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Marburg, Dienstag, 8. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annencen-Bureaux von Haasenstcin undBoaler in Franifurt a. 3)1, Cassel, Magdeburg und Wien, Diuboli Moffe in Franlsurt a M , Berlin,3> iinchenund S6ln; G. L. Daube und no. in Frankfurt a. M- Berlin, Hannover ».Paris

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Louutagvblatt.

** Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. ...........................

Deutsches Reich.

Berlin, 5. Dez. ImReichsanzeiger" werden durch Bekanntmachungen des Reichskanzlers die vom Bundesrat beschlossenen Bestimmungen publiziert, betreffend die zoll­freie Ablassung von Petroleum für gewerbliche Zwecke. Das Wesentlichste ist: Die obersten Landes-Finanzbehörden sind ermächtigt: a) den Palmkernöl-, Gummi- und Wachs- luchsabriken, sowie den Stückfärbereien seidener und halb­seidener Gewebe für dasjenige Petroleum unter 790 Dich­tigkeitsgraden, welches dieselben zur Extraktion des Palm­kernöls, beziehungsweise zur Lösung des Kautschucks, der Lacke oder Farben, zur Verdünnung der Grundierungs- maffen oder zur Reinigung der gefärbten Stoffe verwenden, d) den Petroleum - Raffinerien und den mit der Destil­lierung von Petroleum sich befassenden chcinischen Fabriken für dasjenige Petroleum, welches zur Herstellung der er­weislich in das Ausland ausgeführten oder an zum zoll­freien Bezug von Petroleum berechtigte gewerbliche Anlage» abgesetzten Petroleumdestillate unter 790 Dichtigkeitsgraden verwendet worden ist , c) den Fabriken von Gas, Ruß und Druckerschwärze für dasjenige Petroleum über 830 Dichtigkeitsgraden, welches dieselben zur Erzeugung von Ruß oder Druckerschwärze verwenden, Zollfreiheit zu ge­währen. Ferner publiziert derReichsanz." eine Be­kanntmachung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, be­treffend die landesherrliche Anerkennung des Bischofs vr Krementz als Erzbischof von Köln, sowie deffen Amts­antritt am 15. Dezember, an welchem Tage die Aints- thätigkeit des Kommissars erlischt. Die Budgetkommission des Reichstages hat statt der für Erhöhung der Pferde­rationen geforderten 1150337 Mk. nur 237 212 Mk. bewilligt. Es geschah dies einstimmig auf Antrag des Frhn. v. Frankenstein und zwar wurde die Erhöhung für alle Offizier- und Beamtenpferde ganz abgelehnt und für die übrigen nur auf drei Monate im Jahre bewilligt. Im übrigen wurde das Ordinarium der preußischen Etats un­verändert genehmigt.Die zweite Lesung des sogenannten Beamten-Unfallgesetzes wird von der Kommission in nächster Woche begonnen und erledigt werden, so daß tioch vor Weihnachten die zweite Lesung iin Plenum stattfinden kann. Der Reichstag hat auf drei Tage Ferien gemacht. Die meisten Mitglieder sind heute abgereist. Dringendes Beratungsmaterial liegt nicht vor, auch die Kommissionen werden bis Mittwoch keine Sitzungen abhalten. Die erste Lesung des Arbeiterschutzgesetzentwurfs ist nach drei­tägiger Verhandlung gestern beendet worden. Im all­gemeinen war der Gesamteindruck weit günstiger als vor nun bald Jahresfrist, wo der gleiche Gegenstand behandelt wurde. Nicht alles, was in den verschiedenen Entwürfen verlangt wird, kann natürlich Aussicht auf Verwirklichung haben. Die Anträge der Sozialdemokraten z. B., so weit

Heißer Sinn.

Roman von Theodor St u st e r.

(Fortsetzung.)

Ihr Vater war einer jener Petroleum-Fürsten gewesen, der so zu sagen üoer Nacht vom armen, unbekannten und ungebildeten Arbeiter zum Millionär geworden, weil sein kleines Besitztum zwei der bebeutenften und ergiebigsten Quellen jenes das Beleuchtungswesen revoluttonirenden Oeles enthielt. Sein einziges Kind - eine Tochter war be­reits erwachsen, als diese Wendung eintrat, sie hatte in der einsamen, kaum von der Kultur berührten Gegend, in welcher sie bis dahin gelebt, natürlich um die allernotdürs- tigsten Kenntnisse sich aneignen können. ,

Ellen Moulders war ein bildhübsches Mädchen, eine echt amerikanische Schönheit. Nach dem (man konnte dreist sagen: englisch-amerikanischen) Grundsätze: wer Geld hat, braucht sich nicht mit dem langweiligen Lernen abzuqnalen, hatte auch Ellen gehandelt: sie, die Erbin so grogen Reich­tums, hatte durchaus keine Lust verspürt, ihren Kopf mit Wissen zu füllen, sich mit der Mühe des Lernens abzugeben; sie hielt das für sehr überflüssig und auch ihr Vater war der Ansicht, daß ein so reiches und hübsches Mädchen wie seine Ellen überhaupt nichts Anderes zu verstehen brauche, als sich hübsch und geschmackvoll, ohne jebe Rücksicht auf den Kopfputz, zu kleiden.

In dieser Beziehung hatte Ellen allerdings ansehnliche Fortschritte gemacht, und ihre schöne Gestalt sah in der That vornehmstattlich aus, wenn sie in reicher Toilette em- herging - und öfter fuhr. Die Amerikanerin besäst viel natürliche Anmut, auch Takt, und es ward ihr nicht schwer, Mäunerherzen zu gewinnen, da ihr rmmenser Reichtum so manche Fehler und Mängel deckte.

Unter Denen, welche sich vorzugsweise um ihre Gunst bewarben, zeichnete sie Hugo von Rospangen von vornherein

sie sich auf die Organifatiousfrage beziehen, müssen durch­weg als unannehinbar gelten. Anders dagegen verhält es sich mit den von ihnen und anderen Parteien vorgeschlagenen Schutzbestimmungen, d. h. Sonntagsruhe, Abschaffung be­ziehungsweise Verminderung der Frauen- und Kinderarbeit u. s. w. In diesem Punkte wird eine Verständigung hoffent­lich erzielt werden können, wie das u. a. auch von dem Redner der konservativen Partei, Dr. Kropatscheck, in warme» Worten anempfohlen wurde. Das außerordentlich Maßvolle seiner Darlegungen wird, wie wir hoffen dürfen, dazu beitragen, diese Verständigung zu erleichtern. Denn nicht darauf kann es in dem gegenwärtigen Stadium der Sache ankommen, daß man möglichst viel verlangt und möglichst starke Worte gebraucht, sondern das ist entscheidend, daß man sich auf das noch zur Zeit Erreichbare zu be­schränken weiß. Damit verzichtet man auf weiteres keines­wegs; im Gegenteil, es ist der einzig sichere Weg, dieses Weitere zu erlangen. Die Art der Kinder ist das freilich nicht, sondern die der Männer. Männer sollen diejenigen aber auch sein, welche die Sache des Volkes zu vertreten, seine Rechte in Zukunft wahrzuuehmen haben. Am lauesten verhielt man sich auch jetzt wieder auf liberaler Seite, und zwar, ohne daß zwifchen Nationalliberalen undDeutsch- freisinnigen" ein wesentlicher Unterschied bemerkbar ge­worden war. Was die Abgeordneten Dr. Baumbach und Dr. Böttcher vorbrachten, war im Grunde nur der Form nach verschieden: einige Sympathieversicherungen gänzlich unverbindlicher Art, und dann die bekannte Warnung vor allzuweitgehenden" Eingriffen in das freie Selbstbestim­mungsrecht des einzelnen Menschen. Wie sich die Herren, vor die praktischen Fragen gestellt, verhalten werden, wird sich in der Kommission zeigen. Ohne ihnen Unrecht zu thun, darf man aber schon heute der Vermutung Raum geben, daß sie mehr hemmend und aufhaltend als fördernd wirken werden.Das Deutsche Zentralkomitee vom roten Kreuz entsandte am gestrigen Tage eine abermalige Dele­gation von Aerzten und Pflegepersonal nach Belgradba von dort großer Mangel an ärztlicher Hilfe singnalisiert wird. Dieser ärztlichen Delegation, welche unter Leitung des dirigierenden Arztes des Elisabeth - Kinder - Kranken­hauses Dr Schütte steht, sind als Krankenpflegerinnen zwei graue Schwestern beigegeben. Die Delegation ist mit so reichhaltiger Menge von chirurgischen Instrumenten, Verbandmitteln und Medikamenten versehen, daß mit diesen Beständen dem Mangel in zahlreichen Lazaretten Abhilfe geschaffen werden kann. Die erste nach Serbien unter Leitung des ordinierenden Arztes im Augusta - Hospital Dr Schmidt entsandte ärztliche Delegation hat in Belgrad die Verwaltung des int dortigen Seminar errichteten Laza­retts von 100 Verwundeten übernommen.,

Hannover, 5. Dez. Das Königliche Provinzial-

auS. Sie liebte den Freiherr», ehe dieser noch von Liebe zu ihr gesprochen hatte: ein Vorkommnis, wie es bei ame­rikanisch erzogenen jungen Mädchen gegenüber den Trägern altaristokratischer europäischer Namen bekanntlich zur Tages­ordnung gehört. Hugo v. Rospangen lebte in der Nach­barschaft der Besitzungen des Misters Moulders in durstigen Verhältnissen, verstand eS jedoch trotzdem, den Vollblut- Aristokraten in jeder Hinsicht zur Schau zu tragen, und Ellen, die den deutschen Edelmann liebte, ward es auch seinerseits leicht gemacht, ihn sich zu gewinnen. Er war em schöner Mann und so war denn bald genug Ellens Herz für ihn eingenommen. Vater Moulders wars zufrieden: seine Tochter konnte es sich schon gestatten, nur nach ihrer Neigung sich einen Gatten zu wählen; Vermögen seitens dieses Letzteren war ein ganz überflüssier Luxus hatte sie selbst doch dessen mehr als genug!

Als Ellen etwa fünf Jahre verheiratet war eine Zeit, die fie ausschließlich auf Mister Moulders fürstlich ausge­statteter Besitzung in Pennshlvanien zugebracht hatten, starb der würdige Petroleum-Prinz und hinterließ ein fabelhaftes Vermögen. Ellen war sofort auf die Idee ihres Gatten eingegangen, alles, Grundbesitz, Schloß mit ungeheurem Park ein Dutzend Häuser in Philadelphia, ein palaisartiges prachtvolles Gebäude in Newyork und manches Andere noch zu verkaufen und nach Deutschland überzusiedeln: William und Frieda, die beiden einzigen Kinder deS ungleichen Paares, sollten eine durchaus deutsche, amerikanischen Anschauungen ganz fernliegende Erziehung erhalten. Den Freiherrn selbst trieb die Sehnsucht nach der Heimat zurück; er wollte als letzter Rospangen sein Haus und seinen Namen wieder zu Ehren bringen. Dies Verlangen hatte viel dazu beigetragen, daß er sich um Ellen Moulders beworben, denn eine beson­ders große Neigung zu dem ungebildeten Mädchen, der in halber Wildnis ausgewachsenen ehemaligen Farmerstochter, hatte er, der seingebildete Weltmann, nie empfunden: Hugo

schulkolleginm in Hannover hat sich veranlaßt gesehen, an die ihm unterstehenden Gymnasialdirektoren folgende Ver­fügung hinsichtlich der Behandlung der Abiturientenprü- fuilgen zu richten:Bekanntlich muß von den Entlassungs- Prüfungen alles ferngehalten werden, was auf die Exa- miereuden einen störenden und verwirrenden Eindruck machen kann. Schon die Vorstellung eines Examens vor einer besonders eingesetzten Kommission und in Gegenwart der sämtlichen wissenschaftlichen Lehrer pflegt die Schüler im Voraus in erhebende Aufregung zu versetzen, und diese Erregung steigert sich, wenn, wie es häufig geschieht, die mündliche Prüfung als ein besonders feierlicher Akt auf­gefaßt wird, zu welchem die Prüflinge im Frack, mit Zylinder und weißen Handschuhen zu erscheinen haben. Um der Entlassungsprüfung ihren eigentümlichen Charakter zu sichern und sie lediglich als einen Schulakt erscheinen zu lassen, welcher den Unterricht der ersten Klassen ab­schließt, wolle die Direktion fortan den Abiturienten zu erkennen geben, daß sie zur mündlichen Prüfung in der gewohnten Kleidung, somit nicht im Frack, mit Zylinder und mit weißen Handschuhen zu erscheinen haben."

Eßen, 5. Dez. Der Rheinisch-Westfälische» Ztg. zufolge sand gestern au der Zeche Osterfeld bei Ober­hausen eine Explosion schlagender Wetter statt. Drei Bergleute sind tot, 9 schwer und 3 leicht verletzt.

Karlsruhe, 5. Dez. Der Landtag wurde bis Mitte Januar vertagt.

München, 5. Dez. (Abgeordnetenhaus.) Bei der Beratung des Etats deö Ministeriums des Innern be­merkt Waller (klerikal), daß bei der letzten Reichstags­wahl zahlreiche Beamte und Militärs für Sozialisten ge­stimmt haben, wodurch klerikale Kandidaten unterlegen seien. Der Minister des Innern erklärt: Die Erhebungen der Regierung ergaben die Unrichtigkeit dieser Behaup­tungen des Abgeordneten Waller, v. Stauffenberg spricht gegen die Agitation der Beamten für die Sozialisten, tritt aber für die gefährdete Wahlfreiheit und das Wahlge­heimnis ein. Waller verlangt, die Beamten moralisch zu verpflichten, gegen die Revolutionäre aufzutreten. Der Minister des Innern stimmt dem bei und setzt hinzu, die Erhebungen der Negierung beschränkten sich auf die osten­tative Wahlagitation für die Sozialisten. Die Regierung beabsichtige nicht, die Wahlfreiheit der Beamten ein- zuschränken.

Ausland.

Rom, 5. Dez. Einer Meldung derAg. Stefani" aus Suakin vom 4. d. Mts. zufolge übernahm General Gane infolge von aufgetauchten Schwierigkeiten die un­mittelbare Leitung auch des administrativen Dienstes in Massauah, erklärte aber dem egyptischeu Untergouverneur, rr -zr------1irwn-annifnririF 1 sa===*= 1 T~

v. Rospangen hatte alle Consequerzen seines Schrittes wohl überlegt, ehe er seinen Namen gab. Sein ursprünglicher Glaube, daß seine Frau eine gelehrige Schülerin sein, sich bestreben werde, neben etwas gesellschaftlicher Bildung auch die nötige Tomnure sich anzueignen, erwies sich bald genug als ein irriger. Seine Ehe war weder eine glückliche, noch eine unglückliche: die beiden Gatten waren sich so ziemlich gleigtltig geworden.

Nach kurzem Aufenthalt in der großen deutschen Residenz sah Herr v. Rospangen wohl ein, daß die Unwissenheit seiner Frau so manchem seiner ehrgeizigen Pläne unübersteig- liche Hindernisse in den Weg legen müsse; sie konnte weder bei sich empfangen noch in die Gesellschaft gehen. Dabei mußte er es noch als ein Glück betrachten, baß fie weder deutsch sprach noch verstand, da sie dadurch weder! sich noch ihn den Domestiken kompromitttrte. Sic hatte eine Jugend­freundin mitgebracht und diese bildete ihren alleinigen Um­gang, war ihre Gesellschafterin und Vertraute.

Die Freifrau liebte ihre Kinder sehr und wollte es gar nicht dulden, daß ihr Gemahl den Sohn dem Kadettenkorps übergab, später Frieda in ein vornehmes adliges Stift schickte, um das Kind dort erziehen zu lasten. Ware Ella v. Rospangen eine feinfühlendere Natur gewesen als fte es eben war, eS hätte sie verletzen muffen,, baß ihr Mann sie versteckt hielt vor der Welt. Nie anders als m seiner Begleitung durfte sie ausfahren; er hatte das Gerücht aus­gesprengt, seine Gemahlin sei sehr nervenletbenb und dürfe Niemanden weder sehen noch sprechen. Wochenlang oft war die arme Frau allein mit ihrer Freundin, ohne ihre Zimmer zu verlassen, und selbst die Besuche der Kmder bei der Mutter suchte der Freiherr nach Möglichkeit zu be­schränken, weil er den Einfluß der Letzteren auf die Elfteren fürchtete. (Fortsetzung folgt.)