. Jahrgang.
Marburg, Sonntag, 6. Dezember 1885.
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Köchentlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. - Illustriertes Lvuntagsblatt.
Expedition- Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Ioh. Aug. Koch.
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Wochenschau.
Wenn's nicht schwarz auf weiß im Kalender stände, daß in drei Wochen das heilige Christfest ist, in der That, man würde kaum daran glauben können. Scheint es doch beinahe, als ob sich alles zusammenfände, damit es vor dein Fest und auch während desselben an tüchtigem poli- fischem Hallo nicht fehle. Sonst, d. h. in frühereir Jahren, denn im vorigen sah es vor Weihnachten gerade bunt genug aus, brachte das nahende Fest eine versöhnliche Stimmuirg hervor, und die Welt merkte wohl auf Kuchenduft, aber nicht auf Kriegsgeschrei und parlamentarische Redekämpfe, brauchte es auch nicht zu thun, denn von solchen Störenfrieden war nichts zu sehen; aber in diesem Jahre wird's um so bunter, je näher wir uns Weihnachten und Neujahr nähern. Wenn wir zu Ende dieses Monats die Jahresübersicht geben, wird sich zwar Herausstellen, daß eigentliche Ruhe während des ganzen Zeitregenten 1885 Herrschaft nicht vorhanden gewesen, aber auch, daß das letzte Ende resp. Quartal das allerungemütlichste gewesen ist.
Unser Kaiser hat sich von seiner Erkältung so vollständig wieder erholt, daß er in dieser Woche seine täglichen Ausfahrten wieder ausgenommen hat. Wie er dem Reichstagspräsidium bei besten Empfang mitteilte, folgt der Monarch den Verhandlungen mit großer Aufmerksamkeit. Der Reichskanzler erschien wiederholt im Palais zum Vortrage. — Die Kaiserin Augusta ist von Koblenz nach Berlin zurückgekehrt. Die hohe Frau fühlt sich bedeutend gekräftigt.
In unserem Reichstag war das wichtigste Ereignis der Erlaß der kaiserlichen Botschaft. Die „Nordd. Allg. Ztg." teilt über dieselbe jetzt mit: Die kaiserliche Botschaft habe nicht die Absicht gehabt, die Kompetenz des Reichstages zu bestreiten, die Ausweisungsmaßregeln „in Betracht zu ziehen" oder zu erörtern, sondern sie sei lediglich dagegen gerichtet gewesen, daß die Interpellation die Reichsregierung fragt, „ob sie bereits Schritte gethan habe, um jene Maßregeln zu verhindern". Die Botschaft will „der Einführung der Fiktion in die Praxis des Reichsrechts vorbeugen, als ob etwa die Reichsexekutive unter dem Druck der Reichstagsmehrheit die Landesregierungen an der Ausübung ihrer zweifellosen Rechte thatsächlich zu verhindern vermöchte." Der praktische Wert der Botschaft liege also wesentlich in der „Beruhigung der sämtlichen Bundesstaaten über die Möglichkeit einer Vergewaltigung ihrer verfassungsmäßigen Rechte durch eine angebliche Reichsregierung".— Die „Magdeb. Ztg." schreibt: „Es sei zu befürchten, daß diese Botschaft zu einer Art von magna Charta des Föderalismus werden wird." Diese Befürchtung ist unnötig, denn eine solche magna Charta haben wir an der Reichs- verfastung, welche das Reich als ein Bundesreich und nicht als einen unitarischen Bundesstaat darstellt. Der national- liberale Unitarismus ist gegen die Verfassung und erst
Heitzer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Doch nicht demütig und zagend betrat Frieda das Zimmer ihres Vaters; zwar hatte sie Etwas gethan, was er nicht wünschte, doch kein Unrecht. Wenigstens vermochte sie cs nicht als ein solches zu erkennen. Offen und freundlich trat sie dem Vater entgegen, bot ihm die reine, weiße Stirn zum Kuß und drückte seine Hand an ihre Lippen.
»Ich habe lange auf Dich warten müssen, Frieda," sagte etwas ungeduldig Herr v. Rospangen. „Wo warst Du?"
„Willi und ich haben einen Morgenspaziergang gemacht, Papa," erwiderte Frida unbefangen.
„Den Spaziergang wohl, von dem Du neulich so begeistert sprachst: das Straßendurchlaufen und Lädenbesehen, das Du so entzückend findest? — Ich muß Dir nochmals sagen, liebes Kind, daß dergleichen Eskapaden für eine junge Dame Deines Standes, Deiner Stellung in der Gesellschaft stch durchaus nicht ziemen und ich nicht wünsche, daß Du mich zwingst, sie Dir ernstlich zu verbieten!
Frieda erwiderte errötend:
„Ist denn dies harmlose Vergnügen wirklich ein Unrecht, Papa? — Ich finde es so hübsch und so natürlich, daß ein junges Mädchen, namentlich wenn es sich in Begleitung keines älreren Bruders befindet, der obenein Offizier ist, Freude daran hat, durch die belebten Straßen einer Groß- nadt zu gehen, den Glanz der Läden, das bunte Leben und Treiben anzuschauen; es kann ja doch kaum ein Unrecht stin, Papa denn es erfreut Herz und Gemüt!"
„Ein Unrecht ist es auch an und für sich nicht, Frieda, doch es ist unpassend. Ich glaubte, Du hättest schon in Deinem Pensionat einsehen gelernt."
„3m Stift?! — Ja, Papa, dort schickt sich so unendlich
seitdem er zurückgedrängt ist, ist Vertrauen und eine gedeihliche Entwickelung in den Reichsangelegenheiten eingekehrt. Nichts hat der Entwickelung des Reiches so geschadet, als die ewigen unitaristischen Beunruhigungen während der liberalen Aera. Seitdem diese Aera geschloffen ist, geht die Stärkung des Reiches ihren ruhigen Gang, die reichsfreundliche Gesinnung wächst, der Partikularismus nimmt ab; man freut sich über die wachsende Macht des Reiches, seit man sicher ist, daß das Reich die selbständige Existenz der Einzelstaaten nicht antastet. Sobald das geschähe, würde auch das alte, störende partikularistische Mißtrauen wieder eintreten.
Der Karolinen-Streit, der so unendlich viel Lärm erregt, ist nunmehr, Gott sei Dank, definitiv zu Ende. Der zwischen Deutschland und Spanien abgeschlossene Vertrag liegt bereits dem Wortlaut nach vor, und es erübrigt nur noch die Unterzeichnung, die vor den: Papst, als Vermittler, welcher den Abschluß herbeigeführt, erfolgen soll. Das deutsche Reich erkennt die spanische Oberhoheit über die Karolinen an, erhält aber dafür vollständige Handelsund Schiffahrtsfreiheit auf diesen Inseln, sowie das Recht zur Anlage einer Kohlenstation. Damit hat der deutsche Handel auf den Karolinen freies Feld, und darum handelte es sich. In Verbindung mit der Erledigung der Karolinenfrage scheint die auf den Marschallsinseln in der Südsee erfolgte deutsche Flaggenhissung zu stehen. Auch auf diese Inselgruppe wollten die Spanier früher Rechte — allerdings von fehr zweifelhafter Natur — haben. Gegen die deutsche Annexion ist aber keinerlei Widerspruch erfolgt und hat also Spanien wohl die Marschalls-Inseln schießen lasten, um die Karolinen zu behalten.
Die französische Regierung arbeitet mit Hochdruck, uni die Kommission der Kammer zu bestimmen, die neu- gefordertcn Millionen für Tonking und Madagaskar zur „Wahrung der französischen Ehre" zu bewilligen. Die Verhältnisse in Ostasien werden jetzt so rosig, wie nur möglich hingestellt, so daß man sich billig darüber wundern muß, weßhalb die Geschichte denn noch lange nicht vorbei ist, sondern ein Aufstand den anderen verdrängt? Bisher hat die Kommission noch keine Entscheidung getroffen.
In Spanien ist die Leiche König Alfonsos in der Königlichen Gruft im Eskurial beigesetzt worden; die offizielle Trauerfeierlichkeit, bei der alle europäischen Staaten durch besondere Abgesandte vertreten sein werden, wird erst in der nächsten Woche stattsinden. Im Auftrage des Deutschen Kaisers hat sich der Statthalter von Elsaß- Lothringen, Fürst Hohenlohe, nach Madrid begeben. Die Ruhe im Lande ist, bis auf einige kleine Krawalle, ungestört geblieben, und hat die Königin-Witwe ruhig ihre Regentschaft antreten können. Ein Monarch wird nicht ernannt, sondern die Entbindung der Königin ubgewartet
viel nicht, daß man schließlich irre wird; ich dachte aber, hier im Elternhause könnte man mehr nach Wunsch leben."
„Sieh, Frieda: wenn Du heute einer hochstehenden Dame begegnest, welche in ihrer Equipage an Dir vorüberfährt, und sie sieht, wie Du Dich durch die Menge drängst, Dich von einem Schaufenster zu andern wendest, dann würde diese Dame ganz entschieden für Diejenige halten, die Du doch in der That bist; sie würde es als einen Irrtum betrachten, wenn sie Dir in ihrer Gesellschaft begegnete, stch erinnern, Dein Gesicht unter der Menschenmenge, auf der Straße schon gesehen zu haben — und ihre Schlüsse daraus ziehen. Verstehst Du mich fitzt, Frieda?! — Du mußt streng darauf achten, daß kein Makel auf Dich und Dein Thun fällt, denn gerade Du wirst weit leichter einer vernich- tenten Kritik unterworfen als hundert Andere!"
Obgleich Frieda noch immer nichts Unrechtes in ihrem Thun zu finden vermochte gab sie doch dem Vater das Versprechen derartige Promenaden nicht wieder zu machen, so ungern sie das auch that. Sie kannte den Stolz ihres Vaters und wußte, wie er ängstlich bemüht war, vergessen zu machen, daß das Blut der erneuten Linie Rospangen nicht unverfälscht in den Adern seiner Kinder rollte.
„Mach nun eilig Toilette," Frieda" bemerkte er: „wir wollen zur Gräfin Braundorf fahren, um Dich ihr vorzustellen, da sie sich bereit erklärt hat, Dich unter ihrem Schutz in die Gesellschaft einzuführen, eine Gelegenheit, bei der Dir Deine Mama leider nicht zur Seite stehen kann.
Den Schlußsatz hatte Herr v. Rospangen mit sehr verdüsterter Miene gesprochen.
„Ich will doch erst noch einmal zur Mama gehen," sagte Frieda. „Ich habe sie heute noch nicht begrüßt: wie gehts ihr?"
„Wie immer, Kind. — Geh zu ihr; in einer Stunde jedoch erwarte ich Dich hier."
werden. Deutschland wird von dem neuen Ministerium Sagasta nicht viel zu erwarten haben. Es betont bei jeder Gelegenheit, daß es die politischen Handels - Beziehungen zu den romanischen Völkern besonders pflegen werde, und macht das übrige Europa so nebenbei ab. Run, wir werden dabei nicht zu Grunde gehen. — Von jenseits des Oceans ist aus Mexiko der Ausbruch einer Revolution zu melden.
Glücklich durch sind die Engländer mit ihrem birmanischen Feldzug. Das ist allerdings ein wirklicher Spaziergang gewesen. König Thibo von Birma hat seine Hauptstadt Mandalay, seine Armee und endlich sich selbst ohne Schwertstreich den Briten übergeben, die damit faktische Herren des Landes geworden sind. Majestät Thibo wird sich künftig als Rentier in irgend einer indischen Stadt amüsieren. — Weniger klar sind die Verhältnisse in England selbst. Es scheint fast sicher, daß die Neuwahlen zum Parlament weder eine liberale noch eine konservative Majorität ergeben werden, daß vielmehr die Irländer- unter Parnell es sind, welche den Ausschlag geben. DaS ist ziemlich bös, und so trägt man sich in London bereits mit dem Gedanken an eine Parteiänderung. Die gemäßigten Liberalen und die Konservativen wollen zusammen ein Ministerium Hilden.
Der serbisch-bulgarische Krieg ist nach zweiwöchentlichen, fast ununterbrochenen Kämpfen glücklich beim Waffenstillstand angelangt, hauptsächlich infolge einer „Einwirkung" — Drohung soll es ja partout nicht sein — Oesterreichs auf den Fürsten Alexander von Bulgarien, dem es in Aussicht stellte, er könne bei weiterem Vorrücken österreichischen Bajonetten begegnen. Darauf haben die Bulgaren in der von ihnen nach hartnäckigem Kampfe eroberten serbischen Stadt Pirot Halt gemacht. In der Umgegend der bulgarischen Festung Widdin ist allerdings noch mehrere Tage fortgekämpft worden und keine von beiden Parteien will „angefangen" haben, aber auch dort ist jetzt die Waffenruhe eingetreten. Ob sie zum Frieden führen wird, müssen wir abwarten. Die Serben sitzen noch gewaltig hoch zu Roß und zeigen trotz der empfangenen tüchtigen Hiebe keine Lust, sich als besiegt anzuerkennem Die Rüstungen dauern ununterbrochen fort. Es ist gar keine Frage, daß das österreichische Dazwischentreten den Serben gewaltig den Nacken gesteift hat. — Auf der anderen Seite wird der günstige Verlauf der Friedensver- handlnngen wesentlich von der Regelung der rumelischen Frage abhängen. Die Konferenzberatungen hierüber sind infolge des englischen Widerspruches gescheitert und von dem Einfluß der einzelnen Großmächte ist nicht viel mehr zu erwarten, seitdem sich auch zwischen Rußland und Oesterreich eine Meinungsverschiedenheit gezeigt hat. Seitdem das letztere für Serbien eingetreten, ist Rußland wieder vollständig zu Bulgarien übergegangen. Kaiser-
Freiherr v. Rospangen war ein angehender Fünziger; seine Züge waren scharf geschnitten, edel geformt; allerdings trugen sie etwas den Stempel des Verlebten, aber auch ebenso den den Rospangens eigentümlichen hochvornehmen Familienzug. Diese Familie hatte sich von jeher durch einen hohen Grad von Schönheit sowohl ihrer Männer wie Frauen ausgezeichnet.
Hugo von Rospangen war der Letzte seines Stammes gewesen, bis sein Sohn Wilhelm, gewöhnlich „William" genannt, ihm geboren wurde und sein einziger männlicher Nachkomme blieb. Seit einigen Jahren erst war der Freiherr nach langer Zeit wieder in die Residenz zurückgekehrt, in welcher sein Name nahezu vergessen und verschollen war. Herr v. Rospangen sprach nicht gern von der Zeit, welche er, wie jetzt sein einziger Sohn als junger Gmdeossizier in der Residenz verlebt: es war da Manches, wovon er nicht gern sprach und nur sein Reichtum hatte es ihm er- mögliqt, frühere Vorkommnisse ungeschehen zu machen und dem Namen der Rospangen einen so hohen Glanz zu verleihen, wie er ihn früher nie gehabt.
Nur ein Umstand war ihm sehr störend und griff oft recht hindernd in seine Pläne ein, und damit hatte es fol- , gende Bewandtnis: Frau v. Rospangen, eine geborene Amerikanerin und einziges Kind eines mehrere Millionen reichen Mannes, dessen alleinige Erbin sie gewesen, hatte mit ihrem Vermögen dem Wappenschild der Familie zu neuer Farbenpracht verhalfen. Sie hatte aus dem verarmten und verschuldeten deutschen Edelmann, der sich vor langen Jahren nach Amerika geflüchtet, um unliebsamen Wechsel Affairen aus dem Wege zu gehen, einen hochstolzen, mit Glanz und Reichtum auftretenden Seigneur gemacht. Allein Frau v. Rospangen war unfähig zu repräsentireu! — Nur durch ihren Reichtum — nicht anders konnte sie dem Hause ihres Mannes neuen Glanz verleihen. (Fortsetzung folgt.)