Mr. »SO.
Marburg, Sonnabend, 31. Oktober 1885.
XX. Jahrgang.
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Der Karolinen - Streit.
Als die spanische Regierung dem Deutschen Reiche in feierlicher Form ihr Bedauern und ihre Entschuldigung über die bekannten Exzesse am deutschen GesandtschastShotel in Madrid ausgesprochen und die ReichSregierung sich dadurch für befriedigt erklärt hatte, wurde allgemein angenommen, daß nunmehr auch die Streitfrage über die Karolineninseln baldigst ihren Abschluß erlangen werde. Diese Erwartung ist eine falsche gewesen, und die gehegten Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. In Madrid dachte man, die Entschuldigung wegen der Krawalle sei die Hauptsache; und in Berlin war man der Ansicht, daS spanische Ministerium würde sich auch AuSglrichSvorfchlägen in der Karolinenfrage zugänglich zeigen, nachdem es die Pflichten der internationalen Höflir ketten erfüllt. Beide Parteien täuschten sich: Spanien hält seine Ansprüche auf die Karolinen aufrecht und Deutschland bestreitet nach wie vor, daß die Inseln zu Spanien bis zu einer etwaigen tu diesem Jahre erfolgten Besitzergreifung gehört haben. Unter solchen Umständen ist auch dir päpstliche Bermittelaug ein schwieriges Amt.
In der letzten deutschen Note nach Madrid vom 1. Oktober zählt Fürst Bismarck nochmal« alle Gründe ausführlich auf, weshalb die Karolinen bisher nicht zu Spanten gehört haben tonnen. Nicht nur daß die Spanier sich gar nicht um die Inseln gekümmert und dort keinerlei Behörden unterhalten haben, hat auch dieselbe spanische Regierung, die jetzt die Karolinen reklamiert, wiederholt durch Aeußerungeu dargethan, daß sie auf eine Oberhoheit über dicsklbcn verzichte. Auch das letzte, worauf die Spanier allenfalls sich hätten berufen tonnen, trifft nicht zu: sie haben ihre Flagge nicht vor der deutschen auf der Insel Arp aufgehißt, und auch nicht die geringsten Schritte ge- tyan, welche als eine Besitzergreifung anzuseheu wären. Daß sie dies gewollt haben und dir Absicht nur durch die Nachlässigkeit der Schiffskapitäue vereitelt worden ist, das geht uns nichts an, daS ist lediglich spanische Sache, Nach aller unbrsangrurm Urteil, nicht nur in Deutschland, sondern auch außerhalb desselben, stehen die beiden Thals ichen fest,
auf welche eS allein ankommt: Die Karolineninseln haben erstens bis zum August dieses Jahre« 1885 Spanien nicht gehört und die spar ische Regierung hat dies durch ihre Handlungsweise bekräftigt, und zweitens ist am 25. August d. I. die deutsche Flagge zuerst auf der Insel Map aufgehißt und durch feierliche Erklärung im Namen de« Deutschen Reiches Besitz von den Karolinen genommen worden. Zur Entschridung de« Streites, wer das größte Recht auf die Inseln hat, ist also kein Schiedsgericht mehr nötig, diese Frage hat die unabhängige öffentliche Meinung aller Nationen längst rntschtedeu, und alle Großmächte ohne Ausnahme haben der spanischen Regierung chre Ansicht dahin ausgesprochen, daß sie im Unrecht sei. Zum Schluß der letzten deutschen Note heißt e« aber, Deutschland werde trotzdem dem heiligen Vater BergleichSvorschläge unterbreiten. Können die Spanier mehr verlangen?
Bet dem spanischen Kabinett des Herrn CannovaS del Castillo, des Ministerpräsident«, handelt e« sich aber längst nicht mehr um die Karolinen, sondern um da« Festhalten des Ministerportefeuilles. Herr Cannova« hat, um die Fehler seiner innere» Politik zu verhüllen, selbst den ganzen Lärm um die Karolinmfrage erheben lass«, und er besann sich erst, als er erkannte, daß er vielleicht den dümmsten Streich seines Leben« gemacht hatte, der um ein Haar breit König Alfonso den Thron gekostet. War die spanische Regierung klug, so hätte sich ein freundlicher Ausgleich vollzogen, gerade wie beim Suluarchipel, und kein Hahu hätte darnach gekräht. Jetzt ist das spanische Ministerium in den Sumpf hineingeraten und will unter allen Umständen durch, denn die Berufung der Kortes steht nahe bevor und dann könnte ein Mißtrauensvotum das ganze Ministerium im Nu fortblasen. Deshalb auch die neueste, beinahe komische Ausrede, Spant« könne die deutsche Flaggenhiflung nicht als Besitzergreifung ansehen, denn durch Beschluß der afrikanischen Konferenz in Berlin seien diese Bestimmungen nur für das herrenlose Gebiet in Afrika, nicht aber für daS in der Südsee getroffen. Die Madrider Herren hätten dann nur sagen sollen, wie dmn überhaupt anders die Besitzergreifung hätte vollzogen werden tonnen; Außerdem hat aber auch diesen närrischen Einwand zugegebm, der als letzte Ausrede zu betrachten ist, die spanische Regierung dann noch kein einzige« Recht mehr auf die Karolinen-Inseln; wenn fie DkUtschland nicht gehören sollen, so gehören sie ihrIeben so gut, oder vielmehr ganz und gar nicht, denn sie hat nicht da« geringste zur Dokumentierung ihres angeblichen Besttzrechtes gethan.
Mag eS nun Papst Leo oder aber eine neuere europäische Konferenz sein, welche berufen ist, in dieser Sache da« letzte Wort zu sprechen, so viel erscheint nach der gegenwärtigen Lage der Dinge auSgeschloffen: Spanien erhält die unbeschränkte Souveränität über die Karolinen- Inseln nicht. Zu Dergleichen ist ja auch Deutschland gern bereit. In der Geschichte aber wird der Karolinenstrett ein intereffante« Beispiel dafür bleiben, wie große Unanehm- lichketten allzu große Kurzsichtigkeit man einer Regieving zu
fügen kann. Die doch nicht entfernt übermäßig kostbaren Inseln hätten fast einen Krieg entfacht und, mehr noch, den Sturz einer Monarchie herbeigeführt, nur weil dir Regierung mit sehenden Augen blind war.
Reich.
Lerliu, 29. Okt. Der Kaiser empfing heute nachmittag um 3Vz Uhr den llnterstaatsstkretär Grafen Bismarck zum Vortrage. — Ueber die Wahlmännerwahlr« wird gemeldet: Elberfeld (Stadt) 274 Natioualltberale und Freikonservattve, 90 Freisinnige. Barmen (Stadt) 201 Nationalliberale und Freikonservative, 147 Freisinnige, 12 unbestimmt. Potsdam (Stadt) 172 Konservative, 17 Freisinnige. Köln (Stadt) 339 Klerikale, 199 Liberale. Kassel 195 Natioualltberale, 19 Konservative. Görlitz 147 Freisinnige, 44 Nationalliberale. — Die hiesigen Wahlmännerwahlen sind größtenteils bekannt. Die Zahl der freisinnigen Wahlmänuer beträgt im ersten Wahlkreise 588, im zweiten 799, im dritten 712, im vierten 575; die der konservativen im ersten Wahlkreise 248, im zweite» 150, im dritten 338, im vierten 206; die der national- liberalen im ersten Wahlkreise 59, im zweiten 35, im dritten 40, im vierten 15. Von im ganzen 550 Urwahlbezirken ist das Resultat aus einigen 30 noch unbekannt.— Dem heutigen Festgottesdienste zur Säkularfrier der fron* zöstschen Kolonie wohnten der Kronprinz und die Kronprinzessin, die Prinzessin Viktoria, die Minister v. Putt- tarnet und v. Goßler, sowie eine Deputatton des Magistrats und der Stadverordneten, geführt von Oberbürgermeister von Forckenbeck, bei. Letzterer überreichte die Glückwünsch« adreffe der städtischen Vertretung, wofür Prediger Neßlrr namens der französischen Kolonie dankte. Die Festpredigt hielt Prediger Fournier, welcher die Hochherzigkeit wtt welcher der Große Kurfürst den RefugiöS sein Land und seine Schatzkammer geöffnet habe, feierte und die lande«- väterliche Fürsorge pries, welche alle Hohevzollerufürstm der französischen Kolonie unablässig bethätigt haben, so daß die Abkömmlinge der RefugiöS aller großen Geistesgüter des deutschen Volkes teilhaftig geworden seien. Mit dem Absingen der Choräle: „Ein' feste Burg- und „Nuu danket alle Gott- schloß die erhebende Feier. Die Kirche war bis auf den letzten Platz gefüllt. — Die vereinigten Ausschüsse deS Bundesrats für Handel und Verkehr und für Eisenbahnen, Post und Telegraphen htetten gestern eine Sitzung. — Nach einem Zirkularerlaß deS Minister« des Innern und des FinanzmtnisterS, vom 24. August d. IS., ist die Frage entstanden, ob Oberwachtmetster und Gendarmen, während der Dauer ihrer ohne Gehatt erfolgten Beurlaubung zur probeweise» Beschäftigung im Zivildtenst, die Witwen- und Waisengeld-Beiträge zu entrichten verpflichtet sind. Diese Frage ist nach der Entscheidung der Minister inbetreff aller derjenigen Fälle zu bejahen, in welchen die genannten Beamten während der gevachten Zeit in ihren Stellungen verbleiben und eine anderweite Besetzung der letzteren nicht stattfindet. ES
Heister Stu».
Roman von Theodor Küster.
(Fortsetzung.)
Walter las diesen Brief eine« durch Leidenschaft ver- blmdetev Gatten an sein betrogenes, verstoßene« Weib. Reinhard hatte darin die ganze Berwstrung seines leicht empfänglichen Hrrzeu« geschildert; er sprach selbst da« VerdammungSurteU über sich auS; er machte nicht deu geringsten Versuch, feine Handlungsweise zu beschönigen, sondern beklagte nur seine Schwäche, welche ihn dem Zauber hatte erliegen lasten. — Der Brief an Ida war ein offene« Bekenntnis voller Selbstvorwürfe und zum Schluß überließ er ihr die Entscheidung. Wie diese auSfallru würde, das wußte er im Voraus; auch Doktor Grell zweifette nicht, daß dieser Brief den Astestor frei machen werde, und beklagte auS tiefstem, ehrlichem Herzen das arme junge, um fein ganzes LebeuSglück betrogene Weib, denn er wußte, daß Ida v. Brunner chreu Mann liebte.
„Wie grausam, ein Herz, das Dich liebt, so zu tönten le zürnte er. Walter vermochte nicht zu begreifen, wie Reinhard eS über sich gewinnen tonnte, dies« Vries an seine Frau zu schicken, mtt der er erst ein bis jetzt ungetrübtes, glückliches Halbjahr verlebt, der er auch nicht den geringsten Vorwurf zu machen im Staude war. — Wie hart hatte blinde Leidenschaft da« sonst so gute Herz de« jungen Manne« gemacht!
Reinhard v. Brunun empfand, «aS sein Freund in diesem Augenblick dachte, der ernst und schweigsam am Fenster stemd nnd hinaus blickte.
„Du zürnst mir, Walter, und hast auch ein Recht dazn,- sagte er weich; „doch glaube mir, ich bedarf mehr des Mitleid«, al« der Vorwürfe. Ich bin nicht wie Du, nicht wie die Mehrzahl der Männer: wenn ich als Knabe schon meine Leidenschaft, mein aufbrausende« Blut nicht zu bewältigen wußte, bann waren e« die Thränen meiner Mutter, die ich über jedm Begriff liebte, und noch heute liebe, welche mich zu säst übermenschlicher Anstrengung vermcchteu und eS zuwege brachten, daß ich meine Wünsche begrub, meine Begierden bezwang — für den Augenblick I — Sie waren aber zu heiß, zu leidenschaftlich, mein ganzes Sinnen, Denken und Trachten blieb auf den verbot«« Gegenstand gerichtet, ich konnte schon damals — als Knabe — nicht entsagen: jetzt als Mann kann ich's leider noch wmiger l — Würde ich jtzt zu Ida zurückkehrm, ohne ihr bekannt zu haben, daß ich Asele liebe, so müßte sie trotzdem elmd werden und wir könnten nie mehr glücklich sein. — Adele sind meine Gedanken, ist all' mein Sinn« geweiht, unter der drückenden Last de« Verschweigen« möchte ich wahnsinviz werd«! — Bedaure mich, mein Freund — ich verdiene es 1*
„Ein Wort noch, Reinhard,' sagte Walter ernst. „Bevor Du diesen Brief abschtckst, versichere Dich, daß Adele v. Soden Dich auch wirtlich liebt und daß sie Dir die bisherige Täuschung verzeiht.' —
„Du willst eS nicht glaub«, daß sie mich liebt, Walter?* fragte bitter lächelnd der Affeffor.
„Warum sollte ich nicht? — Du hast ja von jeher da« größte Glück bei den Frau«! — Doch e« gehört sehr
viel Liebe dazu, Reinhard, um Dir zu verzeih«; Du hast Adele betrogen — schmählich betrogen, da« läßt sich nicht wegdisputierenl — Und dann denke an ihr« Bat«: wa« wird er sagen?!* —
„Alles das, wa« Du mir da sagst, Fr«nd, weiß ich. Ich habe mich oft selbst geftagt, wie e« werden wird, ab« ich muß vor all« Dingen frei sein!*. —
„Was nutzt Dir die Freiheit, wenn Du Adele nicht «laugen kannst?' — Warum willst Du nutzlos Dein« Frau da« Herz brech«? — Rur um ein« Hoffnung will«? . . .
Reinhard sann lange nach. Endlich sagte er entschloss« ♦
„Ich will Adele mein Herz öffn« — sie versteht mich! denn sie liebt mich wie ich sie liebe: voll und hingehend, ohne hin und her zu wäg«.' —
Wenige Minuten spät« befand b« Affeffor sich auf dem Wege zur Villa ©oben.
Der junge Arzt blieb in Reinhard'« Wohnung zurück, um bett Freund dort zu erwart«. Ein hübsch«, groß« Garten umgab da« Haus, in welchem Reinhard v. Bruun« die Parterre-Etage allein bewohnte. ES war heiß an dem Tage, war g«ade um die Mittagszeit, und Walt« Grell ging hinaus in die kühl«, schattig« Laubgänge, um nach- znd«ken über die eigmtümliche Lage feine« Freunde«, über die maßlose Berwirrung, welche die Liebe im Leb« eint« Mensch« auzurichtm vermag.
j (Fortsetzung folgt.)