Mr. »63
JlTorBurg, Sonntag, 8. November 1885.
XX. Jahrgang.
«5 Wit.
Erscheint täglich außer an MrVagen nach Sonn- und edertogen. — Quartal- MoannnentS-PreiS bei der Expedition LV« Mk., bei hm Postämter S Mk. 50 «fe. (ejcl. Bestellgeld). »MertionSgebühr für die
GerMchk MW.
Anzeige» nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Franturt a. M., Cassel, Magdeburg und Wie»; Rudolf Moste in Frankfurt a 9t, Berlin,München und KSlu: G. L Daube und Lo. in Frankfurt M, Berlin-Hannover u Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. _____
Wochenschau.
Der Kaiser erfreut sich auch trotz defl seit einiger Zeit ^»getretenen herbstlich rauhen Wetters fortglf tzt dkö besten Wohlbefindens. Der in voriger Woche naL Hubertus steck Mterncmmere Jageautflug ist dem greifen Monarchen recht gut b«kommen, so daß der Kaiser der für diesen Sonnabend und Sonntag projektierten Hosjagd bei Springe (Hannover) voraussichtlich ebenfalls wird beiwohnen können.
Der Einzug des Prinzen Albrecht von Preußen in Braunschweig und der sich hieranschlteßende Erlaß des Patentes, durch welches Prinz Albrecht die Regentschaft des Herzogtums Braunschweig übernommen hat, lenkten in dieser Woche die Blicke nochmals vorwiegend auf die braunschweigische Angelegenheit. Mit dem Regierungsantritte d«S neueu Regenten ist die erste Phase dieser so vielfach verschlungenen Frage vollendet und nachdem die bisherige Lösung derselben in einem für das Reich, wie für Preußen und das braunschweigische Land selbst gleich ersprießlichen und brfiiedipknden Sinne erfolgt ist, darf man getrost der endgültigen Entwickelung und dem definitiven Abschluß der gesamten braunschweigischen Frage entgegensehen. Daß die Braunschweiger mit der Wahl deS ritterlichen Hohevzollern- prinzen zum Nach'vlger ihres letzten Herzogs aus welfischem Stamme vollständig eivvee standen sind, Hot der jubelnde Empfang genugsam bewiesen, welcher dem Prinzen Albrecht und seiner Gemahlin beim Einzüge in ihre künftige R-fi> denz von Tausenden bereitet wurde und wo immer sich das Regentenpaar in diesen Tagen in Braunschweig öffentlich zeigte, wax cS Gegenstand immer neuer Huldigungen. Für diesen herzlichen Empfang hat denn auch der neue Regent tu einem Schreiben seinen wärmsten Dank ausgesprochen und iu einer Bekam tmachurg spricht der Staatsminister Graf Görtz - WriSberg im Namen des Prinzen Albrecht ebenfalls den Dank desselben für die zahlreichen Glückwünsche auS, die ihm anläßlich seiner Wahl zum Regenten und seines Regierungsantrittes aus allen Kreisen zugegangen find. — Die braunschweigische LaudeSversammlung ist bis auf weiteres vertagt worden.
In Preußen find am 5. November, also eine Woche uach den Wahlen der Wahlmänner, von li tzteren t le Wahlen der Abgeordneten selbst vollzogen worden, womit das Wahl- geschäst zum Abschluß gelaugt ist. Jraendwrlche Ucbrr- raschungen hat der 5. November nicht gebracht, die Parteizahlen teilen wir untenstehend mit.
Von bemerkenswerteren Errigniffen aus dieser Woche find noch die am Donnerstag erfolgte definitive Uebervahme des Stotthallerposten» von El'aß • Lothringen durch den Fürsten Hohenlohe und vom gleichen Tage die Ueberreichuvg deS Beglaubigungsschreibens deS neuen deutschen Botschafters iu Paris, des Grafen Münster, au den Präsidenten der Republik zu melden.
In Düffeldorf fand am Mittwoch eine Sitzung des Vorstandes des deutschen Kolonialvereins statt. Aus derselben ist der Beschluß hervorzuhebcn, eine Kommission nach
Südbrofilien zu entsinken, um daselbst geeignete Plätze ffit deutsche Ansiedelungen zu ermitteln und zu sichern. Der mitanweserde brasilianische Generaldirektor der Telegraphen, Baron Copanema, begrüßte diesen Beschuß deS Kelv' ial- vereirs im Jntereffe beider Länder aufs wärmste. Hoffentlich hält die deutsche Kommission die Augen offen, denn die deutschen Auswanderer haben gerade in Brasilien schon trübe Erfahrungen gemacht.
In den zur Zeit in Wien tagenden Delegationen pulsiert daS parlamentarische Leben im allgemeinen sehr ruhig. Dvtzdem find ans ihnen dann vrd wann brmeikcnSwerte Momente hervorzuheben, wie einen solchen in voriger Woche die Sitzung des ungarischen DelegationSaurschuffes durch die bekannten Erklärungen deS Grafen Kalvrky über die auswärtige Politik Oesterreich-Ungarns darbvt. In dieser Woche verdient die Debatte registriert zu werden, welche sich am Mittwoch im LudgetauSschuß der östorreichischen Deleaation über die Kenntnis der dkutschrn Sprache bet den Unteroffizieren entspann. Dieselbe ist deshalb erwähnenswert, well in ihrem Verlauf der KriegSminister selbst die patriotische Besorgnis nicht unterdrücken konnte, daß »bei den gegenwärtig in vi len Kronländern fick kundgebenden Bemühungen betriff- Errichtung von Schulen noch nationalen Prinzipien daS gegenwärtig besrieoigevde Verhältnis doch altcriert «erden könnte-. Also man sängt wirklich an, auch iu den Wiener Regierung »kreisen Besorgnisse zu hegen, daß die deutsche Sprache selbst in der Armee durch dir üppig wuchrrvdkn nationalen Tendenz-» in ihrer Stellung „alteriert- werden könne? Nun, damit wäre schon viel gewonnen 1
Vom Schauplätze hfl österreichischen Nationalitäten- Haders liegen weitere Meldungen über czechisch - deutsche Konflikte auS Reichenberg und Budweifl vor. In Reichen- berg wurden dieser Tage mehrere Personen deutscher Natio- valitäi wegen begangener Gewaltthätigkeitcu gegen CzeLeu zu mehrmonatlichen Strafen verurteilt. Hoffentlich wird auch die Urheber und Teilnehmer an den antideutschen Exzessen in Köntginhof, worüber gegenwärtig das Gericht in Königgrätz verhandelt, eine gleich scharfe Strafe treffen.
Die ungarische LandeflauSstellurg in Pest ist am Mittwoch mit einer Ansprache hfl hohen Protektors, des Kron« prirz'v Rudolf, feierlich geschloffen worden.
Die Vorbereitungen zu dem am DierStag statlfindenden Zusammentritte der neuen Deputiertenkammer beherrschten in Frarkreich die Woche. Das Ministerium hat unter dem Vorsitze GrövyS wiederholte Beratungen abgehalten, in denen der Beschluß aufrecht erhalten wurde, daS Kabinett solle am Eröffnungstage der Kammer seine formelle Demission einreichen. G.ö y wird alsdann den bisherigen Kabi- vettSprästdenten Briffon mit der Neubildung des Ministeriums beauftragen und unterhandelt Briffon bereits mit verschiedenen hervorragenden Persönlichkeiten, teils, um deren Mitwirkung Im Kabinett zu erlangen, teils um der Regierung die nötige Unterstützung in der neuen Kammer zu
sichern. In letzterer B ziehung sind die Deputierten Versammlungen ausschlaggebend, welche beim Abgeordneten Lockrey stattfinden und bei denen eS sich in erster Linie um die Bildung einer zuverlässigen republikanischen Mehrheit und Ausstellung deS Programms derselben handelt. Auf der Seite der Monarchist«» geben sich bereits Symptome beginnender Uneinigkeit kund, indem die klerikalen Blätter fordern, daß die katholischen Ansprüche an die Spitze deS Programms der parlamentarischen Opposition der Rechten zu stellen feien, während die übrigen konservativen Organe diesen Vorschlag entschieden zurückweiseu. — Dem Präsidenten der Republik, Herrn Grs:y, ist auf der Straße durch Auflgleiteu des Fußes ein Unfall zugestohen, der indessen nicht weiter bedenklich erscheint. — Die lateinische Münzkouferenz hat am M ttwoch ihre Arbeiten beendigt.
In England haben am Montag die Murizipalwahlen stattgefunden, also kaum drei Wochen vor den Neuwahlen zum Parlamente. Erstere ergaben für die Konservativen bedeutende Gewinne, was für diese Partei von glücklicher Vorbedeutung für den Ausfall der Parlamentswahlen sein wat’. ES heißt freilich, daß die Konservativen ihren Erfolg bei den Munizipalwahlen, der zwischen dem gemäßigten und dem radikalen Flügel der liberalen Partei herrschenden Uneinigkeit im wesentlichen zu verdanken hätten. Wenn sich also die Gemäßigt-Liberalen und die Radikalen bis zum 24. Novtmber, dem Tag der Parlamentswahlen, einigen, so würden die Chmce» der Konservativen bet denselben sich bedeutend verringern.
„WaS lange wählt, wird gut*. Nun, wenn dies Sprichwort wahr ist, dann muß di« Konstantinopler Konst rerz sehr gut werden, denn bis zu ihrem Zusammentritt hat rS herzlich lange gewährt. Am Donnerstag nachmittag 2 Uhr soll nun endlich die erste Konfererzsttzung im Arsenal Tvphane stattgefunden haben; die Türket hat zu ihren Vertretern auf der Konferenz den Minister deS Aeußern, Said Pascha und Server Pascha, ernannt. Gerade jetzt kommt aber eine bedeutsame Nachricht aus Petersburg: Laut Tagesbefehl des Czaren wird der Fürst von Bulgarien, welcher als Generalleutnant & la suite der russischen Armee geführt wurde, aus den Listen gestrichen und gleichzeitig von der Jnhaberschast deS 13. russischen Schützenbataillons enthoben wird. ES bedeutet dies einfach, daß der Bulgarenfürst der Gnade des Czaren verlustig gegangen ist und ob nach seiner Streichung an» den russischen Armeelisten Fürst Alexander noch lange Beherrscher von Bulgarien bleiben wird, kann jetzt leicht beurtellt werden. — Die Sensationsnachricht des „Standard-, König Milan von Serbien habe seinen Truppen Befehl zur Offensive erteilt, hat sich als unwahr heraufl- grstrllt.
Lettische, Reich.
83 erlitt, 6. Nov. Tee Kaiser konferierte nachmittag» mit dem Minister von Puttkamer und reiste cm 41/* Uhr
Heißer Sinn.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Er erwachte nun der liierarische Schaffensdrang in ihm. Von seiner lebhaft«u Phantasie und den täglich wechselnden Eindrücken mächtig unterstützt, schrieb er immerfort. — Einige Wochen vergingen, als ihm eines Tagefl der Briefträger zwei Krevzbände brachte, welche je ein Exemplar feiner im Druck fertigen Londoner Skizzen enthielte»; efl erfolgte gleichzeitig ein fehr anerkennendes Schreiben der Redaktion über die „mit großem Vergrüben aufgeeommcne Arbeit des geschätzten Henn Verfoffcrs-, und die Bitt- war ausgesprochen, daß derselbe auf dem betretenen Wege sortfahr-n möge.
Alfl diese Nachricht Reinhard erreichte, da lag schon wieder ein tüchtiges Päckchen Manuskript versiudungsbereit da uud übergab er diese feine neueren Arbeiten der Post unter gleicher Adresse.
Uud Reinhard v. Brunner — oder Franz Fontaine — schrieb fleißig, eifrig und erfolgreich weiter. — Bald warrn eS nicht mehr kulturhistorische Skzzen, di« nutet feiner gewandten F der erstanden: Reichard begann andere, ernstere, tiefere und durchdachtere Arbeite»; er gab seiner Phantasie jetzt Gestalt und Leben, schildert« Charaktere, ihr Empfinden, die Verkettungen defl »ensch'ichen Geschick-, die Kämpfe deS Herzen-, der Seele, der Pflicht, der Ehre mit einem Wort: Reinhard r. Brunne« ward erfolgreicher Romanschriftsteller unter b«n Namen Franz Fontaine.
AuS feinen Dichtungen sprachen Leben uud Wahrheit, hatte er doch, «aS er schrieb, selbst erlebt und erprobt, M
Herzens Glück und Elend, Hoffen und Entsagen kennen gelernt. — Eine schöne, edle Sprache und tiefe- freien» volle- Empfinden zeichneten feine Arbeiten auS. Als er fein erstere» größeres Wnk vollendet, da konnte er sich kaum entschließ n, da- Manuskript au- der Hand zu geben, fo lieb wer efl ihm geworden; sein ganze- heiße« Herz batte er darin au-gegoffen — würden andere ihn und seine Arbeit würdige», verstehen? — so fragte er sich zweifelnd.
Wochenlang lag da- fertige Manuskript auf seinem Schreibtisch, bi- er efl endlich nach langem Zagen uud Zögern sortschlckte nach Deutschland. — ES verging nun eine Zeit, In der seine Muse wie seine Feder ruhten; er ging wieder wie früher grübelnd und beobachtend nwh r und dachte fortwährend an tafl seinem Erstlingswerk bevorstehende, noch unentschiedene Geschick. Al- er endlich die Gewißheit erhielt, daß dasselbe arger ommn, als ihm feiten» des Verlegers derselben großen Zeitung, der er bisher all' seine Arbeit eingeschickt, ein anerkennender Brief zuging, — da war er zufrieden, denn er sah, daß er auf dem richtigen Wege sich ieavd, daß er einen ehrenvollen Platz unter Deutschlands Schriftsteller eingenommen.
Nicht lange währte efl und eine zweite größere Arbeit war vollendet, mit der Reinhard zufriedener noch selbst war, al- mit oCen ihren Vorgängerinnen. Seine Liebe, seine Ideal«, feine leidenschaftlichen Regungen konnte er verkörpern; er lebte und empfand mit jeoem seiner Helden und kostete immerfort den Schmerz, da» Glück, hie Be» friedignng des vielgestaltigen Menschenleben».
Sein Erfolg in der Heimat war groß, bedeutend,
aufsehenerregend; fein Name war zum Schlagwort schöngeistiger Unterhaltung geworden, er selbst zum Liebling der Leser. Reinhard ahnte nicht, wie groß sein Erfolg, wie beliebt er war; nut die sehr ansehnlichen Honotarzablunge», die ihm nach und nach durch seinen Verleget zugirgen, mußten ihm di« Gewißheit geben, daß seine belletristischen Schöpfungen Anklar-g fanden.
Er lebte nach wie vor still für sich und einsam. Er hatte nach Niemandem Sehnsucht und wünschte nicht, an» dem still-beschaulichen Leben heranflzuireteu, in welches er sich eingewöhnt hatte. Seine Arbeit befriedigte ihn vollkommen. Wenn er an seinem Schreibtische saß mit glänzen» den Augen und vor Erregung glühenden Wangen; wen» seine Feder über da» Papier dahsiflog; wenn die Gedanken in seinem Gehirn sich drängten uud er oft unter der Fülle de» aus ihn einstürmevdm Stoffe» nicht wußte, wie ihn bewältigen — dann fühlte er sich glücklich und zufrieden.
Reinhard» einzige Zerstreuung bestand darin, sich tu de» Abend- und frühen Nachtstunden da» Leben und Treiben in deu Straßen London» auzuseheu, da» j, so eigenartig ist, wie kein andere» großstädtische» Treibe». Sv ging er auch «ine« Abend»; trotz Wind und R-gen, ta einem ärmlichen Viertel, einer nördlichen Seitengasse de» Strande», umher. Di« Straßen waren in dieser Gegend Londonfl schon ziemlich still, efl war spät geworden und R-inhard beschleunigt« jetzt feine Schritte, um feine unfern« Wohnung zu errrichen, die auf der ander», der südlichen, vornehmen Sette de» Straube» belegen war.
' - tFortsetztmg folgt.)