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Marburg, Mittwoch, 2. Dezember 1885.
XX. Jahrgang.
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Herren Diplomaten in Konstantinopel zeigen ihin ein huldvolles Lächeln. Es ist zutreffend, daß die Bulgaren den ganzen Balkanwirrwarr angezettelt, aber das gab den Serben noch kein Recht zu ihrer überaus frivolen Kriegserklärung. Mehr noch, Serbien hat sogar gegen den ausgesprochenen Willen der Großmächte den Kampf begonnen, und weder die Türkei noch sonst jemand griff zu, um den anscheinenden Untergang Bulgariens aufzuhalten. Fürst Alexander sagt ganz richtig: Habt ihr mir nicht gegen Serbien geholfen, so habe ich auch nicht notwendig, Rücksichten zu nehmen. Der Krieg hat mich viel gekostet, das Karnickel Serbien ist besiegt, also muß es mich auch entschädigen. Der Fürst kann den Großmächten Vorhalten, daß keine von ihnen im Kriegsfall es anders gemacht und eine mäßige Entschädigung kann er also mit Recht beanspruchen.
Da sitzt nun aber der Haken. Serbien soll Kriegskosten zahlen! Ja, wenn es nur Geld hätte? Der unglückliche Krieg hat das Land dreiviertel ruiniert, und folgte nun noch eine Kriegssteuer, so wäre es ganz geliefert, und König Milans Thron, der jetzt schon wackelt, würde ganz bedenklich ins Schwanken geraten. Daß Milan an feinem Platze bleibt, das liegt aber Oesterreich am Herzen. Soll Serbien Bulgarien durch Landabtretung entschädigen? Dagegen würde nicht nur Oesterreich, sondern auch Rußland Einspruch erheben. Die Weisheit der hohen Mächte wird also hier einen Ausweg zu finden versuchen muffen, denn sie haben ja selbst erklärt, daß der Friedensschluß unter ihrer Zustimmung erfolgen müsse. So wird denn schließlich wohl nichts weiter übrig bleiben, als Bulgarien durch Rumelien zu entschädigen, in der Art etwa, daß die Verfassung von Rumelien abgeändert und Fürst Alexander Generalgouverneur der Provinz wird. Die Lage ist gegenwärtig eine ganz andere, als vor dem Kriege. Damals hatte sich der Fürst Rumelien antzeeignet, ohne die Mächte zu fragen, und darüber war Rußland besonders grimmig; jetzt würde er es, da er bekanntlich inzwischen Verzicht geleistet, aus der Hand der Mächte erhalten, und das ändert die Sache doch sehr. Weiter aber fällt das Hauptbedenken infolge des Krieges fort, welches früher gegen die Einigung von Bulgarien und Rumelien erhoben wurde, die Aussicht auf einen Widerspruch Serbiens und Griechenlands. Serbien ist geliefert, und Griechenland allein kann die Türkei im Umsehen den Mund stopfen. So stehen also gegenwärtig die Verhältnisse ganz anders, als vor vier Wochen, und nebenbei gesagt, dürfte mit dieser Lösung den Mächten selbst am meisten gedient sein, denn die Konferenz in Konstantinopel hat mit ihren Verhandlungen über Rumelien doch wahrhaftig keinen Ruhm geerntet.
Wir können den serbisch-bulgarischen Krieg als einen sehr bedeutenden Moment in der Geschichte der Balkanhalbinsel hinstellen: Die Lösung des Konfliktes für jetzt erscheint zwar ganz sicher, aber ebenso sicher ist, daß nach zehn oder zwanzig Jahren dieselben Wirren, aber nur in schäft über Sie, wie auch jede Verantwortlichkeit meinerseits und der bisherige Beschützer und Oheim muß zurücktreten, und dem Gemahl Platz machen.« —
Selma war verstummt. — Als sie sich später allein in ihrem Zimmer befand, da saß sie dort lanae einsam und dachte nach über das, was Reinhard ihr gesagt, über die Erlebnisse dieses Abends. — Den geernteten Ruhm, den Applaus hatte sie vergessen, sie war eben weit mehr Weib als Künstlerin; sie dachte nur an Reinhard und daran, daß dieser sie an einen — Andern vermählen wollte;--Sie
weinte. — Sie hatte sich anders geliebt geglaubt, hatte an diesem Abend es empfunden, daß Reinhard ihr mehr sei als ein älterer Bruder, oder Oheim, Beschützer, Vormund und dergleichen, — daß er ihr wehr geworden als die ganze Welt zusammengenommen! . .
Die schöne, bewunderte Künstlerin von deren Lob und Ruhm ganz Paris erfüllt war, fühlte sich recht elend und trostlos: der Schmerz der ersten unglücklichen Liebe hatte sie den großen Triumph vergessen lassen, den fie gefeiert. —
Am nächsten Tage schon ward das kleine Landhaus in Fantenay-aux-Roses von Besuchern förmlich überstürmt; selbst der Direktor der großen Oper kam, um Selma Spang für sein Institut zu gewinnen. — Reinhard hatte bereits eingehend und ernstlich mit ihr gesprochen und ihr seine Gründe und Bedenken gegen die dramatische Laufbahn auseinander gesetzt, so daß Selma aus seinen Verhandlungen die Ueberzeugung gewinnen mußte, er würde es lieber sehen, wenn fte Conzert-, als wenn sie Opern-Sängerin werde. Diese seine Anstcht war für sie maßgebend, entscheidend und sie lehnte die glänzenden Anträge ab, sie entschied sich end- giltia, Conzert-Sängerin zu bleiben. , „
Sodann meldete sich der Unternehmer derselben Konzerte, durch deren letztes Selma einen Namen erlangt halte; die
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Deutsches Reich.
Berlin, 30. Nov. Der Kaiser konferierte heute nachmittags mit dem Fürsten Bismarck. .Zur Feier des 25jährigen Regierungs-Jubiläums Sr. Majestät des Kaisers und Königs wird am 3. Januar k. Js. in allen Garnisonen Gottesdienst und demnächst Parole-Ausgabe stattfinden. Ferner werden Se. Majestät am genannten Tage die Gratulation durch die gesamte hiesige Generalität entgegennehmen, wogegen eine solche am 1. Januar k. Js. ausfallen wird. — In der gestrigen Bundesratssitzung wurden mehrere neue Vorlagen von untergeordneter Bedeutung an die Ausschüsse verwiesen, darunter ein preußischer Antrag, betreffend die Auslegung einer Bestimmung des Freizügigkeits-Gesetzes in § 3 dahin, daß Reichsangehörigen der Aufenthalt in einem Bundesstaate nur dann verweigert werden kann, wenn sie, ohne jenem Staate anzugehören, entweder in ihrem Heimatsstaate den gesetzlichen Aufenthaltsbeschränkungen unterliegen, oder in einem anderen Bundesstaate als demjenigen ihres Aufenthalts innerhalb des letzten Jahres wegen wiederholten Bettelns oder wegen wiederholter Landstreicherei bestraft worden sind. Veranlassung zu dem Anträge hat zweifellos der Umstand gegeben, daß die betreffende Bestimmung des Frerzügrg- Gesetzes in den verschiedenen Bundesstaaten eine verschiedenartige, mehrfach von einander abweichende Auffasfung erfahren hat. Es sollte vor allem der Grundsatz festgehalten werden, der bereits vor Erlaß der Bundesverfassung und des Freizügigkeits-Gesetzes auf Grund früherer Verträge deutscher Staaten geltendes Recht war, wonach kein Staat die Befugnis hatte, einen eigenen Angehörigen auszuweisen. — Der Gesetzentwurf über Abänderung des § 137 des Gerichtsverfassungs-Gesetzes, welcher dem Bundes- Rat zugegangen ist, hat folgende Fassung: „Will in einer Rechtsfrage ein Zivilsenat von der Entscheidung eme8 anderen Zivilsenats oder der vereinigten Zivilsenate oder ein Strafsenat von der Entscheidung eines anderen Strafsenats oder der vereinigten Strafsenate abweichen, so ist über die streitige Rechtsfrage im ersteren Fall eine Entscheidung der vereinigten Zivilsenate, im letzteren Fall eine solche der vereinigten Strafsenate einzuholen. Einer Entscheidung der Rechtsfrage durch das Plenum bedarf Offerten, welche dieser in der musikalischen Welt wohlbekannt Impresario ihr machte, waren allerdings brillant und verführerisch für ein junges, noch im Werden begriffenes Talent. Selma unterzeichnete den ihr vorgelegten Kontrakt; wäre sie mit den Verhältnissen bekannter gewesen, als sie es war, sie hätte noch weit günstigere Bedingungen erlangen können. Reinhard, dem diese Kenntnis keineswegs mangelte, hütete sich, sie aufzuklären: nach seinem Dafürhalten hatte sie einstweilen — und namentlich für den Anfang — ein mehr als reiches Einkommen. Selma zeigte sich hocherfreut; fie ahnte nicht, wie leicht sie das Doppelte hätte erlangen können, wie leicht es für eine beliebte und gesuchte Künstlerin ist, Unsummen sich zu ertrotzen.
Als der bindende Vertrag unterzeichnet war und der Impresario, innerlich erfreut ob des noblen Benehmens der jungen Künstlerin, die gar nicht gemarktet, sich entfernt hatte, sagte lächelnd Reinhard:
„Sie sind nun selbstständig, Selma; Sie können jetzt eine große, elegante Wohnung beziehen, für deren K ften Ihr Direktor kontraktlich aufzukommen hat, können als verwöhnte vornehme Dame leben. — Das kleine, bescheidene Haus in einem Vorstadt - Dorfe "on Paris kann ^hnen kaum auf die Dauer genügen »denn Sie werden von nun an aefeiert fein und in Ihren Salons werden sich die her- vorragensten Persönlichkeiten der Kunst und WifiemLaft, der Politik, der Armee, der Geburts-und Geld-Aristokratie drängen und Ihnen zu Füßen liegen. . . . - Ich gebe Sie nun frei, Selma, mein Beschützer - Amt foll Sie nicht mehr drücken; sobald jedoch Ihre Ehre eines Schützers bedarf, dann werde ich an Ihrer Seite fein. Im klebrigen aber lege ich Ihnen von heute an keinerlei Zwang auf.« (Fortsetzung folgt.)
srscknnt läglich,außer an Svrltaaen nod) fconn-unb £ tagcn. - Quartal- Rbonnements-Brew de, der Petition 2./.M bet Jn Postämter 2 Mk. 50 «ta texcl. Best.llgeld,. Uertionsiebüdr für die gespaltene Zeile 10 Big. (Ufain n iür die Zeile 25 Psg.
Waffenstillstand.
Mehr denn zwei Wochen hat das blutige Ringen zwischen Serben und Bulgaren auf der Balkanhalbinsel gedauert, bis es sich nunmehr endlich feinem Abschluß nähert. Fast Tag für Tag haben erbitterte Gefechte statt- qefimden, und die Zahl der Opfer, welche dieselben gefordert, ist eine außerordentlich große, weit größer, als sie der Bedeutung der beiden kriegführenden Parteien entsprechen würde. Das definitive Resultat dieses Krieges, der zu den am mutwilligsten heraufbeschworenen der Geschichte gehört, ist die entscheidende Niederlage des Angreifers. Die Serben sind derart wiederholt geschlagen worden, daß sie unmöglich noch auf einen Wechsel des Kriegsglückes rechnen können. Die bulgarischen Truppen stehen einige Tagemärsche vor der auf die Dauer unhaltbaren serbischen Festung Risch, und würde der Krieg fortgesetzt, so könnte Fürst Alexander in vier Wochen etwa feinen Einzug in Belgrad halten. Im roeifen Rate der hohen Mächte ist es indessen anders beschlossen: Fürst Alexander hat auf serbischem Boden eine feste Stellung errungen und foll nun Halt machen, damit das Blutvergießen ein Ende nehmen und der Friede gefchloffeu werden kann.
Der Friedeusfchluß, darum.handelt es sich nun, und hier liegt die Sache nicht so einfach, wie beim einfachen Einstellen der Feindseligkeiten. Vor ein, paar Wochen war Mrst Alexander eine in die Ecke gedruckte Persönlichkeit, über deren Absetzung und Entfernung vom Fürstenstuhl lebhaft diskutiert wurde. Der Name des Fürsten wurde aus den Listen der russischen Armee gestrichen, und die Petersburger Blätter verkündeten triumphierend, daß die Bulgaren und Rumelier nichts mehr von Alexander von Battenberg wissen wollten. Nun hat sich aber dieser Battenberger als vortrefflicher General gezeigt —was man von Se. Majestät dem Zar aller Reußen nach dein russisch- türkischen Kriege gerade nicht Jagen kann — die Bulgaren und Rumelier haben sich für ihn brillant geschlagen, und das ändert die Sache gewaltig. Wer den Erfolg sur sich hat, hat in der Hauptfache gewonnen, und so wird denn gegenwärtig der Fürst von Bulgarien aus ganz anderen Augen betrachtet, wie vor tuet Wochen, und selbst die
Heister Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Danke ick Ihnen doch Alles, mein edler Beschützer, mein gAiebter Oheim"! lief sie, von ihren Gefühlen bewältigt, sich an seine große, staike Gestalt anschmiegend und ihr Köpfchen an seine Brust legend. „Was wäre ich ohne Sie. I — Eine arme, verlassene und verlorene Waise! Kann ich Ihnen, teuerster Oheim, jemals lohnen, was sie für m^Beide Hände hatte sie ihm entgegengestreckt und ihr Blick voller inniger Liebe hing an seinem Antlitz.
„Selma,« sagte er gepreßt, „ich habe Ihrem gu:en Grog- Vater in seiner Sterbestunde das feste Versprechen gegeben, für Sie zu sorgen, Sie wie mein eigenes Kind, wie em mir anvertrautes höchstes Gut zu betrachten: dies Versprechen dos ich einem Eidschwur gleich erachte, glaube ich bisher gehalten zu haben und werde es auch ferner — so lange ich es für nötig erachte - halten; ich werde Ihnen nut Rat und Schutz zur Seite stehen, bis ein Anderer mir dieses Amt aus der Hand nimmt, dessen Schutz Sie rückhaltlos armer trauen zu dürfen ich überzeugt fern kann.
Er hatte die letzten Worte gezwungen lächelnd gesprochen und nur leicht des jungen Mädchens Hand dabei berührt.
„Ein Anderer?!« fragte betroffen Selma.
Natürlich, Kind!«erwiderte Reinhard fest. „Es werden bald Bewerber in Menge um Ihre Hand auftreten und Die werden nur zu wählen haben, ja die Wahl wird Ihnen schwer werden und Sie sind i-tzt in der Lage, jeden Augenblick eine — selbst brillante Partie zu machen. Smd -sie aber die Gattin eines Mannes nach Ihrer Wahl geworden, so erlischt natürlich von dem Augenblick an meine Vormund
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verschärfter Form, wiederkehrcn werden, die jetzt sich ihrer Erledigung nähern. Ohne Aufhalten bröckelt ein Stein nach dem anderen von dem Osmanenreiche ab, immer näher rücken wir dem Zeitpunkt, wo der Kainpf um Sein oder Nichtfein der Türkei in Europa beginnen wird. Nur wird die zweite Partei in diesem Kampfe zuerst nicht Rußland oder irgend eine andere Großmacht sein, sondern einer der Staaten oder die Staaten, welche die Großmächte auf der Balkanhalbinsel errichtet haben. Die Pforte braucht nach ihren Totengräbern nicht mehr zu suchen, sie sind schon zur Stelle und warten nur auf den Moment, wo der kranke Mairn den letzten Atem ausgehaucht.