Heitzer Si««.
Roman von Theodor Küster.
(Fmtschnng.)
»Wem gehört die tote Villa dort, Onkel?' fragte Walter, die betreffende Besitzung mit stimm Opernglas aufmnksam betrachtend. „Sie ist in sehr geschmackvollem Stil erbaut, macht den Eindruck eines einem alten Aristokraten vom reinsten Waffer und blauestem Blut gehörenden Schlöffe».'
„Seine jungen Herrinnen — de» Schlöffe» nämlich — meine ich,' entgegnete der SanitätSrat, „find noch weit schöner, al» diese allerliebste Besitzung ihre» Papa»: da Iran man, wenn mau jung ist, sein Herz in Acht nehmen.'
„Wie heißen denn diese Schönen, Onkel?' fragte lächelnd Walter. „Diese so gefährlichen Schönen — gefährlich für junge und — alte Herren, denn Deine Augen leuchten ja förmlich hinüber nach dem roten Schlößchen !'-
„Ein AppellationS-GerichiSrat a. D. hat vor einem2 Jahre diese Villa nach von ihm selbst entworfenen Plänen erbauen laffen. Seim Töchter find wirklich allerliebste Mädel und ich habe mir meine Jugend noch nie so sehr zurückgewünscht, al» seit ich die Damen v. Soden kennen gelernt habe.'
„Soden?!' rief Master betroffen.
Er hatte diesen Namen nie vergessen, seit er inbtrett bei der Katastrophe seine» Freunde» Reinhard v. Brunner beteiligt gewesen. Er hatte Adele v. Soden nie gesehen, doch oft genug von ihr sprechen hören, da er ganz in der Nähe dieser Stadt, in welcher Herr v. Soden und sein Freund Brunner gelebt, sich eiustwellen al» praktischer Arzt niedrrqelaffen hatte.
Master Grell war in der That sehr neugierig, Adele
v. Soden kennen zu lernen; er hatte nie wieder etwa» von Reinhard gehört, der für ihn, wie für Alle, verschollen war. Mit Iva v. Brunner war er wiederholt zusawmen- getroffen, wenn et in seiner Heimat Besuche gemocht hatte; fie war oft bei ihrer Schwiegermutter und mit dieser war der junge Arzt persönlich sehr befreundet.
Dr. Walter Grell war nun nach diesem Badeort gekommen, um auf den dringenden Wunsch seine» Onkel» diesem die umfängliche ärztliche Praxi» abznnehmen, für welche der bejahrte SanitätSrat fich nicht mehr kräftig genug fühlte. Zudem war der Neffe de» Onk l» einziger Erbe, und dies zu fein, lohnte fich schon der Mühe.
Er hatte wahrlich nicht geahnt, Adele v. Soden — das unschuldige Verhängnis seines Freunde» Reinhard v. Brunner — hier zu finden, in diesem bayerischen Kurort, der für die Zukunft sein Wohnort werden sollte. Und vorauSfichtlich Hausarzt in der Familie v. Soden wußte er werden, da sein Onkel e« war. — Walter war im höchsten Grade neugierig. Diejenige zu sehen, welche da» Lebensglück seines Freundes unwiffentllich zerstört; er sagte deshalb zu seinem Oheim: „Wir wollen beute wenn DirS recht ist, lieber Onkel, die Reihe der Bistten bei Soden» beginnen; denn — offen gestanden — ich bin sehr gespannt, diese Damen kennen zu lernen, von beten Schönheit und Anmut ich schon früher viel gehört.'
„Da brennst ja, wie e» scheint, schon lichterloh, Junge, ehe Du fie noch gesehen hast!' rief lachend der SanitätSrat. „WaS übrigen» die Schönste der beiden Schwestern — Adele — betrifft, so leg nur all Deine etwaigen Hoffnungen gleich von vorn herein at acta: die eroberst Du nicht l Die ist käst wie Ei» und um fie haben schon ganz Andere al» Du fruchtlos geworben. Gras Dernburg ist ganz verzweifelt über ihre Kälte und — glaube mir! —'
irr. *7».
Marburg, Sonnabend, 21. November 1885.
XX. JahrMg-
StSfiÄ*« «k'. so ~jL.it au Zelle 10 ftt.
bttMche jfitiinii
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition b. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wren; Rudolf Moffe in Frankfurt ♦ e. M.,BerlmMünchen und Mu; CS. L. Daube und Co. b Frankfurt «.
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Expedition: Martt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Illustriertes SountagGlatt.
Eröffnung des Reichstags.
Berlin, 19. November.
Die zweite Sesflon bet 6. Legislaturperiode de» Rcich»- Mkö wurde heute nachmittag im SitzurgLsaale desselben mA 2 Uhr 10 Minuten eröffnet.
Zu den Abgeordneten, welche zuerst Im Saale erschienen, gehörte Abg. Graf v. Moltke, welcher sowobl von dem Präsidenten v. Wedell-PieSdorff, al» auch von Mitklledein der deutsch konservativen Fraktion und der Reicht Partei in chrerbietigster Weise begrüßt wurde.
»n den Tischen de» Bundesräte» erschienen unter Führung des StaatSminisier», Staatssekretär» de» Innern v. Bötticher, sehr zahlreich die Blvrllmkchtigtev zum Bundesräte, von denen inte» nur die Militär» Uniform angelegt hatten.
Der Staatssekretär de» Innern, Stavtkminister von Bötticher eröffnete alsbald die- Session de» Reichstag» mit folgender Rede:
Geehrte Herren!
Ee. Majestät der Kaiser hat mir den Auftrag zn erteilen geruht, Sie in Seinem und der verbündeten Regierungen Namen beim Wiederbeginn Ihrer Arbeiten zu begrüßen.
Der Entwurf zu Reichshaoshalt» - Etat wird Ihnen alsbald zngehen. Die Sorge für die Sicherheit de» Reich» und für die Befestigung und Entwickelung seiner Einrichtungen veranlaßt die verbündeten Regierungen, auf dem Gebiete de» Heerwesen», der Kriegsmarine nnd der Fürsorge für bisher nnversvrgte Invalide beider eine Erhöhung der bisherigen Stiftungen b-i Ihnen in Antrag zu bringen. In den erheblich gesteigerten Ueberwisungen an» den finanziellen Ergebniffeu nuferes verbeflerteu Zolltarif» und de» Gesetze» über die ReichLfteu pelabgab-n werden die Bundesstaaten die Mittel zur Drüvng ibrer Mehrleistungen an da» Reich finden. Infolge bet Notwendigkeit, die vom Reich gewährten Mittel wiederum zn den Zwecken de» Reich» zu verwenden, bleiben aber eigene Bedürfuifle der Bundesstaaten unbefriedigt, und e» liegt dem Reiche die Aufgabe ob, auf dem nur Um zugänglichen Gebiete bet indirekten Ve: brauchSbeheuernug weitere Einnahmequellen zu eröffnen. Demgemäß ist die ball ige Einbringung ein-» Gesetze« zur Reform der Zuckerbepeuernug in Aussicht genommen, da die Echwierigk iten, welche während der letzten Session dieser al» dringend ei tarnten Reform mit Rücksicht auf die Lage der beteiligten Industrie und Landwirtschaft ertgegenstauden, nicht mehr in derselben Stärke vorltegen und durch eine Verzögerung der Reform eher wieder verschärft werden könuten. Auch in betreff der vranritweti steuer find zu gleichem Zweck Vorlagen in Vor« bereitung, Über welche zunächst die Verständigung unter den verbündeten Regierungen herzustelle» ist.
In Uebereinsiiwmung mit den wiederholt und feierlich kund gegebenen Absichten Sr. Majestät de» Kaiser» rechnen die verbündeten Regierungen auch diesmal auf Ihre Mitwirkung für die schrittweise Weiterführnrg de» in Angriff genommenen sozialen Resormerk». Dark de» verständnis- dvllen Entgegenkommen der beteiligten Kreise ist e» möglich gewesen, da» NnsallbersicherungSgesetz vrm 6, Juli 1884 und zum Teil auch die Novelle vom 28. Mai d. I. nach Abschluß der orgar isotorr'cheu Vorarbeiten bereit» am 1. Oktober d. I. in Wirksamkeit treten zn laffen. In planmäßiger Verfolgung de» beschrittenen Wege» wird Ihnen der in der vorigen Session unerledigt gebliebene Entwurf eine» Gesetze» übet die Ausdehnung der Unfallversicherung auf die Arbeiter der Land- und Forstwirtschaft mit einigen Aendernugen wieder vorgelegt Berten, durch welche einer Anzahl von Vorschlägen Ihrer zur Vorberatung des Ert- wurf» gewählten Kommission Rechnung getragen wird.
Schon bei der Beratung des UnfallversichernngSgesetzeS wurde die Notwendigkeit hervvrgehebm, euch die Unfall- sürsvrge sür die Beamten und für Personen de» Soldaten- standeS entsprechend zu regeln. E» wird Ihnen ein Gesetzentwurf zngehen, welcher dieser Aufgabe, soweit die Reich»- gesetzgebvng fie zu lösen hat, gerecht zn werden bestimmt ist.
Die von fünf zn fflnf Jahren gesetzlich vorgesehene Revision de» CerviStaiifs und der Klaffeneinteilung der Orte ist der Gegenstand eingehender Vorberatungen gewesen. Ue ber da» Ergebnis derselben wird Ihnen eine entsprechende Vorlage gemacht werden.
Im Interesse der wirksamen Verteidigung der deutschen Küsten durch unsere Marine ist die Herstellung eine» Schisst hrtSkanak» von der Elbmündung nach der Kieler Bucht in Aussicht genommen, ein Unternehmen, welche» zugleich wichtigen wirtschaftlichen Jntereflen dienen wird. Da» zur Verwirklichung des Plane» erforderliche Reichsgesetz wird Ihrer verfaffungSmäßigen Befchlußfaffung unterliegen.
Tie Rechtspflege in den unter den Schutz de» Reich» gestellten überseeischen Gebieten bedarf der Regelung. behnfS deren Ihnen die erforderliche Vorlage gemacht werden wird.
Hebet die Ausdehnung, in welcher deutsche Unternehmungen und Erwerbung en in fremden Weltteilen ferner in den unmittelbaren Schutz und unter die Ausficht de» Reich» zu nehmen sein werden, sind Verhandlungen mit den Regierungen von England, Spanien, Frm kreich, Portugal und mit dem Sultan von Zanzibar gepflogen werden, deren Ergebuiffe Ihnen auf Befehl Er. Majestät de» Kaifer» mit geteilt teerten sollen, sobald fie stflstehm. Letztere» ist England gegenüber im wesentlichen schon j-tzt der Fall, und die Verhanblungen mit Spanien laffen, infolge der Vermittelung Sr. Heiligkeit de» Pcpste», die den freundschaftlichen Beziehungen beider Länder entsprechende vergleichS- teeise Beilegung ihrer Meinungsverschiedenheiten üb-r die
Priorität der Besitzergreifung der Äorcllnen - Inseln in farjem erwarten.
Da» Deutsche Reich erfreut sich ftiedlichet und freundschaftlicher Beziehungen zu allen auswärtigen Regierungen. Se. Majestät der Kaiser hegt die zuversichtliche Hoffnung, daß die Kämpfe der Balkanstaaten untereinander den Frieden der europäischen Mächte nicht stören werden, und daß e» den Mächten, welche den, für jede von ihnen gleich wertvollen, Frieden Europa» vor fieben Jahren durch ihre Verträge b»siegelt haben, auch gelingen werde, diesen Verträge« die Achtung der durch sie zur Selbständigkeit berufenen Volksstämme im Balkangebiete zu sichern. Se. Majestät der Kaiser ist von dem Vertrauen beseelt, daß Gotte- Segen den bisher erfolgreichen Bestrebungen unserer Politik zur Erhaltung dr» emrpäischen Friedens auch in Zukunft nicht fehlen werde.
Bei der Verlesung der Eröffnungsrede wurde insbesondere der Paffu», welcher den friedlichen Ausgleich der Karolinen- streitfrage in BuSficht nimmt, sowie die Stelle, welche ben Einfluß der europäischen Mächte zur Aufrechterhaltung des Friedens in den Balkauländern betont, und schließlich der Schluß der Rede überhaupt mit lebhaftem Bravo au» der Mitte de» Hause» begrüßt.
Bevor dann der Abg. v.Wedell-Pie»dorff seinen Sitz auf dem Präfidentenstuhl einnahm, forderte er das Han» auf, mit ihm einzustimmen in den Ruf: „Se. Majestät der Deutsche Kaiser, König von Preußen lebe hoch!', in welchen Rus die Mitglieder de» Hause» stehend dreimal begeistert einst immten.
Demnächst nahm Abg. v. Wedell-Piesdorf de« Präfidentenfltz auf Grund des § 1 ber Geschäftsordnung ein und berief zu provisorischen Schriftführer! die Abgeordneten Graf v. Kleist, Dr. Porsch, Dr. Meyer- Jena und Herme», teilte dann die bi» j-tzt eingegangenen Vorlagen mit, wobei er bemerkte, daß der gesamte Etat bi» auf den Militäretat bereit» heute abend in den Händen der Mitglieder fein werde, und ordnete sodann zur Feststellung und Beschlußfähigkeit de» Hause» den Namensaufruf an.
Derselbe ergab die Anwesenheit von insgesamt 175 Mitgliedern, da» Haus war somit noch nicht beschlußfähig.
Der Prästdent v. Wedell-Piesdorf beraumte indes, in der Voraussetzung, daß das Hau» morgen beschlußfähig fein werde, die nächste Sitzung auf Freitag 2 Uhr zur Wahl der Prästdenten und Schriftführer an.
Schluß der Sitzung 28/i Uhr.
»«Ische, «eich.
Berlin» 19. Nov. Der Kaiser empfing heute vormittags die Vorträge de» Generals v. Albet yll und de» KitegSministerS, nachmittags die Versuche der Großherzogin-
diesem reichen liebenswürdigen Manne zu widerstehen, dazu gehört schon mehr al« Kälte. Ich glaube, daß Fräulein Adele v. Soden überhaupt die Absicht hat, nnverwäblt zu bleiben, an der fie mit Zähigkeit und Ausdauer ftsthält. Ella aber, die Jüngere, die wird sicher einmal eine tüchtige, brave und liebenswerte kleine Frau und fie wäre auch schon weit eher mein Geschmack für Dich, Walter; auch Dir wird fie gefallen.'
Der junge, angehende Badearzt war sehr nachdenklich geworden: Adele hielt also doch fest an ihrer ersten Liebe, der zu Reinhard, und stand auf dem Punkte, dieser unausführbaren Schwärmerei ihr ganze» LebenSglück zum Opfer zu bringen, obgleich R-inhard — da er nicht ehrlich, nicht wie ein durchaus lauterer Charakter, mit einem Worte: da er nicht wie ein Ehrenmann gegen fie handelt — einer solchen opferfreudigen Liebe nach Walters Anstchten nicht würdig fein konnte. Er bedauerte Adele aufrichtig, herzlich, ehe er fie noch gesehen und kennen gelernt hatte.
A» er der blendend-schönen Mädchenerschrinung dann einige ©tunben später gegenüberstand, da ward e» ihm allerdings klar, wie da« heiße Herz feine» Freunde» von dieser Fixuengestalt bezaubert sein mußte. Er konnte nun auch begreifen, daß fie von so vielen Männern umworben wurde. Ein leicht ragedmteter melancholischer Zug nm den Mund machte ihre Schönheit noch stnniaer und dadurch eindrucksvoller; Adele war ruhiger, nachdenklicher geworden während der zwei Jahre, die zwischen ihrem Bekanntwerbe« mit Reinhard v. Brunner und diesem Tage lagen. Nur hin und wieder leuchteten ihre Augen ebenso feurig und glanzvoll auf wie ehedem; ihr früheres sonnige» Läckela ober verklärte selten nur daS geistvolle Gesicht, die ioeel- schönen Züge. lFortsetzmrg folgt.)