemlichkeiten sind von dem Vorgesetzten streng zu rügen und nötigenfalls durch angemessene Disziplinarstrafen zu ahnden.") Der sechste und siebente Abschnitt besprechen die Beaufsichtigung und die Ausnahmebestinimungen. Die neue Ordnung tritt am 1. April 1886 in Kraft. Bei­gegeben find dieSignalordnung" und dieNormen für die Konstruktion und die Ausrüstung der Eisenbahnen Deutschlands". Die Budgetkommission des Reichstags beriet heute denaußerordentlichen Etat" für die Verwal­tung des Reichsheeres. Die bereits im Vorjahre abgelehnte und diesmal wieder aufgenommene Forderung zum Neu­bau einer evangelischen Garnisonkirche in Straßburg i. E. (erste Rate) von 121000 Mk. wurde mit Rücksicht auf die Finanzlage des Reichs abermals abgelehnt. Zum Neu­bau einer Jnfanteriekaserne in Straßburg wurde die dritte Rate von 900 000 Mk. bewilligt, ebenso die letzte Rate für den Bau der dortigen Garnison-Waschanstalt in Höhe von 185106 Mk. und 557 300 Mk. zur Erwerbung eines Exerzierplatzes für Infanterie und Kavallerie bei Hagenau. Abgelehnt wurde dagegen wiederum die ebenfalls aus den

Vorjahren übernommene Forderung von 289 000 Mk. zur Errichtung einer Unteroffizier - Vorschule in Neubreisach. Der Herr Kriegsminister hob die Wichtigkeit der Unter­offizier - Vorschulen für die Armee im allgemeinen hervor und wies darauf hin, daß durch den Eintritt der Elsässer in die Armee am leichtesten die Verschmelzung der dortigen mit der altdeutschen Bevölkerung herbeigcsührt werde. Auch die wirtschaftliche Bedrängnis der Bewohner von Neubrei­sach bat Herr v. Bronsart in Rücksicht zu nehmen. Die Position wurde aber gegen die Stimmen der Vertreter der deutschkonservativen, Reichspartei und Nationalliberalen ab­gelehnt. Zur Umgestaltung und Ausrüstung von Festungen wurden 6 Millionen, für Geschütze und Munition die ge­forderten6 230 860 Mk., ebenso zur Ergänzung der Be­festigungen in Elsaß-Lothringen noch besonders 1 500 000 Mark. Zur Erweiterung bezw. Neuerwerbung von Artillerieschießplätzen werden als vierte Rate 4 444 601 Mk. gefordert. Hier wurde befonders die fast um das Zehn­fache über den Wert hinausgehende Forderung zum Ankauf eines Schießplatzes bei Beelitz bemängelt. Der Herr Kriegsminister wird ersucht und sagt zu, erforderlichen Falls die zwangsweise Enteignung ein'reten zu lassen, und wird der Betrag für den ganzen Titel auf 3 Millionen Mark ermäßigt. Zum Neubau einer Kaserne in Danzig wurde die erste Baurate von 250000 Mark bewilligt, cbenfo 300000 Mark für die Kaserne in Insterburg, 150000 Mark für Bromberg, 363300 Mark zur Er­weiterung des Barackenkasernements in Thorn, 177800 Mark und 500 000 Mark für die Kasernen in Magde­burg und Gleiwitz. Dagegen werden die ersten Raten für Ratibor 42000 Mark und für Lcobschütz 7000 Mark gestrichen, ebenso die für den Kasernenumbail in Kassel geforderten 200000 Mk. abgelehnt, auch die erste Rate für einen Kasernenbau in Schwetzingen 8000 Mark wurde gestrichen. Für Haderslebeii wurden zum Kaserneu- baü 400 000 Mk. bewilligt, für Schleswig 300000 Mk., für Wandsbeck 170000 Mk., für Gießen 450000 Mk. Auch für denaußerordentlichen Militäretat" ist Herr von Köller zum Referenten für das Plenum bestellt wor­den.^ Nunmehr ist der gesamte Militärctat in der Kom­mission erledigt. Morgen beginnt die Budgetkommission die Beratung des Etats der Eisenbahnverwaltung.

Köln, 14. Dez. Erzbischof Krementz traf um 1 Uhr 10 Minuten in Begleitung der Kölner Herren, welche ihn Namens des Empfangskomitees bereits in Essen be­grüßt hatten, hier ein. Der Sonderzug hielt, in Düssel­dorf, woselbst ebenfalls eine Begrüßung stattfand. Auf dem hiesigen Zentralbahnhof hatten sich etwa hundert Herren zum Empfang eingefunden, darunter das Dom­kapitel, Vertreter des rheinischen Adels und der Stadt Köln. Elastischen Schrittes verließ der Erzbischof, eine

Figur über Mittelgröße, den Salonwagen und trat, vom Hoch der Volksmenge begrüßt, in den Kaisersaal, woselbst Weihbischof Bandri den Kirchenfürsten willkommen hieß Namens der Diözese und des Klerus. Erzbischof Krementz erwiderte, er freue sich des liebevollen Empfanges, seine Aufgabe sei cs, zu wirken für die Religion, die christliche Charitas und für das Gemeindewohl. Um diese Auf­gaben zu erfüllen, bitte er Alle um thatkräftige Unter­stützung. Bürgermeister Pelman begrüßte den Erzbischof Namens der Stadt, August Reichensperger hieß ihn will­kommen im Auftrage des EmpfangskommiteeS. Sodann unterhielt sich der Erzbischof mit Verschiedenen der An­wesenden und fuhr dann, gefolgt von einer Reihe von Equipagen, in denen die Herren des Komitees Platz nahmen, durch die ilhnnimerten Straßen unter den Hoch- rufen der Volksmenge zum erzbischöflichen Palais.

Ausland.

Wien, 14. Dez. DiePolst. Korresp." meldet: Die Regierungen von England und Frankreich haben ihre Militärattaches in Wien gleichfalls angewiesen, sich zum Anschlüsse an die nach dem Kriegsschauplätze zu ent­sendende Militärkommission bereit zu halten. Die betreffende Kommission hält nachmittags eine Besprechung und reift wahrscheinlich morgen von hier ab.

Der Waffenstillstand am Balkan wird also nach übereinstimmenden Nachrichten durch die internationale Militärkommission zu Stande kommen und damit die Em­pfindlichkeit der kriegführenden Teile, die das größte Hin­dernis bildete, geschont werden. Es scheint auch richtig, wurde heute wenigstens an mehreren Stellen als wahr­scheinlich angesehen, daß Vorschläge für den Frieden auf Grund der Personal-Union oder einer ähnlichen Befrie­digung der bulgarischen Wünsche innerhalb des Berliner Friedens vorläufig erörtert werden und später der Kon­ferenz in Konstantinopel seitens der Pforte oder einer andern den drei Kaisermächten befreundeten Macht in nicht ferner Zeit vorgelegt werden dürften. Ungeachtet der Nekrologe, die der Konferenz mehrfach gewidmet wur­den, erhielt sich bekanntlich eine Auffassung, nach welcher das letzte Wort über die Stambuler Versammlung noch nicht gesprochen wäre. Das würde also jetzt einigen Be­stand gewinnen. Die Botschafter müßten natürlich neue Weisungen erhallen und es wird wohl wegen der Frage, ob es sich um eine Konferenz oder die Fortsetzung der früheren handelt, nicht zu viel Zeit verloren werden. Wenn die neue Folge besser verläuft und auch äußerlich mehr Erfolg hat als die frühere Verhandlung, wird alle Welt damit zufrieden sein und sich um den fraglichen Ge­burtsschein wenig kümmern. Vorher allerdings werden sich diesmal die Mächte gewiß über die wesentlichen Punkte

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Läßt das Herz sich denn immer vorschreiben, was es thnn oder unterlassen soll, Mama? Adele sagt es natür­lich nicht, daß sie ihn noch liebt, aber ich glaube es. So diele Andere haben schon seitdem um sie geworben, edle, prächtige Männer und Adele hat sie alle abgewiesen. Sie sagt, daß jede Regung von Liede in ihrer Brust erstorben sei, ihr Herz erkaltet gegen alle Männer."

»Das ist allerdings schlimm!" sagte traurig, das weiße Haupt neigend, Frau von Brunner und beide Frauen saßen einige Augenblicke schweigend und in Gedanken verloren.

Und warum ist Fräulein von Soden nickt gekommen?" unterbrach Reinhards Mutter endltck das Schweigen.

Ihre Schwester Ella verheiratet sich zwischen Weihnachten und Neujahr, und da mußte Adele natürlich meine Einla­dung ablehnen; zum Frühjahr aber wird sie hierher kommen und dann wollen wir zusammen nach Bad Bergenau reisen, wo ihre Schwester in Zukunft wohnen wird und wo auch «deles Vater sich angekauft hat. Aber liebe Mama, cs deginnt zu dunkeln und ich denke, wir gehen jetzt zur Be- Icheerung, danach zum Thee.

Es war ein schöner Weihnachts-Abend. Klein Rein­hards Augen strahlten und seine Wangen glühten vor Glück über die Lichter und beit reichen Schmuck am Christbaum, wwie über die unzähligen Spielsachen. Und Ida sah das «lück ihres Knaben mit thränenden Augen und dachte, daß lein Vater, wenn er den Knaben sehen könnte, doch eine Sroße Weihnachtssreude haben würde. Allein wo war und wo brannte ihm ein Weihnachtsbaum?! .....

X.

Jung, schön und reich, wie Frieda v. Rospangen war, ®Bte sie natürlich eine große Rolle spielen aus den Bällen

und Festen, zu denen ihre Familie geladen war, nachdem das junge Mädchen einmal in die Gesellschaft eingeführt

. Wie ein glücklicher Rausch verlief ihr der Winter. Ihr junges, fröhliches Herz war zufrieden, glücklich, wenn sie von Verehrern umschwärmt und bewundert wurde, wenn ihre Tänzer jedes ihrer Worte einem Orakelspruch gleich aufnahmen und Frieda als das geistreichste Mädchen priesen, das ihnen jemals bekannt geworden sei.

Dabei besaß die Tochter des Freiherrn noch immer jene reizende Natürlichkeit, die man allgemein an ihr bewunderte- sie sagte unbedingt das, was sie dachte, und kehrte sich gar nickt daran, ob ihre Auslassungen gegen die hergebrachte Form verstießen oder nicht. Es kleidete sie diese Ursprüng­lichkeit so reizend, daß man ihr nicht zürnen konnte. Schmei­chelei jeglicher Art war F ieda v.-rhaßt; sie mochte es nicht von allen Männern hören, daß sie bildschön sei, und oft sckon hatte sie eine fade Schmeichelei fast derb zurückge- wiesen.

So mancher hätte sich gern um die Hand des schönen, reizenden Mädchens beworben, von dem man wußte, daß eine WMion als Mitgift zu erwarten halte; allein Frieda lachte sie Alle aus, wenn sie ihr von ewiger Liebe sprachen. Ihr Herz war bisher, kotz der vielen Bälle und Soireen auf denen sie eine hervorragende Rolle gespielt, frei geblieben.'

In der Mitte des Winters gab ihr Vater ein glänzendes Fest. Die großen, prächtigen Sale waren hinreißend dekoriert.

Mn Wintergarten, reich mit Palnen, Orchideen, Farren, Topfpflanzen und Blumen ausgestattet, angenehm durchwärmt mit lauschigen Ruheplätzcheu und wohlriechende Wasser spru- delnden Springbrunnen, bot dem Auge die köstlichsten Ruhe- punkte bei einem dämmerigen Lichte, während der Wohl- gernch zahlloser Blumen den Raum erfüllte.

Wie bezaubert waren alle Gäste! Hugo v. Rospangen

war ihnen gegenüber der aufmeiksamste Wirt. Stolz hob sich seine Brust, denn noch nie hatte seine Familie so hoch dagestanden wie jetzt, noch nie in auch nur annähernd ähn­lichen glänzenden Verhältnissen.

Er gedachte in diesem Augenblick nicht der bleichen, schönen Frau, welche nur durch ein kleines mit Tüll verhängtes Fenster von der Gesellschaft getrennt unsicht­bar dem Feste beiwohnte, da die Neugier, zu sehen, wie die vornehmen Deutschen sich amüsierten, sie hierher getrieben. Sie hatte keine Sehnsucht, unter denen zu weilen, welche die Gäste ihres Mannes waren: wie langweilig kam ihr all dies zusammenstehen und Sichverbeugen und Courmachen, und erst das Tanzen vor! Sie hatte ganz andere Tänze gesehen Tänze der phantastischen Art und mit einer Na­tur - Seenerie, weit packender, großartiger, überwältigender als diese da, die sie hier vor sich sah. Sie bewunderte die Grazie, mit der Frieda die Gäste empfing. Dem jungen Mädchen stand dabei eine ältere Dame, eine unbemittelte Verwandte, zur Seite, die es als ein großes Glück pries, die dame dhonneur im Hause bei solchen Gelegenheiten machen zu dürfen.

So also hätte auch sie Ellen einem Jeden und einer Jeden freundlich zulächeln müssen, dabei nur wenige Worte wechselnd. Was nur Frieda all den Leuten zu sagen mußte? Frau v. Rospangen hätte das gerne wissen mögen, denn ihr schien eS unendlich schwer, wenn nicht unmöglich, mit Leuten sich zu unterhalten, die sie kaum einmal gesehen, vielleicht zum ersten Male sah.

Ihr Mutterherz war stolz und konnte eS auch sein auf ihre Tochter, denn Frieda sah in der That reizend auS. Die kostbarsten Perlen bildeten ihren Schmuck, und zwar so reich und verschwenderisch, daß man hätte glauben mögen, fie wäre direkt aus dem Palaste des Meergottes heraufge­stiegen und hätte alle Schätze der Tiefe mit sich gebracht.

(Fortsetzung folgt.)