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Marburg, Sonnabend, 28. November 1885.

XX. Jahrgang.

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Deutsches Reich.

Berlin, 26. Nov. Der Empfang des Reichstags- Präsidiums durch Se. Majestät den Kaiser findet morgen, Freitag mittag 12 Uhr, statt. — Die Vorsitzenden der sieben Abteilungen des Reichstags sind die Abgg. Dr. Lieber Ackermann, Staelin, Rickert, br. Windthorst, v. Bernuth und Ausfeld. — Von den Konservativen und dem Zentrum wird dem Vernehmen nach heute im Reichstag der bereits in der vorigen Session eingebrachte Antrag auf Abände­rung der Gewerbeordnung wieder eingebracht, welcher zum felbständigen Betrieb eines Handwerks den Befähigungs­nachweis erfordert. — Aus parlamentarischen Kreisen wird den „B.P.N." geschrieben: „Die Behauptung eines be­kannten Korrespondenten, daß die von der deutsch-konserva­tiven Fraktion eingebrachte Novelle zum Reichsbeauitengesctz „bestellte Arbeit" sei, ist völlig unzutreffend. Die Neu­regelung der Pensionsverhältnissc der Reichs-Zivilbeamten auf der Grundlage der Regierungsvorlage von 1883 er­scheine vielmehr der betreffenden Reichstagsfraktion als ein dringendes Bedürfnis. In der Annahme, daß die Regie­rung durch den von ihr bisher angenommenen Standpunkt verhindert sei, eine derartige Vorlage unabhängig von der Neuregelung des Militärpensionswesens einzubringen, ent­schloß sie sich, dem von der freikonservativeu Fraktion des Abgeordnetenhauses bezüglich des Lehrerpensionsgesetzes ge­gebenen Beispiele folgend, ohne vorgängiges Benehmen mit der Regierung die Initiative in der toadje zu ergreifen. Bon bestellter Arbeit ist daher gar nicht die Rede; der deutschkonservative Gesetzentwurf unterliegt daher genau derselben Beurteilung wie andere Initiativanträge des Reichstages. Seine Annahme ist nicht zu bezweifeln." Hierzu bemerken die „B. P. N.", daß auch die in derselben Korrespondenz gebrachte Mitteilung, wonach die Negierung entschlossen sei, eine erneute Vorlegung des Entwurfs über die Berufung von der Annahme ihres in der letzten Session eingcbrachteu Vorschlages über Zusammensetzung der Schwur­gerichte abhängig zu machen, zu welchem in seiner jetzigen

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Bald war denn auch die Verlobung des Fräulein v. Soden mit dem Dr. Walter Grell, dem Neffen des alten Badearztes Dr. Grell, ein sogenanntes „öffentliches Geheim­nis* unter den angesehenen Fremden und der ortsangesef- fenett Gesellschaft in Bergenau. Graf Leopold Dornburg Mtulirte seufzend seinem Freunde Walter und sagte schwer, mühtig:

„Ich beneide sie um ihr Glück Doktor; ich habe keine Hoffnung auf ein ähnliches!"

„O, wer wird den Mukh so schnell verlieren, Grafel — Werfen Sie die Flinte nicht vorzeitig ins Korn! — Fräu-

Adele schätzt Sie, ich weiß es, sehr hoch und ich bin überzeugt daß, wenn Sie ihr nur Zeit lassen, auch Ihr Liebesfrühling bald anbrechen wird!" erwiederte Walter, dem Freunde die Hand herzlich schüttelnd.

„Die rechte Liebe ist rasch erobert," sagte der Graf.

„Sie haben es ja auch empfunden, Doktor; ich sah cs Noon lange, daß Sie geliebt wurden, und konnte Ihr langes «chweiges noch nicht recht begreifen; doch Sie waren ihres Erfolges wohl sicher und warteten, nur um die Liebe zu stärken und zu prüfen?"

„Ich bin nicht mehr jung, Doktor", entgegnete Graf Dernburg,» aber geliebt wie jetzt habe ich noch nie zuvor. Es' ist dies entschieden meine letzte Liebe und — da sie hoffnungslos — werde ich einsam bkeiben für den Rest “eines Lebens. Desto größer und inniger wird sich die Liebe meines Vetters zu mir zeigen," fuhr er büter lächelnd wrt,„ der mein dereinstiger Erbe ist ... *

. Noch einmal dem Freunde die Hand schüttelnd, ging «r Graf fort. Walter blickte ihm lange kopfschüttelnd nach.

Zusammensetzung die Zustimmung des Reichstages nicht zu erwarten ist, während sich bekanntlich auch eine Anzahl von Bundesregierungen ablehnend dazu verhält, jeder that- sächlichen Unterlage entbehrt. Von einer die Reform des Strafprozesses betreffenden Vorlage ist zur Zeit überhaupt nicht die Rede. — Das deutsche Zentral - Komitee vom „Roten Kreuz" entsandte den dirigierenden Arzt der Lazarus- Krankenhauses Langenbuch uebst vier Assistenzärzten und zwei Schwestern mit Instrumenten, Medikamenten und Verbandmitteln nach Sofia. An das Komitee des „Roten Kreuzes" in Serbien ist eine sehr erhebliche Sendung von Verbandstoffen, Schienen, Decken und Hemden nach Belgrad abgegangen. — Der Ausfall der Stadtverordnetenwahl, welche eine engere Wahl zwischen Limprecht und Kohlert ergab, dürfte sich insofern modifizieren, als die für Kohlert abgegebenen Stimmen, der dem Vernehmen nach Mecklen­burger ist, ungültig sind, Limprecht sonach als gewählt anzusehen wäre. — Der Tod des Königs von Spanien und die Betrachtungen, die sie daran knüpften, beherrschte heute vollständig alle politischen Gespräche, auch in den Couloirs des Reichstages. Cs entspricht durchaus der allgemeinen Stimmung, wenn heute abexid sämtliche Blätter in sympathischer Weise des Verstorbenen gedenken und seine Freundschaft für Deutschland, sowie sein ernstes, red­liches Streben für das Wohl seines Landes rühmend an­erkennen. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Für Spanien stellt der Hintritt des Königs Alfons einen schweren Verlust dar, den zu verschmerze» namentlich allen wahren Patrioten, die es mit ihrem Vaterlande und der Sache des König­tums ehrlich meinen, schwer genug fallen wird. Auch das Ausland nimmt aufrichtig teil an der Heimsuchung, die über Spanien verhängt worden, insbesondere Deutschland, woselbst sein persönliches Auftreten und seine hervorragenden Charaktereigenschaften dem jungen Fürsten allgemeine Sym­pathien zugeführt hatten. Die „Vos. Ztg." äußert sich in Uebereinstimmung mit den anderen liberalen Blättern: „Der unglückliche König Alfons hat es nicht vermocht, i em Lande über die gefährliche Entwicklungskrankheit fort­zuhelfen, die es seit Jahren durchzumachen hat. Sein Wollen war das beste und edelste von der Welt, sein Leben auf dem Throne unablässiges Streben und gewissen­hafte Pflichterfüllung, und doch läßt sein Tod Spanien in einem Zustande der Entkräftung zurück, den selbst die gewaltthätigsten Erschütterungen kaum noch trostloser ge­stalten könnten." Daran knüpfen sich in sänttlicheu Blät­tern Betrachtungen über die Wirren, die Spanien voraus­sichtlich bevorstehen und die möglicher Weise von Einfluß auf sein Verhältnis zu Deutschland sein werden. Der Kronprinz hat gestern dem spanischen Gesandten einen Kondolenzbesuch gemacht. — Der Krieg zwischen Serben und Bulgaren gilt durch deu thatsächlich bereits einge- getretenen Waffenstillstand für definitiv beendet. Die kon­servativen Blätter geben in steigendem Maße ihrer Sym-

Er sann und sann; war das nicht möglich die beiden glück­lich zu machen? — Adele und Graf Dernburg wären ein so vassendes herrliches Paar gewesen. Wenn Ida ihren Gatten wiedergewann, dann konnte Adeles Vereinigung mit Dernburg sich noch verwirklichen lassen — allein wo weilte Reinhard von Brunner? — Niemand wußte es.

Sie Alle, die so ängstlich um ihn besorgt waren, ahnten nicht, daß er der Verfasser jener Romane und Novellen war, die sie in ihren Fortsetzungen auf's ungeduldigste er­warteten; ahnten nicht, daß Franz Fontaine, der vielgelesene Schriftsteller, in Wahrheit Rtinhard v. Brunner hieß, und selbst Walter Grell, der eigentlich die Romanliteratur ver­warf hatte sich nicht nur allein mit der markigen, kernigen und elegant gediegenen Schreibweise des neuen Schriftstellers versöhnt, sondern war ebenso begierig auf etwas Neues aus dessen Feder, wie die Damen nicht nur in der Villa Soden, sondern in Bergenau überhaupt. Was er allein tadelte an Franz Fontatne's Schriften, das war das heiße, leidenschaft­liche Empfinden welches alle seine Arbeiten kennzeichnete.

O hätten sie alle gewußt — was sie eben nicht wußten!

VII.

Um dieselbe Zeit etwa, als Ida v. Brunner mit ihrem Knaben nach Bergenau gekommen, befand ihr Gatte sich unter seinem Dichternamen Franz Fontaine in Paris.

Reinhard hatte sich die Lebensaufgabe gestellt, Selma Spang zur Sängerin heranbild n zn lassen, wozu ihre große Anlage, ihr unzweifelhaftes Talent und die gründliche musikalische Vorltldung, welche sie ihrem verstorbenen Groß­vater verdankte, sie wohl berechtigten.

Gleich nach dem Tode des alten Herrn hatte er ihre Stimmmittel durch einen der größten Meister musikalischer Composition, den England damals noch besaß und auf dessen Schöpfungen es heute noH stolz sein kann — durch Balfe,

pathie für die militärischen Erfolge des Fürsten Alexander Ausdruck.

— Die erste Beratung des Reichshaushalts-Etats im Reichstage ist diesmal ruhiger verlaufen und schneller zum Abschluß gelangt, als man sonst gewohnt ist. Dian könnte der Meinung sein, daß die lichtvolle, von Schönfärberei absehende, aber doch vertrauensvolle Darlegung der Finanz­lage, mit welcher Staatssekretär von Burchard die Debatte eröffnete, auch für den Verlauf derselben bestimmend ge­wesen fei; wobei immerhin in Betracht kommen mag, daß die allgemeine Stimmung einer sensationellen Behandlung der Geschäfte überhaupt nicht mehr entgegenkommt. Weiß man doch, daß die erste Beratung des Etats nur dazu dient, damit die Parteien ihre Stellung zur Regierung markieren können, und daß die Anhaltspunkte immer die­selben sind. In die Oppositivnöstellung rückten die Frei­sinnigen und das Zentrum ein, welchem letztern sogar der Vortritt gelassen wurde, während die Sozialdemokratie und Volkspartei sekundierte, doch ohne wechselseitige Soli­darität, wenn auch zum Teil mit gleichen Angriffspunkten. Nach seiner Gewohnheit nahm Abgeordneter Richter den Ausgangspunkt seiner Angriffe auf des Kanzlers Politik und zwar in dem ganzen Umfange. Die seiner Auffassung nach schlechte Finanzlage erklärte er für eine Folge ver­kehrter Wirtschaftspolitik, erschwert durch die Rückwirkungen der äußeren und speziell der Kolonialpolitik, welche zur Steigerung des Marine-Etats und zu großen Aufwen­dungen für den Kanalbau geführt hat. Aber wie hoch er auch den Ton spannte, um die Ueberlegeuheit seiner Kritik fühlbar zu machen: er wurde doch noch durch den Abgeordneten Liebknecht übertroffen, welcher in allen Punkten, wo Abgeordneter Richter nur mit süffisantem Spott eingesetzt hatte, mit apodiktischem „Fiasko! Fiasko!" eintrat. Er „überpyrrhus'te" den Führer der Freisinnigen so sehr, daß es allerdings einer ernsthaften Widerlegung desselben und der von ihm in die Budgetdebatte beiläufig eingeknüpften kühnen Behauptungen nicht zu bedürfen schien. Jedenfalls wird sich, wie aus den Reden dieser beiden Herren, welchen sich Abgeordneter Payer am zweiten Tage der Debatte anschloß, hervorging, die gesamte Demo­kratie wieder gegen den Militäretat und gegen die Kolonial­politik wenden; wogegen das Zentrum, wie Abgeordneter von Huene zu erkeuneu gab, doch nicht so ohne weiteres an dem Ansturm gegen den „Militarismus", wie der Abg. Payer die Entwicklung unserer Wehrkraft nach demokratischer Weise charakterisiert, teil zu nehmen gedenkt, während dasselbe bezüglich der Kolonialpolitik sein Urteil von gewissen Bedingungen resp. von der Behandlung des Missivnswesens abhängig macht. Zu­gleich aber ließ Abg. von Huene finanzpolitische Pläne durchblicken, welche mindestens auf dem Gebiet des Schuldenmachens dem Partikularismus gegen die einheit­liche Finanzverwaltung des Reichs zugute kommen sollen.

— prüfen lassen. Reinhard hatte dem vecühmten Compo- nisten, dessen Bekanntschaft er gemacht, von der wunderbaren Stimme Selma's erzählt und der Meister ihn veranlaßt, ihm das junge, vielversprechende Talent zuzufuhren. Balfe war entzückt von der Reinheit und dem Umfang der Stmme, der sichern Jntonirung und dem musikalischen Wissen Selma's, und riet Reinhard, sie nach Paris zu bringen und ihre weitere Ausbildung dem dortigen Conservatorinm anzuvertrauen.

Reinhard war fest entschlossen, treu zu halten an dem Schwur, den er dem Großvater seiner Pflegebefohlenen in dessen Sterbestunde geleistet. Nicht schutzlos durfte er Selma dem nur zu verführerischen Paris überlassen; ihm war es ja auch gleich, wo er lebte, ob in London ober Paris. Nichts fesselte ihn an erstere Stadt und so brach er dort fein Heimwesen ab, um es nach dem Seinestrand zu beilegen. Ihm selbst war es ja auch lieb, Paris kennen zu lernen; konnte — würde nicht das dortige Leben ihm neuen, erwünsch­ten Stoff liefern für seine Thätikeit? — Er wollte Paris, seine Bevölkerung, seine Sitten und Gebräuche, das stets wechselnde Leben zum Gegenstand eing hender Studien machen, wie er es in London mit so großem Erfolg gethan; allerdings konnte er noch lange nicht behaupten, diese Riesen­stadt zu kennen. —

In Fontenay-anx-Roses, einem reizenden Ort, den man als eine Vorstadt von Paris auf eben darf, ließ Reinhard sich mit Selma Spang nieder. Dort hatte er ein kleines, wie ein Schmuckkästchen in seinem eigenen Blumengarten anzuschauendeS Landhaus für mehrere Jahre fest gemiethet. Fast luxuriös hatte er dieses Heim eingerichtet; in dem reizenden Salon stand ein Erard'scher Flügel; die Büsten der bedeutendsten Tondichter standen auf Konsolen an den Wänden herum, dazwischen Gemälde moderner Meister, seltene Kupferstiche und dergleichen. (Fortsetzung folgt.)