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Marburg, Donnerstag, 26. Iiovenlbcr 1885.

XX. Jahrgang.

Mckeint täglich außer an Werktagen nach Sonn> und Feiertagen. ~ : uarta 1> «bonnements-Brei^ bei der fcneöition 2*/. Ml. bei Jn Postämter 2 Mk. 50 Psg. (excl. Bestellgeld), qmertionsgebübr für die gespaltene Zeile 10 Psg. Manin für die Zeile * 25 Pfg.

(Olinlicffildir Miliig.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blattes, sowie d.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undBoaler in Franlfurl a. Ai, Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Messe in Frankfurt a M , BerIin,Münchenund Köln; G. L. Daube und l- o. in Frankfurt a. M, Berlin, Hannover u.Paris.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt.

Expedition-, Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

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Oberhessische Zeitung

uebst bereit Beiblätter

Amtlicher Anzeiger

und

Illustriertes Sonntagsblatt für den Monat Dezember werden in Marburg bei der Expedition zum Preise von 75 Pfg., auswärts von allen Postanstalten und den Landbriefträgern angenommen.

Nen eintretende Abonnenten erhalten das Blatt bis zum Schlüsse des Monats November gratis.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. Nov. Dem Reichstage wurde eine Denk­schrift des Reichskanzlers vorgelegt, betreffend die Verwen­dung der im Etat des Auswärtigen Amts pro 1885/86 bewilligten 248 000 Mk. zur Durchführung der in Kamerun, Togo und Angra - Pequena dem Reiche zufallenden Auf­gaben (Remunerierung der Beamten, Ausführung von Bauten). Behufs Erwägung der künftigen Organisation berief der Gouverneur von Kamerun einen aus 3 Mit­gliedern dortiger Firmen bestehenden Verwaltungsrat, sowie ein Schiedsgericht. Ferner ist ein Ausfuhrzoll auf Palmöl und Palmkerne, sowie eine Lizenzabgabe für Spirituosen eingeführt. Im Etat pro 1885/86 ist ein etwas höheres Pauschalquantum eingestellt, weil zwei Dienstgebäude herzu­stellen sind. Die Deutschfreisinnigen beantragen erneut die Zulassung des Rechtsweges in Zollstreitsachen, sowie einen Erlaß von Deklarationen zum Zolltarif. Ueber die Gewährung von Staatsbeihilfen zu Elementarschul­bauten hat der Unterrichtsminister den Bezirksregierungen Anweisungen erteilt, fortan schon vor dem Beginn jedes Rechnungsjahres für das nächstfolgende, also zunächst für 188687, Anträge auf Gewährung von Staatsbeihilfen an unvermögende Gemeinden und Schulverbände für Neu-, Erweiterungs- und Ausbesserungsbauten au Elementar­schulen bei ihm anzubringen. In den von den Regie­rungen zu erstattenden besonderen Berichten ist stets der konfessionelle Charakter der Schnle anzugeben und die er­forderliche Bauhilfe rechnungsmäßig nach zuweisen; doch ist eine Bau-Unterstützung erst dann zu beantragen, wenn mit Sicherheit anzunehmen ist, daß der Schulhausbau in dem betreffenden Rechnungsjahre auch wirklich im wesent­lichen vollendet werden kann. Treten demnächst wider Erwarten unvorhergesehene Hindernisse ein, sodaß die Bau- Ausführung in dem betreffenden Rechnungsjahr nicht er- erfolgen kann, so ist der Minister sofort zu benachrichtigen, damit der verfügbare Betrag anderweit verwandt werden kann. Uebrigens sind nach einer anderen Verfügung des­selben Ministers die Baupflichtigen gehalten, für die zu

den Amtswohnungen der Volksschullehrer gehörigen heiz­baren Zimmer auch die erforderlichen Gefeit zu liefern, ohne Rücksicht darauf, ob letztere, den örtlichen Verhält­nissen und Gewohnheiten entsprechend, feststehend oder weg­nehmbar sind. Seit Anfang dieses Monats ist der frühere Landrat, nachherige Strafanstaltsdirektor v. Ben- nigsen-Förder in sein neues Amt als Direktor des hiesigen Stadtvogteigefängniffes eingeführt tvorden. Letzteres ist mit dem Amtsgebäude des Polizeipräsidiums verbunden und nimmt nur noch die wegen Uebertretungen und leichter Vergehen Verhafteten auf, soweit sie sich in Untersuchungs­haft befinden. Da in neuerer Zeit so viel von Er­leichterung des Geschworenendienstes die Rede gewesen ist, so möchte der das Wesen der Einrichtung und diese selbst nicht berührende Vorschlag zu erörtern sein, ob nicht den zu den Schwurgerichten einberufenen Personen auf den Staatseisenbahnen freie Hin- und Rückfahrt zu gewähren sei. Es dürfte wohl nicht leicht einen Sitz von Schwur­gerichten geben, zu dem nicht eine Eisenbahn führte. Wenn solche Zugeständnisse den Mitgliedern des Herrenhauses gemacht werden, welch letztere ohnehin von denselben während der ganzen Sessionsdauer Gebrauch machen können, so haben gewiß die im Dienste der Rechtspflege und des Ge­meinwesens thätigen Geschworenen Anspruch auf eine solche Erleichterung. Was von den Geschworenen gilt, könnte auch, soweit es eben angeht, auf die Schöffen Anwendung finden, doch find diese ja nicht so lange abwesend wie die ersteren. Der Reichstanzler trifff morgen oder über­morgen in Berlin ein und will sich, wie versichert wird, lebhaft an den Beratungen des Reichstags beteiligen.

Die Neueinteilung des Auswärtigen Amtes in drei Abteilungen ist nunmehr vollständig durchgeführt. Der ersten (politischen) Abteilung, deren Chef Unlerstaats- sekretär Graf Herbert Bismarck ist, gehören die Vor­tragenden Räte Wirklicher Geh. Legationsrat Bucher, die Geh. Legationsräte v. Holstein, Graf zu Rantzau, Dr. Krauel, Dr. Lindau und Wirklicher Legationsrat v. Brauer an, sowie in der Unterabteilung für die Personalien Geh. Legationsrat Humbert. Die zweite (handelspolitische) Ab­teilung mit Graf Berchem als Direktor, zählt 5 vortra­gende Räte, nämlich Wirkl. Geh. Legationsrat Reichardt und die Wirkl. Legations-Räte Gerlich, v. Eichhorn, Frhr. v. Lindenfels und Dr. v. Mühlberg. An der Spitze der dritten (Rechts-) Abteilung steht der Direktor Hellwig; Vortragende Räte sind darin: Wirkl. Geh. Legationsrat Göring, die Geheimen Legationsräte v. Frantzius und von Heydebeeck, sowie der Wirkl. Legationsrat Dr. Kayser. Im neuen Etat Werder für das Reichsgericht drei neue Ratsstellen mit je 12000 Mark gefordert. Zur Begrün­dung heißt es:Die Geschäftölast bei den fünf Zivil­senaten, welche mit zusammen 36 Räten besetzt sind, hat in dem Grade zugenommen, daß sich bereits Anfang Juli 1885 bei vier derselben die Notwendigkeit ergab, die Ter­

mine bis in das nächste Jahr, bei einem derselben bis in den März hinauszurücken. Es ist daher eine Vermehrung der Arbeitskräfte dringend erforderlich." Unter den außer­ordentlichen Ausgaben int Militäretat begegnen wir auch einer Position von 806000 Mark als erste Nate zur Be­schaffung bezw. Herrichtung derjenigen Verbandmittel und Geräte, welche erforderlich sind, um die antiseptische Wund­behandlung int Felde und in armierten Festungen, der jetzigen Methode vollständig entsprechend, zur Durchführung zu bringen. Im Jahre 1884 wurde eine Konferenz ver­anstaltet, zur Besprechung der während der Ausstellung int Jahre 1883 auf dem Gebiet der Hygiene und des Rettungswesens gemachten Erfahrungen und des daraus für die Armee zu ziehenden Nutzens. Diese Konferenz von erfahrenen Sanitätsoffizieren und Autoritäten auf dem Gebiet der Chirurgie und des Krankentransportwesens bestätigte einstimmig die Ansicht der Militärverwaltung, daß es durchaus notwendig und sehr wohl möglich sei, jedem im Felde re. verwundeten Soldaten die Wohlthaten der antiseptischen Wundbehandlung angedeihen zu lassen. Die Militärverwaltttng hat es deshalb in Ergänzung der schon vorher in dieser Richtung getroffenen Maßnahmen nicht unterlassen, die bezüglichen Etats der Kriegs-Sani- tätsordnung einer Neubearbeitung zu unterziehen, wonach sich ergab, daß zur Ermöglichung einer vollständigen Durch­führung der antiseptischen Wundbehandlung int Kriege nach der, durch Praxis und Wissenschaft festgestellten Methode, für die preußische Militärverwaltung ein Kosten­aufwand von etwa Mk. 1180000 zur Zeit erforderlich ist. Hiervon entfallen auf die schon im Frieden vorrätig zu haltenden antiseptischen Verbandrnittel Mk. 521 000. auf ärztliche Instrumente, Geräte und

Arzneibehältniffe...... 439 000.

auf Verbandspäckchen zu Notverbänden

für jeden Soldaten. . . . . 220 000. zusammen wie vor Mk. 1180000. Für das Etatsjahr 1886/87 wird beabsichtigt, die Be­schaffung und Umänderung des Materials sämtlicher Feld- Sanitäts-Formationen, sämtlicher Arzneibehältniffe der Truppen und einzelner Grenzfestungen vornehmen zu lassen, was einen Kostenaufwand erfordert von etwa Mk. 806 000 während für 1887/88 ....... 374000

verbleiben. Zu den Beschaffungen rc. des antiseptischen Materials des größten Teils der Festungslazerettdepots, der Verbandspäckchen für Soldaten nnd der gemischten Be­stecke für stellvertretende Stabsärzte und für detachierte Forts.

In dem Zeitpunkt, wo das Projekt eines die beiden deutschen Meere verbindenden Kanals so weit gediehen, daß dasselbe als eine Vorlage der Reichsregierung dem Reichstage unterbreitet werden soll, wendet sich das allge­meine Interesse mehr den je denn Arbeiten, zu welche die Grundlage für das seit so langer Zeit geplante Unter-

Heitzer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Es freut mich sehr, eine alte Freundin hier begrüßen zu können," sagte Ida herzlich.Doktor Grell wußte nicht, daß wir uns schon als ganz junge Mädchen gekannt. Wie geht's Dir, liebe Adelet"

Es war eine herzliche Ansprache und ein inniger Hände­druck, womit Ida v. Brunner die ehemalige Pensions- Freundin begrüßte.

Walter hatte es doch sehr wohl gewußt, wen er in der Villa einsührte und daß Beide längst sich kannten, daß sie in einem sehr kritischen Moment vor zwei Jahren zu­sammen gekommen waren; seine Absicht war, sie einander näher zu bringen, sie aufs Neue zu befreundeu, weil es ihm dünkte, es werde auf Beide einen wohlthätigen Einfluß üben, wenn sie sich gegenseitig auszusprechen Gelegenheit, fänden.

Die Frage:Wo ist er?" schwebte Adele auf den Lippen, seit sie Ida wiedergesehen, doch sie vermochte dieselbe nicht auszuspechen.

Ida zeigte sich unbefangener, war sie doch vorbereitet gewesen, Adele zu sehen. Sie freute sich aufrichtig über deren gutes Aussehen und auch Adele fand und erklärte, daß die Jugendfreundin einen weit vorteilhafteren Eindruck jetzt als früher machte. Ida war nicht mehr so schlank wie sonst; eine gewisse frauenhafte, ihr recht wohl anstehende Fülle ließ sie frisch und gesund, beinahe jünger als sie war, erscheinen.

Auf Anrathe» des Herrn Doktor hier," sagte Ida, habe ich mein Söhnchen mitgebracht; der kleine Mann ist ttwas zart und der Doktor ist überzeugt, daß die frische, kräftige Luft hier ihm gut thun werde."

Sie bemerkte wie Adele befremdet auf sie blickte: sie reichte der Freundin beide Hände hin und fuhr fort:

Ja, Adele, ich habe ein Kind sein Kind und bin eine glückliche Mutter! Die Zeit, seit ich ihn in Deiner Gegenwart gesehen, wäre eine tote für mich gewesen, hätte Gott mir den Knaben nicht geschenkt..... Meine Gedanken sind ein unausgesetztes Dankgebet zu Gott für dieses Kind!"

Adele war bewegt. Sie fühlte, daß diese Frau ein höheres Recht an ihn besitze als sie selbst; war sie doch die Mutter seines Kindes.

Und wo weilt der Vater? konnte sie sich doch nun nicht enthalten zu fragen. Eine mächtig sich geltend machende Stimme in ihr sprach deutlich genug, daß sie nun in anderer Weise an ihn denken müsse, da neue Bande ihn an seine Gattin geknüpft unlösliche Bande die der Vaterpflicht, die des gemeinsamen Namens mit dem Sohne, dem Stamm­halter vielleicht seines Geschlechts, Bande, ebenso stark und fest in moralischer wie in rein menschlicher Geltung!

Ich weiß es nicht", erwiderte Ida trübe, gedrückt.Der Arme hat sich ja selbst verbannt. Ich wünschte nur, er wüßte daß wir beide ihm verziehen.....* Sie

blickte bittend auf Adele.Er weiß es nicht einmal, daß er einen Knaben hat, und es ist das wirklich eine Strafe für ihn groß genug um all' seine Schuld zu sühnen, denn der Besitz und die Liebe eines Kindes sind ja das höchste irdische Glück!"---

Walter Grell hatte gleich nach seiner Ankunft, Ida und Adele sich selbst überlassend, sich zu Ella gewandt und ihr gesagt:

Fräulein Ella, wollen Sie jetzt mit mir zu den wilden Rosen gehen? Sie find nicht wett box hier dort auf jener Anhöhe; es find sehr schöne Stämme und Sie werden Ihre Freude haben."

Ella willigte errötend ein. Sie holte ihren großen

Strohhut und befestigte ihn auf den blonden Locken; ein schüchtern-verschämter Blick streifte hinüber zu Walter, der seine Augen nicht von ihr wandte. Er fand sie aller­liebst heute und nahm sich vor, zu prüfen, ob sie seine Liebe erwidere.

Sie brachen auf, nach der bewaldeten Höhe zu, nnd gingen lange schweigsam neben einander her. Ella war sehr befangen: ahnte sie den Wendepunkt in ihrem Leben? Ihr Herz klopfte mächtig, ahnungsschwer, und Walter Grell war nachdenklich.

Er sann darüber nach, ob es denn wirklich Liebe sei, was ihn an Ella fesselte, jenes warme, innige Gefühl, über das er sich kaum Rechenschaft zu geben vermochte, das ans Zärtlichkeit und Hochachtung zusammengesetzt war. Wenn er daran dachte, daß er vielleicht dies liebe Gesicht nicht mehr sehen sollte, bann ward es ihm doch weh nms Herz und er fühlte, daß er Ella nicht mehr entbehren könne, daß sie zu seinem Glück gehöre; und so mußte er sich denn sagen, daß diese seine Liebe zu dem jungen Mädchen mit dem kindlichen Herzen eine wahre, vernünftige und vollberech­tigte sei, ohne zu tiefe Leidenschaft, wie solche den Frieden und die Ruhe des Lebens nur zu leicht stört, und er dankte seinem Gott daß er ein so ruhiges Herz besaß, das obwohl es warm zu empfinden vermochte doch nicht ausschritt in heißer Liebesgluth, sich und Andere unglücklich machend.

Hier sind die schönen wilden Rosen, Fräulein Ella," sagte Walter, indem er vor den zahlreichen Büschen, bedeckt mit Hunderten der prächtigsten Kinder der Wald-Flora, stehen blieb. Er erhaschte eine der schönsten Ranken und brach sie für Ella.

Ich danke Ihnen sehr, Herr Doktor," entgegnete diese; sie sind in der That selten schön in ihrer einfachen Anspruchs­losigkeit." (Fortsetzung folgt.)