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Marburg, Sonntag, 1. November 1885.
XX. Jahrgang.
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Wocheuscha«.
Der Kaiser hat nach seiner Rückkehr aus Baden-Baden nach Berlin sich sofort in vollem Umfange den Pflichten seine« hohen Amtes gewidmet. Das Befinden des greisen Monarchen ist das denkbar beste; trotz des unfreundlichen Wetters hat er wiederholt Spazierfahrten unternommen und die Zahl der erteilten Audienzen ist eine recht bedeutende gewesen. Die Kais-rin Augusta wird erst in einigen Wochen nach Berlin zurückkehren und bis dahin noch Aufenthalt in Kodier z nehmen. Zum B.fache am Kaiserhofe und zur Teilnahme an der ersten Ho jagd, welcher auch der Kaiser beizuwohnen gedachte, stad der König Albert und der Prinz lürorg von Sachsen und der Herzog von Anhalt in Berlin etngetrossen. Zu Anfang der Woche war auch der neu- gewählte Regent drS Herzogtums Bram schweig, Prinz Albrecht von Preußen, in Berlin < nweseno und wurde mit dem Ministerpräsidenten Grafen Görtz WriSberg vom Kaiser empfangen. Nächsten Montag vird da« prinzltche Paar seinen Einzug in seine Hurtige Residenzstadt ballen und festlich bewillkommnet werden. Der Prinz hat bei dem Empfange der braunschweigischen Dputotion ausgesprochen, daß er die Wahl gern annehme, und im Herzogtum herrscht über dieselbe allgcnuine Zu'rtedenh tt. So läßt sich denn erwart n, daß Regent und Volk in vollständiger Eit t acht zufarr mengehen werden zum Glück uns Heile des Landes.
Durch ka.srrliche Verordnung ist nunmehr auch der Reichstag auf den 19 N vember zusammenberufen worden; der BundeSrat wird bis dahin reu ReichShauchaltSetat fertigstellen, der daun sofort der Volksvertretung unterbreitet werden wird. Außer dem @14 werden namentlich die GrsltzeSvorlagen über die Ausdehnung des Unfallversiche- rungsgefctzes den Reichstag zunächst beschäftigen. Ueber den Zusammevtriit deS preußischen Landtages ist noch nichts Genaueres bekannt. Am Donner Stag haben die Wahl- männerwahlen zum preußischen Sbgevrdnetenhause stattgesunden, über die ein übersichtliches Resultat erst in einigen Tagen zu ermitteln ist. Die preußische Genetalsynode hat am Dienstag ihre Sitzungen beendet, nachdem sie tag»
zuvor vom Kaiser empfangen worden ist, der bei dieser Gelegenheit betont hat, daß ihm ganz besonders daran liege und er immer bemüht gewtsen sei, seinem Volke die Religion zu erhalten. Im übrigen werden freilich die Gmetallyiodal- verhandluvgen nicht die allergrößte Zustimmung finden; ihre Beschlüsse sind doch tilweise gar zu sehr von orthodoxem Geist diktiert und Wirersprechen einer freien pro- testautischm Auffassung.
Die Karvlinenfrage schleppt sich immer noch langsam Weiler. Von Rom anS ist die erste VermiitlungSnvte an die spanische und die ReichSregieruvg versandt worden, eS ist aber die Frage, ob sie gegenüber den spanischen Ausreden Ersolg hoben wird. Das Ministerium in Madrid befürchtet seinen Sturz, sobald die KorteS zusammengetreten find, da eS sich doch gar zu arge Blößen gegeben, und macht deshalb die komischsten Winkelzüge. Die letzte Note deS Reichskanzlers hat haarscharf nachgewiesen, daß Spanien bis zu diesem Jahre keinen rechtlich begründeten Anspruch auf die Karolineninseln hatte. Inzwischen sind nun auch die amtlichen Nachrichten von der Insel S),p eingettoffen, daß die deutsche Flagge vor der spanischen gehißt worden ist und waS thut mau da in Madrid? Ganz plötzlich bestreiten die Herren, die Flaggenhifiung könne nicht eher als Bcsttz- ergreifung angesehen werden, als bis eine neue europäische Konferenz sür die Südsee ebensolche AnnexiorSbestimmungen (ttroffen habe, wie die afrikanische Konferenz sie für dos herrenlose Gebiet von Afrika brschloffen. Uno bevor das nicht geschehen sei, halte Spanien seine Ansprüche au? die Karolinen aufrecht. WaS soll da eine päpstliche Vermittlung helfen? Deutschland ist trotz seines größeren Rechtes zu Vergleichm bereit, aber die Spanier sind bockbeinig. Tritt eine Konferenz zusammen, so erhalten sie jedenfollS am allerwenigsten Recht.
Der österteiä ische ReichSrat ist vertagt worden und haben nunmehr die Delegationen in Wien ihre Sitzungen begonnen, Kaiser Franz Jos-pH wie» in der Eröffnungsrede auf das gute Einvernehmen aller Mächte hin, dem eS gelingen werde, die Ruhe im Orient wieder herzustellen. Daß der Kaiser aber auch des russischen KaiserbesuchcS in Krem sirr mit warmen Worten ge achte, hat den Ungarn nicht gefallen, und ihre Vertreter haben deshalb die Rede mit eisigem Stillschweigen aufgenommen. Der Nationali- tätenhoder in Böhmen kam auch in den Delegation n zur Sprache. Der Kriegömiuister behauptete, die Schlägereien zwischen cz:chischen und deutschen Soldaten in Böhmen seien einfache WirtShanSschlägereien gewesen. Davon, daß die Czechen Schimpflieder gesungen, weiß der Herr Minister, trotzdem diese Thatsache feststeht, nicht ein Wort.
Die Franzosen find eben mit ihrem Wahllärm durch und die Regierung beginnt gegen Beamte vorzugehen, welche sich auf die Seite der Monarchisten gestellt haben, da kommen äußerst schlechte Botschaften aus Asien. General Courcy hat allerdings die Aufstäudischen in Tonking in einem Gefecht geschlagen, aber das ganze Land ist im
vollen Aufruhr, der selbst die alte französische Kolon e Kochinchlna zu ergreifen droht, Die französischen Truppen sind durch Krankheiten dezimiert und müssen also, wenn dem Ausstande mit voller Kraft begegnet werden soll, ganz gewaltige Truppennachschübe stattfiuden. Dabei dauern die Christenmetzeleien ununterbrochen fort und die Annamttm ermorden jeden znm Christentum übergetretenen Eingeborenen, den sie als Verräter bezeichnen. Die Pariser Regierung hat deshalb angesichts der vorhandenen Schwierigkeiten beschlossen, vorläufig nur 12000 Mann in Asien zu belassen, mit ihnen einige feste Plätze zu halten und erst dann angriffsweise vorzugehen, wenn eine tüchtige Armee von Eingeborenen gebildet worden ist. Auch auS Madagaskar lauten die Nachrichten sehr schlecht; die HowaS haben In dem Klima und den Terrainschwierigkeiten Bundesgenossen, die nur unirr sehr großem Kostenaufwande zu überwinden sind. Weiter bat sich die französische Regierung mit den Monarchisten beschäftigt. Namentlich die Anhänger der Orleans stellen sich an, als ob Frankreich schon wieder einen König habe und He Vermählung der Prinzessin Marie von Orleans mit dem Prinz n Waldemar von Dänemark ist al» Ag'tativnSmittel trefflich ausgebeutet.
Sehr zufrieden mit den französischen Verlegenheiten sind die Euglän et. Ja London hatte man lebhaft befürchtet, die Franzosen würden ihre Erwerbungen in Asten benutzen, um nach Hlnierindim vorzudringen und sich dort den maßgebenden Einfluß zu stLern. Diese Gefahr Ift vorüber und die Engländer avaneieren deshalb selbst. DaS ist der geheime Grund ihres Konfliktes mit dem Sultan von Birma, deshalb wollen sie einen Krieg mit diesem, um durch Eroberung von Birma dem französischen Einfluß vorzubeugeu und ihren Einfluß immer weiter auf daS Königreich Siam, bis an die Grenze von Annam auszudehnen. Nebenbei erschließt die Eroberung von Birma den Landhandel mit China vollständig, eß winkt also ein hü scher P-vfit und das macht den Krieg sehr populär.— Der Vertrag mit dem Sultan wegen der Neuordnung der kryptischen Verhältnisse iS nun in Konstantinopel unterzeichnet worden und nehmen darnach die Türkei und England die Sache gemeinsam in die Hand.
Die dänische Regierung trifft bereits Maßregeln infolge de» Attentates auf den Ministerpräsidenten Eftrnp, um die radik le Partei h Zaum zu halten, ober bester noch, mund' tot zu machen. Fü,s erste hat sie eigenmächtig und ohne die Volksvertretung zu befragen, die Bildung eines Gen- darmeriekorps angeordnet. Natürlich ist an eine nachträgliche Bewilligung der dafür nötigen Gelder gar nicht zu denken und so kommen Regierung und Abgeordnetenhaus immer härter aneinander. — Die russische Regierung fährt in ihren Bestrebungen zur Unterdrückung deS deutschen Element- munter fort; so sind in einer Reihe von Bezirken die deutschen Lehrer, welche nicht russische Unter« thamn sind, ohne weiteres von ihrem Amte entfernt worden.— Von jenseits des Ozeans ist zu melden, daß die Kaiserin
Heister Siu«.
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.) II.
Kaum eine halbe Stunde mochte Asteffor v. Brunner seine Wohnung verlassen haben; als ein Wagen vor dem Hause hielt und eint junge Dame aurstieg. Die Eigentümerin, welche gerade auS der Thür trat, freundlich be- grüßeud, fragte die Fremde:
„Assessor v. Brunner wohnt p wohl hier, nicht wahr? — Ist er zu Haus? — Ich bin feine grau." —
Die ältliche Frau, eine Witwe, betrachtete erstaunt die junge Dame.
»Der Herr Aflcffot ist vor Kurzem auSgeaangm," erwiderte sie; „Doch glaube ich, daß er bald zurückkommen wird. Hier find seine Zimmer; wenn ich nicht irre, befindet fich ein Freund von ihm dort, der Herr« v. Brunnec heute besuchte."
Die Dome dankte artig und trat In Reinhard S Wohnzimmer. Die Hausfrau verließ sie kopfschüttelnd, indem sie für sich murmelte:
„Seine Frau?! — Komisch daSl — Davon habe ich doch nie ein Wort gehört, und die Leute behaupten doch, er wolle dcS schöne Fräulein v. Soden heiraten."
Die junge Frau konnte etwa zweiundzwanzig Jahre alt fein. Sie war mittelgroß, blond und im Ganzen eine recht angenehme Erscheinung, eine hübfche Frau, einfach, aber geschmrckooll gckleidet.
„Also hier wohnt er?" sagte sie lächelnd md sich in dem ersten Zimmer nmsehend, in welchem Reinhard'»
Schreibtisch stand. Darm trat sie in sein Schlaf- und in sein Ankleidezimmer, endlich auch in den Salon. Sie «ar erstaunt, dm „Freund" ihres Gatten nirgends zu finden, von dem jene Frau ihr gesprochen. Sie kehrte zurück nach dem erstm Zimmer, entledigte sich dort ihrer Handschuhe und betrachtete neugierig die Bücher, welche aus des AffestorS Schreibtisch lagen.
„Wie er fich freuen wird!" murmelte sie halblaut und ging dann im Zimmer langsam auf und ab. Sie konnte dir Zelt seiner Rückkehr kaum erwarten.
Aus dem Schreibtisch hatte sie einen Brief bemerkt und gesehen, daß die Schrift diijenige Reinhard'» war, hatte ihn indesten nicht weiter angesehen; doch wie unwillkürlich st len ihre Augen tarnet wieder auf diesen Bries und en'lich trat sie heran und las die Adrestr — an sich selbst gerichtet.
„Ahl" tief sie lachend, „ein Brief au mich! — Nun, bet kann die Reise spaten!'
Heiter und vergnügt faltete sie daS Pc piet auseinander und fetzte fich auf dm Schreibtifchfeffel, um den Brief zu lesen.
Sie lächelte noch Immer, nachdem sie die Lektüre begonnen — doch nicht lange währte es, bis daS stehe Lächeln wich — einem Ausdruck des Entsetzens wich.
Bleich, zitternd, starren AngeS la» sie weitet — weit t — bis za Ende . . . diesen Brief, der ihr die Kunde brachte, daß ein schweres — das schwerste Unglück sie betreffet'. — Sie las wieder und wieder diese klaren, deutlichen Worte, gleich als könne, dürste sie ihnen richt glaubt», sie konnte eS nicht soffen, waS dort stand — und doch stand eS da unzweifelhaft und unzweideutig, daß sie 6c« trogen wat, um all' ihr Glück! —
Wie zerschmettert saß da» junge Weib da. Der Schlag wat zu plötzlich, zu heftig gewesen und mitten hineinge« fahren in ein Glück, das Ida v. Brunner al» dauernd gesichert zu betrachten sich gewöhnt hatte. Sie weinte nicht, fie starrte nut entsetzlich bleich und in stummem Schmerz vor sich hin. Es war eine schwere Stunde — die schwerste, welche ein junges Weib, das vor sechs Monaten erst den Treuschwur deS über alle» geliebten Gatten am Altar empfangen, erleben kann.
„Verschmäht und verstoßen!" rang <8 sich endlich fast tonlos von ihren L ppm und ein Zittern tote Fiebersrost schüttelte ihren Körper.
Langsam nut schien sie endlich znm Bewußtsein ihrer Lage zu kommen, die ganze Größe ihres Unglück» zu fassen. Sie weinte aber immer noch richt — ihre Tbränm schienen verfiegt; waS bedeuteten auch Thränm gegenüber dem Entsetzen, welche» fie ersülllte, bei dem btttern Schmerz, der ihr daS Herz zu zerfleischen drohte?
Endlich faltete sie den Brief zusammm, schob ihn wieder in dafselle, an sie adressierte Kouvert, auS dem sie ihn genommen, und steckte ihn dann in ihre Tasche. Darauf nahm sie ein lose» Blatt Papier, das sie auf dem Schreibtisch fand, unb schrieb daraus mit fester ruhiger Hand:
„Deinen Lri>f gelesen. Tu bist frei
Auf dieses Blatt legte sie die Papierschcere und erhob sich. Ein Seufzet — so schwer, so traurig — war alle», wa? von ihr gehört ward. Dann wandte sie sich zum Gehen. — Ida wat entfcslvffcn, ihren Gatten nicht mehr wiederzusehcn. ,Fortsetzung folgt.)