Einzelbild herunterladen
 

Lr. S61,

JUorÖurg, Dienstag, 10. November 1885.

XX. Jahrgang.

Orfieint täglich außer an Werktagen nach Sonn-und tkeiertagen.* Ouortol* L-nnementS-PreiSbei der Expedition 2V»Mk-, bei Sn Postämter 2 Wt. 50 (tret. Bestellgeld).

LfertionSgebühr für dte Ötene «eile 10 Hf«. Efcwium für dir Zeile "^85 W*.

WlMche Aitiliig.

Anzeigen nimmt entgegen die Srpedition d. Blatte», fowied.Annoncen-Bureaux vonHaafenstein undVogler in Frankurt a. M., Castel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M-, Berlin,München and Ktlu; 9. L Daube und So in Frankfurt a.

Berltu-Lanuover u Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. Zllnstriertcs Lvantagsblatt.

Expedition: Martt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

Die Wahle« zum euglischeu Parlament.

Mit Ausnahme von Nordamerika, wo die Präsidenten­wahl in den Vereinigten Staaten eine vollständige Um» wälzung herbeigelührt, haben für keinen Staat allgemeine DolkSwablen solche Wichtigkeit, al» für England. Die siegende Partei erhält nicht nur die Majorität im Parla­ment, sie bekommt vor allem dte volle Regierung drS Lande­in die Hand. Aus ihren Mitgliedern bildet sich das Mini­sterium, der eigentliche Herrscher von England, denn nur verhältriSmäßig weuigr Fälle sind es, in bereu dte Königin Viktoria ein entscheidende» Wort sprechen kann. Mußte sie doch im letzten Kabinett Gladstone selbst solche Männer ellS Minister anerkennen, die Im Parlament hartnäckig gegen die von diesem zu bewilligende Aussteuer sür die königlich« Privzeu und Prinzesflunen zu sprech-n und zu stimmen pflegten! Auch Glatflone persönlich war der Königin so unbequem wie möglich, indesien blieb ihr nichts weiter übrig, als die Ernennung zum leitenden Minister zu vollziehen. Binnen wenigen Wochen stihen abermals Neuwahlen zum Parlament bevor, nnd es wird von den verschiedenen Par- teien mit einer früher kaum tagewesenen Erergie um deu Steg gekämpft. Dieser Eifer erklärt sich kareuS, daß die fiegende Partei alle Aussicht hat, nicht nur für die nächste ParlomentSsession, sondern sür eine ganze Reihe derselben die Regierung zu behaupten und zu behalten, wenn sie anders nicht gar zu thörichle Erreiche macht.

Von den verschiedenen Paitcien betrachten wir zunächst die konservative, welche seit Gladstones Sturz am Ruder ist. ES ist ganz ohne Frage, dcß sich ihr leitender Minister Lord SaltSkmy al» ein ebenso fähiger Minister des Aus­wärtigen bewiesen hat, wie sein Vorgänger ein unfähiger war. ES ist Lord Salisbury gelungen, die afghanische und die egypttsche Streitfrage zu schlichten, in den Orientwirren Hot er eine wenn euch friedliche, so doch sehr selbständige Stellung eingenommen, die Beziehungen zu den Fcstland- mächtev, namentlich zu Deutschland, haben sich sehr gebesiert und der von ihm eivgeleitele Krieg mit Birma, der die» Königri ich englisch machen und das Vordringen der Fran­zosen nach Hinterin^ien hindern soll, ist im Lande durchaus populär. Kurzum an der auswärtigen konservativen Politik hat niemand etwas auSzusetzen. Weniger günstig stehen die V-rhältnisie im Innern. Ebenso unberühmt wie die Eladstonesche auswärtige Politik, ist die konservative Finanz­politik; hinzutritt daS Bestreben der konservativen Groß­grundbesitzer, sich ihre alten, mit den moderneu Verhältnisien nicht immer zu vereiubareuden Rechte zu wahre«. Auch sonst wurden mehrfach inuere Reformen verlangt, denen die Konservativen bisher ablehnend gegenüberstanden. Etwas hat sich da» freilich im letzten Jahre geäudert und nament­lich versucht jetzt die Partei die wegen des ungünstigen GeschäftSganzeS unzufetedeneu Arbeiter zu gewinnen, indem sie ihnen halb und halb Schutzzölle verspricht. Das hat

einen nicht zu uvterfchätzenden Eindruck gemacht, und so stehen die konservativen Choreen den liberalen etwa gleich.

Herrn GladstcveS Partei, die Liberalen, kann sich mit ihrer auswärtigen Politik nickt brüst«; um so mehr Ver­teil kann sie aber aus ihrer Wirtschaft iw Innern ziehen. Daß Gladstone ein vortrefflicher Finanzmauu ist, haben wir schon gesagt und außerdem Hilst ihm sehr viel daS von ihm durchs brachte Wahlgesetz, welches 2 Millionen neve Wähler, besonders auf dem Lande schafft, und von diesen wird der WohlauSfall abhärgen. Zu einem Erfolge der Liberalen gehört auch vor allem ihre unbedingte Einigkeit. Die vorpeschrittkvkn Liberalen, die Radikalen, weicken in manchen Punkten von ihren gemäßigteren Ger offen ab und hält diese Spaltung für die Wahlen an, so werden die Konservativen den Erfolg davon haben. ES werden des­halb jetzt gewaltige Anstrengungen gewacht, eine völlige Einigung herbeizusühren und voreuSsichltich wird dies Ziel erreicht werden. Liberale und Konservative würden also daun geschloffen einander grgenüberstrhen.

Tie dritte Partei im englischen Porlam«t, der vielleicht b schieden ist, die Rolle deS Züngleins an der Wage zu spielen, ist die national irische unter Parrell, die bekanntlich die Selbständigkeit der grünen Insel unter der Oberhoheit drS englischen Monarch-n und damit ein eigenes irisches Parlaweut erstrebt. Die Iren geben sich auch der Hoff­nung hin, daß sie ihr Ziel erreichen werden, doch ist dies sehr unwehrschkirlich. In dieser Fr eg? gießt e« zwisch-v den englischen Liberalen uud Konservativen keine Spaltung, in diesem Punkte sind b ide Parteien vollkommen einig. Jvd sten ist nicht auSgeschlcflen, daß die irische Partei, die etwa 70 Mitglieder stark ivS Parlaweut rirzlehen uird, der künftigen Regierung in London große Schwierigkeiten zu bere ten vermag, denn mögen nun Liberale oder Kon­servative siegen, eine große Mehrheit wird keine von beiden Parttien erringen. Man hat in London über den bet» wutlick en WahlauSfvll bereits große Recheuexcmpel ovgestellt und auch einen liberalen Steg herauSgerechnet. Vielleicht tritt dieser ein, virlleicht aber auch nicht, denn daß bei Wahlen Überraschung« in Menge ein treten können, dürfte nicht mehr bewiesen zu werden brauchen. Welche Partei aber auch siegen wird: daS letzt? Jahr dürfte den englischen Staatsmännern zur Genüge gelehrt haben, daß es nur vorteilhaft ist, wenn sie F-eundfchakt mit Deustchland halten.

Demschr» Reich.

Berit«, 7. Nov. Der Kaiser ist mit dem Prinzen Wilhelm abends 9 Uhr 35 Minut« wohlbehalten von der Jagd in der Göhrde zurückqekehrt. Der K iser und König hat allergnädigst geruht, dem Komitee für die Unter­stützung der Hinterbliebenen der mit der KorvetteAugusta* untergegavgeuev Befohuna als Beitraa zu dem am 4, d. MtS. im Korzerthause stattgehabten Konzerte aus Aller­

höchst Seiner Schatulle 500 Mark zustellen zu I ffen. Dem Bundesrat ist der Eat der Reichsschuld für 1885/86 zugegangen. Derselbe weist gegen da» Vorjahr einen Mehrbedarf von 1200 000 Mark zur Verzinsung der vinp ozcntigen ReichSsckuld auf. Laut der keigefügtea Denkschrift werden durch die in Aussicht genommeue Deckung von einmaligen Ausgaben deS Etats für 1886/87 aus Anlrihemitteln die bisherigen Anleihekced te sich um 39 428 457 Mark erhöhen. Im deutschen d iplomatischen Körper sind eine Reihe von Versitzungen und Neuernenuungeu vollzogen worden. Legationörat Stumm, ter bisherige preußische Gesandte am Darmstädter Hofe, der den jetzt verabschiedeten deutschen Gesandten von Philippsövrn in Kopenhagen bisher in außerordentlicher Gesandt chast ver­trat, ist jetzt zu deffcn Nachfolger eudtzillig ernanr t wor­den. Legationsrat Graf Dönhoff, der bisherige Gesandte in Japan, ist anst lle Le MaistreS, deS jetzigen preußischen Gesandten in Darmstadt, nach Rio de Janeiro versetzt worden und wird in Iokohowa durch den bisherigen Minister-Residenten in BuenoS-AireS ersitzt. Die Nach­richt Hamburger Blätter, die Ernennung des Grafen Her­bert Bismarck zum StaatSsikretär sei beschlvffen und habe sich nur bis zur Entscheidung über den nachfolgenden Unterste«'Ssikrelär verzögert, findet hier vollen Glauben» Man sicht diesem ungewöhnlichen Avancement längst ent­gegen und sah es schon voraus, als der Streit um die dritte Direktorenstelle deS Auswärtigen Amtes ausbrach. Gespannt ist man nur darauf, ob im Etat für das Aus­wärtige Amt das Gebalt für den StaatSsikretär, welche» vor einiger, Jahren in Berücksichtigung ter außerordent­lichen Umstände, unter denen Graf Hatzfeldt fein neue» Amt antrat, auf 50000 Mark erhöht wurde, wieder auf den normalen Setz von 36000 Mark, wie ihn sämtliche Minister beziehen, reduziert wird. Vorgestern ist Hier­selbst auf Veranlassung des Reichskanzler» eine Kommission zusammengrtreteu, um Maßregeln zu beraten, die der He­bung der Hochseefischerei dienen sollen. Tie Leitung der Verhandlungen ist dem G-h. OberregieruugLrat W ymann übertragen. Zur Teilnahme an den Verhandlungen dieser Kommission sind auch die Vertreter deS ersten und zweiten ostfrie fischen ReichStagSwahlkreiseS, die Herren v. Hülst und Viffe-tng, eingeladen worden. Dem Landtage dürfte dem Vernehmen nach bald nach feinem Zusammentritt ein Gesetzeniwurf zugehen, durch melden dte Slödteorvnung der sechs östlichen Provinzen mit den durch dte neuen VerwaltungSgesetze notwendig gewordenen «nb einigen wei­teren Aenderungen, zunächst in der Stadt Wiesbaden ein« geführt wird. In den übrigen Stadtgewtiaden des Re- gierungSbezi kS Wiesbaden soll ihre Einführung auf über­einstimmenden Beschluß deS GemeindevorstandeS un> der Gemeiusevertretung nach Anhörung des Provinzial - Land­tage» durch König!. Verordnung erfolgen. Die wichtigsten

Heißer Sin«.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Erst einiger Zett schon schritt vor ihm eine Frauen- gchatt her; er hatte dieselbe nicht weiter beachtet, bis ihm deren leichter, graziöser Gang ausfiel. Unwillkürlich hefteten seine Blicke sich auf daS Mädchen und er erfreute sich on der schönen Gestalt, deren elegante, elastische Bewegungen ihn ft ff eiten. Einige ziemlich laut sprechende Männer kämm j tzt dte Straße herauf Ihnen entgegen, da- junge Mädchen denn ein solches war eS bog seitwärts ab nnd suchte bei den augenscheinlich stark angeheiterten Leuten vorbeizuhuschen, al» Reinhard einen lauten Angst- schrei, untermischt mit rohem Lachm, hörte. Die Gruppe befand sich in dem Augenblick gerade unter einer Laterne, und so konnte er sehm, wie einer der Männer seinen Htm um da» Mädchen geschlungm halte und eS zu küstm versuchte.

, «Gott! o mein Sott, hllf mir !* schrie die Se- ängstigte. «Ich bttte Sie, laffm Sie mich Ml*

Die Stimme war hell, jugmdlich, wohlkliugmd, obschon von großer Angst durchzittert, und verriet in der An«- spräche de« Englisch« dte Ausländerin. Ein noch rohere» dachen «ar die Antwort.

«Sie müffm mit ur» kommen, Schatz oller Schätze, «utrte die antwort. «So leicht lassen wtr da» Vöglein nicht au« dem Sc.«!*

Schnell« Schrittes näherte sich Reinhard; mtt kräftigem, Aviderstehlichem Griff riß er dm Angreifer von dem Mädchm zurück, daß dttser taumelte uud einige Schritte Wt und dann zu Boden stürzte. Gegen dm andern hatte

er sein« schweren Stock erhlben, doch dieser hielt efl für ratsamer, den Schauplatz de» feig« Attentats eiligst zu verlcflen.

Schimpfend und fluchend erhob sich endlich der Ge­stürzte, Trunkene schwerfällig.

Wer find Sie, Herr?!' tief er.

«Mehr ein Gentleman, al» Sie!' «tgegnete Reinhard «Ein deutscher Edelmann, der Ihn« hiermtt seine Karte zuwirst!'

Uab die That dem Worte folg« lastend, eilte er dem Mädchen noch, welche- flüchtend die Gaffe hinab, dem Strand znltef.

Bold hotte er sie erreicht. Al« fie feinen Schritt hörte, wandte fie flch nm und blieb steh«.

«O wie danke ich Ihnen, Sir, rief fie, ,füt bk rechtz itige Hilfe, welche Sie mir geleistet 1*

Sie reichte Reinhard eine kleine, behandschuhte Hand, die dieser ergriff und herzlich drückte.

«Ich habe nur die Pflicht de« Ehrenmanne« erfüllt, mein liebes K>ud', entgegnete er, «wie j -der andere recht­liche Mann da« auch gethau hab« würde. Aber ich glaube, wir find Landsleute Deutsche wa»?'

Er sprach eia so richtiges Englisch, daß da« junge Mädchm unwillkürlich errötete, ob der versteckten Anspielung auf ihre mangelhafte Aussprache. Trotzdem erwiderte fie sreudia:

«O, so find Sie auch ein Deutscher?! Ja, ein deutscher Mann läßt kein Mädchm uuaestrast beleidige«, da« weiß ich Die deutsch« Herren stad alle rtttertick gefirmt; ich weiß e« von meinem Großvater, denn ich selbst mar noch sehr klein, al« wir Deutschland verließ« O, wie schön muß e» dort sein!'

«Unser Vaterland ist schön, mein liebe« Kind,' sagte Reinhard gepreßt; dann fuhr er mit leuchtenden Auge« fort: «Unsre Heimat bleibt« ja immer und wtr schätze« e« um so mehr, je gebieterischer die Verhältnisse un» zwingen, ihm fern zu leben.'

«So find auch Sie nicht glücklich hier im fremde« Lande, in dem großen London? Auch Sie sehnen sich fort von hier, wie Großpapa nnd ich?' fragte treuherzig da« junge Mädchm, die großen, sprechenden Angen auf Reinhard gerichtet.

«Man t-nn nur selten nach Wunsch dort sein, wohin man sich sehnt,' entgegnete Reinhard weich.

Dann schritt er eine Zeitlang neben dem jungen Mädchm her, wortlos. Die trauten deutschen Worte au« dem Munde seine« Schützling» hott« schmerzlich wehmütige Gefühle in ihm erweckt er dachte an dte Heimat, a« vergongme Tage.

Al» sie an der Strandecke angekommw, da erst wagte fie, ihn wieder anznsprechm.

«Ich muß hier abgehen,' sagte fie. «Ich danke Ihne« herzlich für Ihr« Schutz.'

«Ich werde Sie bi« an Ihre Wohnung begletten; e» ist zu spät für Sie, um allein auf der Straße zu sein.'

«Ach ja, e» ist etwa« spät geworden uud ich weist ja auch sehr wohl, daß es stck> nicht schickt für eiu junge» Mädchm, um diese Z-tt auf öffentlicher Straße allein z« sein; e« ist auch da« erste Mal, daß c« mir passiert, aber mein Großvater ist so krank, ich mußte nach der deutsche« Apotheke tu Oxford-Street geh«, um ihm bk gewohnte »rzmei machen zu lasten, dmu die mgltschm .Chemist»^ sind ebmso teuer wie unzuverlässig, sagte er.*

<F«tsetznn- folgt-)