srr. »»1.
Marburg, Freitag, 11. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
•rfirint lä,lich außer an ja^ftanfti nach Sonn- und Seiertagen. — Quartal» Udonuements-Preis bei der Edition SV« W. bei ^Postämter 2 Ml. 50 3Kfl. (excl. Bestellgeld). Äertionsrebadr für btt ^spalten« Seife 10 Pfg. Neslam n für die Zeile * 25 Pfg»
GerMchr Mmg.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blatte-, sowie d.Annvncen-BureaUk von Haasenstßin unbBogler in Frantfurt a. M , Lasiel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Franlfurt a M, Be»lin,Vt>nchenund Köln; G. L. Daube und So. in Franklmt a. M-, Berlin, Hannover u.Paris
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Zllustriertcs Sonntagsblatt.
Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Perlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 9. Dez. ES wirb bemerkt, daß Fürst Bismarck in der letzten Zeit, mehr als er sonst zu thun pflegte, die hier akkreditierten Botschafter ausgesucht hat, so auch u. a. den französischen Botschafter. Alan schließt daraus, daß der Reichskanzler seine Thätigkeit in den gegenwärtigen diplomatischen Verwickelungen stärker wie bisher accentuiert hat. — lieber die Reise des Finanzministers von Scholz nach München waren verschiedene offiziöse Mitteilungen in die Presse gelangt. Jetzt kommt in der „Krcuzztg." die Aufklärung dahin, daß Herr v. Scholz bereits vor 8 Tagen in München gewesen ist, also schon zurück war, als Minister v. Mittnacht in Berlin eintraf. — Dem Reichstage ist eine lleberficht über den Stand der Bauausführungen und der Beschaffung von Betriebsmitteln für die Eisenbahnen in Elsaß-Lothringen und für die im Großherzogtum Luxemburg belegenen Strecken der Wilhelm-Luxemburg-Eisenbahn am 30. September 1885 zugegangen. — Die Budgetkommission des Reichstags setzte heute die Beratung des Militäretats fort und bewilligte im Extraordinarium u. a. 210300 Mk. zu Zulagen an die Unteroffiziere bei den Besatzungstruppen in Elsaß-Lothringen, 121200 Mk. zum Neubau einer Garnisonbäckerei in Bromberg, 220 000 Mk. als erste Rate zum Neubau eines Magazin-Etablissements in Allenstein, 170000 Mk. als erste Baurate zum Magazin- Etablissement in Riesenburg. Die Ausgaben für die Beschaffung von Konservenvorräten sind auf 3 170000 Mk. angesetzt. Davon sollte die Hälfte in diesem, die Hälfte im nächsten Jahre bewilligt werden. Die Kommission hat diese Summe auf 3 Jahre, verteilt. — Dem Reichstage sind die Uebersichten der Ergebnisse des Heeresergänzungs- geschäftes für das Jahr 1884 zugegangen. Aus denselben geht hervor, daß in den Bezirken des 1. bis einschließlich 15. Armeekorps in den alphabetischen und Restantenlisten in Summa 1210 684 Mann geführt wurden. Davon sind ausgehoben worden 124495, und zwar für das Heer zum Dienst mit der Waffe 118575, zum Dienst ohne Waffe 3427; für die Flotte aus der Landbevölkerung 1020, aus der seemännischen Bevölkerung 1473. Wegen unerlaubter Auswanderung sind verurteilt worden von der Landbevölkerung 16020, von der seemännischen Bevölkerung 391; noch in Untersuchung befindlich sind von der Landbevölkerung 12 265, von der seemännischen Bevölkerung 453. Freiwillig eingetreten sind 18 309. In den Ersatzbezirken des Königreichs Bayern wurden in den alphabetischen und Restantenlisten in Summa 114969 Mann geführt. Davon find 1601 freiwillig eingetreten und 18 026 ausgehoben worden. Von den letzteren sind für das Heer zum Dienst mit der Waffe 17517, zum Dienste ohne Waffe 509 ausgehoben. Wegen unerlaubter Auswanderung wurden 1393 Mann gerichtlich verurteilt, wegen desselben Vergehens befanden sich am Schlüsse des Jahres noch 575 Mann in gerichtlicher Untersuchung. — Nach der Schiffsliste der deutschen Marine sind folgende Kriegsschiffe in Dienst gestellt: Ost-
asiatische Station: „Nautilus" und „Iltis". Australische Station: „Marie" und „Albatroß". Ostamerikanische Station: „Elisabeth", „Luise" und „Musqnito". West- ainerikanische Station: Zur Zeit unbesetzt. Ostafrikanische Station: „Olga" und „Hyäne". Kreuzergeschwader: „Bismarck", „Gneisenau" und „Möwe". Westafrikanische Stations: „Habicht" und „Cyklop". Mittelmeerstation: „Loreley". Schulgeschwader (in Westindien): „Stein", „Moltke", „Sophie" und „Ariadne". Kreuzergeschwader (auf der Heimreise): „Stosch" und „Prinz Adalbert". In heimischen Gewässern: „Friedrich Karl", „Hansa", „Bayern", „Mücke", „Marö" und „Blücher". — Fürst Bismarck soll wieder einmal an neuralgischen Gesichtsschmerzen leiden und deshalb heute nicht, wie er beabsichtigt hatte, im Reichstage erschienen sein, um an der Beratung des Antrages wegen Verlängerung der Legislaturperioden teilzunehmen. Da der Reichskanzler erst gestern beim Kronprinzen und beim Kaiser war, wird es sich wohl nur um einen vorübergehenden Anfall handeln.
Dresden, 9. Dez. Die zweite Kainnker lehnte den Antrag der Sozialdemokraten ab, die Ausdehnung der staatlichen Brandverfichcrung Sachsens auf die bewegliche Habe in Erwägung zu ziehen.
Ausland.
Wien, 9. Dez. Die „Polit. Korresp." meldet aus Belgrad: Es wird versichert, die serbische Regierung habe beschlossen, auch in dem Falle des endgiltigen Scheiterns der WaffenstillstandSvcrhandlungen aus Achtung vor dem Willen der Großmächte die Offensive ihrerseits nicht zu ergreifen.
Rom, 9. Dez. Der türkische Geschäftsträger erhob gestern int Auftrage der Pforte mündliche Vorstellungen wegen der in Maffauah getroffenen Maßnahmen. Die Regierung antwortete, die Maßnahmen berührten nicht die Hoheitsrechte über das Gebiet. König Humbert empfing heute Farnasfvvich in einer Abschiesaudienz.
Madrid, 9. Dez. Nach einer Depesche der „Jrrdöp. Belge" wirb die Königin-Regentin Christine morgen das Amnestie-Dekret unterzeichnen; dasselbe soll am Donnerstag veröffentlicht werden. Ausgeschlossen von der Amnestie sind nur die Militärpersonen, die an verschiedenen Putschen beteiligt waren. Die Amnestie bezieht sich auch auf die Antillen. — General Lopez Dominguez soll bereit sein, vom Kabinett Sagasta den Gesandtschaftsposten in Paris anzniiehmeil, ohne auf seine Aktionsfreiheit zu verzichten für den Fall, daß das Ministerium fein Versprechen demokratischer Reformen nicht erfüllen würde.
London, 9. Dez. Das an der Börse kursierende Gerücht, Lord Salisbury habe seine Demission gegeben, ist gutem Vernehmen nach unbegründet. — Die „Daily News" erfahren, die Politik des Torykabinetts werde darauf gerichtet fein, ein Bündnis mit den gemäßigt Liberalen anzubahnen und den Forderungen Parnells entgegenzutreten.
Petersburg, 9. Dez. Der „Reg.-Anz." meldet: Der Kaiser empfing am Montag den früheren bulgarischen Kriegsminister Kantakuzene und den Generalkonsul in Sofia, Kojander Die Zeitung „Ruß" erhielt eine erste Verwarnung, weil sie die laufenden Ereignisse in einem mit dem wahren Patriotismus unvereinbaren Tone bespreche und Mißachtung gegen die Regierung hervorzurufen bestrebt sei. — Der Kaiser erteilte dem General Durnowo einen Verweis wegen feiner in dem slavischen Wohlthätigkeitsverein gehaltenen politischen Rede, welche eine direkte Abweichung von dem Vereinsstatut involvierte. Die gestrige Kirchenparade anläßlich des Georgsfestes ist bei Anwesenheit der Majestäten solenn verlaufen. Bei der Galatafcl brachte der Kaiser den ersten Toast auf den ältesten Georgsritter, den Kaiser Wilhelm, den zweiten auf alle Georgsritter ans. Nach der Tafel hielten die Majestäten Cerele. — Gestern ist der Sanitätszug des Roten Kreuzes nach dem Kriegsschauplätze abgegangen. Einer Meldung der Blätter zufolge wird beabsichtigt, den einschlägigen Artikel des Gesetzbuches welcher den in den russischen llnterthanenverband nbergetretenen Ausländern gleiche Rechte wie den übrigen russischen Unterthanen gewährt, dahin abzuändern, daß der Artikel sich lediglich auf solche Uebertretende beziehen soll, welche nach ihrem lieber^ tritt mindestens zehn Jahre in Rußland gelebt haben. Ein entsprechender Gesetzentwurf solle dem Reichsrate demnächst zngehen.
Belgrad, 9. Dez. Die Mächte übten einen starken Druck auf die Regierung behufs des Friedensschluffes ans. Der König soll versichert haben, Serbien werde keinesfalls angreifen, erwarte aber die bestimmte Sicherung des Status quo ante.
Sofia, 9. Dez. Die „Agence Havas" meldet: Die bulgarische Regierung antwortete Serbien, sie müsse, weil die serbischen Wafsenstillstandsvorschläge nichts Sicheres und Bestimmtes enthielten ihre Gegenvorschläge aufrecht erhalten; sie werde, falls sie binnen 24 Stunden keine Antwort erhalte, den Großmächten Bericht erstatten, auf deren Andrängeu sie die Feindseligkeiten eingestellt habe.
Konstantinopel, 9. Dez. Madjid Pascha wurde beauftragt, sich in außerordentlicher Mission zum Fürsten Alexander nach Bulgarien zu begeben, bei welchem er auf den Abschluß des Friedensvertrages zwischen Bulgarien und Serbien hinwirken soll. Die Pforte zeigte dem Fürsten Alexander diese Ernennung an. — Die „Agentur Havas" meldet: Der Großvezier teilte dem Fürsten von Bulgarien gestern telegraphisch mit, Madjid Pascha reifte unverzüglich nach Sofia ab, um mit dem Fürsten bezüglich des Friedens mit Serbien eine Vereinbarung zu treffen.
Hessen-Nassau.
Marburg, 10. Dez. lieber die Bevölkerungszunahme und Abnahme unserer Stadt sind uns von befreundeter Seite folgende Notizen zugegangen. Im Jahre 1824 hatte
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Es ist nach alledem erklärlich, daß das Leben im Ro- spaugschen Hause kein behagliches war, daß eigentliches Familienleben nicht existierte. Der Vater zeigte sich ernst, oft düster und unzugänglich; die Mutter lebte einsam in ihrer prachtvollen Zimmerreihe, die sie nur selten verließ; infolge dessen waren auch die Kinder auf sich selbst angewiesen, und ein Glück war es noch, daß die beiden Geschwister sich geistig nahe standen, innig zueinander hielten; es wäre sonst trostlos gewesen für sie m dem großen, prachtvollen Haufe.
William widmete einen großen Teil seiner Zeit, soweit der Dienst, dem er mit Ernst und Eifer oblag, es gestattete, seiner Schwester. Er war überhaupt ein guter und zärtlicher Bruder, und Frieda sein einziger Halt im Leben, soweit das Herz in Betracht kam. Dennoch gab es Stunden, in denen Frieda schmerzlich die Mutter entbehrte und es tief beklagte, daß deren „Leiden" sie ihr so fern hielt. Sie hätte so gern an ein liebendes Mutterherz vertrauend sich angeschmiegt, ihm von Allem Kenntnis gegeben, was das ihrige bewegte, hätte der Mutter ihre Gedanken und Wünsche mitgeteilt, sie zur Vertrauten ihrer Mädchenträume gemacht.
Auch jetzt, als sie ihre Mutter vor sich sah, die zärtlich- glücklich dem geliebten Kinde zulächelte, zog es sie mächtig hin zum Mutlerherzen. Sie legte ihren blonden Kopf an He Brust der Freifrau und hielt diese fest umschlungen. Die schlanke, weiße Hand Ellens v. Rospangen irrte durch das seidenweiche Haar ihrer Tochter und lächelnd sagte sie:
„Es ist so weich und blond wie Deines Vaters Haar — das meine ist struppig und widerspenstig, patzt auch gar
nicht für eine vornehme deutsche Dame, tote Du es bist, Frieda . . ."
„Ach, Mama!" unterbrach das junge Mädcken die Mutter fast enthusiastisch, „Detn prachtvolles schwarzes Haar erregte meinen Neid, wäre es nicht das meiner Mutter! — So schwer und voll habe ich es hier in Deutschland noch gar nicht gesehen!"
Sie nahm die peilendnrchflochtenen dicken Zöpfe in ihre zierlick kleinen Hände und wog sie darin.
„Es ist wild gewachsen, und da ist es hart und fiörrig geworden," meinte Ellen Rospangen; „in der Wildnis des Urwaldes und auf den Prairie-Farmen kennt man nicht die weiche, schmiegsame Art des Deinigen, Kind; dort ist bei unferm Geschlecht das volle, dicke Haar nur ein Schutz, feine Zierde, wie hier bei euch in Deutschland."
Mit beiden Händen hielt sie die Tochter von sich und blickte ihr ins Antlitz; doch nur eines flüchtigen Momentes Dauer hatte dieser Blick, bann schweiften ihre Augen hinweg in eine unbestimmte Ferne — nach der Wildnis zu, in der sie aufgewachsen. —, Und ihr geistiges Auge sah wohl in diesem Augenblick die Rothäute, die Apachen oder Comanchen, sah hie Pracht des Urwalds und das Tierleben in demselben; sah die kleine väterliche Farm mit den rohen Fenzen rings herum, das Blockhaus mit dem ursprünglichen Hausrat die halbwilden Pferde, auf die Ellen Moulders sich geschwungen und auf deren Rücken sie meilenweit und furchtlos das umgebende Land durchstreift; die treuen, wachsamen Hunde, die Kühe und Kälber . . . . —
Dicke, schwere Thränen quollen hervor unter den müden Lidern des in goldenen Käfig gefangenen wilden Vögeleins, und Frieda blickte besorgt auf die wie abwesend ins Leere starrenden Augen der geliebten Mutter: sie wnhte, datz es
lange währte, bis diese wieder zur Wirklichkeit, zur Gegenwart zurückkehren werde.
Leise sagte sie und zärtlich:
„Der Vater wartet auf mich, Herzens-Mama; er will mit mir zur Gräfin Braundorff fahren, um dort Visite zu machen, und meine Toilette nimmt immerhin noch einige Zeit in Anspruch. Adieu, liebe Mama, ich sehe Dich heute noch — ich darf doch heute noch einmal kommen?" —
Frau v. Rospangen nickte stumm, wie geistesabwesend.
Traurig sah sie/ihrem Kinde nach, als dieses sich entfernt hatte. Dann sagte sie leise vor sich hin, indem sie ab und zu den Kopf schaukelnd — wie zweifelnd — bewegte:
„In unserer Wildnis draußen, an der Grenze von Penn- fylvanien, da wäre sie geworden, wie ich! — Dumm und eigensinnig, aber froh und glücklich war ich — nie mehr und natürlicher, als dort! — Da gab es Lust, da konnte ich athmen!"
Ihre Brust wogte, als falle das Athemholen ihr in der Thai schwer. — Sie sah znm Fenster hinaus; iah wie die Sonne die gegenüberliegenden Fensterreihen beschien, und lächelnd fuhr sie fort:
„Die Sonne ist auch hier dieselbe — ist ebenso hell und schön — doch kalt, nicht so warm wie dort! — nicht so wie dort! — nicht so tote He, die den Urwald bescheint."
Fröstelnd schüttelte sie sich und kauerte sich in die Ecke des Divans — wie ein Kind das sich fürchtet. — Sie horchte auf das Geräusch von der Straße und schloß die Augen. Bald athmete sie lauter und regelmäßiger — sie schlief, und ihr Gesicht verklärte ein Zug der Freude.....— Öb
sie von dem Schauplatz ihrer Jugend träumte? Die arme Frau, die auf fremder Eide nicht glücklich werden konnte!
(Fortsetzung folgt.)