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Wöchentliche Srihißnc Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. Illustriertes Lountagsblatt..

Expedition Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Job. Aug. Koch <-_____ _____ _________

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Die deutsche Thronrede und die auswärtige Lage.

Seit der Entstehung des Deutschen Reiches hat sich Europa daran gewöhnt, in kritischen Momenten seine Blicke nach Berlin zu richten, um die Beschaffenheit des politischen Horizontes zu ergründen. Wenn dann diese bedenklichen Augenblicke zusammenfallen mit den offiziellen Kundgebungen, wie sie bei Eröffnung des Reichstages stattzufinden pflegen, so richtet sich die öffentliche Meinung mit besonderer Span­nung auf deren Wortlaut. Denn jene kurz gefaßten, schlichten Darstellungen über die auswärtige Lage haben bis jetzt die Welt noch niemals getäuscht. Man schenkt ihnen deshalb unbedingtes Vertrauen und sieht mit Recht in ihnen die Richtung der politischen Entwickelung des kommenden Jahres. Es ist kein Wunder, daß diese schein­bar anspruchslosen Verkündigungen im Auslande eine viel größere Wirkung Hervorrufen als in Deutschland und daß sie die begeistertste Ausnahme dort fanden, wo die Gefahr der Verwickelungen am höchsten gestiegen war: in Oester­reich - Ungarn.Die orientalische Gefahr ist beseitigt schreibt dieWiener (alte) Presse" seit der deutschen Thronrede ist sie von der Tagesordnung abgesetzt." Und fast alle Blätter von politischer Bedeutung stimmen in beiden Reichshälften darin überein, daß die Worte der Thron­rede:Seine Majestät der Kaiser hegt die zuversichtliche Hoffnung, daß die Kämpfe der Balkanstaten untereinander den Frieden der europäischen Mächte nicht stören werden" einer Bürgschaft des friedlichen Ausgleichs gleichzuachten sei. Auch in der französischen und englischen Presse wird bestätigt, daß nach dem Passus der Thronrede, der die Achtung der vor sieben Jahren geschlossenen Verträge seitens der Volksstämme im Balkangebiet verheißt, das Einvernehmen der Dreikaisermächte thatsächlich fortbestehe.

Da nun auch der Kampf zwischen Serbien und Bul­garien vor Slivnitza zum Stehen'gekommen ist und der Fürst Alexander sich der Pforte unterworfen hat und Ost- rumelien räumt, so wäre bei einigermaßen gutem Willen der Großmächte ein Ausgleich abzusehen. Leider wird dieser gute Wille bei den Westmächten vermißt; Frank­

reichs Teilnahme am Konzert ist lahm gelegt durch Re- gierungs- und Verfaffungskrisis im eigenen Lande. Und in Engsand hat sich die Opposition unter Gladstone mit der Regierung über dieselbe vexatorische Politik im Orient geeinigt. So bleiben nur die Dreikaisermächte und Italien, welche die Sache in die Hand nehmen werden, um mit Ausschließung Englands und bei Stimm-Enthaltung Frank­reichs Ruhe und Ordnung am Balkan zu schaffen und den bedrohten Weltfrieden zu sichern. Die ganzen Verwicke­lungen aber, welche eingefädelt waren, um das gute Ver­hältnis unter den drei Kaisern zu sprengen, muß jetzt dazu dienen, es noch fester zufammenzukitten. Wenn es gelungen sein wird wozu die besten Aussichten vorhanden sind die Interessengegensätze zwischen Oesterreich - Ungarn und Rußland, die durch die ausgebrochenen Kämpfe in ihrer ganzen Schärfe hervor geschoben waren, friedlich zu begleichen, so hat der Dreikaiserbund seine Probe bestanden. Mit den immer stärker anschwellenden Gefahren der Situation war auch der Wille und das Bemühen erstarkt, ihr jede europäische Spitze abzubrechen. Hätte Oesterreich-Ungarn, Deutschland oder (das offizielle) Rußland den Krieg ge­wollt, so wäre er jetzt vom Zaun zu brechen gewesen und hätte die anderen Mächte unaufhaltsam fortgeriffen. Auch befähigten Kriegsbereitschaft, materielle Machtmittel und zen­tralisierte Kraftleistung der ganzen Ration jeden einzelnen dieser Staaten, das Schwert zu ziehen. Jndeffen erlebten wir das merkwürdige Schauspiel, daß die Mächte, welche Krieg führen könnten und nach jeder Richtung hin die denkbar günstigsten 'Verbindungen für sich vereinigen, den Krieg nicht wollen; daß bagegegen die Mächte, die den Krieg versteckt oder offen wollen, ihn vermöge der Gewalt der Umstände kaum führen können.

Es ist damit keineswegs gesagt, daß unter den drei tonangebenden Mächten schon jetzt ein positives Abkommen über die Art und Weise der Applaniernng der orien­talischen Wirren zu Stande gekommen fei. In d m nega­tiven Teile des Uebereinkommens aber ist man einig. Man wird die störenden Rückwirkungen der Krisis auf die allgemeinen Friedensinteressen fern halten, Ckierne- europäischen Streit zu vermeiden. Ob nun in um den Dice und Kremsier paragraphierte Verträge unterzeichnet wurden oder nicht, so viel steht fest, daß eine Basis ver­einbart wurde, auf der das politische Freundschaftsver­hältnis der Kaiser forterhalten werden konnte. Diese Basis kann nur eine Abgrenzung der Machtsphären im Orient gewesen fein, die auch in den jetzigen Kämpfen seitens Oesterreichs und Rußlands respektiert werden wird. Serbien und Salonichi sind zweifellos der österreichischen Machtsphäre zugeteilt. Das suzeräne Bulgarien und auto­nome Ostrumelien stehen vermöge der Kämpfe ihrer Ver­gangenheit zu Rußland in intimen Beziehungen. Der Zündstoff in Maecdonien, Albanien und in den Schwarzen Bergen, von dem man ein so großes Geschrei machte,

hat sich als nicht mehr explosionsfähig erwiesen und höchstens ein Strohfeuer angeregt. In Griechenland ist der nationalen Begeisterung mit einigen Kamnter - Reden und Aufzügen Genüge geleistet, und die Politiker find er­nüchtert, während die Epigonen des Milliades scharen­weise desertieren. Mehr als irgend eine andere Macht wünscht Bulgarien selbst den Status quo ante zurück und Serbien, das seinen Losbruch mit bulgarischen Provoka­tionen an der Grenze entschuldigt, wird glücklich fein mit einer formellen Genugthnung davonzukommen. Von den ganzen Wirren wird nichts weiter übrig bleiben als die Feststellung der Thatsache, daß England der Feind des Friedens, der Sicherheit und der Ruhe Europas ist. Der Putsch in Philppopel und dessen versuchte Ausbeu­tung auf der Konferenz und privatim bei der Pforte haben das zur Evidenz erwiesen.

Deutsches Reich. '

Berlin, 23. Rov. DerReichsanzeiger" erklärt die Nachricht derDarmstädter Zeitung" vom 12. November, daß der preußische Sekonde-Leutnant Prinz Franz Joseph von Battenberg mit Zustimmung des Kaisers in die bul­garische Armee eingetreten sei, für völlig aus der Lust gegriffen. Der Botschafter der Türkei Tewfik - Pascha ist heute hier eingetroffen. Das Präsidium des Reichs­tags ist heute von dem Kronprinzen empfangen worden, der Empfang beim Kaiser soll in einigen Tagen erfolgen. Der Reichskanzler hat dem Bundesrat eine Reihe von Vor­schlägen des Reichseifenbahnamts über die Ergänzung des Reglements für die Eisenbahnen Deutschlands hinsichtlich derÄe förberung gefährlicher Transportartikel zugehen lassen. Demnach sinb unter besonderen Vorsichtsmaßregeln ber Ver­packung zulässig: Holzpulver, ein neues explosives Präparat als Ersatz für Schießpulver; ferner Knallbonbons, Knall­erbsen, Celloibin, fäulnisfähige tierische Abfälle, sowie anbere in besonberem Grabe übelriechende unb ekelerregende Gegen­stände, welche in offenen Wagen unter Deckenverschluß und erforderlicher Desinfektion zu versenden sind. Dem Reichstag liegt der Rechenschaftsbericht der Reichsregierung über die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes für Berlin und Umgegend, Hamburg-Altona und Leipzig auf ein Jahr vor. Wir entnehmen dem Bericht folgendes: Was zunächst die derzeitige allgemeine Lage der sozial­demokratischen Partei im deutschen Reiche betrifft, so ist eine Abnahme des Interesses an der Parteibewegung int allgemeinen nicht zu erkennen gewesen. Die Bewegung befindet sich eher im Steigen, zumal die den Umsturz­bestrebungen ergebene deutsche Sozialdemokratie in den revolutionären Gesinnungsgenossen der übrigen Welt Rück­halt und Unterstützung findet. Zahlreich waren die öffent­lichen Versammlungen, welche die Partei in neuerer Zeit abgehalten hat, daneben wurde die Agitation in Werkstätten, Schanklokalen, auf Landpartien betrieben. Einen starken

Heißer Sin«.

Roman von Theodor Käst er.

(Fortletzuna.)

Und der arme Graf Dernburg?" tonnte Ella sich doch nicht enthalten, einzuflechten.Was wird aus ihm?"

Ihre Stimme erzitterte in mitleidiger Aufwallung, denn in einem Herzen, welches liebt, lebt auch natürlich die Teilnahme auf für andere, deren Liebe auf Hindernisse stößt ober bie sich nicht verstehen.

Ich bebauere Graf Dernburg recht sehr", entgegnete Abele traurig,allein ich habe kein Herz, um es ihm zu geben."

Der Sommer nahte heran, ber Badeort Bergenau be­gann sich zu füllen unb Walter Grolls Zeit war sehr in Anspruch genommen. Nur selten konnte er einen Besuch in ber Villa ©oben machen, wohin Krankheit ihn glück­licherweise nicht rief. Nur auf ber Brunnen-Promenabe traf er fast jeden Vormittag Adele und Ella, und dann gab es nur einen flüchtigen Gruß und wenige Worte nur wurden gewechselt, denn des jungen Arztes meist anspruchs­volle Patienten ließen ihm wenig freie Zeit.

Aber Ella, ich bitte Dich!" sagte Adele eines Tages sehr ernst zu ihrer Schwester, als Beide in der Brunnen- Allee vor dem Orchester promenierten, indem sie auf Walter deutete, der zwischen zwei Damen einer alten und einer jungen einherging, und auf eine Aeußerung Ella's anspielte.Diese eifersüchtigen Regungen mußt Du Dir entschieden abgewöhnen, ein Arzt und obenein ein junger, dem der Ruf der Tüchtigkeit vorausgegangen, wird von allen Damen alten wie jungen in An­spruch genommen und die Frau eines Arztes darf gar keine Neigung zur Eifersucht haben, Ella!"

Ach Gott, Adele, Du sagst Frau: wär' ich doch nur erst seine Frau, ich würde dann auch gewiß nicht mehr eifersüchtig auf Andere sein! Sobald er mir nur 'mal gesagt hat, daß er mich liebt, und mir Treue gelobt hat, dann ist's ja gut und bann glaube und vertraue ich ihm auch gern."

Na ä la bonos heure, Schwesterchen, das war doch brav und resolut gesprochen!" lachte Adele.

In diesem Augenblick verabschiedete Walter sich von den andern Damen und trat auf die beiden Fräulein v. Soden zu. Es reichte ihnen die Hand und heftete einen langen, glücklichen Blick auf Ella's lieblich errötendes Gesicht, bereit Hände eine geraume Zeit in den feinen haltend. Dann wandte er sich an Adele und sagte:Eine Dame meiner intimsten Bekanntschaft wird mit ihrem Söhnchen hierher kommen; gestatten Sie, gnädiges Fräulein, daß ich sie Ihnen zuführe? Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie Freundinnen würden; sie ist eine sehr liebe Frau. Sie wird wahrscheinlich heute noch ankommen: darf ich sie Ihnen morgen vorstellen? Die arme junge Frau würde sich sonst unter all' den Fremden hier gewiß recht einsam fühlen."

Ihre Freunde, lieber Doktor," erwiderte Adele herz­lich,werden stets auch die unseren sein. Ich freue mich auf die Bekanntschaft der Dame; ist sie noch jung?"

.Ich glaube kaum, daß sie viel älter fein wird als Sie, Fräulein Adele. Für Ihre Bereitwilligkeit, sie zu empfangen, meinen verbindlichsten Dank. Aber sehen sie: nicht' mal einige Minuten tarnt man ungestört mit Bekannten plaudern, denn dort sehe ich eine meiner Pa­tientinnen kommen, die schon lange auf mich gewartet.

O wenn es doch erst wieder Herbst wäre! Dann erst findet ein Mann wie ich wieder Muße unb kann sich selbst angehören. Auf morgen also, meine Damen! Fräulein Ella," wandte Dr Grell sich an diese,morgen werde ich Ihnen einen Ort zeigen, wo Sie die schönsten Rosen finden können, die Sie ja so sehr lieben und die sich zur Veredlung prächtig eignen. Alsy auf Wiedersehen, meine Damen!"

Ella blickte ihm nach es war ein Blick, aus dem die tiefste, reinste Zuneigung unverkennbar sprach. Er hatte also doch ihrer gedacht, als er jene wilden Rosen, die sie so sehr liebte, gefunden; hatte nicht vergessen, was sie einmal flüchtig erwähnt. Sein inniger Blick hatte Ella's Herz freudig klopfen machen und als er ihre Hände so fest zwischen den seinigen gehalten unb so lange, da hätte sie ihn bitten mögen, daß er sie so durchs Leben leite, denn so schön und so freundlich hatte ihr nie die Welt gedünkt und sie war glücklich, namenlos glücklich und selig, denn nun glaubte sie an feine Liebe zu ihr.

Am folgenden Morgen saßen Adele und Ella auf der Terrasse ihres Hauses und erwarteten den jungen Bade­arzt mit der ihm befreundeten Dame, welche in der Villa Soden vorzustellen er versprochen hatte.

Bald erschien denn auch Walter, an seiner Seite eine anmutige junge Frauensperson, die Adele erst erkannte, als sie nur wenige Schritte vor ihr stehen blieb. Adele erbleichte unb hatte für einen Moment die Fassung ver­loren, bann aber trat sie gefaßt Ida von Brunner ent­gegen, denn sie war es, welche der Doktor brachte.

lFortsetzuug folgt)