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JHaröUrg, Donnerstag, 19. November 1885.

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied.Annomin-Bureaux von Haasenstein undVoÄer in Franturt a. M., öajfel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a M.,Berlin,Wüncheu und Mlu; «. L. Daube und 4o. in Frankfurt *. ÜL# Berliu. Hon nover tt Pari» -

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. -. Kreise Marburg n. Kirchhain. Illustriertes Sountagsblatt.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Ei« «r«er Königgratz für Oesterreich.

Neunzehn Zehre sind kS her, daß Oesterreich vor der Festung Kvniggrätz eine schwere Niederlage erlitt, eine militärische nicht nur, sondern auch eine Niederlage feine« ganzen RegierurgSsylternS. Oesterreich-Ungarn wurde aus Deutschland auSgefchlcffkn, ni«U zu seinem Schaden und erst recht nicht zum Nachdil der Kutschen Staaten, aus denen sich bald darauf das deutsche Kaiserreich bildete. Nach 1866 wurden im Hause Oesterreich Lhüren und Fenster geöffnet; viel Spinngewebe engherziger Vorurteile und ängstlichen, gestei'ten BürcaukratiSmnS wurde entfernt und dn frischer Luftstrcm trieb die dumpfe Luft heraus und nahm den Leuten den Nebelschleier vrn den Augen. In­folge deS siebentägigen Krieges sind auch die inneren Ver­hältnisse des Kaiserstaates andere geworden, Oesterreich galt als Rechtsstaat, in dem der Richterspruch gegen alle Anfeindungen und Machthabereien gesichert war.

' Ob wir heute Oesterreich noch einen Rechtsstaat nennen können? Zm Augenblick müsien wir zaudern, diese Frage zu bejahen, denn das Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung ist im Moment auf das tiefste verletzt, die österreichische Gerichtsbarkeit hat ein Köviggrätz nicht nur dem Namen, sondern auch der Wirklichkeit nach erlitten. Mögen die Ortentwirren noch so sehr die hohe Diplomatie Oesterreichs beschäftigen, die Bevölkerung denkt an etwas garz Anderes, wie die folgenden Zeilen aus der Korrespondenz au ein durchaus ruhiges, gemäßigtes deutsches Organ beweisen: DaS Urteil im Köuiginhvfer Tfchecheu-Prvzeß, do König- grätz österreichischer Gerichtsbarkeit, lastet mit dumpfer Schwere auf alle» Gemütern. Gefährlicher ist keine Krark- heit, als jene, die sich auf den inneren Organismus wirft und da ihr ZerfiörvngSwerk beginnt. Diesen innerlichen Charakter aber hat der sensationelle Fall von Königivhof, der bisher nur einen häßlichen Auswuchs am Körper des öffentlichen Leber s darzustellen schien, durch den angeblichen Rechtsspruch des Gerichtes in Königgrätz angenommen. ES ist kein Schlag, der sofort den heftigen Aufschrei der Opposition erzeugt, es ist eine irnere Verletzung, deren Folgen um so gefährlicher find, je weniger sie sofort an den Tag treten. In aller Bitternis ter gegenwärtigen österreichischen Zustände, in all-m Drange ter Zurücksetzung und des Kampfes, selbst gegenüber manchem tief verstimmen­den Gerlchtssalle hatte man auf deutscher Seite, wo eine höhere Bildung um die Grurdlagen des Rechtsstaates be­sorgt ist, den Glauben an die Autorität und Unpart-ilich- tot der Justiz nicht verloren, war man ost mit Selbst. Verleugnung bemüht, diesen Glauben zu erhalten. Wenn eS auch nur eine weitverbreitete Fcbel ist, daß gesetzlich eine Kritik der Richlersprüche in Oesterreich nicht gestaltet sei, so hatte sich doch durch die lryale Einsicht aller Be­sonnenen ein Gewohnheitsrecht tzerauSgcbildet, die Autorität

deS unabhängigen RichterstandeS von der öffentlichen Kritik auSzuvehmen. Man erschrak und erschrickt noch heute vor dem Gedanken, die Rechtssicherheit und den Glauben an den Rechtsschutz in weiten Kreisen ter Bevölkerung er­schüttert zu sehen.

Ater eS giebt auch im Staatsleben elementare Ereig- viffe, welche die fissepen Kunstbauten der Vorsicht und Besonnenheit über den Haufen werfen. Eine solche elemen­tare Wirkung ruft der Ürteilsspruch vvn Königgrätz hervor. Juristen, denen eS zur zweiten Natur geworden ist, einen Rechtsfell lediglich vom Stent punkt des GesttzeS ans zu beurteilen, besonnene konservative Männer, denen nicktS ferner liegt, als heißblütige, jugendliche Aufwallung, sind erschüttert durch diese Art von Ausübung richterlicher Ge- walt, welche das öffentliche Vertrauen bis in die Wurzel hinein verletzt hat. Schon die Anklage, die gegen einige durch den Königinhofer Exzeß schwer kettoffene Deutsche gerichtit wurde, erschien oller Orten als rechtliche Unge­heuerlichkeit. Dr. Herdlitschka, zur Zeit der berühmteste Verteidiger Böhmers, sprach vielen Tausenden ouS dem Herzen, als er sagte, er sei als Jurist starr geworden und habe seinen Augen nickt getraut, als er die Begründung der Anklage gegen die dem sch e Turner laS. Allein man tröst«te sich mit dem G-dankin, daß <S sich da cm den Ukberrtfer eines Staatsanwalts handle, ter nicht dem unab­hängigen Richter stände arg«hört. Gegen das Urteil aber, das auf diese ungeheuerliche Anklage nicht nur eiuging, sondern auch eine Härte in der Anwendung des Gesetzes bekundete, die geradezu den Charakter einer hochnotpein­lichen Verfolgung ausweist, gleit eS karm mehr eine Zu­flucht auf irgend dn Gebiet deS Trostes und der Be­ruhigung. Gefühl und Verstand können sich nicht zurecht finden.

Man denke doch nur! Der deutsche Fabrikant Mandl erklärte in geschloffenem Norme, in dem sich nur die ver­sammelten deutschen Festgeurflen befanden, einem fanatisch tschechischen 8tyt, der sich zum Unterhändler und Vertreter der tschechischen Ruhestörer ouswirst, daß die Deutschen dem Virlongen, paarweise abzuzsthen, nicht nachgiben könnten, um sich den Roheiten der Menge nicht ouSzusitzen, daß sie sich vielmehr kenchtigt fühlten, im Nctfalle militärischen Schutz in Anspruch zu nehmen. Und durch diele Aeußerung bei verschlossenen Thüren soll Mandl eine öffentliche Ge- waltthätigkeit begangen heben und erhält dafür 6 Monate schweren Kerker, verschärft mit Fasttagen. Ein achtzehn­jähriger Turner Franke wird von halbwüchsigen Buben auf dem Ringplatz gtschlagen und beschimpf.. Er versetzt einem der Gassenjungen eine Ohrfeige und serhält dafür 4 Monate schweren Kerker. Man weiß nicht, ob man wacht oder träumt! Auf tschechischer Seite haben bekannt­lich nur einige wenige, die uachgewieseurrrnaßen einen Greis

überfielen und ihm Geld raubten, eine schwere Strafe erhalten, alle übrigen find durch das Urteil den mißhan« dellen Deutschen gleichgestellt. Erschreckend und deutlich blickt daraus der Eingriff der Verwaltung in die Justiz hervor. DaSVersöhnungSsystem' ist in das Allerheiltgste, in die Rechtspflege, lingedrun-en. Tschechen mußten ge­straft werden, weil sie steinigten, und Deutsche wurdru gestraft, weil fi« gesteinigt wurden. Welches Recht haben die Deutschen nunmehr uoch den Tschechen gegenüber? Keines! ES ist von feiten der verurteilten Deutschen Be­rufung gegen das unbegreifliche Erkenntnis eingelegt; dar­auf beruht die letzte Hoffnung. Wird die Berufung ab° gewiesev, dann ade Recht und Gerechtigkeit in Böhmen, der Tscheche ist deS Deutschen Herr daun geworden.

Der serbisch-bulgarische Krieg.

Die unter den untenstehenden Telegrammen mitge- teilte Depesche deS bulgarischen Ministers des Aenßereu an die Pforte erklärt, daß die Serbenfast unter den Thoren Sofias* stehen. Damit giebt die Regierung deS Fürsten Alexander zu, daß die Lage der bulgarischen Truppen eine hoffnungslose ist, und in Scfia scheint man daher auch bereits gendgt zu sein, mit Serbien in Ver­handlungen zu treten. Oder hat die diesbezügliche An­deutung in dem Telegramm des Ministers Zanow nur den Zweck, die Pforte in den Streit hineinzuziehen, oder wünfcht die bulgarische Regierung vor allem Zeit zu ge­winnen ? Der Fürst scheint in der That durch die serbische Kriegserklärung überrascht worden zu sein, und seine Lage würde sich daher allerdings verbtffero, wenn er Zeit ge­wänne, mehr Truppen hcranzuziehen. Soviel ans den bisher vorliegenden Berichten über die Kämpfe zu ersehen ist, haben sich die Bulgaren, was Tapferkeit anbetrifft, vollständig den Serben gewachsen gczeigt. König Milan verfügt aber über größere Truppenmassen und beffereS Ge- schützmaterial. Bis gestern morgen dürften sich die Ope­rationen folgendermaßen vollzogen haben: Bei Ueberschrei- tuug der Grenze am Sonnabend morgen ging die Donau- Division auf der Chauffee über Planinitza (auf bulgarischem Gebiet, 1 Kilometer von der Grenze entfernt) nach Zari- brod (Kaiserfurt, 5 Kilometer weiter) und dem Dragoman- paß vor, während die Scknmadja-Division in südlicher Richtung auf der Straße nach Wrobtscha vorrückte; zwei Kilometer jenseits der Grenze erfolgte bei dem Dörfchen Barski dol (Bäderthal) der erste Zusammenstoß. Auf dieser Seite scheine« die Serben weiter keine Erfolge er­rungen zu haben, wenigstens ist tS ihnen nicht gelungen, die Stellung d«r Bulgaren bei Trn zu umgehen. Dagegen drang die Hauptarmee noch am Sonnabend gegen Zari- brod vor, das von der aus einem regulären und einem Milizbataillov bestehenden bulgarischen Avantgarde ver-

Heitzer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Ich danke Dir, Du liebster, bester Vater!* entgegnete gerührt Adele und küßte ihn stürmisch. Sie allein wußte, daß und welches Opfer er seinem Kinde bracht. Sie wußte, daß er noch ehrgeizige Pläne gehabt, über die er in ver­traulichen Stunden manchmal mit der älteren Tochter ge­plaudert. Adele wußte, daß eine Versetzung dem Vater nicht genügte, er wollte sich un? seine beiden Kinder ganz stet machen.

Nun, Kinder, laßt uns Reisepläne machen', sagt: der Gerichtsrat, indem er eine frische Havannah toupierte und den Abschnitt gewiffenhaft in dne kleine Büchse legte, die er von Zeit zu Zeit in den großen Sammelkasten deS Kasinos zu leeren pflegte, bei welcher Gelegenheit er dann regelmäßig einen Thaler mit hineinglriten ließ: galten die Erträge dieser Sammlung doch einem menschmlriunvlichen Zweck und war Herr von Soden doch ein Freund der Armen durch und durch.Also laßt uuS Reisepläne schmieden, Mädchen', wiederholte er jovial, humorvoll. »Ich denke, wir gehen nach dem Süden und suchen uns dn neues Heim da, wo es uns am besten gefall-n wird. In drei bis vier Wochen können wir so weit jein; unser HauS wird verlaust, unsere Sachen lasten wir uns nachschicken, sobald wir ein uns zusagendes Fleckchen Erde gefunden haben, wo wir fortan ungeniert und ungestört leben können. Darum seid rührig, Kinder, und besorgt die häuslichen Angelegenheiten sowohl wie daS, was an Ennr Toilette etwa noch fehlen sollte, binnen drei Wochen; ich möchte ungern länger hier bleiben, denn mich hat das Wavrerfiibrr ergriffen.?

Ella v. Soden hatte bislang noch wenig von der Welt dgrseheo un erfahren und freute sich am meisten über die bevorstehende Abreise, obschon eS auch chr wiederum sehr leid that, die reizende Villa, den prächtigen Garten, ihre Tiere und auch einzelne ihrer Freundinnen so jäh vrr- laflen zu müsten. Namentlich der Garten, um dessen Pflege sic sich so viel bekümmert, nm besten äußere Erscheinung sie fortdauernd ihre größte Sorgfalt verwendet hatte, machte Ella Schmerz; ihn zu verlosten erschien ihr wie eine traumhafte Unmöglichkeit. Es war gut, daß in dies«m Augenblick anderthalb Fuß Schnee auf seinen Beeten und Rabatten lag, daß all' die herrlichen hochstämmigen Rosen­stöcke urter dichtem, ebenfalls schneebedecktem Strohmaniel den Winterschlaf hielten, daß keine der eitlen von ihr im Freien selbstgezogenen Blumen ihr jetzt verführerisch zunicken und den Abschied erschweren konnte.

Ella sühlte aber auch, wie nölig eS für Adde'S Ruhe war, deren Gedanken abzulenken von dem Geschehenen, wie andere Luft, neue Eindrücke, eine fremde Gegend und andere Menschen ihr wohlthun würden; und so entschloß fie sich, den Plänen ihres BaterS allen erdenklichen Vorschub zu leistem

Bald begann nun ein recht unruhiges Leben in dem sonst so vornehm-stillen Hanse: es ward ausgesucht, ge­ordnet, gepackt, und in der Stadt wunderte man sich sehr, al» man hörte, daß der GerichtSrat v. Soden nm seinen Abschied angehalten habe und in besten zuversichtlicher Er­wartung einstweilen einen unbestimmten Urlaub antreten, ja daß er den Ort feines bisherigen Wirkens definitiv ver­losten werde. Man verhehlte sich nicht, daß der Wegzug dieser liebenswürdigen Familie ein großer Verlust für den Ort fei, daß man den jovialen, freundlichen alten H'rrn mit feinen beiden anmutigen Töchtern im öffentlichen wie im Privatleben schmerzlich vermissen werde. Nur unter

der jungen Damenwelt war das Bedauern weder aufrichtig noch groß; hegten sie doch Alle die Hoffnung, jene Stellung der Gefeiertsten, Umwoibensten, welche Adele v. Soden bisher zweifellos eingenommen, selbst zu erringen.

Noch dne letzte Gesellschaft sand zum Abschied in der Billa Soden statt. Es war ein glänzendes Fest, wie diese Familie dergleichen stets zu arrangieren so gut verstandea hatte, und keiner der Eingeladenen fehlte.

So, Kinder, nun sind wir fertig hier!' sagte Herr v. Soden, erleichtert aufseufztnd, als dir letzten Gäste die Villa verlaflen hatten.Nun haltet Euch dazu und macht, daß wir bald reifen können.'

Noch vierzehn Tage, Väterchen,' meinte schelmisch lächelnd Ella.Du vergißt unsere kleine» Tollettenbe- dürfuiste, auch wird es bis dahin wohl milder, und bann denke ich, wir verbringen das Weihnachtsfest noch hier ganz unter uns, lieber Papa, und mit dem alten Jahre wollen wir bann entfliehen nickt wahr?'

Ja, Kindsköpfchen und hoffentlich in ein besseres als dieses letzte,' versetzte Herr v. Soden wehmütig.

DaS WrihnaLtSfest war bald da. Adele und Ella hatten dnen prächtigen Tannenbaum angeputzt und ver­schiedene, für die bevorstehend- längere Reisedauer wünschens­werte oder notwendige Gegenstände deS Komfort«, der Toilet'.e und so weiter als Gelcheake für den Barer darunter auSgebreitrt. Adele war zerstreut und traurig gestimmt; während deS Sommers halte fie sich dieses schönste aller Feste so ganz anders geträumt: sie hatte sich im Geiste am Weihnachtsabend neben Reinhard als ihrem Verlobten gesehen, glücklich, bweiderttwert und nun? ..... Wo er wohl weilen mochle jetzt? Ob er bei Joa war, ob sie Ihm den Chrlflbaum geschmückt hatte? Ob er glücklich war? -Fortfetzmig folgt)