JKaröurg, $onner$tag. 12. November 1885.
XX. Jahrgang
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br-iffert die foittauertiten Ausgaben auf 7377535 Mk. (mehr gegen das Vorjahr 234460 Mk., hauptsästlich der« avlaßt durch neue Stillen bd der Zentralverwaltung, durch die Erhöhung der Ripäsevtatiorsgelder zweier Ge- sandlen und durch die EiriLtung dreier neuer Konsulate.) Tie einmaligen Ausgaben sind zu 615000 Mk. verau- schlopt (wehr gegen das Vorjahr 79 050 Mk), darunter 150 000 Mk. für die Eischließung von Zentrel Afrika und anderer Ländergebicte, welche Posten bisher im Budget des
»Die Schutzzollbewe-ung in England uud -er europäische Koultueut.
Zn der Wahlbtwcgung für die Wahlen zum britischen Parlament tritt zum erstenmale eine Agitation in bede». trvdem Umfange hervor, t ie auch sofort die allgemeine Auf- Merksomk.it auf stch gezogen hat, mb zwar nicht nur in England: CS werden Schutzzölle verlangt, England soll in di-R'he der Staaten eivtreten, welche in ihre Wirtschaftspolitik das System der Schutzzölle aufgeuvrrmen haben. Diese Agitation erhebt um so stcherer ihr Haupt, da e» Thotsache ist, daß die konservative Partei, also auch das gegenwärtige Ministerium Salisbury, über dessen Weiterexistenz die Wahlen zu entscheiden haben werden, diesen Wünschen freundlich gegenüber steht. Der Ministerprästdent Saltshmy hat in der vorigen Woche bei Gelegenheit einer Wahlversammlung geäußert, er sei bereit, Zvllrepreffaliru gegen solche Staaten einzuführen, welche durch ihre Zollgesetzgebung England anderen Staaten nachstellten, die britischen Erzeugnifle also einem höheren Zollsätze unterwürfen, als die Fabrikate anderer europäischer Staaten. Das ist das erste offizielle Zugeständnis, welches jemals ein englischer Minister der Schutzzollpolitik gewacht hat, und es kann nicht überraschen, wenn die Arhävger tbfer Politik im Falle eines konservativen Wahlsieges noch Größeres erhoffen, nämlich englische Zollschranken gegenüber allen Fest- landstaatrn, welche durch hohe Sctutz'ölle englischen Waren den Eingang erschweren. DaS ist das letzte Ziel der englischen Schutzzölluer, und das ist ihre Parole für die Wehlen, die mehr Anklang findet, als thatsächlich zugegeben wird. Die Ursache davon ist die flaue Geschäftslage.
England ist das Industrieland, wie es im Buche steht; sein Absotz aus dem Wdttnarkt, auf dem eS im ganzen »och immer die erste Relle spielt, ein kolosialer. Die bri- tische Industrie ist durch Kapital uud technische Bervoll- kommnung sehr leistungsfähig und der Konkurrenzkampf mit ihr, den auch Deuts tland und zwar nicht ohne Erfolg geführt, ist kein leichter; aber auch diese berühmte und großartige Industrie, die noch allen Plätzen der Erde ihre Fühler ousstreckt, leidet ersichtlich unter der allgemeinen ü ustriellen Kalamität und Überproduktion, und in ein« zelneu Gewerbszweigen ist sogar ein außerordentlich heftiger Rückschlag eiugetreten. Nehmen wir Im Verhältnis an, so ist die Misere in Großbritannien wohl noch bedeutender al« in Deutschland, denn bet der dortign viel, viel größeren Produktion mußte auch die plötzliche Stauung de» Absatzes um so einschneidender wirk.». Zu der Uebe,Produktion hinzu tritt der Zvllgürtel, mit welchem sich fast alle europäischen Frstlandstaatev, am stäiksten Rußland, umgeben haben; und diejenigen, welche in England unter dem «angkluden Abs tz leiden, richten deshalb vorerst ihr Augenmerk auf die kontinentale Zollpolitik und fordern Gegen- Maßregeln durch U-bergang zum Schutzzoll.
Ein Staat, der erst den Weg der industriellen Aus
bildung betritt, kenn sich durch Schutzzölle emporfLwivgen, ein Staat dagegen, der, wie England, an der Spitze der gesamten ivternctiovaler Industrie steht, wird keinen Erfolg davon hoben. Was aus anderen Industriestaaten rach England rinpefühit wird, ist im Verhältnis unbedeutend zu dem, was England noch diese« Staaten auSsührt. Daß eS die englische Industrie nicht orgenehm b rührt, wenn jene Staaten durch erhöhte Zölle den Absatz britischer Waren erschweren, liegt auf der Hand; aber Repressalien würden vur zu Gegenrepreflaliru führen, bei denen Großbritannien immer den Kürzesten ziehen würde. Seine Ausfuhr würde noch mehr eingeschränkt, die Fabrikation immer mehr zur Urberprodrktirn und daS Ende wäre eine üher- cuS schwere HandelSkrifiS. Die englischen EchvtzMnrr find kvrzsichtige Leute; ihre Bestrebungen könnten einzelnen wenigen Industrien für einen kurzen Augenblick vielleicht Hilfe bringen, aber daS Endresultat wäre allgemeinen Jammer, allgemeine Not. Der Absctzmarkt für englische Fabrikate ist nicht England, ist die ganze Welt, und der europäische Kontinent bezieht einen nicht unbedeuteo Teil jener Erzeugnifle. Briiische SL uh zc «Politik kann den Fest- landstaateu Aerger uud Scherereien mc chen, euch finanzielle Verluste zufügen, ober die größten Nachteile hätte England selbst, nicht der Kontinent.
Wir haben schon oben gesagt, daß die Verhältnifle, über welche jenseits des KavaleS die Industriellen und ihre Arbeiter klagen, sich überall finden. Der Duck, der auf dem Weltmarkt und Geschäftslehen laßet, schmerzt, eher eS ist ein ßhr trügerisches Hilfsmittel, den einen Teil von dieser Last zu befrei,n uud sie einem anderen zuzuwälzev. Gebessert wird dadurch thatsächlich nicht», und eS kommt nur dahin, daß der, welcher fich einen Augenblick erleichtert glaubte, obermaks sein Päckchen zurückerhält. Weltmarktkrisen betreffe» alle Nationen und sie müflen auch von allen durch; eirchten werden; die gegenwärtige ist die erste nicht, und wir w-rdeu auch über sie hirwegkommen.
zösische Botschafter, Baron de Courcel, ist mittags auf Urlaub nach Paris gereist, — Der Chef der Admiralität, Gkneralleutnant v. Caprivi, ist jetzt von der Venen Entzündung so weit genesen, daß er das Bett hat verlasse» können. Die der .Breslauer Zeitung" von hier zugegangene Nachricht, daß das Allgemeinbefinden des Herrn von Caprivi ein derartiges sei, daß sein Verbleiben im
Heister Sinn.
Roman von Theodor Küster.
Kehle, das ihr den höchsten Glanz des Lebens gewähren kann?! Gouvernanten find auch schutzlos und allm An- fechtnug'n ausgesetzt, wein lieber Herr Spang! — Selma ist schön und wird noch schöner werden!"
»Sie kenvt weder Glanz noch LoxaS uud wird bei'c nicht vermissen," meinte der Greis.
.DaS kann unmöglich Ihr letztes Wort fein, Herr Spang! — Vertrauen Sie mir Selmas Geschick und die Sorge für Ihrer Enkelin Entwicklung und Zukunft au: ich verspreche Ihnen, dem jungen Mädchen ein Vater za fein . . . ."
»Ein sehr guter VaterI" lächelte der Musiker. »Ein treuer Bruder — das ließe sich schon eher hören: Ihre Ehre würde ich Selma bedingungslos anvertrauen, Herr Fontaine, denn ich bin übe«zeugt, daß Sie ein Ehrenmann ' — ein deutscher Ehrenmann durch uud durch find!"
Es war in der That gut, daß Selma noch nicht die ,, kleine Lampe gebracht butte, denn ihr Schein würde die > Glntröte auf Reinhardt's Wangen gez-igi hoben, die de» 1 Alten feste Ueberzeugung von seiner .Ehrenhaftigkeit" hex. vorgernfem — War er denn ein »Ehrenmann' ? — Hatte er stets wie ein solcher gehandelt? Di<se Fragen wußte er sich vorlegen; e» war daS eine wunde Stelle in ihm, die ihn bei der leisesten Berührung schmerzte. — Nach einer Pause antwortete er:
»Bei allem, wa« ich je geliebt, beim Andenken an meine über alle» geliebte, gute Mutter schwöre ich Ihnen, Herr Spang, daß ich Selma beschützen und sie wie meine leibliche Schwester betrachten will! — Sie wögen vertrauensvoll ihr Schicksal in m iue Hände legen!"
kFortsetzlmg folgt.)
Drmsche» Reich.
Berlin, 10. Nov. Der Gesamtbetrag des OrdtnariumS deö MtlitäretotS, einschließlich des jetzt ebenfalls vorliegenden sächsischen nnb württewbergischen MilitäretatS stellt stch auf 324 263408 Mk., also 15 600523 Mk. mehr als im Voijahre. — Der Etat deS Auswärtigen Amts
»Selma, mein Kind, geh' und besorge Licht," sprach der alte Musiker. Als das junge Mädchen daS Zimmer verlassen hatte, fuhr er, gegen Reinhard gewendet, fort:
»Ich weiß, daß Selma eine Million in ihrer Kehle besitzt; allein, sogen Sie selbst, verehrter Herr: kann ich sie schutzlos der Anfechtung, der Verführung aussetzen, welche ein öffentliches Auftreten natarpemäß und bei der Verderbtheit unserer heutigen sozialen Verhältnifle im Ge- folge haben muß? — Ich bin zu alt, um in wirksamer Weise ihr Beschützer sein zu können. Ja, wäre ich ihr Vater uud dementsprechend jünger al» ich eS bin, nnb könnte ich ihr noch rüüig zur Seite stehen: dann würde olle» anders sein! — So aber habe ich ihr nie verraten, welch herrliche Stimme, welche Gottesgabe und welche» Kapital sie In derselben hat. Selma ist arglos und vertrauend; fie am wenigsten würde den gefährlichen Lockungen und Schlingen zu widerstehen vermögen, da fie alle» für wahr, für haare Münze hält und in ihrem zwar armseligen, aber trotzdem znfttedeven Leien die Lüge in ihren verschiedenen Masken nnb Gestalten noch nicht kennen zn lernen Gelegenheit hatte."
»Und was soll denn au» ihr werden?!" tief Reinhard lebhaft. »Soll Selma immer nur Noten kopieren, nähen, stricken und kochen?! — Es wäre da» eine Sünde, Herr Spang!'
»Sie hat eine gute Erziehung gehabt," entgegnete der alle Herr; »nach meinem Tode müßte fie fich eine Stelle loch« als Erzieherin, vielleicht bei jüngeren Kindern, oder
»Gouvernante aflo?!" nnterbrach ihn Reinhard fast empört. »Mit einem unberechenbare» Kapital in ihrer
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain.—Illustriertes Sountagsblatt
Expedition: Markt 21. — Redaktion. Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
9 »Und Sie, Herr Spang, laflen blefen Schatz, dessen Ä “<»t Sie doch gewiß längst erkannt, fo unbenutzt nnb 6 geachtet?! — Sie lasten Selma sich mit Notenschreiben He Augen verderben, um ein Wenige«, noch nicht für« «gliche Leben Hinreichende $» verdienen?! — Da« ist mir > ich mnß e» sagen — unerklärlich l".
»scheint täglich anher an Werktagen nach Sonn» und «riertagen. — Ouartal- LonnementS-Prtts be, der Spedition 2V« Mk., bei SL Postämter 2 Mk. 59 Ih- (erd. Bestellgeld). MrtionSg-bahr Mr di- «spaltene Zelle 19 Pf«. W«nen für di- Zeile ^15 Pf«.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied-Annoncen-Bureaur von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M., Caffel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt ♦ a. M., Berlin,München und
Mn; «. 8. Daube und So in Frankfurt a.
Berlin.Hanno oer u Pari«
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(Fortsetzung.)
2~jj Selma gehorchte dem Wunsche des Großvater» und bald hörte Reinhard reine, leise, wehmütig zitternde Klänge, «iu Phantasie-Vorspiel des alten Musikers, mit Virtuosität dorgetragen; bann fiel Selma mit Ihrer rührend-schönen Stimme ein und sang das traurig - erhebende Lied unsere» poßen klassischen Tondichter» mit so vielem Ausdruck, daß Aeivhard ganz bezaubert lauschte. Uno in der That wunderbar war der Gesang de» jungen Mädchen», dem fich die Töne der vorzüglichen Geige so weich anschmiegten, kas herrliche Lied war mit wahrer, rührender Empfindung «wgetragen; noch nie hatte Reinhard eine so süße, reine, ihn hinreißender Stimme gehört, al« die Selma».
Al« die letzten Töne verklungen teuren, da saßen die «ei Menschen noch immer lautlos da, g'srfl'lt von der Wacht der Töne, die ihr Herz bewegt hatten. Endlich ® toot Reinhard seiner Bewegung Meister geworben und be« . q Meistert ries er:
io »Fräulein Selma, fie besitzen ja ein Juwel in Ihrer 10 «Imme! — Uud wie prächttg geschult fie ist; jedenfall» »find Sie die Schülerin ihre« Großvater«, nicht wahr?" ' Dann wandte er stch erstaunt an ben alten Herrn nnb
Amte für fraglich gelte, ist der »Kreuz Zig." zufolge durchaus falsch. Der Chef der Admiralität befindet sich in bester Rekonvaleszenz. Er kann sich schon im Zimmer ergehen und auch Besuche empfangen. — lieber die Vorgeschichte des dem Bundesrat vorliegenden Entwurfes zur Abänderung des PreßgesetzeS wird folgen eS mitgeteilt: Im Jahre 1883 wurde eine« der thätigsten Mitglieder der Londoner Anarchistevpartei verhaftet nnb beim Reichsgericht zur Voruntersuchung gezogen. Der An geschuldigte war Mitglied der Redaktions-Kommission der zu London erscheinenden »Freiheit" und hatte insbesondere die Versendung der berüchtigten roten Märznummer deS Jahre» 1882 als .Expedient" bewirkt: Das Reichsgericht nahm in seinem Beschlüsse vom Dezember 1883 an, daß diese Nummern eine Aufforderung zur Ermordung Sr. Majestät deS Kaisers und zur Tötung der deutschen BundeStürsten, sowie zur gewaltsamen Acnderung der deutschen StaatS» verfaflungen enthalten, erklärte sich aber entgegen der Ansicht deS Ober-Reichsanwalts außer Stande, wegen dieser Verbrechen daS Hauptverfahren zu eröffnen, weil dem Au« geschuldigten die sechsmonatliche Verjährung des Preßgesetze» zugute komme, welche schon abgelaufen war, bevor sich der Augeschuldigte nach dem Kontinent begab. Der Ober» Reist Sanwalt nahm hieraus Veranlaflung, beim Reichskanzler eine Aeriderung des Preßgefthes in Antrag zu bringen. — Nur zwei Abgeordnete haben Doppelmandate zum preußischen Abgeordnetenhause erhalten: der ultra- montane Dr. Lieber Im 8. und 9. Wiesbaden - nassauische» Wahlkreis und Dr. Gu-ist im 4. magbeburgischeu und 4. Coblenzer Kreise, Magdeburg und Kreuznach-Simmern. — Die Verwaltungskosten für di- BerufSgeneflenschafteu solle» für daS erste Jahr durch Beiträge aufgebracht werden, welche nach Maßgabe der Zahl der von den Unternehmer» in ihren Betrieben beschäftigten versicherungSpflichtige» Personen erhoben werden. Mangels anderen Material» . benutzen zu dem Zweck die Genoflenschaftsvorstände die Angaben, welche in ben Original-Anmeldelisteu bezüglich der Arbeiterzahl enthalten sind. Diese Lißen sind nu» aber bereit» im Sommer de» Jahres 1884 aufgestellt, und entsprechen die darin enthaltenen Ziffern ben gegenwärtigen Verhältnissen in den wenigsten Fällen. Garz besonder« trifft die« zu bei solchen Betrieben, deren Kampagne mit dem Monat September beendet ist, die ihre größere Arbeiterzohl bann entlassen, bennoch aber mit Rück- ~ . R.-------— —c..... sicht auf die f. Z. angewelbcte hohe Ziffer mit dieser z»
RemSomteS deS Innern vorgesehen waren. — Der fron- den erwähnten Lasten herangezogeu werden. Es giebt dieser