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Marburg, Sonntag, 29. November 1885.

XX. Jahrgang.

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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Souutagsblatt.

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Wochenschau.

Eine Trauerbotschaft, die auch in Deutschland die größte Teilnahme gefunden, kommt ans dem Süden: Alfonso XII, der junge spanische König, ist nicht mehr! Schon lange war behauptet worden, er leide an der Schwindsucht und das Nebel habe reißende Fortschritte gemacht; aber immer wieder wurden diese Nachrichten für falsch erklärt, bis jetzt die Meldung von der letzten Erkrankung und dein Tode des Monarchen unmittelbar auf einander gefolgt ist. Deutsch­land hat um so größere Ursache, diesem Todesfall feine ganze Teilnahme entgegenzubringen, als sich der Verstorbene in guten, wie in bösen Tagen uns gegenüber als ein wirk­licher Freund gezeigt hat, der streng nach seiner Ueber- zeugung handelte und der Leidenschaft der Massen gegen- uSer kalt und fest blieb. Mag dein noch nicht neunund­zwanzigjährigen Herrscher die Erde leicht fein! In der That, Alfonso XII. hat, wenn man seine Jahre in Betracht zieht, Prüfungen erlitten, wie kein anderer gegenwärtig lebender Monarch. Als elfjähriger Knabe mußte er mit seiner Mutter Isabella über die Grenze flüchten und eine Reihe von Jahren in der Fremde leben. Eine neue Be­wegung in Spanien rief ihn auf den Thron zurück, zu dessen Befestigung aber erst noch ein mehrjähriger Krieg gegen die Karlisten erforderlich war; mit den kriegerischen Kämpfen wechselten die Parteiwirren ab, die erste heiß geliebte Gemahlin des jungen Königs starb, revolutionäre Versuche machten sich bemerkbar, Erdbeben und Cholera verheerten das Land, in Paris erfolgte die Beschimpfung des deutschen Ulanenoberst", dessen Lebensende der Karolinen- stieit mit Deutschland noch verdunkelte. Vor allem werden wir es dem Könige nicht vergessen, daß er bei der herr­schenden Aufregung zum Beginne des Karolinenstreites allen Forderungen auf einen Krieg mit Deutschland ein festesNein" entgegensetzte. Der König war trotz seines schwächlichen Körpers eine entschlossene, charakterfeste und furchtlose Natur, wie man sie in dem Sohne der Isabella kaum hätte vermuten sollen. Er war für die wetter­wendischen und von eigennützigen Parteiführern erregten

Spanier viel zu gut; sein Wert ist besonders vom deutschen Kronprinzen bei feinem Besuche in Spanien anerkannt. Alfonso war damals der liebenswürdigste Wirt, und für den _ dem Kronprinzen bereiteten Empfang ist ihm von deutscher Seite der wärmste Dank zu teil geworden. Was nun? Die Kronprinzessin ist ein fünfjähriges Kind, und die Republikaner haben nur gewartet, um aufs neue mit ganzer Kraft hervortreten zu können; wer weiß also, wie lange es noch dauern wird, bis Spanien wieder eine Republik ist? Die Regierung in Madrid täuscht sich über den Ernst der Lage in keiner Weise hinfort. Sie hält die Truppen für alle Fälle bereit. Ob diese ihr aber gehorchen werden? Für uns bringt das Ereignis auch noch Bedenken darüber, ob nicht in der Karolinenfrage noch plötzlich ein Wechsel eintreten kann? Es hieß aller­dings, der Streit sei durch die päpstliche Vermittlung so gut wie beseitigt, indessen, wer bürgt für die wankelmütigen Spanier? Hoffen wir aber, daß die Unterzeichnung der Einigung in Madrid nicht nur stattgefunden hat, sondern auch respektiert werden wird.

Nach zehntägigen blutigen Gefechten, denen Tausende zum Opfer gefallen, ruhen zum Teil die Waffen auf den: serbisch-bulgarischen Kriegsschauplatz, auf dem die Bulgaren unbestrittene Sieger geblieben sind. Es war den Serben durch Ueberrafchung gelungen, die unvorbereiteten bulga­rischen Truppen zu schlagen, aber das Blatt wendete sich vollständig, als die bulgarische Armee bei Sliwnitza unter dem Oberbefehl des Fürsten Alexander vereinigt dastand. Dreitägige blutige Kämpfe hemmten den serbischen Sieges­lauf und dann gingen die Bulgaren zum Angriff über. Im stürmischen Anlauf wurden die Serben aus dein Dra- gomanpaß und Zaribrod, aus Bresnik und Trn zurück­gejagt, und endlich griffen die Bulgaren selbst das serbische Hauptquartier Pirot auf serbischem Boden an. Weiteren Demütigungen wollte sich König Milan aber doch nicht aussetzen. Er gab, indem er zugleich den dringen­den Vorstellungen der Großmächte Gehör schenkte, den Be­fehl zum Einstellen der Feindseligkeiten. Damit herrscht Waffenruhe, welcher unter Vermittlung der Mächte auch wohl bald der Friede folgen wird, der vielleicht dem sieg­reichen Bulgarien doch einige Konzessionen in bezug auf Rumelien bringt. Denn es.läßt sich absehen, daß die Bulgaren, nachdem sie nun einmal ihre kriegerische Tüch­tigkeit erprobt, früher oder später doch die Hände nach Rumelien ausstrecken werden. Uebrigens steht Bulgarien jetzt auch ganz anders da, als vor dem Kriege. Griechen­land ist noch immer ruhig und nach der serbischen Lektion wird ihm wohl auch die Lust zum Kriege vergehen. In Serbien ist allerdings die Stimmung sehr bös, und das ist nach dem prachtvollen Reinfall natürlich. König Milan mag sich vorsehen, sonst kann er eines schönen Tages Majestät von Serbien gewesen sein.

Der deutsche Reichstag hat seine Arbeiten begonnen

und er thut recht, sich etwas heranzuhalten, denn außer den Regierungsvorlagen wächst auch die Zahl der aus den Parteien gestellten Anträge von Tage zu Tage. Die erste Beratung des Reichshaushaltsetats nahm statt der sonst üblichen drei Sitzungen nur anderthalb in Anspruch Daß sich der Reichstag wiederum hervorragend mit der Geld- und Steuerfrage beschäftigen wird, steht nach den Ergebnissen der Etatsberatung fest. Auch die Kolonial- Polttik wird eine hervorragende Rolle spielen; die Reichs­regierung hat auch dem hohen Hanse bereits eine Denk­schrift über die westafrikanischen Kolonieen unterbreitet aus welcher besonders erwähnenswert ist, daß man in Kamerun bereits mit Steuererhebungen (auf Palmöl Palmkerne und Branntwein) begonnen hat. Außer dem Reichshaushaltsetat beriet der Reichstag noch das Beamten- Unfallversicherungsgesetz, das Viehseuchengesetz und die An­träge auf Wiedereinführung der Berufung gegen Straf­kammerurteile, die Entschädigung unschuldig Verurteilter und die Verbesserung der Beamtenpensionen. Fürst Bismarck, der noch etwas über Gesichtsschmerzen klagt ist von Friedrichsruhe nach Berlin zurückgekehrt und wird bald im Reichstage erwartet. Dann wird es an lebhaften Debatten sicher nicht fehlen, denn der Reichskanzler nimmt bekanntlich kein Blatt vor den Mund.

Unser Kaiser hat es bei der ungünstigen Witterung vorgezogen, das Zimmer ferner zu hüten. Die Heiserkeit ist jedoch vollständig gehoben und das Befinden des greifen Monarchen giebt zu keinerlei Bedenken mehr Anlaß. Die Regiernngsgeschäfte erledigt der Kaiser mit gewohnter Pünktlichkeit. Am letzten Sonnabend hat die deutsche Kronprinzessin ihren Geburtstag gefeiert und ist ebenso wie in früheren Jahren durch zahlreiche Angebinde und Gratulationen erfreut worden. Der Prinz-Regent von Braunschweig, Prinz Albrecht, hat am letzten Sonntag seinen Einzug in Blankenburg am Harz gehalten, wo an den fvigenden Tagen Hofjagden stattfanden, denen auch Prinz Wilhelm von Preußen beiwohnte.

Recht großer Wirrwarr herrscht fortdauernd in Paris. Die Tage des Ministeriums Brisson sind unwiderruflich gezählt, aber ein Teil der republikanischen Partei möchte nicht gern, daß das Kabinett eher zu seinen Vorgängern versammelt würde, als bis die Wiederwahl Herrn Grövys zum Präsidenten der Republik vollzogen worden ist. Brisson will sich aber nicht unnütz ärgern und bringt auf baldige Entscheidung. Zu dem Zwecke hat er der Kamnier weitere Forderungen im Betrage von ca. 80 Millionen Frcs. für die Expedition in Tonking und Madagaskar unterbreitet und sich zilgleich gegen die Räumung dieser beiden, für Frankreich so ungemein kostspieligen Kolonien ausgesprochen, da die französische Ehre und das Ansehen der Repnblik darunter leiden würden. Die Kommission, welcher dieser Gesetzentwiirf zur Vorberatuiig überwiesen ist, besteht aber zum weitaus großen Teile aus solchen Abgeordneten, welche

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Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster. (Fortsetzung.)

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Eine _ deutsche Haushälterin und deutsche Domestiken hatte Reinhard engagirt und lebte nun hier mit Selma, welche vor der Welt seine Nichte genannt wurde. Hier schrieb und dachte er, in diesem zurückgezogenen, stillen Plätzchen, weit entfernt vom Strudel des geräuschvollen Pariser Lebens. Nicht wie in London, für sich ganz allein lebte er: schon um Selma's willen mußte er in gewisser Hinsicht ein Haus machen und aus seiner bisherigen Abge­schlossenheit heraustreten. Sie fo wenig an das turbu-

Unte Leben gewöhnt, dem sie sich hier nicht entziehen konnte ~~ fand sich trotzdem schnell zureckt in den ihr so neuen Verhältnissen; sie war froher und heiterer als früher und das eigene leichte Naturell der Kiinsilerlin brach bei ihr durch und machte sich geltend. Alles war ihr neu, auch das ernste künstlerische Studium, dem sie sich übrigens mit aller Kraft, Energie und Ausdauer hingab. Da? bisher etwas bleiche, zarte junge Mädchen hatte sich bald zur herrlichsten jungfräulichen Blüthe entfaltet und Selma befaß einen unendlichen Zauber in ihrem kindlich-unbefangenen «eseu. Und dieses reizend-mädchenhafte Attribut büßte ge auch nicht ein, trotz der schmeichelhaften Aeßerungen, die J «e fortwährend hören mußte; sie war nicht eitel, aber sie mhlte sich in ihrer so veränderten Lebensstellung glücklich und um so glücklicher, als sie den treuen väterlichen :eunb zur Seite einbringen konnte in die Geheimnisse r Kunst unter den bewährtesten Meistern und Lehrern

derselben. Sie wußte auch sehr wohl, wem sie diese über­aus günstige Situation zu danken hatte, und ihre Erkennt- «hkeik sprach sich deutlich und rückhaltlos in einer rührenden nuhängltchkeik an Reinhard auS; ihre Dankbarkeit hatte

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Geld,

nichts für sie Druckendes: mit kindlich-liebendem Herzen nahm sie an, was er ihr bot.

Er war ihr Ideal; sie verehrte ihn wie eine liebende Tochter den treuen, sorglosen Vater, wie ihren Beschützer in allen Dingen, und ihr Herz war dankerfüllt für ihn. Selma glaubte selbst nicht an eine andere Regung in ihrem Herzen Reinhard gegenüber. Und doch liebte sie ihn liebte ihn in der That, wie das Weib den Mann liebt, nicht wie die Tochter den Vater, die Schwester den Bruder, oder die Mündel den treuen, auf ihr Bestes bedachten Vor­mund.

Und er? Er behandelte Selma genau so, wie er eine geliebte jüngere Schwester behandelt haben würde, und es that ihm wohl, das liebliche talentvolle junge Mädchen mit all der treuen Sorge zu umgeben, die die Güte seines Herzens ihm zur Pflicht machte und die er verschwenderisch über ihr walten ließ. Ihr munteres Wesen heiterte ihn auf und das war oft recht ersprießlich für Reinhard; er brachte goldigen Sonnenschein in das stille, kleine Haus. Er dachte ihrer nie anders als thenren, ihm anvertrauten Gutes und der Gedanke, ob sie ebenso, ob anders empfinde, war ihm nie gekommen,

Selma hatte Gelegenheit, viel mit anderen Herren zu verkehren; doch mochten diese ihr auch noch so sehr huldigen, sie hielt sich ihnen gegenüber stets refettiirt, denn sie empfand es als ein Unrecht gegen Reinhard, wenn sie einen andern Mann bevorzugte.

In dem kleinen, eleganten Salon des Landhauses zu Fon- tenay-aux-Roses stand Selnla reizend geschmückt: ein duf­tiges weißes Kleid, mit Rosen reich geziert, umschloß ihre graziöse Gestalt. Sie war selbst erstaunt über ihr wirklich herrlicheMussehen, als sie vor dem großen Spiegel stand, der ihre ganze Gestalt »iebergab. Zum ersten Mal sollte

iie als prämiierte Schülerin des Pariser Conservatoriums öffentlich in einem Conzert auftreten. Die Haushälterin, eine gebildete, angenehme Dame in den Vierzigern, war eben beschäftigt, dem jungen Mädchen die vielen Knöpfe der weißen Handschuhe zu schließen, die ihre schönen Arme teilweise verhüllten, als Reinhard erschien.

Betroffen blieb er stehen: er hatte Selma nie für so vollkommen schön gehalten, wie er sie jetzt vor sich sah: die Toilette machte sie zauberisch schön.

Gefalle ich Ihnen nicht, lieber Oheim?" (So nannte Selma ihn laut Uebereinfommen.)Sie sehen ja ganz ernst aus!" sagte sie, halb lächelnd und halb wehmütigIch zitiere schon jetzt bei dem Gedanken, daß ich dort in dem Eomert nur einen Ton hervoibringen soll: die Angst fürchte ich, wird mir die Kehle zuschnüren, um so mehr, als ich gehofft hatte, Sie würden mir Mut zusprechen, Oheim, freundlich zu mir sein und nun blicken Sie so ernst d'rein, baß mir Angst und bange wird und ich denken muß, auch Ihnen bangt nm meinen Erfolg und . . .«

Seien Sie nur beherzt, Selma,« unterbrach er sie freundlich,Sie müssen und werden heute Abend Erfolg haben, darum vertrauen Sie sicher auf Ihre Stimme, auf Ihr Wollen und Können! Ich bin bereit: wir können abfahren, der Wagen wartet, auch ist es in der That die höchste Zeit.«

Sie legte den Arm in den seinen, vertraulich und heiter, wie sie es immer that, und blickte zu ihm auf mit vertrau­endem Lächeln.

Wenn Sie bet mir sind bester Oheim,« sagte sie herzig lächelnd,dann fürchte ich mich gar nicht; bleiben sie nur in meiner Nähe, und ich werde keine Furcht kennen' ick werde für Sie nur für Sie singen und so schön ich immer kann, all die Andern sind mir ja fremd und ich sehe sie gar nicht!' (Fortsetzung folgt.)