Marburg, Dienstag, 24. November 1885.
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Deutscher Reich.
, Berlin, 21. Nov. Die Frau Kronprinzessin bat heute ihren 45. Geburtstag gefeiert und zahllose Glückwünsche und Geschenke haben ihr bewiesen, welcher Beliebtheit sie sich io ihrer zweiten Heimat erfreut. Unter den ersten Depeschen, die eir liefen, befand sich ein Glückwunsch des itelienischen KönigSpaareS. Aus der Garnison Posen war der Kommandeur des zweiten LeibhusarenregimentS Nr. 2, dessen Chef die Kronprinzessin ist, Oberst Frhr. v. Stein, mit einer Abordnung den Osfizierev hier eiugetrrffen, um bet Abstattung der Glückwünsche des Offizierkorps einen ungemein prachtvollen Blumenstravß zu überreichen. Den Mittelpunkt der heutigen Feier bildete die Einweihung der englischen St. GevrgSkap>llr, zu ter die Kronprinzessin bei Gelegenheit ihrer silbernen Hochzeit im Jahre 1880 die erste Anregung gegeben und deren Vollendung sie seitdem mit vnermüdlichem Efer betrieben hatte. Nach der kirchlichen Feier begab sich die hohe Frau zum Kaiser, dessen Befinden leider noch immer nicht eine Ausfahrt gestattet und der seine Glückwünsche deshalb tu der eigenen Häuslichkeit darbringen mußte. Tie Geburtstagsfeier wird mit einer großen Abends« plich leit im kronprivzlichev Palais schUeßen, zu der große Vorbereitungen getreffen find. — Der Reichskanzler verkündet, daß die 1880 festgcstellte Anleitung zur Ausstellung der Uebersichten der Tabvkbesteue- rrug rahiu zu ändern sind, daß die Frist sür die Einsendung der llebersicht über den Tabakbau und die Ergeb- nifie ter Tabakernte vom 1. Mai auf den 1. Juli des auf die Erute folgenden Jahre- verlegt wird.—Die Lehrer der höheren Mädchenschulen wenden sich an den Utter» richtkmiuister mit ter Bitte, genannte Schulen mit sieben und mehr CtufevNasien unter die höhern Schulen aufzu- nehmkn und den Lehrern an deuselben alle au- solcher Stellung folgenden Rechte zu erteilen. Tie seminaristisch gebildeten Lehrer der Vorschulen höherer Lehranstalten wollen um Gleichstellung ihrer Gehälter mit den GerichtSsekretäreu bitten. — Dem Reichstag ist der Entwurf eines Gesetzes,
betreffenb die Fürsorge für Beamte und Personen teS Sol- datevstandeS infolge von Betriebsunfällen, zugegongen, deffen erste Paragraphen lauten: § 1. Beamte der ReichsZivil- verwaltung, des ReichSkeereS und der kaiserlichen Marine und Personen deS SoldatevstandeS, welche in reichsgesetzlich der Uufallverstcherung unterliegenden Betrieben beschäftigt find, erhalten, wenn ste infolge eines im Dienst erlittenen Betriebsunfalles dauernd dienstunfähig werden, als Pension fechsundfechztgzweidrittel Prozent ihre« jährlichen Tienst- eiukowmenS, io weit ihnen nicht nach anderweiter reichegesetzlicher Vorschrift ein höherer Betrag zust-ht. § 2. Die Hinterbliebenen solcher im § 1 bezeichneten Personen, welche infolge eines im Dienst erlittenen Betriebsunfalles gestorben sind, erhalten eine Reute, welche beträgt: a) für die Witwe bis zu deren Tode ober Wiederverheirctuvg 20 Prozent des jährlichen Diensteid kommens deS Verstorbenen, jedoch nicht unter 160 Mk. unb nicht mehr als 1600 Mk.; b) für j«bkS Kind bis znr Vollendung des achtzehnten Lebensjahres oder bis zur etwaigen früheren Verheiratung, sofern die Mutter lebt, süufuudfiebzig Prozent der Witwenrente, und sofern die Mutter nicht mehr lebt, die volle Witwenrente. Die Renten der Witwe und der Kinder dürfen zusammen sechzig Prozent deS DiensteivkcmmevS nicht übersteigen. Ergiekt sich ein höherer Betrog, so werden die einzelnen Renten in gleichem Verhältnis gekürzt. Steht nach ander- weiter reichSgesetzlicher Vorschrift den Hinterbliebenen ein höherer Betrog zu, so erhalten sie diesen. Der Anspruch der Witwe ist ouSgeschlosien, wenn die Ehe erst nach dem Unfall geschloffen worden ist.
— 22. Nov. Die »Nordd. Allgem. Ztg," schreibt: Wie wir vernehmen, hat Papst Lev XIII. dem königlichen G-sordtw beim Vatikan zwei Exemplare ber Enzyklika „de constitutione civitatum Christiana“ in sehr geschmackvoller Ausstattung übergeben, damü dieselbe in seinem Namen Sr. Majestät dem Kaiser, sowie auch dem Reichskanzler überreicht würden. Dem für den Fürsten BiSma'-ck bestimmten Exemplar hat der Papst noch feine jüngsten zu einem Bänkchen zufowmengefaßtin Gedichte „Novissima Leonis XIII. Pont. Max. carmina“ hiozugefügt. Bekanntlich war schon der Kardinal Pecci wegen der Tiefe und Gründlichkeit seiner klasstschen Bildung in hohem Ansehen. Die vorliegenden Gedichte beweisen, daß der Ver- faffer auch auf dem päpstlichen Stuhle noch Muße findet, seinen klassischen LieblingSneigungen obzuliegen. Die Gedichte verraten eine außerordentliche Meisterschaft in jfcer Salinität, durch welche selbst ganz modernen Gedanken und Gegenständen ein echt klassisches Kolorit gegeben wird. Damit verbindet sich eine Kunstfertigkeit in der Behandlung des Metrums, welche um so größere Anerkennung verdient, je entfernter ber heutigen Zeit die Studien der klasstschen Rhapsodie ließen.
— Die dentsckkonservative Fraktion deS Reichstags hat einen Antrag auf Einführung fünfjähriger Legislatur- Perioden (das Gesetz soll mit Ende der lausenden Legislaturperiode in Kraft treten) eingebracht. — Der Abgeordnete v. Köller hat mit Unterstützung der deutschkon» servativen Partei folgenden Gesetzentwurf, betreffend die Abänderung des Reichsbeamten Gesetze», im Reichstage ein» gebracht: Artikel I Hinter § 34 des Reichsbeamtengesetzes vom 31. März 1873 wird folgender neue $ 34 a eingestellt : Bei denjenigen aus dem Dienste scheidenden Beamten welche das 65. Lebensjahr vollendet haben, ist eingetretene Dienstunfäbigkeit nicht Vorbedingung k es Anspruchs auf Penston. Artikel II. An die Stelle deS § 41 Absatz 1 bis 3 und des § 48 Absatz 1 des Reichsbeamtengesetzes treten folgende Vorschriften: § 41. Die Pension beträgt, wenn die Versetzung In den Ruhestand nach vollendetem zehnten; jedoch vor vollendetem elften Dienstjahre eintritt; 15/go und steigt von da mit jedem weiter zurückgelegten Dienstjahre um V«° des in den §§42 bis 44 bestimmten Diensteinkommens. Neber den Betrag von «s/so dieses Einkommens hinaus findet eine Steigerung nicht statt. In dem im § 36 erwähnten Falle beträgt die Pension i5/eo, im Falle des § 39 höchstens 15/«o des vorbezeichneten Diensteinkommens. § 48. Die Dienstzeit, welche vor den Beginn des einunkzwarzigüen Lebensjahres fällt, bleibt außer Berechnung. Artikel III. Hinter § 60 deS ReichSbeamtengefktzeS wird folgender neue § 60a eingestellt: Sucht ein Beamter, welcher das füufundsechSzigste Lebensjahr vollendet hat, feine Versetzung in den Ruhestand nicht nach, so kann diese nach Anhörung der Beamten unter Beobachtung ber Vorschriften der §§ 53 ff. in der nämlichen Weise verfügt werden, wie wenn der Beamte seine Pensionierung selbst beantragt hätte. Artikel IV. Ist die nach Maßgabe diese- Gesetzes bemessene Pension geringer als die Penston, welche dem Beamten hätte gewährt werden müssen, wenn er am Tage vor dem Jnkrast- treten diese S Gesetzes nach den bis dahin für ihn geltenden Bestimmungen pensioniert worden wäre, so wird diese letztere Penston an Stelle ber ersteren bewilligt. Artikel V. Dieses Gesetz tritt mit dem Tage seiner Verkündigung in Kraft. — Von den ZmtrnmSmltglledern ist ber Antrag auf Einführung ber Berufung in Straffachen wiebernm beim Reichstage eingegangen. — Die Sozialisten brachten im Reichstage ben Antrag ein, ben Reichskanzler zu ersuchen, eine internationale Konferenz wegen Einführung beS zehnstündigen Normalarbeitstages, sowie wegen Abschaffung ber Frauen- unb Kinder-Arbeit zu berufen unb in Deutschland eine Erquels behufs Feststellung ber Lohn- verhältniffe der Lohnarbeiter zu veranlaffen. — Der Antrag der Polen wegen den Ausweisungen aus Preußen wird von dem Zentrum unb den Sozialisten unterstützt.
Heister Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
So erging es auch dem Grafen Dernburg: Adele schätzte ihn sehr; wenn sie aber daran dachte, daß er fie zu seiner Gattin begehre, dann überlief eS sie eiskalt und fie schauderte bis ins innerste Herz. Sie wußte, wie sehr diese Verbindung mit den—allerdings nie ausgesprochenen Wünschen ihres Vaters harmonieren würde, hatte diesem jedoch trotzdem eines Tages, al» er ihr sanfte Vorwürfe gemacht darüber, daß fie ihr Leben zwecklos zu vertrauern Miene mache, daß ste alle — auch die besten — Bewerber um ihre Hand abweife, geantwortet: „Graf Dernburg verdient ein ganzes Herz, lieber Vater, ungeteilte Liebe — und die kann ich ihm nicht bieten. Papa, bringe nicht in mich! ES ist wahrlich beff-r, wenn ich unvermählt bleibe.
Der alte Herr war tief bekümmert über diese Antwort der geliebten Tochter; er hätte so gern Adele wieder ebenso hurrnloS und heiter gesehen, gleich glücklich, wie fie eS früher gewesen, vnd er zürnte Reinhard v. Brnnner nun, ja er haßte ihn beinahe, well er daS Glück seines KindeS zerstört. Eie ahnte daS und bittend sagte ste zu ihrem Vater: „Laß nicht Deinen Haß ihn treffen, bester Papa, er ist nicht ehrlos, er ist nur unglücklich, durch sein leidenschaftlich empfindende» Herz selbst elend geworden und hat absichtslos dadurch auch ben FrühlinaStraum meine» Herzens vernichtet. Ein Verhängnis schwebt über uns, daS wir nicht zu meistern vermochten; wir gehörten zu einander, Vater, und der einzige Fehler ist ber, daß wir uns zu spät gesunden haben! Auch bin ich nicht so unglücklich, wie Du vielleicht glauben magst: ich habe doch einmal wenigstens mit vollem jugendlichen Herzen, mit ganzer Hingabe lllld glücklich geliebt, und daS können nicht alle Mädchen von stch sagen, Papa!
ES war allerdings nur ein kurzes Glück, doch ich bin genügsam und auch damit zufrieden: glebt eS doch unzählige Menschen, die sich weit, weit unglücklicher fühlen müssen, al» ich/
Adeles Resignation wollte dem alten Herrn gar nicht gefallen; er hielt fein Kind mehr denn jede andere dazu berechtigt, in der Ehe ihr Glück zu finden, und er gab auch die Hoffnung darauf noch nicht verloren.
Ella hatte daS Herz ihrer Schwester bester begriffen: ste sagte sich selbst, daß, wenn sie einmal lieben werde, e» auch für alle Zeit sein müste. Sie begann j-tzt nach und nach zu ahnen; waS Liebe eigentlich sei? Seit Doktor Walter Grell in ber Villa Soden verkehrte, war sie nicht mehr so harmlo» wie früher; mit fast eifersüchtigem Blick suchte sie zu ergründen, ob auch er von Adeles Schönheit geblendet seh Sonst hatte sie es immer gleich gewußt, ob die Bewerbung der Männer ihr oder Adele gegolten, bei Walter aber war ste bis jetzt im Zweifel geblieben; es wollte ihr so scheinen, als beschäftige er sich mehr mit Adele, als mit ihr; er konnte mit der älteren Schwester stundenlang sich auf« Anregendste unterhalten, während er Ella gegenüber sich meist übertrieben schweigsam verhielt, nur glaubte fie, bemerkt zu haben, daß seine Augen oft liebevoll aus ihr ruhten — auch wenn er mit Adele sich unterhielt.
Doch Ella verzagte nicht! — Sie liebte Walter — wenn fie auch oft schon die Hoffnung aufgegeben hatte, von ihm geliebt zu werden, sür sie hatte er meist nur einige neckende Worte gehabt und das kränkte ste.
Als Adele ihr am folgenden Tage da» Geheimnis ab- geschmeichelt hatte (denn der älteren Schwester war e» nicht verborgen geblieben r daß Ella's Herz berührt sei, auch ahnte sie durch wen); da ttöstete fie die „Kleine-
zuversichtlich: „Mich liebt er nicht, Kind, darum find wir auch so gute Freunde; also sei gut, ich bin ihm eine liebe angenehme Schwägerin — nicht mehr. Warte nur, bi» die Stunde kommt, und ste wird kommen, glaub eS mit! — Ich wünsche Euch Beiden von ganzem Herzen Glück, denn Dr. Grell ist ein lieber, guter Mensch."
„Dafür mußt Du einen Kuß haben, Schwester!" rief Ella, entzückt an Adele hinaus hüpfend und fie umhalsend. „Siehst Du, jetzt habe ich Dir auch einen bösen Argwohn abzubitten: Du bist gegen ihn ganz anders — viel liebenswürdiger — al» gegen bett Grafen, unb ba dachte ich natürlich, Du würdest ihn lieben .... Aber verzeihe mir, Schwesterchen, wenn ich Dich für fähig hielt, so rasch zu vergeffen . . . ." Ella schlug stch nach diesen etwas über- eilten Worten auf den Mund und fuhr heiter fort: „Ich glaubte eben, jede» Mädchen müfle ihn lieben! — Verzeih' mir, liebe Adele, daß ich in ber Thai oft recht böse auf Dich war, wenn Du so stundevlang ihn bei Dir sitzen ließest und Ihr Euch so vortrefflich unterhieltet; manchmal hätt' ich wkklich foTkaufen mögen, um ba» nicht sehen zu mßffen, doch — ich wollte Such auch wieder nicht allein lasten und . . ."
„Aber Ella! — Kind, ba» ist ja die svrmliche Eifersucht!" tief Adele lachend. „Ich hätte Dich kleine Person einer solchen leidenschaftlichen Empfindung gegen Deine eigene Schwester kaum für fähig gehalten . . . W-S muß ich hören?!"
Und Adele konnte stch de» herzlichen Lachen» nicht erwehren. Dann jedoch fuhr ste ernster fort: „Hör' 'mal, Kind, ich will Dir etwa» sagen: glaube mir, Ihr Beide — Du und der Dokior — Ihr werdet glücklich werden, denn Du bist unter einem glücklicheren Gestirn geboren, als Deine Schwesterl^ (Fortsetzung folgt)