ftr. *68
JliatßUtg, Sonnabend, 14. November 1885.
XX. JihrMg.
ObtllikUchc Ieitms
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonntagsblatt
, Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
btä
488
48!
aß<
wid
g.
'tt,
’S!
in
ch.
(fl Id!
mteilung der Raufbolde hirzu, das zugleich die Notwendigkeit einer ganz disziplinarischen Strafe erg'ebt. Uab hier müssen wir sagen: DeS Strafgesetzbuch wirkt diesen Leuten gegenüber ebensowenig abschreckend, wie den prvfejstonS- müßigen Vagabunden aegenüber. Beide Klassen ziehen mit unerschütterlichem Gleichmut In do« Gefängnis, und wenn sie ihre Zeit abgescffen hoben, beeinnt taS .Geschäft’' vou neuem. Da« ist eine t-amige Thatsache, der enischieden Rechnung getragen werden muß.
Bon einer Seite wird gefordekt, man solle an den AuS- überu solcher Roheiten den Kavtschuh in Anwendung bringen. „Fünfundzwanzig tüchtig aufgezählt" würden weit «ehr helfen, als vier Wochen Gefängnis und außerdem dem Staat manche Kosten ersparen. Die Plügelstrafe bietet etwa« Abschreckendes, aber ste paßt für unsere Zeit nicht mehr, und sie würde auch leicht die Folge haben linnen, den Geprügelten ganz und gar zum verrohten Menschen zu machen. In Rußland, in Ungarn ist lange genug der Kantschuh im Gebrauch gewesen, ist e« wohl auch heute noch. Aber daß infolge der Prügelstrafe die Leute geftteter als in Deutschland geworden, davon ist keine Rede. Just da« Gegenteil ist der Fall, und auch wir würden bet einer Wiedereinführung der Prügelstrafe keine erfreulichen Resultate damit erleben. Der sittlich verwahrloste Mensch geaöhvt sich zuletzt auch an die Prügel, uud daun wäre e« mit ihm vollständig vorbei, der Gesellschaft«« Kind fertig. Die Justiz soll nicht nur strafen in solchen I «allen, sie soll auch bestem, und auf diesen letzten Punkt muß besonder- hingewirkt werden. I
ES ist gar zu häufig vvrgekcmwen, daß rohe Patrrne ihnen ganz uv b« kannte Personen überfallen uud ste mißhandelt haben, bis ste liegen geblieben. Andere haben wegen eines eeringfügigen Wortwechsels das Mister gezogen und ohne Bestvnen zugeßoßen, gleichgültig, was darauf folgen mochte. Diese L.ute fpczicren für eine bestimmte Zeit inS Gefängnis, und kommen noch Ablauf ihrer Strafzeit munter und wohl wieder hiraus. Cie äußern sogar noch v't Ge« nugthuung darüber, daß ste für so lange Zeit der Sorge um den Lebensunterhalt enthoben gewesen uud lasten alle- Andere eher erkevuev, als daß ste eine Strafzeit verbüßt haben. Durch ihre Mitteilungen verliert das Gefängnis für gleichgeflvnte Genossin olle Schlicken, und eiu Raufbold macht so eine ganze Zahl anderer. Hiergegen thut entschieden Abhilfe not, und hierin ist eine Slrasg.s'tzbuch- refcrm ebenso dringend, wie gegenüber den Lcndstrrchnn. Wo die Roheit in uvverhülltcr Weise zutage trilt, da helfen keine langen Reden wehr, da muß Ernst gezeiet werden. Nicht nur die That, welche aus der Rcheit entspringt, ist zu bestrafen, sondern auch die Roheit selbst und zwar bi«fe «st reckt. Mit anderen Worten, die Dcuer der Strafe für solche Brutalitäten muß eine uöglickst hohe sein und eine möglichst strenge Handhabung während derselben muß Platz greifen. Für solche Leute ist die einfache G.fängniS- strafe zu gut, ste muß durch Verschärfungen einen Charakter «halten, ter den Exzedenten die Lust noch dem Wiederkommen verleidet. ES ist durchaus nicht notwendig, nun gleich znm Uebermaß und zu drakonischen Bestimmungen zu sckreiteu, aber eine gewifle Schärfe thut rot. Ein ge- wichtiges Msttel ist die Verschärfung der Hast in bezug auf die Kost. Weniger warme Nahrung und mehr Wester vnd Brot treiben den Gefangenen schon die Gedanken und die Sucht nach Exzessen auS den Köpfen, und sind notorische Tagediebe und Bummler darunter, was ja nicht feltin, oder auch das berüchtigte Kv'pS der Zuhälter, nun so mögen deren schlagbereite Finger einmal schwielig bei der GefänguiSarbeit w-rdcn. Roheit, wie sie heute so hänfig zutage tritt, muß kuriert werden, ober dazu ist nicht MUde, sondern straffe, strenge Zucht notwendig.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, s owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undVogler inFrankurt a. M., Gaffel, Magdeburg und Wien: Rudolf Moste in Frankfurt a M.BerlinMüoche» und Köln; K, L. Daube und S». in Frankfurt ». 35L, Berliu,Hauuover u Pari«
v. Recklingen ziemlich ernst uud mit gewichtiger Stimme. »Ich fege das k imSw?gS mit Rücksicht auf Dich oder auf unkr Jdchen, sondern nut so im Allgemeinen und weil <« eben ein» unbestrit ere Wahrheit ist,” sttzte er begüt'gend hinzu, da seine Frau ihr Strickzeug in den Schooß fallen li«ß und mit großen, erstaunten Augen zu ihm au,schonte.
.Die Männer find ebenso wmig tadelfrei im Allgemeinen," entgegnete ste mit Betonung, .wie die Frauen; die Hauptsache ileibt doch str!S, daß ste stch verstehen wollen!'
.Na, wir haben uns doch gut verstanden, Alte — was?' —
»Na, immer auch nicht, Alexander i — Doch unsere Stwmjchre liegen, Gott sei« gedankt, jetzt ziemlich mit bk ter uns und sind glücklich überstanden. — Und weißt Du, seit wann?'
«Da bin ich denn loch neuaierig, Elise! — Gewerkt hab ich mit« nicht, wann zum letzten Mol so rin ordent- lichrr Worthag'l zwischen un« Beiden geprasselt hat.'
»Nun da« will ich Dir sagen: seit ich gelernt habe, den rechten Moment de« SLweigen« zu erkennen. — Es ist das sehr schwer, doch eS lohnt sich auch, denn der Frieden bleibt im Haust!'
»Na, Lieschen, da« muß wahr sein, Du bist und bleibst vuu mal eine vernünftige Frau uud r« ist nicht meine geringste Freude, nicht mein kleinster Stolz, daß ich solch einen Scharfblick hatte, um unter den vielen gerade Dich h-rauszustndm. Und beruhige Dich nur, mit unfern «ludern wird'« auch schon wieder in Ordnung kommen — namentlich, wenn Du Deine Grundsätze betreff« de« recht- zeitigen Schweigen-, auf die Du ja so stolz bist, auch aus Ida zu übertragen verstehst.'
So rmterhielten sich die Eltern, ohne zu ahnen, welch große« Unglück über ihre Tochter hrreiugebrocheu war.
einem Erlöste des FinarzministerS vom 2, Mai d. I«’ die Weihnachtsrewuneratiouen für die Beamten der Verwaltung der direkten Steuern fortfallen und fortan mit Unterstützungen und Nemunerationrn für gute Dienstleistungen gezahlt weiden sollen. Dabei wird tiefe Maßregel kl« eine Ausnahme für die betr fferden Steuerbeamten bezeichnet, welche andere Beamtcnkloffen nickt kennen. Diese letztere Behauptung entspricht der Wahrheit nicht; auf Anregung der LandeSvertretvng ist vielmehr auch in anderen RtstcrtS, insbesondere bei den Betriebsverwaltungen des Staates bereits früher von dem System der Weihnachtsgratifikationen ab- und zur Gewährung von Unterstützungen und Belohnungen nach Lage de« aktuellen Bedarfs über- gegangen worden. Die Fond«, aus denen jene Weihnachtsgratifikationen gezahlt wurden, stad ihrer Zweckbestimmung nach in der Thut zu nichts anderem als zur Gewährung von Unterstützungen an Hüifsbedürftige uns zur Remuneration an ve'dienstvolle Beamte, nicht aber zur Ergänzung der regelmäßigen Bezüge ganzer Beamter,kotegorieen au«- gebracht. Ihre Verwendung über die hiernach sich ergebende Grenze hinaus würde dem Etatsrecht nicht völlig entsprechen. UcberdieS hängen die Weihnachtsgratifikationen mit dem früheren Etatsjahr zusammen. Dispositionsfonds für derartige Zwecke dürfen niemals überschritten werden. ES liegt daher in der Natur der Sacke, daß UnterstützungS- und Belohnungsanträge von nicht besonders dringlicher Natur bi« gegen Ende des Etatsjahres zuröckgelrgt werden, um übersehen zu können, ob der Etatsfonds die Mittel zur Bewilligung derselben ohne Beeinträchtigung dringlicher Bedürfniste bietet. So lange das EtatSjahr mit dem 31. Dcz-mber schloß, traf daher die Beschlußfassung über jene zurückgestellten Beträge so ziemlich mit Weihnachten zusammen und wurde in Verbindung mit der niat völlig korrekten Praxis, die betreffenden Fonds völlig' auSzu- schütten, die Grundlage der Weihnachtsgratifikationen. Einen Rechts- oder selbst Billigkettsauspruch auf derartige Zuwendungen hat demnach kein Beamter, obwohl die entgegen» besetzte Meinung so verbreitet ist, daß Beamte sich wegen Nichtbewilligung einer Weihnachtsgratifikation beschwert haben. Gerade aber aus dem letzteren Grunde war e« geboten, in Uekereirstimmung mit der vom Abgeordneten- hadse gegebenen Anregung, die Weihnachtsgratifikationen zu beseitigen und die Verwendung des betreffenden EtatS- fcndS in genaue Uebereinstimmuna mit der durch den ReichShauShaltSetat festgestillttn Zweckbestimmung zu bringen; Dem entsprechend ist auch in der aogezogenen Zirkularverfügung des Finanzministers besonder« betont, daß strenge darauf zu achten sei, daß derartige Bewilligungen der itatSmätzigeu Bestimmung entsprechen', den Charakter äus- uahmSweiser Zuwendungen für Fälle besonderer AuSzeich- nung uud Verdienstlichkeit, oder bei besonderer unverschul-
Al« die Zeit heran,ückte, um welcke die Post da« Recklingen'sche Gut passierte, welche die R isinden von der nicht allzuferneu Station brachre, da blickten sie Beide auf di-Straße hinaus, fest überzeugt, laß ste die wohlbekannte Gestalt Rei, hardS v. Brunner, ihre« SckwiegnsohneS, auf dm Guts Hof zukommen sehen würden. — Dcch der Assessor kam nickt — auch am nächsten, am zweiten und dritten Tag nicht.
v ,Aetr.b* bi cklingkn und seine Frau kezanueu nun doch bcstürz'e Mienen zu machen. J"a war krank; ste hatte Fieber und bat nur um Ruhe und Schonung. Der Arzt erkläre ebenfalls, daß die junge Frau nicht mit Fragen gl<Mt werden dürfe; die g ößte Ruhe nur allein könne ste bald wieder gesunden lassen.
Nach Ablauf be« dritten Tages vergeblich u Warten« auf Herrn von Brunner« Ankunft, hatte fein Schwiegervater an ihn geschrieben, doch td»e Antwort kam, bi» wieder einige Tage später Herrn v. Reckli« gen« Brief al- unbetzellbar mit dem Postoerwerk zorückkam: „Adressat ist abgereist, ohne eine Adresse zurückzulaffen oder Verfügung betreff« Nachsendung seiner Pvstsachm zu treffen.'
Erschreckt blickten die besorgten Eltern sich au; da mußte kenn doch Andere« als ein kleiner ehelicher Zwist Vvrgefallen sein! — Schweigsam, tiefbekümmert gingen sie an da« Bett ibre« einzigen Kindes, welche« von dem Unglück so hmt getroffen woreeu. Sie hofften, daß Iva ihn« olle« erzählen, daß diese offene Mitteilung die Kranke erleichtern und ihren Zustand schnell befferu würde. Und dann mußte stch doch auch diese mrmentane Entfremdung d« jungen Gailen bald wieder beseitigen lasten, denn ein öoDftfinbiget Bruch war p doch gar nicht denkbar
Aber Ida schwieg. .Fortsetzung folgt)
Leutjche- Reich.
Berlin, 12. Nov. Dem Bundesrate ging ein Gesetz- Entwurf über die Ausübung der Gerichtsbarkeit in den deutschen Schutzgebieten, sowie über die Mitwirkung deutscher Behörden bei Ausübung der Gerichtsbarkeit und die hierbei zur Anwendung kommenden Vorschriften des bürgerlichen Rechts und des Strafrechts zu. Es soll dies durch kaiserliche Verordnung geregelt und des BundeSrote und Reichstage sofort, resp. bei deren Zusammentritt Kenntnis gegeben werden. — Die „B. P. N.' schreiben: »Ju der Prefle wird Klage darüber gefühlt, daß nach z
108 104 10» 104 104 'S
7!
106 ,04 IO«
5«
am ist» uin|
Die Zahl -er Schlägereien, körperlichen Mißhandwng.v, roh.n Exzeste und Gewalt- lhjtigkeiten, über welche der Strafrichter zu ei fernen hat, ist in Deutschland eh e ziemlich bedeutende und namentlich ta einzelnen Distrikten herrscht eine förmlich Sucht noch solchen Ausschreitungen. Tie Sonntage sind beliebte Tage für solche Skandolfälle, und wer morgens noch dtt Kirche besucht, der ist abends oftmals dabei, dc-Mester zu ziehen oder mt dem Knüppel lcSzuschlagm. Verl itnen solche Roheiten strenge Strafe, so verdienen ste diejenigeu, durch welche der Sonntag entweiht wird, erst recht, denn dadurch wird in erster Reihe das maßvolle und nach der Wrchen- tagsarbeit notwendige Sonntagsvergnügen der unteren Volks- klaffen beeinträchtigt. In den weitaus meisten Fällen ist die Ursache zu solchen Exzessm ein reines Nichts oder gar bloßer Nebern ut. ES gtebt Menschen, denen nicht wohl ist, wenn sie nicht einen ordentlichen Skandal amichten können und die ohne Knüppel und Mester nicht zu leben vermögen. Wenn man daran denkt, daß in solchen Fällen oft nur ein kleiner Zufall den Gemißhandelten vor der Verunstaltung auf Lebenszeit oder gar vor dem Tode be- wahrt, so tritt ein rem6 schweres Moment in der Ber-
Heitzer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Herr v. Recklingen und seine Frau zerbrachen sich den KVpf, was wohl ihr sonst so sanfte«, nachgiebiges Kind dermaßen außer Fassung gcbrachr haben könne, um ste zu «m Entschluß schleunigster Rückkehr zu treiben.
»Der Reinhard wird ste wohl nicht freudig genug be- Mßl haben unv sie darüber verletzt gewesen s<in,' m inte vttt v. Recklingen; „und dann ist eS zu p girierten Reden gekommen und da« Resultat war die — ich glaube sehr «ereilte — Abreise Jdchen«. Ich habe übrigen« wirklich Acht recht geglaubt, daß sie so resolut sein küon e.' ,. Gott ja, am Himmel von jungen Ehel Uten steigt Mht ein Gewiiter auf, bis sie stch einmal zusammen ein- Mbt haben, und schon ein klein S Mißverständnis führt unglücklichen Stunden,' sagte Ida'« Mutter gckarten«
*?7*, »Ich will hoffen, daß es nur dergleichen ist. — «einharo ist ziemlich hitziger Natur, da aber Ida dock so ^hr sanft ist, glaube ich, ste würden recht gut zu einander Paffen.'
»Die sanftesten Täubchen werden in der Ehe oft zu «aubkögeln mit scharfen K.allen, liebes Kind!' lachte der alte Herr.
.,»®° lange der Mann gut und vernünftig ist, gewiß ^tzt!' widersprach Frau ».Recklingen. .Da« hängt steht«
von Euch Männer ab: der Tauber zieht sich seine J“* und der Löwe seine Löwin, gerade so, wie der Manu w* stine Frau ziehen muß!'
fr. «Nar kommt e« vor, daß Jemand ein zahme«, zahlte- <4»M>eu zu heiraten wähnt, da« stch nach dem entscheidenden Augenblick al« eine wllde Katze entpupp»,' replizierte H rr
Erscheint täglich außer an Vertragen nach Sonn- und Liertagen. — Quartal- UonnementS-Preorbei der »Spedition 2*A Mk, bet ^Postämter 2 «k. 50 L. (excl. Bestellgeld). §zsationSgebühr für die Äpalrene Zeile 10 Vt«. Marne» für die Zeile "^ 25 Ms«.