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Marburg, Donnerstag, 3. Dezember 1885.
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XX. Jahrgang.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d Blattes, sowie d.Ännoncen-Bureaux von Hänfenstem undVoaler in Frankfurt a. M , Cassel, Magdeburg und Wien, Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin,Münchenund Köln; G. L. Daube und i'o. in Frankfurt a. ilH; Berlin, Hannover u.Paris-
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. 6. Kreise Marburg ii. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
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Deutsches Reich.
Berlin, 1. Dez. Nachdem durch den dem Reichstage vorliegenden Reichshaushaltsetat das finanzielle Verhältnis Preußens zu dem Reiche für 1886—87, vorbehaltlich der definitiven Beschlußfassung über diesen Etat, festgestellt und dabei die Aussicht eröffnet ist, daß die Mehrüberschüffe den Mehrbedarf an Matrikularumlagen und zur Ausführung der Ueberweisungen an die Kreise wenigstens annähernd decken, ist nunmehr auch der letzte Faktor für den Abschluß des nächsten preußischen Etats gegeben. Der Abschluß des Hauptetats, sowie die Zusammenstellung der Spezialetats steht daher, nach einer Meldung der „B. P. R.", unmittelbar bevor. Bei der Aufstellung der Voranschläge haben die kastenmäßigen Ergebnisse der ersten Hälfte des laufenden Etatsjahres berücksichtigt werden können. Diese Verwaltungsergebnisse gestatten aber einen Schluß auf das rechnungsmäßige Endergebnis des Finanzjahres wenigstens in der Weise nicht, daß ihre einfache Verdoppelung zur Ermittelung desselben genügte. Zu diesem Ende bedarf es vielmehr noch einer besonderen Würdigung sowohl der auf die Entwickelung der Einnahmen und Ausgaben in dem zweiten Halbjahre regelmäßig als der in dem laufenden Jahre auf dieselben besonders einwirkenden Momente, welche immer innerhalb der einzelnen Ressorts bewirkt werden kann, wenngleich naturgemäß ein gewisses Element der Unsicherheit auch auf diesem Wege nicht ausgeschlossen und das Ergebnis der Schätzung nur mit Vorsicht mitgeteilt werden kann. Auch diese Ermittelungen sind im vollen Gange und dürften in nächster Zeit Hum Abschluß gelangen. — Die Reichspartei hat in ihrer Fraktionssitzung vom 27. d. M. über die Stellungnahme der Fraktion zu den verschiedenen, dem Hause zur Zeit vorliegenden Initiativanträgen Beschluß gefaßt. Die auf Verlängerung der Legislaturperioden und auf Gleichstellung der Reichsbeamten mit den preußischen Beamten bezüglich der Pensionsverhältnisse zielenden Anträge der Deutschkonservativen fanden die prinzipielle Billigung der Fraktion, welche bei der Beratung im Plenum voraussichtlich geschlossen für dieselben
eintreten wird. Ueber die verschiedenen, das gewerbliche Gebiet berührenden Anträge (Ackermann, Auer, Hitze, Dr. Lieber) referierte Abg. Lohren in eingehender Weise. Die Fraktion trennte die in den Anträgen behandelten Fragen 1. in solche, deren Entscheidung vorwiegend von den Ergebnissen der schwebenden Enquete abhängen wird; 2. in davon unabhängige, schon jetzt zur Entscheidung genügend vorbereitete; 3. in vollständig neue, von dem Geiste der jetzigen Gewerbeordnung mehr oder weniger abweichende Vorschläge auf dem Gebiete des Gewerbebetriebes und des Fabrikwesens. Zu 1 wurde die Einbringung einer Resolution beschlossen, welche die Beratung derjenigen Punkte, die nach dem Anträge Auer und Genossen im Wege internationaler Vereinbarung geregelt werden sollen, bis nach Beendigung der eingeleiteten Enquete vertagt sehen will. Zu 2 und 3 wurden zur Klarstellung der Stellung der Fraktion folgende Anträge angenommen und inzwischen im Reichstag auch eingebracht: § 136 der Gewerbeordnung wird durch folgende Bestimmungen ergänzt: (§ 136 Abs. 4.) Weibliche Personen dürfen in Fabriken weder an Sonn- und Festtagen, noch zur Nachtzeit zwischen 8V2 Uhr abends und 5*/2 Uhr morgens beschäftigt werden. (§ 136 Abs. 5.) Am Sonnabend dürfen Kinder, jugendliche Arbeiter und weibliche Personen nachmittags nach 5'/2 Uhr in Fabriken nicht beschäftigt werden. I Der § 1OO e der Gesetze, betreffend die Abänderung der Gewerbe-Ordnung, vom 18. Juli 1881 und 8. Dezember 1884 wird dahin ergänzt : a) daß nach der Bestimmung Nr. 3 eingeschaltet wird: § 1OO e Nr. 4. 4. daß Arbeitgeber der unter Nr. 1 bezeichneten Art, sowie ihre Gesellen, den für die Innung nach § 95 und § 97 a mit Ausnahme der Nr. 4 und 5 getroffenen Einrichtungen beizutreten und zu den desfallsigen Kassen in gleicher Weise beizutragen verpflichtet, gleichzeitig aber auch an deren Benutzung gleichmäßig zu beteiligen sind. Auf die Einziehung der auf Grund dieser Berechtigung zu leistenden Beiträge findet die Vorschrift des § 100 b Absatz 3 Anwendung. II. Der § 154 wird durch folgende Bestimmung ergänzt: § 154 Schlußabsatz. Die Bestimmungen der §§ 135 bis 139 b finden auf Arbeitgeber und Arbeiter in Werkstätten, in'benen junge Leute nicht nach den Vorschriften der §§ 126 bis 133 als Lehrlinge angenommen und ausgebildet werden oder in denen dis Aufnahme von Lehrlingen auf Grund des § 100 e Nr. 3 untersagt worden ist, entsprechende Anwendung. Zuwiderhandlungen unterliegen der Strafe des § 146. — Der „Nautilus", hißte am 15. November auf Jaluit (Marschalls-Inseln) die deutsche Flagge. Mit allen bedeutenden Häuptlingen der Marschalls-Inseln wurden Verträge abgeschlossen und auf allen wichtigen Plätzen der Inselgruppe die deutsche Flagge gehißt.
Ausland.
Madrid, 1. Dez. Das Ministerium ist entschlossen, alle mit der öffentlichen Ordnung verträglichen Freiheiten zu gewähren, aber energisch jede Ordnungsstörung zu unterdrücken. Es wird den Kortes einen Gesetzentwurf, betreffend die individuelle Freiheit vorlegen, sowie herzliche Beziehungen zu allen Mächten, insbesondere zu Frankreich und Portugal unterhalten.
Athen, 1. Dez. Angesichts des Schwankens der Majorität stellte Ministerpräsident Delyannis in der Kammer die Vertrauensfrage und erklärte, die Regierung werde voraussichtlich noch ausgedehntere Vollmachten bedürfen. Trikupis bemerkte, die Opposition werde keine Aenderung ihrer bisherigen Haltung eintreten lassen. Das Vertrauensvotum wurde mit 117 gegen 12 Stimmen angenommen. Die Anhänger Trikupis' j enthielten sich der Abstimmung.
Vour serbischen Kriegsschauplätze. Bei den Bulgaren scheint der Aufklärungsdienst eben so mangelhaft zu sein, wie bei den Serben. Hatten die Serben am 17. November vor Sliwnitza keine Ahnung davon, wie schwach die Bulgaren waren, so merkten diese am 19. N.ov. nicht, daß die Serben auf der Straße Küstendil-Sofia, wo die Eklarieurs bereits bis Wladaja 16 Kilometer von Sofia, kamen, nur eine Demonstration machten, um die Aufmerksamkeit der Bulgaren vom Zentrum abzulenken, damit dasselbe sich zurückziehen konnte. Man schreibt hierüber der „Nat.-Ztg." von bulgarischer Seite aus Sofia, 24. November: Diese geschickten Manöver täuschten selbst den Fürsten, und das war, wie nun mit Bestimmtheit verlautet, der Grund seines Plötzlichen Erscheinens am Donnerstag in Sofia. Während aber Fürst Alexander hier Kriegsrat über die Verteidigung der Hauptstadt gegen einen Angriff auf der Küstendiler Straße hielt und bereits Verfügungen für das Zurückziehen einiger Streitkräfte von Sliwnitza getroffen hatte, um sie nach der vermeintlich bedrohten Seite zu befördern, unternahmen die Serben ihre Umgehungs-Bewegung gegen den linken bulgarischen Flügel. Fachmännische Zuschauer versichern, daß gegen 4 Uhr nachmittags der Erfolg des serbischen Manövrierens bereits als gesichert erscheinen mußte, um so mehr, als sich die Bulgaren thatsächlich ohne Oberbefehl befanden; jeder Abteilungs-Kommandant handelte nach seiner eigenen Eingebung, es herrschte die unglaublichste Verwirrung. Da schickte der Prinz Franz Josef, der sich im Hauptquartier befand, ein soeben eingetroffenes ostrumelisches Regiment zu Hülfe. Bald darauf traf auch Fürst Alexander wieder aus Sofia ein, und nicht lange währte cs, da fingen die bisher schnurgerade vorrückenden serbischen Reihen an, eine immer krummere Linie zu bilden, und die eingetretene Dunkelheit gebot ihnen Halt.
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
„Eine Künstlerin — gottbegnadet, wie Sie es sind — muß frei sein vor Allem !" fuhr Reinhard fort. „Sie jetzt in einer beschränkten Sphäre halten zu wollen, aus welcher Sie sich ohne Zweifel über kurz oder lang heraus sehnen müßten, würde thöricht sein. In den Taumel der Welt und der Gesellschaft kann ich nicht mit Ihnen eintreten, Selma, doch werde ich Ihnen stets nahe genug sein, um auf Ihren Ruf an Ihrer Sette stehen und schützend über Ihnen wachen zu können."
Selma sah mit ängstlichem, bestürztem Blick zu ihm auf und bittend sagte sie:
„Kann es denn nicht bleiben wie es seither gewesen? — Wollen Sie mich jetzt nicht mehr in diesem mir so lieb gewordenen Hause behalten, ganz ihrem Schutz vertrauend wie früher? — Ich mag gar nicht die Huldigung all der vornehmen Männer, von denen Sie gesprochen, will, sie wenigstens auf das ganz Unvermeidliche beschränkt wissen und nur Ihnen und meiner Kunst leben! — Wenn Sie es allerdings wünschen, Oheim," fügte sie mit recht betrübtem Ton und Blick hinzu, „daß ich nach Paris hinein ziehe, so wuß ich ihrem Gebot ja Folge leisten, aber ich werde wich dann nie mehr' so ruhig, so glücklich fühlen als hier!" —
Selmas Augen füllten sich mit Trähnen und ste brach m ein leidenschaftliches Weinen aus. — Für Reinhard war diese Scene ebenso drückend und er mußte all seine moralische Kraft zusammenraffen, um der von ihm selbst als richtig anerkannten Richtung treu zu bleiben.
Rach einer Weile faltete sie ihre Hände und rief mit stehender Geberde:
„Oheim! — Schicken Sie mich doch nicht fort!" —
Dieser Appel drang warm zu Reinhards Herzen, als er das liebliche Mädchen so bescheiden bittend vor sich sah;
sie bot ihm ja ihr reines, liebendes Herz — wie viele Andere an seiner Stelle wären überglücklich gewesen, hätten dankbar die Hände mit Küssen bedeckt und sich dem Strome der Leidenschaft mit ganzer Seele hingegeben! -+ Nicht so Reinhard: er mußte diese nicht zu verkennende Liebe — die nicht die einer jüngeren Schwester für den älteren Bruder, nicht die einer liebenden Nichte für den Oheim und treuen, aufopfernden Vormund war — zurückweisen, mußte ernst und kalt erscheinen, obgleich sein Inneres, sein Herz, sein ganzes Gefühlsleben übermächtig erregt war. — Liebe thut ja so wohl; sie erquickt und verjüngt ein Herz, das mit ihr abgeschlossen zu haben glaubte, auch selbst dann noch, wenn es sie nicht erwiedern kann. —
Es drängte Reinhard, Selmas Hände zu ergreifen, ihren blonden Scheitel zu küssen und ihr zu sagen, aus welchen Gründen er keine Liebe mehr erwiedern könne: doch et mußte befürchten, daß sie ihn nicht verstehen würde — warum also eine alte, halbverbrannte Wunde frisch bluten machen, ohne den nöthigen Balsam für ihre Heilung zu Hand zu haben?
Kalt, teilnahmslos klang es, als er bann, die Augen seitswärts gewendet, erwiderte;
„Wie Sie wollen, Selma; ich hatte nur die Absicht, Ihnen zu sagen, daß ich Sie gewiß nicht gegen ihren Wunsch hcer in dieser Abgeschlossenheit von der großen Welt halten will." —
Sie blickte wiederum traurig zu ihm auf. — Wie kalt, wie gleichgiltig klangen diese Worte! — So hatte er ja sonst nie zu ihr gesprochen; nicht zu jener Zeit, in der ste arm und einsam in der Welt stand, und nun, wo Andere uneingeschränkt ihr huldigten, nun war er kurz und kalt gegen sie, wandte sich ab von ihr.....— War sie ihm
eine Last?!
Voller Schreck ergriff sie dieser Gedanke. Und ste mußte sich weiter fragen: konnte er sie, die arme Hilfsbedürftige, mit den Wogen des Lebens so wenig Vertraute, lieben?!
— O rote gern hätte sie den neuen Glanz, den sie kaum errungen, hätte sie ihre ganze Zukunft dahingegeben, da diese — so glaubte Selma ihr die Liebe Reinhards entfremdet, das frühere schöne Verhältnis gestört hatten! Sic, sonst so heiter und sorglos, war jetzt traurig und weinte um verlorenes Glück, trotz all ihrer bedeutenden Erfolge auf den Gebiete der Kunst.
Sie schüttelte wehmütig das schöne Köpfchen und sagte zu sich:
„Er kann mich nicht lieben, wie ich ihn liebel Im Reiche der Töne muß ich Ersatz zu finden suchen für meine verlorenen Hoffnungen."
Von dem Augenblick an verriet feiner ihrer Blicke, kein Wort mehr was Selma für Reinhard fühlte; deßhalb war auch bald wieder das früher harmlos-freundliche Verhältnis hergestellt.
Nachdem Selma Spang wiederholt öffentlich als Con- cert = Sängerin auf getreten war, durch stets steigernden Beifall ausgezeignet, hatte Fama die Person der jungen Künstlerin mit allerlei märchenhaften Geschichten umgeben. War eS doch der Pariser Gesellschaft etwas durchaus Neues, daß eine wie Selma gefeierte Künstlerin so still und verborgen lebte, die Huldigungen Aller, die sich ihr zu nähern bemüht waren, zurückwies und sich von der Gesellschaft, außer ihrer Mitwirkung in den großen Concerten, vollständig fern hielt. Ihre Unnahbarkeit hatte sie den Parisern natürlich noch weit interessanter gemacht und man wünschte Alles zu kennen und zu erfahren, ivas sich irgendwie auf Selma Spang bezog. Man wollte wissen, sie sei verheirathet nno der angebliche Obeim, der Mann mit dem ernsten, denkenden Gfficht, der sich stets in ihrer Nähe befand, sobald sie sich öffentlich zeigte, fei ihr ihr eifersüchtiger, sie mit Argusaugen bewachender Gatte. Bei jedem neuen Auftreten fand man ste entzückender und die Concerte, in welchem Selma fang, bildeten lange vor- unb nachher das Tagesgespräch.
(Fortsetzung folgt)