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Marburg, Freitag, 4. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

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Köchentlichc Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Steife Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes TonntagSblatt.

Expedition Martt 21. — Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

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Amtlicher Anzeiger

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Illustriertes Sonntagsblatt für den Monat Dezember werden in Marburg bei der Expedition zum Preise von 75 Pfg., auswärts von allen Postanstalten und den Lairdbriefträgern angenommen.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. Dez. Der Kaiser hat bestimmt, daß einem in dem deutschen Schutzgebiete auf der Nordostküste von Kaiser Wilhelms-Land entdeckten Hafen, nordwestlich von Port Constantine und einer Bucht in der Nähe da­von die Namen „Friedrich Wilhelms-Hafen", beziehungs­weise „Prinz Heinrich-Hasen", einem östlich von dem auf den Karten als Cap de la Torre bezeichneten Punkte ent­deckten großen schiffbaren Flusse der Name „Kaiserin Augusta-Fluß" beigelegt werde und daß in der Mitte der Gazellen - Halbinsel gelegene Berg „Mount Beautemps Beaupre" an Stelle seiner bisherigen Bezeichnung „Varzin", das bisherige Neu-Irland „Neu-Mecklenburg", die Duke ok Vork-Grnppe „Neu - Lauenburg", und die größte, bis jetzt als New - Britain bezeichnete Insel des Bismarck- Archipels in Zukunft „Neu-Pommern" genannt werden — Der vom Feldmarschall Grafen von Moltke im Reichstage eingebrachte Gesetzentwurf über die Abänderung des Militär- Pensivns-Gesetzes besagt im wesentlichen, daß die Pension, wenn die Verabschiedung nach dem zehnten, jedoch vor dem vollendeten elften Dienstjahre eintritt, I5/«o des penstons- fähigen Diensteinkommens betragen und mit jedem weiteren Dienstjahre um ’/«o dieses Einkommens steigen soll; eine Steigerung der Pension über 4ä/eo des Diensteinkommens hinaus soll nicht stattfinden. — Die „B. P. N." äußern zur Kaiserlichen Botschaft und Herrn Windthorsts Ver­halten nach dem Verlesen dieser Allerhöchsten Kundgebung folgendes: Die Kaiserliche Botschaft vom 30. November weist mit Ernst und Nachdruck den durch die Poleuinter- pellation unternommenen Versuch zurück, die Ausübung der den Bundesstaaten nach der Reichsverfassung verblie­benen Landeshoheitsrechte der Kontrolle des Reichstages zu unterstellen und damit eine der wesentlichen Grundlagen derjenigen Verträge einseitig und ohne Zustimmung der Kontrahenten zu ändern, auf deren staatlicher Einigung die Nation beruht. Sie wahrt zugleich das monarchische Prinzip und die Buudcstreue vor der Vergewaltigung durch eine aus Opposition das Verfassungsrecht nicht mehr

achtende Mehrheit des Reichstages. Die feierliche Form der kaiserlichen Botschaft, durch welche diese Mehrheit in ihre verfassungsmäßigen Schranken gewiesen wird, ent­spricht der prinzipiellen Bedeutung des Falls und bedingt selbst bei denen, welche entgegengesetzter Ansicht sind, die gebührende Achtung. Herr Windthorst freilich schien an­derer Ansicht zu sein, denn er versuchte, die Geschäfts­ordnung zu mißbrauchen, um trotz der kaiserlichen Ver­wahrung in die Erörterung der Materie einzutreten. Zeigt dieses Vorgehen auf der einen Seite, wie wenig in Wahrheit die Bundesfürsten auf den Schutz ihrer ver­fassungsmäßigen Rechte durch den sonst mit Vorliebe zu deren Wortführer sich aufwerfenden Parlamentarier zu rechnen haben, wenn sie seinen Herrschaftsgelüsten im Wege stehen, so bewies Herr Windthorst auf der anderen durch diese Art des Vorgehens einen so krassen Mangel an Re­spekt vor dem kaiserlichen, in so feierlicher Form ausge­sprochenen Worte, daß der Bundesrat, um sich nicht zum Mitschuldigen eines so gröblichen Verstoßes zu machen, den Reichstag zu verlassen sich genötigt sah. Die konser­vative und monarchische Maske fällt bei Herrn Windt­horst; der demagogische Grundzug tritt selbst schon in den äußeren Formen seiner Politik immer deutlicher hervor.

Greifswald, 30. Nov. Bekanntlich ist Staats­minister von Goßler am 28. Abends hier angekommen. Das „Greifsw. Kreisblatt" berichtet über den Aufenthalt des Herrn Ministers, welcher in Begleitung des Herrn Oberprästdenten Grafen Behr - Negendank und des könig­lichen Landrats Herrn Grafen Behr - Behrenhoff von Stettin eintraf, Folgendes: „Zu seiner Begrüßung hatten sich ans dem Bahnhofe eingefunden außer dem z. Rektor Herrn Professor Dr Schirmer und den beiden Kuratoren Herren Geh. Regierunasräten Dr Baumstark und Hänisch, der Herr Regierungs-Präsident von Pommer-Esche, Bürger­meister Helfritz und Polizeidirektor und Universitätsrichter Gesterding. Diese Herren begleiteten den Herrn Minister in das Hotel zum Deutschen Hause (Knabe), woselbst derselbe Wohnung genommen hat. Am gestrigen (Sonntag) Morgen wurde der Minister von dem z. Rektor und dem Bürgermeister zum Gottesdienste in die St. Nicolaikirche geführt, wo sich die Mitglieder des Magistrats und des Gemeinde-KirchenratS eingefunden hatten. Nach Schluß der Predigt wurde das im vorigen Jahre hergerichtete Lutherfenster an der Südseite der Kirche in Augenschein genommen. Demnächst begab der Minister sich in Be­gleitung des Oberpräsidenten, Regierungspräsidenten, des z. Rektors, Universitätsrichters und Regierungsbaurats Wellmann zu Stralsund in die große Aula der königlichen Universität, wo er zunächst von den Dekanen der vier Fakultäten begrüßt wurde. Alsdann hatte der Herr Rektor die Ehre, alle zum corpus academicum

gehörigen Professoren und Dozenten, Kunstlehrer und Lektoren, welche sich in einem großen Halbkreise ausge­stellt hatten, dem Minister vorzustellen. Hieran schloß sich eine Besichtigung des alten llniversitätsgebäudes, der darin ausgestellten Sammlungen, ijeS neuen Anbaues, so­wie des im Bau begriffenen Gebäudes für die Augenklinik, ferner der Bibliothek, des pharmakologischen, geographischen und hygienischen Instituts und endlich der in Aussicht genommenen Bauplätze für die physiologischen und physi­kalischen Institute. Nachmittags fand bei dem zeitigen Rektor Herrn Professor Dr. Schirmet ein Diner statt, zu welchem außer dem Minister v. Goßler, dem Oberpräfi- denten, dem Regierungspräsidenten, die Spitzen der hiesigen Behörden und der akademische Senat eingeladen waren. Nach Schluß des Diners wurde vou der gesamten Stu­dentenschaft ein solenner Fackelzug gebracht, welchen der Minister im Hause des zeitigen Rektors entgegennahm. Auf die Ansprache des Abgeordneten der Studentenschaft, welche mit einem Hoch auf den Minister. schloß, sprach letzterer seine besondere Befriedigung darüber aus daß ohne Ausnahme alle Korporationen vertreten wären. Mit kräftiger Stimme brachte er >er Greifswalder Studenten­schaft von dem erleuchteten Fenster aus seinen Dank für diese glänzende Ovation dar, der in seinem Hoch auf unsere alnia mater, die älteste preußische Universität, gipfelte. Der Fackelzug fand wie gewöhnlich seinen Schluß auf dem großen Markte. Hier wurde vom Redner der Studentenschaft ein Hoch auf Seine Majestät den Kaiser ausgebracht, demnächst die Nationalhymne ge­sungen und unter Absingung des Liedes Gaudeamus igitur die Fackeln zusammengeworfen. — Um 9 Uhr Abends nahm im Gesellschaftshause „Zum Greif" ein Kommers der Korps-Studenten seinen Anfang, zu dem zahlreiche Einladungen erlassen und Eintrittskarten für Damen ausgegeben worden waren. Auf demselben er­schienen der Minister von Goßler kurz nach 10 Uhr, ge­schmückt mit dem Bande der „Saxo-Borussia", begleitet von dem Ober-Präsidenten Grafen Behr-Negendank, welcher das Band der Bonner Preußen, dem Regierungs-Präsidenten von Pommer-Esche und dem Landrat Grafen Behr, welche gleichfalls das Band der Saxo-Borussia angelegt hatten. Der Minister verweilte bis nach 12 Uhr und machte auch noch den Landesvater mit, was selbstverständlich allgemeinen Enthusiasmus hervorrief. Durch das Musikkorps des 2. Stralsunder Artillerieregiments wurde heute morgen 8 Uhr, im Auftrage des Rektors und der Dekane der Universität, dem hohen Gaste eine Morgenmusik vor dem Hotel zum Deutschen Hause gebracht. Alsbald nachher schritt man zum Besuch der Provinzial-Jrrenanstalt, dem viele andere städtische und Universitäts-Institute folgen sollen. Für Abend 6 Uhr hat die Stadt Greifswald ein Fest-Diner

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Von all diesen Vorgängen ahnte Selma nichts. Sie lebte still, wie eine liebende jüngere Schwester vertrauensvoll zu Reinhard aufblickend, den sie nun gleich einem erfahrenen Bruder verehrte. Die große und ungeteilte Anerkennung, deren sie sich erfreute, genügte ihr vollkommen sie erwartete und verlangte nicht mehr.

Und er? — Er wußte allerdings besser, wie es stand, und er kannte die Pariser Gesellschaft besser; aber er ver­stand es auch, das ihm rückhaltlos anvertraute junge Mädchen zu hüten, nun um so mehr, da Selma, der er die vollste Selbstständigkeit angeboten, diese nicht annehmen wollte, sondern ihn moralisch fast gezwungen hatte, das bisherige Verhältnis fortbestehen zu lassen. Einem rechtmäß'gen Gatten allein wollte er sein Beschützeramt übertragen. Aller­dings war wenig Aussicht vorhanden, daß sie einen der zahlreichen Verehrer — ja auch schon Bewerber um ihre Hand — bevorzugen werde. Seit das alte, freundliche Ver­hältnis wieder hergestellt war, seit er sie mit wahrer brüder­licher Liebe behandelte und Selma nie wieder durchblicken ließ, daß ein anderes Gefühl als das schwesterlicher Liebe zu ihm ihre Brust erfüllte, da ihr weiblicher Stolz ihr ver­bot anders als eine Verwandte zu ihm sich zu stellen, ward sie ihm in dem kleinen Landhause in Fontenay-aux-Roses vou Tag zu Tag unentbehrlicher.

Selma zeigte sich zwar nicht mehr so harmlos heiter, tote sie es früher gewesen, doch sie verstand durch ihre liebens­werte Anmut und Bcscheidenhest und dadurch, daß sie ihm ihre Gesellschaft nie uugefordert aufdräogte, ihm das ein­same Leben angenehm zu machen und er empfand die Wohl- that eines nach allen Seiten hin geordneten Haushalts, dem zwar Selma nicht Vorstand, dessen Mittelpunkt sie aber nichtsdestoweniger bildete.

Oft des Abends, in der Dämmerstunde, sang sie ihm

ein Lied; dann begleitete er sie auf dem Piano. Und niemals war ihr Gesang inniger, seelenvoller, als wenn er ihm galt. Selma schwärmte für Reinhards Arbeiten und nahm innigen Anteil an seinen Erfolgen. Er las ihr seine Manuskripte stets vor, ehe er sie nach Deutschland schickte. Aus seinen Werken lernte sie ihn eigentlich erst kennen und die Tiefe seines Gefühls, sein edles, warmes Herz bewundern. Sie begann zu ahnen, daß Reinhard nicht immer so einsam gelebt, wie er es jetzt that, daß er die Welt kennen gelernt, des Herzens Liebesglück und Schmerz empfunden.

Sie hätte wohl wissen mögen, ob ihr „Oheim" schon, ob glücklich, ob unglücklich geliebt habe, und vor Allem, warum er jetzt so vor der Welt sich zurückzog? Mit all ihrer Liebe und Verehrung wünschte sie ihn vergessen machen zu können, was die Liebe an ihm villeicht gesündigt!?

Eines Nachmittags saßen sie Beide im Salon und unter­hielten sich von gleichgiltigen Dingen.

Plötzlich sagte Selma etwas erregt:

„Nach Deutschland treibt mich jetzt meine aanze Sehnsucht, ich möchte unter den Menschen leben,gdie Sie, mein lieber Oheim, so herrlich schildern, unter den edlen, wahren Frauen, den offenen deulschen Ehrenmännern! Sobald meine kon­traktliche Verpflichtung abgelaufen ist, werde ich Deutschland besuchen — das heißt", setzte sie fast kleinlaut, schüchtern hinzu, „wenn Sie mein Vorhaben billigen, Oheim".

Sie hatte eben bemerkt, daß ein leichter Schatten über sein Gesicht hinzog.

Eine Pause in der Unterhaltung trat ein, während deren ihr Blick ängstlich an seinem Gesicht hing.

Dann sagte er, ohne Selma dabei anzusehen:

„Ich habe ihrem Großvater versprochen, Sie nach Deutsch­land zu führen. Ich bin selbst überzeugt, daß Sie sich dort wohler fühlen werden, als hier".

Er konnte sich selbst nicht verhehlen, daß es auch ihn mächtig nach der Heimat hinzog. Seit er Deutschland verlaffen, hatte er nichts mehr gehört über die Personen,

die ihm dorr teuer waren, die er gekannt hatte, die ihm so nahe gestanden. Er fehnte sich nach seiner alten Mutter, nach Menschen, die er kannte und schätzte, mit einem Wort: nach heimathlichen Verhältnissen.

Wie lange dünkten ihm die Jahre schon, welche er fern von Deutschland hatte hinbringen müssen, und wie schaal und öde das Leben in der Fremde! — Zu einem ganz an­dern Menschen hatte diese Zeit ihn gemacht: das heiße, leicht auswallende Blut hatte gelernt, ruhiger zu fließen: er glaubte, die Periode, in welcher sein Herz so unruhig pul« strt, sei eine längst vergangene. Der heiße Drang seiner Jünglingsjahre war verschwunden, hatte sich selbst verzehrt; ein ernster, gereifter, denkender Mann war er geworden.

Seiner Mutter hatte er ja kurz vor seiner Abreise nach London geschrieben, daß er wiederkehren werde, sobald er vergessen hätte und ein anderer geworden sei.

Hatte er denn vergessen?!

Nein, das ckonnte er nie und nimmer! — Die Zeit seiner heißen, überschwänglichen Liebe die ihn von der Gattin und aus dem Varerlande getrieben, die vermochte er nicht zu vergessen; nur ruhiger, überlegter zu denken — das hatte er in diesen Jahren eines freiwilligen Exils, unter fremden Menschen und neuen Eindrücken gelernt.

Die Zeit verstrich ihm so langsam in der stillen Vor­stadt-Wohnung, daß es ihm fast ein Jahrzehnt dünkte, seit er sie zuerst betreten. Er kam sich alt vor und müde todesmüde oft. — Unablässig saß er an seinem Schreib­tische und arbeitete, viel zu oft, wie Selma vorwurfsvoll ihm sagte, wenn er abends müde, abgespannt und bleich dasaß, ohne zu hören, wie sie ihn anzuregen versuchend m't ihm plauderte. Sein Bllck schweifte dann in die Ferne und er sah cs nicht, mit wcnh ängstlichem, teilnahmsvollem Ausdruck ihre Augen auf ihm ruhten. Dann gedachte et wohl der Hcimaih, seiner Mutter, JdaS, seiner Kindheit, längstvergangener Tage — oft auch Adele v. Sodens.

. (Fortsetzung folgt.)