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Marburg, Mittwoch, 18. November 1885.

XX. Jahrgang

scheint täglich außer an LAiagennach Sonn- und tss^sss

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Ä. .ftd. Bestellgeld). «Artionsgebühr für bu «7' »-»<> ie ei«.

OberliHschc AitilW.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, fowied.Annoncen-Bureau? von Haasenstein undVogler in Frankurt e. M., Cassel, Magdeburg und Men: Rudolf Moffe in Frankfurt a. M.,BerltnMüvchen in* KSln; L Daube und tto in Frankfurt *. äflL# Berlin.Hannover u Paris

Köchciitliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Zllustricrtes Lonntagsblatt.

Expedition: Markt 21. — Redaktton, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Der serbisch-bulgarische Krieg.

Die Kriegserklärung Serbiers soll nickt tut durch Geldmangel und die Sorge um den herannahenden Winter, der ein späteres Vorgehen erschweren konnte, veranlaßt, sondern auÄ dadurch, daß man in Belgrad nicht etwa die ctft seit 8 Legen eröffnete Konferenz als ergebnislos an- fvh. vielmehr im Gegenteil befürchtete, sie möüte sich denn doch über die Herstellung des früheren Zustandes einigen und den serbischen Beweismitteln den Boden entziehen. ES sollte darum trotz aller bisherigen Versprechungen eine vollendete Thatsache geschaffen und wenn möglich rin Faust­pfand genommen werden. Bezüglich der Urteile und Mei­nungen Über daS weitere kann eS sich hier wie überall nur um die ersten Eindrücke handeln. Man wollte be- anntlich dem örtlichen Kampfe zwischen den kleinen Balkan- iaaten, selbst wenn nunm-hr auch Griechenland vorgehen vllte, keine sehr lange Dauer versprechen und erwartete von der Erschöpfung der Kämpfenden ein baldiges Ein­lenken gegenüber dem unausbleiblichen Machtspruch Europas. Die Aufmerksamkeit wird j tzt zunächst durch die Haltung der Pforte gefesselt. Wie allerdings aus bulgarischen Quellen verlautete, hätte die Pforte Serbien erklären lasten, daß ste den Einmarsch in Bulgarien als eine vertrags­widrige Versitzung ihres eigenen Gebietes ansehen werde. Ob und welche thatsächliche Folge sie dieser Erklärung — ihre Richtigkeit vorausgesetzt — geben werde, das dürst-, wie die Dinge liegen, von strategischen Gründen bestimmt werden, insofern die Verwendung der türkischen Streitkräfte demnächst zur Abwehr Griechenlands oder zum Schutze Makedoniens sich als notwendig erweisen könnte. Man hat der Pforte schon mehrfach Unthätigk-it vorge- worfen. Bei den Vorbesprechungen der Konferenz soll aber englischen Blättern zufolge auch Rußland den tür­kischen Einmarsch, der übrigens dcmals nur vorläufig be­sprochen werden konnte, nicht unbedingt gutgebetßen, son­dern eine internatiovale Aussicht für die türkische Armee angeregt haben, und man mochte solche und ähnliche Ein­würfe schon früher tu Stambul vorhergksehen haben. Was die Konferenz augeht, so fragt eS sich jetzt, ob das Pro­gramm auf die vsirumelische Frage beschränkt bleiben könMe und ob die Wiederherstellung des früheren Zu­standes nicht auch eine an Serbien zu richtende Auffor­derung in sich schließen müßte. Daß der serbische Frie- drnSbruch in Petersburg ehe tiefe Verstimmung Hervor­rufen würde, war vorherzusehen, und das Petersburger Journal giebt derselben auch schon offenen Ausdruck.

Fernere telegraphische Nachrichten melden:

Sofia, 15. Nov. Fürst Alexander, vom Kriegs- Minister Karaweloff begleitet, ist Henle vormittag hier ein« getroffen; der Fürst hatte sich unterwegs in Jchttwan auf- gehalten, woselbst er mit den Truppenansührern an der Grenze in telegraphische Verbindung trat. Wahrscheinlich

reist der Fürst im Laufe d«S Tages von hier wieder ab. Bei seiner Hierherkunft ging ihm eine zahl?eiche Menschen­menge entgegen und begrüßte ihn mit freudigen Zurufen; die Häuser sind beflaggt. — Dir Nachrichten über daS Gefecht bei Zaribrod beziffern den Verlust der Bulgaren auf 34 Tote und Verwundete, der Verlust der Serben wird als erheblich höher angegeben. SerbischerseitS waren sechs Bataillore, zwei Schwadronen und zwei Batterien im Gefechte, bulgarischerseits ein Bataillon Reguläre und ein Bataillon Milizen. Zaribrod ist von Serben besetzt.

Sofia, 16. Nov. Gestern morgen wurde Dragoman von starken serbischen Streitkräften, die von Zaribrod vor- rückten, angegriffen. Ein lebhaftes Artilleriegefecht dauerte bis nachis an und fügte den bulgarischen Truppen wenig Schaden zu. Ein anderes serbisches Korps, bas die Position von Dragoman zu umgehen suchte, wurde zurückgcwieseu. Heute wird ein erneuter Angriff erwartet. Bet Trn fand ebenfalls ein Gefecht statt. Details fehlen roch.

Konstantinopel, 16. Nov. Das „Reutersche Büreau" meldet: Der serbische Gesandte Gruic gab der Pforte bei der Notifikation der serbischen Kriegserklärung die Versicherung, Serrien halte die frühere Erklärung auf­recht, daß es nicht nur auf die Wiederherstellung, sondern auch aus die Befestigung der Autorität de- Sultan- in den Balkanländern bedacht sei.

Konstantinopel, 16, Nov. Die Konferenz hat sich bi- morgen vertagt.

Sofia, 16. Nov. N>ber das Artilleriegefecht bei Dragoman wird weiter gemeldet: Die bulgarischen Truppen, welche Dragoman besitzt hielten, betrugen 2000 Mann; dieselben hatten den Artillerieongriff eines sehr überlegenen Feindes arSznhalten und leisteten bis zum Dunkelwerden Widerstand. Jsir diesem Augenblicke wurde bekannt, daß ein serbische- Korps eine Umgehung des linken Flügels der Bulgaren auösühr te. Man he fit, daß rechtzeitig Ver­stärkungen nach diesem wichtigen Defilö geworfen werden können. Weitere Nachrichten liegen noch nicht vor.

Sofia, 16. Nov. Die Serben umgingen nach einem erbitt rten Kampfe die Positionen von Trn über Rapscha nnd halten in diesem Augenblicke den Weg von Trn nach Bresnik besetzt. Dragoman wurde nach tapferer Vertei­digung definitiv aufgegeben. Die Bulgaren konzentrierten sich bei Slivnitza, wo heute ein Angriff der Serben er­wartet wird: L tztere rücken mit großen Streitkräften vor.

Belgrad, 16. Nov. Die Donaudivision der ser­bischen Armee steht bei Zaribrod, die Morava-Division gegenüber Trn, die Sei nmadja-Division in der Richtung von Sofia, eine Kavallerie-Division bei Obrcovcl. Die­selben rücken mit Umgebung des Dragcmsn-Paffes konzentrisch gegen Sofia vor. König Milan befindet sich bei dem rechten Flügel der Timok-Armee. General Leschjanin hatte

in dem Abendgefechte bei Zaribrod nicht unbedeutende Verluste.

Belgrad, 16. Nov. Die Serben machten vorgestern bei Zaribrod 200 Gefangene; die Timrkarmee hatte bei der Einnahme von Adlie einen Gefamtverlnst von 150 Mann; die Serben haben seit Beginn des Krieges 55 Tote uns 200 Verwundete; der Vormarsch dauert auf allen Punkleu fort.

Sofia, 16. Nov. Fürst Alexander ist geftern vor­mittag hier eingerrcffen und hat sofort den Ministerrat zu- sammeubernsen.

Wien, 16. Nov. Rumänien hat durch eine Note an die Mächte die Ausführung de- Art. 11 des Berliner Vertrags verlangt, welcher behufs Sicherung der Schiffahrt-- fceiheit auf der Donau die Schleifung der bulgarischen Donsufestungen anor net. Die Note wurde durch die bet Widdin unternommenen Festungsarbeiten veranlaßt, wird wahrscheinlich bereits der nächsten Konferenzsttzung vorliegen und gilt als ein Beweis, daß Rumänien allen Ereignissen gegenüber an den Festsetzungen de- Berliner Vertrags fest» zuhalten entschloffen ist. Widdstirr Meldungen bericht« von der fieberhaften Hast, mit der an den Herstellung« eilfertig errichteter Außenwerke gearbeitet wird. Truppen» sendungen und Kanonen find als Ersatz für die nach der serbischen Grenze abgegangenen Fortgeschütze angekommeH Schießbedarf ist genügend vorhanden, aber die Truppm- verpflrgung ist ganz elend. Die serbische Regierung erließ der „Pvlit. Korresp." zufolge ein Rundschreiben an die Vertreter der Mächte, welches erklärt, Serbien wolle die Souveränetät des Sultans nicht angreifeu. Bon einem Einspruch der Pforte gegen den Einmarsch der Serben in das bulgarische Gebiet ist dem hiesigen serbischen Gesandt« bisher nicht bekannt geworden.

Sofia, 15. Nov. Das Rundschreiben, welche- die bulgarische Regierung an die Mächte erlassen hat, lautet wie folgt: Zufolge einer heute morgen von dem Befehls­haber bulgarischer Truppen bei Zaribrod an den fürstlich« Kriegsminister gerichteten Depesche habe ich die Ehre, zu Ihrer Kenntnis zn bringen, daß heute bei Tagesanbruch die serbisch« Truppen, mehrere Bataillone Infanterie, 2 Schwadronen und 2 Batterien stark, auf der Landstraße von Pirot nach Zaribrod auf bulgarisches Gebiet eingerückt sind und das bulgarische Dorf Paschasche besetzt haben. Durch die Nachricht von dem plötzlichen Einmärsche mit gutem Grunde überrascht, habe ich mich beeilt, heute morgen um IOV2 Uhr bei Herrn Rhangabe, den diplo­matischen Agenten Griechenland- und Geschäftsträger in Bulgarien, ansragen zu lasten, ob er Kenntnis habe von den ernsten Ereignisten, die sich an der Grenze vollzog« hätten. Auf den Schritt, den ich bei ihm gethau, teilte mir der Geschäftsträger Serbiens alsbald in halbamtlicher und am Mittag in amtlicher Weife ben Wortlaut einer

Heißer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Adele wußte e- selbst nicht, daß und wie sehr der Gedanke an Reinhard noch immer ihr Herz erfüllte; nur eins wußte sie: daß, sollte ste ihm je wieder begegn«, sie doch abermals seinem Zauber erliegen würde.

Ein Glück «ar e-, daß er gegangen, daß fle ihn nicht wiedergesihen. Sie wußte, daß sie ihn durch ihre Kälte verletzt, allein ste mußte sich doch auch sag«, daß ste nicht anders handeln durfte, daß ste ihn zurückführen mußte zu seiner Pflicht» zu der noch schwerer verletzten Gattin.

Wo er jetzt weilte — fle wußte eS nicht; vielleicht war er zu Ida zurückzekehrt, erkennend, daß er eine heilige Pflicht zu erfüllen habe. Adele glaubte da- beinahe, schon um deswillen, weil fle seit der Katastrophe von Ida nichts mehr gehört, obwohl diese ihr fest versprochen hatte, der Freundin zu schreiben. Von dem wiedergefundenen Glück ßhmte Frau v. Brunner flch vielleicht, ihr Mitteilung zu machen, schon nm deswillen, well sie ahn« mochte, daß Adele die einmal gefaßte Liebe zn Reinhard nicht so leicht lcherwiudeu könne; weil ste flch scheute, ihr zu sag«, daß ihr Gatte ste — vergessen . . . ;

Adele konnte aber nicht vergessen: Reinhard- schöne-, männliche« Antlitz, seine leidenschaftlichen Blicke standen gegenwärtig vor ihre« Geiste- Aug« und e- gab Stunden, in denen fle bedauerte, ihn von flch gestoßen zu hab«, bedauerte, daß er nicht wiederkehrte. — Obwohl fle flch stark und gefaßt zeigte, sobald sie mit der äußern Welt, ja selbst nur mit Vater oder Schwester in Berührung kam,

so bäumte und sträubte ihr Herz sich doch gegen die volle Entsagung, gegen da- «dgiltige Aufgeben ihrer ersten Liebe.

Adele war ivdcffm zu ausschließlich mit sich und ihrem eigenen Empfinden beschäftigt, um zu bemerken, wie ihre Liebe zu Brunner nicht ihr Geheimnis allein geblieben war; fle sah nicht die boshaften Blicke ihrer AlterSgenosstnuen, welche immer schon sie um ihrer Schönheit und ihre- Geistes willen beneidet hatten; fle sah nicht, wie auf der Straße die ihr Begegnende», nachdem sie zuvor die freund­lichsten Begrüßungen mit ihr gewechselt, bedenklich und mit den Achseln zuckend ihr nachschauten; nicht, wie die früher von ihr verschmähten Anbeter fle jetzt zudringlicher um­schwärmten: ihr war all die» gleich, ste gedachte nur seiner, und daß er für ste nun auf immer verloren sei.

In den Gesellschaften, welche ste, nm nicht aufzufallen, besuch« mußte, zeigte ste sich stolzer noch und unnahbare, als sonst — wmigstens nahm man die- allgemein an, "weil man fle noch zurückhaltender fand cls sonst. Sie war stet- der Liebling und der Stolz ihre- Vater« gewesen und dieser hatte e« bitter empfunden, daß nun die Blicke Vieler doch nicht mehr mit der gleichen Verehrung und Bewunderung wie früher auf seiner älteren Tochter «Hirn; »S lag doch ein ebenso unausgesprochene« wie uuerklärliche« Etwa« in den Mienen die Leute, welche Adele falsch bk- mteilten, und da« kränkte ihn.

Der ganze Zwang de« gesellschaftlich« Leb««, dem der GerichtSrat v. Soden verwöge seiner Stellung flch unterzuordnm gezwungen war, begann ihm unangenehm zu werden, und so darf e« nicht Wunder nehmen, wenn der Gedanke in ihm zur Reife gedieh, um seine Pensionierung einzvkommm und bann eine Stadt zu verlassen, in welcher ihm und dm ©einigen so Traurige« widerfahren war, die

ihm zu einem geradezu unerträglichen Aufenthalt geworden: — Ganz im Stillen that er die nötig« Schritte und seine Töchter erfuhren erst davon, al- ihm — gewissermaßen al« Vorläufer de- ungern ihm erteilten Abschied- — ein längerer Urlaub bewilligt wurde.

„Gott sei Dank, Papa, daß die Soirsr wieder einmal überstanden ißl*

Herr v. Soden hatte einige Minuten vor bet Rückkehr seiner Töchter da- ministerielle Schreiben erhalten, welche« unter den bebanerndsteu Ausdrücken über seinen Entschluß ihm dm gleichzeitig erbetenen längeren Urlaub bewilligte. Lächelnd und hellerer, al« er e« lange gewesen, sagte er zu seinen Kindern: „Nun Mädchen, macht Euch reisefertig; w'r wollen der Stadt hier und ihrem Matsch dm Rücken kehren! — Ihr seid doch einverstanden, w«N wir auch nicht wieder hierher zurückkehren?'

„Aber Papa!" rief Ella ganz erstaunt; „jetzt im Winter reis«, da- kann doch Dein Ernst nicht fein?! — Und nicht zurückkehren — unsere hübsche Villa, uusem schönen Gart«, unsere Taub« und Hühner und Hunde gar nicht Wiedersehen: wie soll ich da« verstehen, Papa? 7

Herr v. Sodm lächelte sein. Er blickte auf Adele: ste hatte ihn verstand«.

„Du hast Deinen Abschied genommen, Papa, und um meinetwillen!* sagte ste traurig, denn ste wußte nur zu gut, wie sehr ihr Vater ungeachtet seiner Vermögen-ver» hältniffe an seinem richterlichen Berufe hing.

„Ah bah, Kinder! wa« ist bat weiter? — Ich habe lange genug gearbeitet, um mit Ehr« den v-rdientm Rückzug mitteten zu können, und will jetzt auch — wie so viele Andere — mich auf mein« Lorbeer» «msruhen rief vergnügt Hrrr v. Sodm. (Sortfetzma folgt.)