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ffr. »70.

Marburg, Dienstag, 17. November 1885.

XX. Jahrgang.

85 Wfl.

Ät täglich außer an en nach Sonn- und Jeiertogen. Quartal» bonnementS-PreiSbn der Expedition LV« MI-, bei L Postämter 3 «k. 50 Gfg. (ejcl. Bestellgeld). Z^ationSgebühr für die

GerMlhc Mm§

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte«, fowied-Annoncen-Bureaux von Haafenstein undBogler in Franlurt e. SR., Gand, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt <. SR., BerlmMünchen >md

R6ln: S. L Lande und To tn Frankfurt *» Berlin,Hannover u. Pari-

Wöchentliche Beilagen:

Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Berlag von Joh. Aug. Koch.

Die Lauvtagswahleu 1885.

Wenn wir »och einmal auf die Wahlen zurückblicken, so geschieht es, weil j<tzt ttft die genauen Resultate vor- liegeu. Die Situation der Parteien hat sich im großen und ganzen wrnig geändert. Dir Kor servativen haben einen weitern Zuwachs von 10 Wablsitzen zu verzeichnen, die Freikonservetiveu von 56. Dir Natiovallibetalen und daS Zentrum haben ihren Besitzstand behauptet und die Freisinnigen haben die entsprechende Einbuße erlitten. Die Wahl bedeutet einen Sieg der konservativen Partei. Die Entscheidung ruht künftig in verstärktem Maße bei den Konservativen, welche sowohl mit den Mittel­parteien al« mit dem Zentrum eine Mehrheit bilden können, woneben die Wahrscheinlichkeit, daß Ratioualliberale, Frei­sinnige und Zentrum sich zum Sturze einer Regierungs­vorlage verbünden, eine geringere geworden ist.

Mau könnte daher von der lauten Agitation sagen: Viel Lärm um uichtS l wenn nicht eine bedeutsame That- sache sich bei den Wahlen herausgestellt hätte. ES scheint, als ob die BolkSkretse, welche seither uationalliberal waren, aufangen, ihren Widerstand gegen die Ziele der heutigen konservativen Politik aufgrben zu wollen und somit die gewählten Vertreter zu einer positiven Mitarbeit zu nötigen. An derartigen Berstchtrungeu hat eS nicht gefehlt und die als offiziös geltenden Berliner Zeitungen haben bereift« das Gastmahl für dm wieder heimgekehrtenverlorenen Sohu' hergerichtet. Trotzdem erscheint es noch zweifelhaft, ob an der Partei im ganzen viel Freude erlebt wird. Ist dieselbe am Leden erhalten, um die Dekoration einiger sog. Staatsmänner abzugebrn, dann wird fie gar wenig leisten, weun auch die Freikouservativen mit ihr ein intimes Bei hält- uis Herstellen wollte. Die letztere politische Anschauung, meist die von Kompromißkaudidateo, hat in der Wahlkampagne durch ihre Preffe, namentlich diePost', sich zu einer Rolle verurteilt gesehen, über welche die Mitglieder der Partei selbst, mit wenigen Ausnahmen, erhaben sind. In ihrer jetzigen Zusammensetzung denkt die Partei nicht daran, sich zur Schleppträgeriu der Nationalliberalen zu machen. Die Träume von einer großen Mitlelpartei sind Schäume geworden, aber die Möglichkeit ist nicht ausgeschloffeu, daß die konservativen Anschauungen weiierer BolkSkreise sich konsolidieren und damit die parlamentarische Arbeit er­leichtert wird. Unter dieser Voraussetzung würde da« Er­gebnis der Wahlen ein bedeutungsvolles sein.

Die Wahlen tu Hessen sind nicht ganz frei ge­blieben von dem Einflusie der großen Strömungen, wenn auch die durch die seitherigen Erfolge befestigte und er­weiterte konservative Gesinnung unserer Bevölkerung davon nur oberflächlich berührt wurde. Zunächst machten sich

I hier und da die Einflüsie geltend, welche vereinzelte Leser derPost', ohne alle Kenntnis hiesiger Verhältnisie in Tiraden gegen die Hoch konservativen und abgelegten Kultur- kompsphraseu sich leisten zu dürfen glaubten, im Gegen­sätze feilte es auch nicht an ultramontanen Bemühungen, die katholische Bevölkerung von ihrer seitherigen politischen konservativen Richtung loszulösen und unter die ZentrumS- flogge zu sammeln. Beide Bestrebungen blieben ohne Er­folg, weil der gesunde Sinn der Bevölkerung und eine sichere und geschickte Hand die Knoten zu lösen wußte, wo sie sich schützen wollten. Die Eifersucht einiger Kreise, den Abgeordneten ars ihrer Mitte zu haben, bildete nur eine vorübergehende Schwierigkeit. Die liberale Gegner­schaft war schwach, wo sie öffentlich auftrat wurde sie öffentlich und er tsck icden zurechtgewiesen, die Agitation ihr-r Parteileitung in Caffel und im Lande war ungeschickt, persönliche Beleidigung der Gegner, Lögen und versteckte Bosheiten damit lassen sich heute keine Erfolge mehr erzielen.

Zn Hanau haben die Konservativen den National- liberalen, nachdem derselbe genügende Erklärungen gegeben, gewählt und damit dem Freisinn den letzten Wahlfitz in Hiffe» evtriffen. Wir erinnern daran, daß 1882 im ersten Wahlgang 142 konservative, 111 fortschrittliche und 56 natiovalltberale Stimmen in Hanau abgegeben wurcen, daß also dir Entscheidung bei den Konservativen stand. Zn Caffel und Rinteln sind die seitherigen nationalliberalen Abgeordneten wieder gewählt, in allen übrigen Wahlkreisen bat die konservative Mehrheit entschieden zugevowmen. vr. Grimm ist mit 148 gegen 3, v. Riedesel mit 220 gegen 12, Schreiber mit 124 (die liberalen Wahlmänner waren bet der Wahl nicht erschienen), v. Gehren mit 125 gegen 61, Knobel mit 144 gegen 45, Helwig mit 130 gegen 97, AlthauS mit 160 gegen 90, Seyffahrt mit 157 gegen 61, Pfannsttel mit 192 gegen 41 Stimmen gewählt. Die Gesamtzahl der konservativen Wehlwänuer betrug (mit Ausschluß von Hanau) gegen 1173 im Jahre 1882, im Jahre 1885 1532, die Zahl der liberalen Wahlmäuuer hat sich ent- sprechend vermindert.

Man kann nicht sagen, daß dies Resultat besonders überrascht hat. Eine gewiffe Sensation erregte hier nur das Verhaltm des von konservativer Seite ausgestellten, der ReichSpartet angehörigen Herrn ».Christen, der ein Mandat von liberaler Seite gegen den konservativen Abge­ordneten AlthauS angenommen. Herr v. Christen hatte zuerst mit richtigem Takte das Mandat abgelehnt, bei weiterem Drängen begab er sich persönlich nach Berlin und wurde dort von der freikonservativen Parteileitung

I man nennt hier allgemein Herrn v. Z. als den Urheber veranlaßt, das Mandat telegraphisch anznnehmen. Herrn v. Christen trifft hiernach a's Neuling im parlamen­tarischen L-ben bte Schulo weit weniger, als seine erobe- rungslußtgen Ratgeber. Dos Schlimmste ist, daß derselbe einige Stimmen weniger als sein liberaler Vorgänger 1882 erhalten hat und eklatant unterlegen ist. Dam-t hat er seinem Vergehen den Beigeschmack desnicht ernst za nehmenden' gegeben.

Die wenig verbreitet« und unbedeutend« national- liberalen Blätter geben für die Wahl noch ein Nachspiel, indem sie zornmütig ihre Gegner beschimpfen, ihre Geuoffeu der Trägheit beschuldigen und der Welt versichern, was sie hätten leisten können, wenn ja» wenn es eben ander« gekommen märe Die gewöhnliche Quittung für empfind­liche Wahlriederlagen.

Der serbisch-bulgarische Krieg.

Den Serben ist jetzt ob der langweiligen Kreuz- und Querzüge der europäischen Diplomatie der Geduldfaveu ge- riflen; sie glauben lange genug die Kosten der Mobil­machung getragen zu haben und da der Himmel der Kon­ferenz ihn« nicht helfen will, so haben sie beschlossen, den Acheron in Bewegung zu setzen und die ultima ratio regum auSzusplelen. Am Sonnabend wurde in Risch ei« Ministerrat gehalten, zu dem auS Belgrad alle Minister herbeigekilt waren, um in schicksalsschwerer Stunde einen verhängnisvollen Beschluß zu faflen. Gestern wie« in amt­licher Mitteilung der Minister deS Aeußeren, Graschanin, den serbischen Geschäftsträger in Sofia, Rhangabe, an, der bulgarischen Regierung zu erklären, daß die serbische Re­gierung auf die bulgarische Herausforderung mtt der Kriegs­erklärung antwortete. Der König ist heute nacht 1 Uhr »ach Pirot abgereist, um als Armer- Oberkommandavt den Trvppenbefehl zu übernehmen. Mit dieser am Sonnabend noch gebrachten telegraphischen Nachricht find die eisernen Würfel wieder einmal ins Rollen geraten, und zur Stunde kann noch niemand augeben, wann fie über die Völker­geschicke die Blutige Entscheidung gefällt haben werden; Nachstehend laffen wir eine Zusammenstellung der weiterm Nachrichten folgen.

Nische 14. Nov. Die serbischen Truppen überschritten nachts um 1 Uhr dir Grenze bei Zaribrod, Kliffura, Bregowa und Trn-Blasiua. Wie hier gerüchtweise ver- autet, sollen die Bulgaren zunächst überall zurückgewicheu ein. Erst bei Blafina, auf der Straße nach Köstendil, oll e« zu einem Zusammenstöße gekommen sein.

Wien, 14. Now DiePolitische Korresp.' meldet aus Nisch: Der serbische Ministerpräsident Graschanin be-

Heitzer Sin«.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Und wieder einige Mcnate später da kam eine Zeit, in der e« noch stiller wurde auf Stecklingen, eine Zeit, in der die Dienerschaft nur flüsterud sprach und auf den Zcheu fast lautlos einherging mit ängstlich besorgten Mienen und teilnahmsvollen Fragen und Antworten bis endlich eine« TageS ein Helles Kiaverstimmchen frisch zum ersten Male in die ihm so neue Welt hinein schrie, und Eioer lern Andern zurief:Eia Sohn!'--

Ja, e« war Reinhard v. Brunner ein Sohn geboten!

Die Freude indessen, welche sonst die Ankunft eine« Erstgeborenen zu bringen pflegt, sie war jetzt nicht vor­handen: eS war kein Vater da, um das erste Lallen de« Neugeborenen zu hören; kein Vater, dem der Etbe seines Namen« in die vor Freude zitternd« Arme gelegt werden konnte. Die Großmutter Ida« Mutter drückte unter Thräneu da« Schmerzenskind tn ihre Arme und einen Kuß auf die kleine Stirn. Die bleiche, junge Frau lächette zum erstenmale wieder nach so langer Zeit, al« da« Pfand ihrer Liebe zu Reinhard ihr in die Arme gelegt ward; fie fühlte stch jetzt glücklich glücklicher denn lange zuvor: da« seligste Lächeln ist ja da«, mit dem eine Mutter Ihr neugeborenes Kind begrüßt.

Ida wollte da« kleine hllflose Geschöpf nicht wieder au« ihr« Armen laffen, sie konnte sich nicht satt sehen an dem klein« niedlich« Gesichtchen und suchte darin immer auf« n«r nach bekannt« ach! immer noch so geliebt« Zügen.

E« umflort« ihre Aug« sich doch mit Thräneu, al« sie daran dachte, daß er e« nicht einmal wußte, wie ihm tu dieser schwer« Sluude ein Erbe seine« Namm« geboren Word«; nicht wußte, daß stch ihm und ihr eia u«e« Baud tu diesem svlgmschwer« Augenblick geknüpft: da« Band

zwischen Vater und Mutier; Sie wußte ja nicht, wo er wellte, aber ein inbrünstiges Gebet sandte sie empor, zum allwiflenden und allwöchtigeu Vater aller Menschen für das Glück und den Frieden der Seele ihres Gatten, de« Vaters ihres Neugeborenen.

Neuer Lebensmut war jetzt in Ida« Brust eingezogw, war sie doch nicht mehr einsam nun, ihr Hetz nicht mehr trostlos; ste hatte ihr Kind, lebte für es und mit ihm. War e« ihr auch versagt, eine glückliche Gattin zu sein, so konnte doch niemand ihr wehren, als Mutter stch namen­los glücklich zu fühlen; zudem war ihr Knäbchen allerliebst und schien herrlich zu gedeihen.

Für mich ist nur ein Glück bestimmtda« Mutter- glück, und ich bin meinem Gott dankbar dafür', sagte sie wehmütig lächelnd zu ihrer Schwiegermutter, al« diese auf die erhaltene Depesche hin sofort kam und es stch nicht nehmen ließ, Ida selbst zn pflegen; al« fie d« kleinen Enkel unter schmerzlichen Thräneu herzte und küßte.

Da« Kind erhielt in der Taufe den Nam« seine« Vater« Reinhard. Die Mutter selbst hatte e« so ge­wollt: der Name, der unablässig Ihr Herz ersüllte, sollte auch auf ihr« Lippen leben.

Adele v. Soden war eine starke, stch selbst beherrschmde Natur und fie hatte stch jetzt in dem herben Geschick, Ka­ste betroffen, al« solche bewährt. Einige Tage nach dem Vorgefall«« hatte ste ihr Zimmer nicht verlaff«; fie hatte niemand seh« wollen, an-gmomm« ihre Schwester Ella, welche ihr« Schmerz kannte. Innerhalb dieser wenig« Tage glaubte fie fertig geworden zu sein mtt stch und der heftig« Pein, welche ihr heiße«, lirbebedürftige« Herz zu brech« gedroht.

Al« eine andere trat Adele dann wieder hinaus In« große Leben, da« junge, kaum die Schwere de« Leben« ahumde Mädchen war inzwischen zum Weibe herangereift,

welches der Liebe höchstes Glück und ihren größten Schmerz gekostet hatte. Ihr Geficht war um ein Wenige« bleicher, der Mund etwas fester geschloffen, al« früher gerade, als habe er ein Geheimnis festzuhalten; im klebrigen war fie ganz dir strahlende Schönheit von ehedem.

Der AppellatlouS-GerlchtSrat v. Soden hatte auch von dem sprechen hör«, wa« aus Kosten seine« Hause« die klatschbedürftige Stadt beschäftigte; doch in ihrem ganz« Umfange w« die Mär ihm nicht bekannt; wa« er wußte, «furnierte stch im großen Ganzen dahin, daß Brunner« Gattin dagewes«. Anfänglich war er erschrocken ge­wesen und hatte sehr für feine älteste Tochter gefürchtet. Er wußte, wie sein Kind lieb« konnte, wie heiß ihr Herz empfand; er «ar besorgt, daß Adele eine ernste Krankheit davontrageu werde.

Rach einigen Tag« kam ste zum Vater, der ihr freundlich, herzlich entgegentrat; fie umschlang seinen Hal« mit ihr« beiden Arm« und legte ihr« schönen Kopf an feine Brust, während die ihre unter verhattmen Thräneu zitterte. Dana aber hob fie stolz da« Haupt, al« Herr v. Soden zärtlich- witteidig sagte:Mein armes Kind! Muß gerade Dir die« begegn«? Wer hätte da« von chm geglaubt?!'.

Sprich nicht davon, Papa!' erwiderte ste fest.Nie wieder, wenn Du mir diese Bitte erfüllen willst! Laß e« ein abgeschlossenes Kapitel in meinem Leben fein.'

Niemand selbst Ella nicht ahnte, wie sehr Adele litt, noch immer litt; kein Wort davon kam über ihre Lipp«. Sie war ganz wieder dieselbe geworden, die ste früher grwes« war, auch in ihrem äußeren Verkehr mtt Ande«; nur wer fie hätte beobacht« könn«, wenn fie stch allein befand, würde gesehm haben, wie ste stundenlang dasttzen konnte, starr« Blicke«, daun wieder ihre Lug« sehnsuchtsvoll in die unbestimmte Ferne schweifen laffmd, wa« sie ftüher nie gethau hatte. (SKtfefeaig felgt.)