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Bravburg, Sonnabend, 5. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux von Haasenstein untBogler in Frankfurt a. SUI-, Cassel. Magdeburg und Wien. Rudolf Mosse in Frankfurt o M., Berlin.Münchenund Köln; G. L. Daube und i‘o. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover u.Paris.
Vöchentlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sountagsblatt.
Expedition Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Dez. In der Unsallversicherungskom- mission des Reichstages (Versicherung für Beamte, Sol- daten) wurde gestern abend nach Ablehnung aller Gegenanträge § 1 unverändert in der Fassung der Regierungsvorlage angenommen. — Die Kommission zur Vorberatung dcö Gesetzentwurfs wegen Abänderung des Viehseuchengesetzes begann gestern ihre Beratungen mit einer Generaldiskussion, an der sich namentlich auch der Geh. Rat Professor Dr. Koch beteiligte. Obgleich die Beratung noch nicht zu Ende geführt wurde, hat dieselbe doch die schon in der Generaldebatte im Hause hervorgetretene Wahrscheinlichkeit bestärkt, daß die Mehrheit der Kommission die beantragten Abänderungen des Gesetzes ablehnen werde. — In der heutigen Sitzung der Budgetkommission wurde die Beratung des Militäretats bei Kap. 24 Tit. 8 (Kommandozulagen für die Offiziere) fortgesetzt. Nach der Berechnung der Regierung wäre der finanzielle Effekt der Regierungsforderung 684252 Mk. Durch den Antrag Dr Hammacher würde die Forderung auf 569 252 Mk. vermindert werden, nach Annahme des Vorschlags v. Huene würde die Forderung auf 205 252 Mk. ermäßigt werden. Bei der Abstimmung gelangt der Antrag v. Huene zur Annahme, wonach also an Stelle der im ganzen geforderten 1240 000 Mark nur 762000 Mk. bewilligt werden, d. h. nur die Erhöhung der Kominandozulage für den Leutnant von 1,20 Mk. auf 2 Mk. — Bei Tit. 13, Unterstützungsfonds, welche zur Selbstbewirtschaftung gewährt werden, kommt die prinzipielle Frage zur Erörterung, ob der Einheitssatz einer Unterstützung auf 60 Mk. zu erhöhen sei. Bisher betrug die Durchschnittszisfir 30—40 Mk. _ Die Frage wird von der Mehrheit bejaht und die Mehrforderung genehmigt. — Bei Kap. 25 Tit. 4, Brot- und Fouragever- pflegung, wurde die Diskussion üb^x die beantragte Erhöhung der Pferdcrationen um 250 Gramm Hafer täglich heute noch ausgesetzt. — Auf eine Anfrage, in welcher Höhe die Getreideankäufe direkt von den Produzenten von feiten der Militärverwaltungen stattfinden, wird regierungsseitig erklärt: „Eine Zusammenstellung darüber, in welchem Umfange diese Ankäufe stattgefunden, fei nicht gemacht worden und auch schwer herzustellen. Die Mrlrtärverrval- tung wolle grundsätzlich nach Möglichkeit von den Produzenten selbst ankaufen; die Ankäufe aus erster Hand seien für die Militärverwaltung nicht nachteilig gewesen." — Dem Reichstag ist eine umfangreiche Denkschrift, betr. die deutschen Schutzgebiete, zugegangen, welche heute abend im Druck zur Verteilung gelangen wird. — 454 Petitionen sind dem Reichstag bereits während der zweiwöchigen Dauer der Session zugegangen, darunter allein 303, welche sich auf die Arbeiterschutzgesetze beziehen. Die übrigen Petitionen betreffen die verschiedensten Angelegenheiten, eine Anzahl wird auch
diesmal vom Büreau als „unverständlich" bezeichnet, nicht wenige Petenten wünschen auch wiederum durch die Hilfe des Reichstags Jnvalidenunterstützung zu erhalten, andere bitten — auch ein regelmäßig wiederkehrcndcs Petitum — „um Rechtshilfe". Zn großer Zahl haben sich wieder die Gegner des Impfzwanges gemeldet, ebenso wird von verschiedenen Seiten um weitere Schutzzölle und Einführung der Doppelwährung petitioniert. Ein französischer Bürger aus dem Departement Loiret überreicht die Abschrift einer an die französische Deputiertenkammer gerichteten Petition, enthaltend Vorschläge zur Herbeiführung eines ewigen Friedens zwischen Deutschland und Frankreich, ein Berliner Schuhmacher bittet nm Erlaß strengerer Maßregeln gegen Duelle, ein hiesiger Chemiker wünscht ein Gesetz, betr. die behördliche Ueberwachung des Verkaufs und der Anwen- wendung elektromagnetischer und optischer Instrumente, ein Bildhauer verlangt die Errichtung von Staatswerkstätten zur Ausbildung der Lehrlinge. Ein „Spezialist" für Feuerungsanlagen in Dresden erscheint bereits zum drittenmale mit der Forderung, daß den Schornsteinfegern die Anschaffung der von ihm erfundenen Instrumente zur Röhren- reinigung zur Pflicht gemacht werde, ein Görlitzer Friseur will ein Gesetz eingeführt wissen zur Regelung des Handels mit kosmetischen -Mitteln. Von allgemeinerem Jntereffe ist eine Reihe anderer Petitionen von Handels- und Gewerbekammern um Regelung des Submifsionswesens, von städtischen Behörden rind geistlichen Körperschaften um Erhöhung der Branntweinsteuer, Einschränkung der Schankwirtschaften und Bestrafung der Trunksucht, sowie um den Erlaß gesetzlicher Maßregeln, zur Bekämpfung der Prostitution. Groß ist auch die Zahl der Petitionen, welche auf Abänderung der Gewerbeordnung abzielen, und zwar in den verschiedensten Richtungen. Der Verein der Kolportage-Buchhändler plaidiert für Aufhebung der im § 65 der Gewerbeordnung neu eingeführten Beschränkungen, ebenso mehrere Handelskammern, welche zugleich den § 44, welcher den Hausierhandel beschränkt, abgefchafft wissen wollen.
— Die liebcrale Presse ist über die Kaiserl. Botschaft vom 30. November d. I. im höchsten Grade verstimmt, was ja in sofern auch berechtigt scheint, als dieselbe allen unitarischen Gelüsten ein für allemal einen Riegel vorschiebt. Da man dies nicht ohne weiteres zugeben will, die Botschaft vielmehr nur als ein vorübergehende „taktische" Maßregel bezeichnet, ist unter diesen Umständen sehr natürlich, ändert an der thatsächlichen Lage aber nichts. Der Gedankenlosigkeit des liberalen Philisters wird dabei allerdings viel zugcmutet; das aber muß er sich schon gefallen lassen, da die Erfahrung jeden Tages lehrt, daß in dieser Beziehung das Stärkste nicht zu stark ist. Wenn taktische Gesichtspunkte bei dem Erlasse der Botschaft in Betracht gekommen sind, so kann ihre Rolle gegenüber der
bleibenden Bedeutung dieses Schrittes jedenfalls nur eine untergeordnete fein. Das wird die weitere Entwickelung der Tinge lehren Wenn irgend etwas dazu beitragen kann, die bis jetzt dem Reichsgedaukeu noch feindlich gegenüberstehenden Elemente endgiltig mit denselben anszusöhnen, so ist es der Vorgang vom 1. Dezember d. Zs., weil die Kaiserliche Botschaft jedem, auch dem kleinsten und schwächsten Miede am Reichskörper dasselbe Recht gewährleistet, dessen sich der Größte und Stärkste erfreuen darf. In diesem Sinne ist die Botschaft die reichsfreundlichste Thal, welche seit Gründung des Reiches geschehen ist; sie will Deutschland in dem stnsammengehörigkeitsbewußtsein der Reichsgenossen einen Halt für die Zukunft geben, wie er durch keine äußere Ueberlegenheit des einen Bundesgenossen über die anderen jemals erreicht werden könnte. Wenn dieser große Gedanke von den flachen Seelen nicht vest anderr wird, die die Einheit immer nur in der äußeren Form, nicht in bereit Wesen zu suchen wissen — so ist das nicht die Schuld derjenigen, die weiter sehen und sich in der Ueberzeuguug trösten, daß die Nachwelt begreifen wird, was die Mit- lebenden zum Teil wenigstens noch nicht einzusehen scheinen.
München, 3. Dez. Die Abgeordnetenkainmer genehmigte das provisorische Steuergesetz und dechargierte zahlreiche Rechuungsnachweisungen. Sodann begründete der Abgeordnete Kopp seinen Antrag: Der König von Bayern wolle baldmöglichst den russisch - bayerischen Auslieferungsvertrag umgestalten lassen, v. Schauß beantragte dagegen, die Kammer wolle, bezugnehmend auf die am 12. November stattgehabte Diskussion zur Tagesordnung übergehen. Redner bezeichnete die Annahme des Koppschen Antrages als Mißtrauensvotum gegen das Gesamtmini- fterium, durch welches Bayern gefährdet würde. Minister von Crailsheim bestritt der Kammer das Recht, Anträge wie den des Abgeordneten Kopp zu stellen und verteidigte den Vertrag; die Regierung werde den Vertrags modifizieren, falls die Praris dies erfordere. Frhr. v. e tauf fern berg hielt das Antragsrecht der Kammer aufrecht und befürwortete gerade wegen der Auffasfung des Ministers Crailsheim die Annahme des Koppschen Antrages, während er den Antrag Schauß zurückwies. Rittler bestritt unter dem Widerspruche der Rechten daß das Recht, diesen Antrag zu stellen, verfassungsmäßig sei; er verwarf materiell den Vertrag, erklärte sich aber gegen den Koppschen Antrag. Joseph Geiger widerlegte die Ansicht Rittlers und hielt den Antrag Kopp für berechtigt; er befürwortete jedoch aus Zweckmäßigkeitsgründen die von Schauß gestellte Tagesordnung. Die Kammer erklärte mit allen gegen die Stimme Rittlers den Antrag für berechtigt, lehnte gegen die Hälfte der Stimmen der Linken den Antrag Schauß ab und nahm den Antrag Kopp mit großer Majorität an.
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küste r.
(Fortsetzung.)
„Sie sind krank, bester Oheim,« sagte eines Tages Selma zaghaft; ich ängstige mich wirklich um Sie. -'Sie sollten doch einen tüchtig, n Arzt zu Rate ziehen"
Reinhard war an diesem Tage auffallend still und bleich. Sanft lächelnd blickte er schwärmerisch zu ihr hinüber und erwiderte: . ... L _ ,
„Haben Sie schon von einer Krankheit gehört, «elma, für dre es überhaupt weder einen Arzt noch ein Medikament giebt? Diese ist es, an der ich leide': das Heimweh!«
Aber mein Gott!" rief sie, „so gehen Sie doch nach Deutschland; es kann Sie ja doch hier Nichts gegen ^hren Wunsch haltend"
„Ja, Selma, wir wollen auch reisen, sobald nur Ihre kontraktliche Verbindiichkeiten es zulassen werden; bis dahin muffen wir indessen hier bleiben Doch die Hoffnung auf diese demnächstige Heimreise wird mich gesund machen und ein Jahr ist ja bald vergangen.«
„Um meinetwillen nur wollen Sie bleiben, Oheim?! Mein Kontrakt ließe sich vielleicht lösen, seine Bestimmungen drücken mich ohnehin, seit ich weiß, daß Sie durch dieselben hier zuruckgehalten werden."
„Erfüllen Sie nur diese Bestimmungen treu und rechtlich, Selma. Man darf nicht jeden zudringlichen, unbescheidenen und unzeitgemäßen Wunsch seines Herzens erfüllen; außerdem ist mein Herz daran gewöhnt, nicht all seine Äunfche — ach! bei Weitem nicht! — gewährt zu sehen!"
Er hatte das lächelnd gesagt. Wie bitter es ihm geworden, die Kunst des Entsagens zn lernen, das konnte Selma nicht ahnen, als sie ihm erwiederte:
„Möchten Sie doch wieder recht glücklich und zuftteden werden, Oheim!"
VII.
An einem sounigwarwcn, klaren Herbsiuiorgen ging ein junger, schöner Gardeoffizier mit einer noch sehr jungen Dame in einer der stolzesten Straßen der Residenz, die großen, reich ausgestatteten Ladenfenster irit Aufmerksamkeit musternd, spazieren.
Zwischen Beiden bestand eine auffallende Aehnlichkeit, und ein jeder mußte sie auf dcn erste» Blick für Geschwister/' halten, dre sie in der Tat waren. Beide waren dunkelblond, der Offizier batte sehr schöne tiefblaue, das junge Mädchen so dunkelbraune Augen, daß man sie füglich für schwarz hallen: Leide hatten frische Gesichter, doch feine Züge, schlanke, graziöse Gestalten.
Die Augen der Dame (sie zählte kaum 17 Jahre) flogen überrascht, neugierig von den Schaufenstern auf das ihr neu und eigenartig erscheinende Straßern reiben der Großstadt. Sie sprach habet lebhaft und lachte laut auf. Dieses Lachen machte sie aber so reizend, daß ihr Niemand darob gezürnt haben würde, es müßte bann ein ganz verbitterter Hypochonder gewesen fein.
„Ach, Bruder!" rief das junge Mädchen mit einem reizenden Lächeln, welches ihre von frischen Lippen umrahmten, blendend weißen Zähne sehen ließ, „so lange habe ich mich nun schon danach gesehnt, so mit Dir durch die Straßen zu wandern, die Menschen an mir vorbei passtren zu lassen und mich an den tausend hübschen Dingen zn erfreuen, welche in den Läden ausgestellt sind, um die Kauflust anzu- rcgen. Papa findet das duraus nicht passend, und wenn ich an das lange, strenge Gesicht des Stiftfräuleins denke, möchte ick laut auflachen, William! — Ach, wenn sie mich so sehen könnte! schwatzend, lachend, mich durch die Menge drängend: sie würde aufs Höchste indigniit fein!"
Ein leichtes Lächeln zuckle um die Lippen des Offiziers.
„Ich mache mir aber nichts daraus, gar nichts, William!" fuhr die Schwester fort, und stolz klang es, als sie hinzusetzte: „Ein Freifräulein von Rospangen bleibe ich darum doch!"
„Natürlich l" lachte der Offizier. Der Vater bleibt maßgebend! — außerdem bist du ja auch eine reiche Erbin, eine sogenannte „brillante Partie", und das kann noch lange nicht eine jede Deiner Mitschülerinnen von sich sagen. — Aber ich glaube, Frieda, wir müssen jetzt allgemach an den Heimweg denken: — Du weißt, daß Papa mit Dir Besuche machen will." —
O Gott! die ewigen, langweilige» Besuche! ich wünschte, ich könnte ihnen gänzlich entgehen; doch Papa sagt, eS muß sein, sie sind notwendig und unvermeidlich, weil von ihnen meine Einführung in die Gesellschaft abhängt. Am meisten freue ich mich auf den kommenden Winter, auf die Bälle, Concerte, Theater.....— Deine Herren Kameraden
werden doch galant genug fein, mich nicht sitzen zu lasten? Es ist doch recht gut, wenn man so einen älteren Bruder hat; wir wollen auch immer recht gute Freunde bleiben, William, und einander vertrauen — nicht wahr, Herzens- Binder?
Sie reichte William die Hand, welche dieser zärtlich auf seinen Arm legte, und schneller schritten Beide dann dem vornehmsten Viertel der Residenz ZU. Dort traten sie itt ein hohes Haus ein und das junge Mädchen flog dem Bruder voraus die breiten Treppenstufen hinan. Oben trat ihr ein Diener ehrfurchtsvoll entgegen und meldete:
„Der Herr Baron haben schon wiederholt nach dem gnädigen Fräulein gefräst."
Ein Kammermädchen eilte herzu und nahm Frieda Hut und Umhang ab. Die Tochter des Barons warf den reizenden Lockenkopf zurück und schelmrsch sagte sie zu ihrem Bruder, der eben seine Mütze auf den Garderobenstock hing und den Degen ablegte:
„O weh! Papa hat schon wiederholt nach mir gefragt, William; jetzt muß ich beichten und es wird eine Predigt geben!" (Fortsetzung folgt.)