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Marburg, Dienstag, 1. Dezember 1885.

XX. Jahrgang.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. Kreise Marburg u. Kirchhain.

Expedilion Liartt 21. Redaktion, Druck und Verlag von 2oh. Aug. Koch.

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" Deutsches Reich.

Berlin, 28. Nov. Der Kaiser machte nachmittags eine Ausfahrt. Die Novelle zum Reichsbeamten - Pen­sionsgesetz hofft inan im Reichstage noch vor Weihnachten zu erledigen. Die Abgg. Baumbach und Schrader haben zur zweiten Lesung des Etats des Reichsamts des Innern folgenden Antrag eingebracht: Der Reichstag wolle beschließen, den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, die Ergebnisse der Zusammenstellung und Verarbeitung der Jahresabschlüsse der Krankenkassen, sowie ihrer Uebersichten über die Ver­sicherten und über die Krankheitserscheinungen pro 1885 dem Reichstage seiner Zeit mitzuteilen. Die deutsch­konservative Partei des Reichstages hat in Verbindung mit dem Zentrum den vorjährigen Antrag auf Einführung eines Befähigungsnachweises für eine besonders bezeichnete Anzahl selbständiger Handwerker wieder eingebracht. Mit Rücksicht auf die aus Handwerkerkreisen inzwischen vielfach laut gewordenen Wünsche sind jedoch verschiedene wesent­liche Abänderungen vorgenommen worden. Nunmehr soll die Prüfung der zum Betrieb eines Handwerks Zuzulassen­den nicht mehr wie in dem ersten Entwürfe von Staats­behörden, sondern von Ausschüssen vorgenommen werden, welche den Innungen wie den größeren gewerblichen Lehr­anstalten angehören. Damit geschieht ein bedeutsamer Schritt vorwärts auf dem Wege zu einer wirklichen Selbst­verwaltung des Handwerks. Wenn dieNat.-Ztg." meint, daß die von dem guten Willen ihrer Mitbewerber ab­hängigen Handwerker auch aus dem Regen in die Traufe kommen würden, so muß dein allerdings vorgebeugt werden; am geeignetsten noch durch Errichtung einer Berufungs­instanz. Jni übrigen ist aber eine Vermehrung der auch im Handwerke herrschenden übermäßigen Konkurrenz keines­wegs erwünscht. Wenn es mit den Prüfungen streng ge­nommen würde, wäre das also nicht zu beklagen. Jeden­falls würde es auf das Handwerk selbst zurückfallcn, wenn cs mit diesen Rechten, wie diese, nichts anzusangen wüßte. Seine Freunde im Reichstage haben das ihrige gethan, um

ihm die Bahn frei zu machen. Vorerst handelt es sich allerdings erst um einen Antrag, dessen Annahme weder im Hause selbst noch im Bundesrate ganz sicher ist. Wie dieNordd. Allg. Ztg." erfährt, hat Kaufmann Uter- mark in Hamburg die Hälfte der Entschädigungssumme, welche ihm durch die Vermittelung des Auswärtigen Amtes von einer fremden Regierung erwirkt worden ist, im Be­trage von 7885 Mk. dem Komitee für die Unterstützung der Hinterbliebenen der mit der KorvetteAugusta" unter­gegangenen Besatzung überwiesen. Das Zentral-Koinitee der deutschen Vereine vom Roten Kreuz läßt seiner am vergangenen Donnerstag nach Bulgarien entsandten ersten Delegation von Aerzten und Krankenpflegerinnen am Sonntag eine zweite folgen, die, unter der Leitung des Professors der Chirurgie Dr. Gluck stehend, sich dem bul­garischen Zentral - Komitee voni Roten Kreuz in Sofia behufs Verwendung in den Kriegs - Lazaretten zur Ver­fügung stellen wird. Gleichzeitig begiebt sich auf Anord­nung des deutschen Zentral-Komitees eine Delegation von Aerzten unter der Leitung des ordinierenden Arztes des Augusta - Hospitals, Dr. Schmidt, nach Belgrad, um dort nach Anleitung des Zentral-Komitees des serbischen Roten Kreuzes thätig zu sein.

Straßburg, 28. Nov. Der Statthalter Fürst Hohenlohe begab sich nach Madrid, um als Vertreter des Kaisers der Beisetzung des Königs Alfonso beizuwohnen. In seiner Begleitung befinden sich der Hofmarschall Graf Kaniy und Kammerjunker Graf Schlippenbach.

Ausland.

Pest, 28. Nov. Tisza beging heute sein ihjährigcs Jubiläum als Ministerpräsident. Die Geistlichkeit erschien unter Führung des Kardinals Haynald zu seiner Be­grüßung. Haynald hob das stete Wohlwollen Tiszas gegen die katholische Kirche hervor und erbat seine fernere Unterstützung. Tisza antwortete, er wisse die Begrüßung zu würdigen und hoffe, auch in Zukunft die Zufriedenheit aller Konfessionen zu erhalten. Außerdem war eine zahl­reiche Beamten-Deputation zur Begrüßung erschienen.

Bern, 28. Nov. Der Bundesrat hob sämtliche gegen Frankreich und Italien getroffenen Choleramaßregeln auf.

Paris, 28. Nov.Temps" veröffentlicht einen Be­richt seines Korrespondenten aus Venedig, welcher mit Don Carlos eine Unterredung hatte. Letzterer sprach die Ueberzeugung aus, die Regentschaft werde die Ruhe in Spanien nicht lange aufrechtcrhalten können, er behalte sich zu gelegener Zeit ein Intervenieren vor, um die Ordnung wieder herzustellen. Er werde nötigenfalls auf einen Bürgerkrieg rckurieren, um das Heil Spaniens zu sichern.

Madrid, 27. Nov. Das neue Ministerium ist folgendermaßen zusammengesetzt: Präsident ohne Porte­

feuille : Sagasta, Aeußeres: Moret, Justiz: Alonzo Marios, Krieg: Marschall Jovellar, Finanzen: Camacho, Inneres: Veranno Gonzalez, Marine: Admiral Beranger, öffentliche Arbeiten: Montero Rios, Kolonieen: Rodrigo. Na- varro hat das Ministerium der Kolonieen abgelehnt, Gamazo ist zum Kolonieenminister ernannt worden." Die Ernennung Albaredos zum Botschafter in Paris, sowie die Groizards zum Botschafter beim Vatikan gelten als sicher. Das Ministerium leistete den Eid. Beim Eintritt ins köngliche Palais wurde die Königin mit ihren Töchtern von einer großen Menschenmenge mit den Rufen:Es lebe die Königin",es lebe die Prinzessin von Asturien" begrüßt. Die Ueberführung der Leiche des Königs nach dem Eskurial findet Sonntag statt. Alle Journale sprechen sich zu Gunsten des Kabinetts aus.

London, 28. Nov. (Wahlresultat.) In den fünf südlichen Vorstädten Londons wurden vier Konservative und ein Liberaler gewählt. Unter den geschlagenen Kan­didaten befindet sich der Verteidiger Arabi Paschas, Wil- fred Blunt, welcher als Konservativer auftrat. Die Wahlen in London und den Städten Englands werden heute beendet. Bis heute nachmittag waren 141 Kon­servative, 145 Liberale und 19 irische Nationale ge­wählt. Parnell wurde in Cork wiedergewählt.

Brüssel, 29. Nov. DerJndependance" zufolge" be­stätigt cs sich, daß in der Münzfrage eine Uebereinstim- mnng erzielt ist. Die Basis sei, daß die Liquidation auf Grundlage der Ziffer von 200 Millionen stattfinde, wo­von die Hälfte von der belgischen Negierung eingetauscht, die andere Hälfte auf dem Handelswege eingelöst werde.

Warschau, 28. Nov. Gestern begann der Prozeß gegen die sozialrevolutionäre VerbindungProletariat". Das Gerichtspersonal ist folgendes: Präsident des War­schauer Kriegsgerichts Friedriks, zwei Kriegsrichter und vier Regimentsobersten. Als Ankläger fungiert Kriegs- Staatsanwalt Morawsky nebst drei Substituten. Die Verteidigung führten 14 hiesige Advokaten, 3 aus Ruß­land. Vorgeladen sind 113 Zeugen seitens der Vertreter der Anklage und 80 Zeugen seitens der Verteidung. Für die Dauer des Prozesses sind 20 Tage in Aussicht genommen.

Caleutta, 28. Nov. DasBürean Reuter" meldet: In Nepal ist ein Aufstand ausgebrochen. Der erste Minister wurde getötet, der Maharajah zum Gefangenen gemacht. Der englische Vertreter befindet sich gegenwärtig auf einer Inspektionsreise.

Vom serbisch-bulgarischen Krieg sind folgende Nachrichten eingegangen:

Belgrad, 28. Nov. Die serbische Armee befindet sich auf dem Rückzüge nach Akpalanka. Im Nischawa- Desils werden starke Verschanzungen angelegt. Die Festungs­werke von Nisch werden eilig ausgebessert. Die Bevölkerung

Heister Siun.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Selma's Worte klangen so warm und innig an sein Ohr, daß er fühlte, es würde nicht viel bedürfen von feiner Seite, um sich das Herz des liebreizenden Mädchens ganz zu sichern für immer' Reinhard dachte zum ersten Male daran, daß Selma ihn lieben könnte. .... Sie war nun achtzehn Jahre alt und ein Mädchen in diesem Alter ist ja bekanntlich dem ersten Eindruck der Liebe auf ihr Herz gegenüber meist wehrlos.

Rauh fastschob er ihrenArm zurück und kehrtenoch einmal um.

Sehen Sie voran, Selma«, sagte er;ich folge Ihnen gleich.«

Reinhard wollte sich dieses ihm anvertrauten jungen Mädchens Liebe nicht erwerben, er wollte sie vielmehr zu- rückwelsen ohne sie jedoch dadurch zu verletzen. Er fühlte, daß er das volle Erwachen dieser Liebe zu ihm ver­hindern müsse: zwei Herzen hatte er schon elend gemacht warum noch ein drittes ? l

Selma sagte er sich dürfte ihn nicht anders wie einen Bruder, einen älteren Bruder lieben, er schalt sich selbst, thöricht gehandelt zu haben, denn er war ihr zu nahe getreten; er mußte sich ihr für die Zukunft ferner stellen.

Als er mit ihr nachher im Wagen saß, da war er ernst, still und nachdenklich. Sie fuhren nach Paris zu nach der Salle Hertz, dem Schauplatz klafsisch-vollendeter Coucerte. Mit schüchternen Blicken ruhten Selma's Augen auf ihrem Beschützer: er war so anders heute Abend als er sonst zu fein pflegte; was konnte ihn nur verletzt haben? Miß­traute er ihrem Erfolg bet ihrem ersten öffentlichen Auf­tretens Fürchtete er, daß feine Mühe und Sorge mit ihr und um sie vergebens gewesen, und war er mit ihrer, ihm ja bekannten Leistungen unzufrieden?

Diese Gedanken wogten in ihr hin und wieder und sie wagte es nicht, ihn anzureden. Lange fuhren sie, stumm und still neben einander die schweigsame Chaussee entlang, dann durch die lebhaften, menschenerfüllten Straßen von Paris dahin. Noch zwei bis drei Minuten und der Wagen mußte vor der Salle Herz halten. Da endlich gewann Selma es über sich, denOheim« anzusprechen.

Wünschen Sie mir Glück, Oheim!" bat sie mit rühren­der Demut.

Von ganzem Herzen, mein Kind«! erwiderte er, jetzt freundlich. Er mußte doch gewaltsam sich bezwingen, um bei diesen Worten den Blick abzuwenden von dem lieblichen Gesicht des jungen Mädchens, das so bittend zu ihm auf« schaute.

Sie waren angelangt, der Wagen hielt. S-.lma reichte ihm, wie sie es gewöhnt war, ihre Stirn zum Kuß: mit Ueberwindnug sichtlich küßte er die reine, jungfräuliche Stirn und drückte ihr die Hand.

Sie war sich unter die übrigen Schülerinnen des Conservatoriums mischend bald seinen Augen entschwun­den. Sie hatte es wohl bemerkt, daß sein Kuß auf ihre Stirn, fein Händedruck nicht wie sonst, daß seinerseits Kälte ungewöhnliche Kälte vorherrschend gewesen. Dies befremdete Selma; sie sann und sann, was sie wohl verbrochen, um ihn mißzustirnmen; das arme Kind hatte keine Ahnung, daß er ihre Liebe zu ihm abwehren wollte!

Eine Throne im Auge, warf sie das schöne Köpfchen endlich stolz zurück.

Ich will ihm zeigen," murmelte sie, die breiten, teppich- belegten Treppen hinauf steigend,daß ich doch etwas leisten kann, daß er nicht umsonst all seine Güte verschwendet hat!«

Als bann ihre Solopartie kam, da hing ihr Blick nur an ihm. Rasch hatte sie ihn unter dem zahlreichen Publikum

herausgefunden; er stand ihr nahe: so hatte sein Versprechen an sie gelautet.

Es war so still in dem großen Saale, die Anwesenden lauschten athemlos dem Vortrag Selmas. Sie dachte nur daran, daß sie ihm zeigen wolle, was sie gelernt, was sie ihm dankte. Ihre ganze, von Liebe zu ihm erfüllte Seele legte sie in ihren Gesang, ein durch Komposition wie Text ohnehin znm Herzen dringendes Lied; sie empfand das Klagen, das Jauchzen der Liebe, und so fingen wie Selma es that konnte nur eine Frauenbrust, welche Liebe kannte und empfand.

AIS sie geendet, erfüllte ein Applaus den großen Saal so einhellig, so enthusiastisch, wie es selten noch in der Salle Herz gehört worden; der Beifall wollte gar nicht enden und der Jubel, das Entzücken über den herrlichen Vortrag einer bis dahin nickt einmal dem Name» nach be­kannten, dazu noch so jugendlichen Künstlerin machten sich in lauten anerkennenden Aenßerungen des Auditoriums Luft. Selbst Selmas Lehrer war betroffen von dieser Leistung, die sie in so hoher Vollendung in der That nicht erwartet hatten.

Beinahe erschreckt stand sie selbst da über diesen ganz außergewöhnlichen Beifall. Sie wurde gefeiert töte eine Königin und doch, als sie zu Hause wieder angelangt, fragte sie Reinhard bescheiden:

Waren auch Sie mit mir zufrieden?"

Sie haben ganz wunderbar, ganz überraschend, uner­wartet schön gefungen, Selma« t entgegnete er.All meine Hoffnungen auf Ihre Leistungen haben sie übertroffen«! Und lächelnd fetzte er hinzu:Sie sind von heute an ein Stern erster Größe für die Pariser Gesellschaft, ganz Paris spricht morgen und länger von Ihnen sind Sie nicht stolz, Selma?--Verargen könnte Ihnen das Niemand

und ich würde es am wenigsten thun, denn Ihr Triumps macht auch mich stolz." (Fortsetzung folgt.)