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Marburg, Mittwoch, 28. Oktober 1885.

t. *38

XX. Jahrgang.

gespaltene geile !

-^scheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Fhi/trin'

Spedition 2'7. Mk., ^Postämter 2 «k

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Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BiatteS, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frantutt a. M., Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moffe in Frankfurt a M., Berlin.München »ud Jtiiln: ». 8. Daube und

To. la Frankfurt a. verlin,Hanuover u. Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg

Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug.

Illustriertes Sonntagsblatt.

DW- Auch für dir Monate November und Dezember werden Bestellungen auf die

Oberhessische Zeitung

Bt$ deren Beiblättern

Amtlicher Anzeiger

für bie «reise Marburg und «irchhaiu und

Illustriertes Sormtagsblatt

von ollen Postanstalten angenommen.

Auf dem Lande nehmen sämtliche Landpostboten Be- üellungeu entgegen. In Marburg die unterzeichnete

Gxped. der Oberh. Zeitung.

Die louservative Partei im Abgeordueteuhause und ihre Aufgabe«.

V.

Nicht blos die wtrthschaftlichen und materiellen Frage», sondern die höchsten Güter des Volks, Kirche und Schule haben die volle Thätigk-tt des parlamentarischen Lebens in Anspruch genommen, die konservative Partei fand vor sechs Jahren auf kirchlichem Gebiete lebhasteu Kampf, einen tiefen Ritz durch das deutsche Volk, der nicht bloS zwischen dem Staate und der katholischen Kirche, sondern auch durch das evangelische Volk tu ernsten Gegensätzen der christlichen uuv materialistischen Auffassung hindurchzieht. Die konservative Partei, auf dem Boden christlicher Welt­anschauung stehend, sprach ihre Aufgabe dahiu aus, datz die kirchenpolitische Gesetzgebung, indem ste von den Ein­griffen in das innere Leben der Kirche abstand und die Härten der bestehenden Kampfgesetze beseitigte, einer Revi­sion zu unterwerfen sei. Sie wendete ihnen vollen Etn- flutz im Landtage aus, den Vorlagen der Staatöregieruug die Zustimmung zu verschaffen. Wenn dies auch gegenüber den Liberalen nicht vollständig gelang, die Novelle von 1880 nur teilweise ihre Zustimmung fand und die von 1882 mit Hilfe des Zentrums gegen die vereinigten Liberalen zu Stande gebracht wurve, so wurde doch die Aushebung der Sperre in den bischöflichen Diözesen, mit Ausnahme des erzbischöflichen Stuhles von Posen, die Wiederbesetzung der­selben, sowie einer grotzeu Zahl verwaister Pfarreien und die Beseitigung der die Ausübung der Seelsorge entgegen- stehenden Bestimmungen erreicht. Nachdem unter dank­barer Zustimmung der katholischen Bevölkerung die Staats- Tgterung mit der päpstlichen Kurte in direkte Verhand­lungen getreten, hat die konservative Partei als ihre Ausgabe erkannt, diesen Weg einer Verständigung in jeder Richtung zu fördern uns die Gefahren fern zu halten, welche aus einem einseitigen parlamentarischen Vorgehen anwachsen mutzten. Datz eS sich nicht darum handelt, ein prinzipielles Einverständnis zu erzielen, datz die thatsächliche

Feststellung der Grenzgebiete zwischen Staat und Kirche langwierige ernste Verhandlungen bedingen und von beiden Sellen nur mit Weisheit und im vollen Gefühle die großen gemeinsamen Interessen gelöst werden können, darüber ist sich die Partei vollständig klar und wird stet« bereit sein, im Sinne des Friedens und der Kräftigung und Selbst­ständigkeit de» kirchlichen Lebens thätiz zu sein, ohne einm Augenblick au« dem Auge zu verlieren, was die unver- äutzerlichen Rechte des Staates im Jnteresie des Friedens und der Wahrung der Gleichheit der Konfessionen, als unabweisbare Pflicht auferlegen. In diesem Sinne hat sich die konservative Partei in ihren einstimmigen Resolu­tionen ausgesprochen und in diesem Sinne hat ste der dritten Vorlage der Staatsregierung im Jahre 1883 ihre, freudige Zustimmung erteilt, durch welche die Anzeigepfltcht auf die eigentlichen Pfarrer beschränkt, die Zuständigkeit des Gerichtshofes für kirchliche Angelegenheiten auf dem Gebiete der Anzeigepflicht aufgehoben und die Straffreiheit für alle geistlichen Amtshandlungen eingeführt wurde. In diesem Sinne wird ste jederzeit handeln, wenn die Ver- bältniffe ihr die Mitarbeit an dem Revisionswerke oder die Initiative dazu an die Hand geben. Das aber mutz die Partei auf das Entschiedenste ablehnen, daß ste in irgend einer Form in den Streit der Konfessionen untereinander eintritt, der Kampf der Geister liegt auf einem an­dern Felde.

Die Volksschule angehend, hat die konservative Partei in Anträgen und Resolutionen unablässig daS Ziel verfolgt, die Schulunterhaltungspflicht gesetzlich zu regeln und die Gemeinden von den drückenden Schulabgabcn möglichst zu entlasten. Allein es fehlten bis dahin zu diesen dringenden Ausgaben die Mittel. AuS der Initiative des Abgeord­netenhauses wur-e, um deu dringensten Bedürfnisien abzu- helfeu, ein Gesetzentwurf eingebracht, welcher die PenstonS- Verhältniffe der Schullehrer zu regeln bestimmt war, indem er dieselben den unmittelbaren Staatsbeamten gletchstellte und ihnen von ihrem gesamten Einkommen Gehalt, freie Wohnung, Feuerung, AiterSzulage und dem Auf­kommen des Kirchcnawtes dieselbe Pension wie allen Staatsbeamten gewährte.

Dem Staate wird die Verpflichtung auserlegt, 600 Mk. zu dics-r Pension beizusteuern und wo dieser Zuschutz nicht hinreicht, kann ein Vierteil des Stelleneirckommens, sofern dasselbe nicht unter den Minbestbetrag sinkt, htnzugezogen werden. Damit i't den Gemeinden eine nicht zu unter­schätz nde Hülfe, deu Lehrern aber int vollen Matze die Erfüllung eines langaehegten Wunsches gewährt.

DextscheS Reich.

Berlin, 26. Okt. Der Kaiser empfing heute vor­mittag um 10 Uhr den Prinzen Albrecht mit bra Minister Görtz-WrieSderg in nahezu eirchündiger Audienz. Der Kaiser begab sich vormittags in die Kapelle deS Dom«

kandidatenstiftS zur Bestchtigung der Kapelle und des von dem Kaiser geschenkten Altarbildes, welches die Anbetung der Weisen au» dem Morgenlande darstellt. Der Kultus­minister, sowie die Mitglieder deS OberkircheuratS und der Generalsynode waren zur Begrüßung des Kaisers anwesend. Oberhofprediger Kögel empfing den Kaiser und geleitete ihn tu die Kapelle und hielt nach dem Gesänge deS Dom- chors eine kurze Ansprache, in welcher er den Dank für die Schenkung aussprach und u. a. sagte, in der profanen Kunst von heute trete mit der Verwilderung deS Geschmacks die Entthronung der Moral auf; um so willkommener sei die Gabe eines Bilde«, welches bekundet, daß auch di- fromme Kunst noch ihre Priester hat, die uns predigen helfen. Mancher werde von hier die Ueberzeugung mit­nehmen, daß nur das Beste für das Volk gut genug fei und daß da« Schöne in den Dienst des Heiligen zu treten habe. Hierauf begrüßte Präsident von Arnim dm Kaiser namens der Generalsynode. Der Kaiser hob in seiner Er­widerung hervor, daß das große Werk der letzten Jahre, welches Preußen so hochgestellt habe, bestehen werde, wenn sein Fundament bleibt: die Reinhesi der Religion und der Fortschritt in jedem guten Werke. Sich hierauf a« dm Präsidenten von Arnim wendend, sprach der Kaiser die Hoffnung aus, daß die Synode unter seiner Leitung, wie früher mit Einmütigkeit arbeiten und ebenso gute Resultate erzielen möge. Nach einem nochmaligen Gesänge deS Dom- chorS verließ der Kaiser unter lebhaften Hurrahrufen des zahlreichen Publikums die Kapelle. DerNordd. Allg. Ztg." zufolge ist v. Möllmdorf am 18. Oktober aus seiner Dienststellung in Korea ausgetreten. Im Bürgersaale deS Rathauses begrüßte vormittags 11 Uhr der Ober­bürgermeister von Fsrckeubeck hier die versammelten Mit­glieder des deutschen SchriftstellerverbandrL Brauu-Wies­baden sprach deu Dank der Versammlung aus und eröffnete die Sitzung mit geschäftlichen Mitteilungen. Hieran schloffen sich Vorträge von Braun-Wiesbaden, Professor Gösche und Rcbert Keil. Nachmittags 5 Uhr findet Festtafel im Saale der Philharmonie statt. In der Ansprache, womit Ober­bürgermeister Forckenbeck dem Schriftstellertage die warme Sympathie der Gemeindebehörden ausdrückte, wies derselbe auf die den Gemeindebehörden zur Lösung vorliegenden wichtigen Knlturaufgaben hi». Die Lösung dieser idealen Aufgaben in einem Gemeinwesen, daS sich so plötzlich zur Großstadt entwickelt hat, sei nur mit Hilfe der öffentlichen Meinung erreichbar. Die Vertreter derselben seien aber die hier Anwesenden, welche die Bausteine herstellten. Dem Schriftstellertage, welcher den Schriftstellern Rückhalt ge­währe, rufe er deshalb ein herzliches Willkommen zn. In 15 Kirchrngeweinden Berlin« fanden gestern dir Er- gänzungSwahleu statt. In sechs Gemeinden stegte die positive, in acht die liberale Partei, in einer siegten die gemeinsamen Kandidaten. Bisher waren in der Stadt­synode von 232 Mitgliedern 110 liberal? und 100 positive,

Heitzer Sinn.

Roman von Theodor Küster.

(Fortsetzung.)

Reinhard v. Brunner war ein ganz Anderer geworden in der kurzen Zeit: seine Liebe und die au« derselben sprießende Scelevpein und folternde GewisffnSqual drohten, ihm die Besinnung zu rauben. Einige Tage hielt er sich fern von der Villa Soden, und dies- Zeit der fretwilligeu Verbannung dünkte ihn eine Ewigkeit. Bleich, mit riagefalleuen Wangen saß er in seiner einsamen Wohnung, denkend und brütend. Er suchte einen Ausweg und fand iHv. Wohl schauderte ihn, doch blieb ihm nichts übrig, als eben diese Lösung: er mußte sich frei machen i Mele jetzt noch zu entsagru, vermochte er nicht.

Reinhard «ar ruhiger geworden, siit sein Entschluß einmal unabänderlich feststand. Er setzte sich an seinen Schreibtisch uns begann mit anfänglich zitterndrr, zögernder Hand einen Brief zu schreiben, dcr endlich recht laug wurde, denn Briefbogen um Briefbogen bedeckte sich mit engen Zellen. Endlich war er zu Ende mit der Arbeit und eben im Begriff, den Brief zusarnmevzulegeu, al« ein Klopfen au seiner Thür ihm sehr ungelegene Unterbrechung vrrhietz, so daß er unwillig »Herein 1* rief.

Der Eiutreteude war ein Manu in Reinhards Alter, offenbar ein Freund von ihm, denn freudig eilte er auf den »ffeffor zu. m

»Guten Tag, alter Junge!" rief er, während Brunner feinen herzlichen Händedruck ebenso erwiderte. »Ich habe hier in der Stadt zn thun gehabt und da konnte ich doch nicht wieder abfahreu, ohne Dich gesehen zu haben. Wie geht- Dir? Hör! mal, Reinhard, Du stehst nicht be-

sonders gut ans/ fuhr der Besucher fort, nachdem er einen prüfenden Blick über den Freund hatte gleiten laffev.

Doktor Walter Grell war Arzt und Reinhard'« v. Brunner bester Freund; beide waren UnivrrsttLtS-Genvffrn und Mitglieder derselben studentischen Verbindung gewesen. Walter war zur rechten Stunde gekommen und Reinhard, froh darüber, beschloß, dem vertrauten Freunde sein Herz zu eröffnen.

»Bisi Du nicht glücklich, R-inhard?" fragte der Doktor fort, nachdem er J-nem gegenüber Platz genommen.Du machst ein wahrhaft mitletvswertes Gesicht, Jungel Komm': erzähle mir, wrS Dich drückt; Mitteilung er­leichtert! Bist Da vielleicht oder fühlst Du Dich nicht glücklich im Besitz Deiner jungen Frau oder

Meine Frau?!' rief Reinhard mit einem Ausdruck förmlichen Entsetzens, indem er krampfhaft den Arm de« FreudeS umspannte. »Wäre sie es doch nie geworden!' setzte er tief aufseufzevd hinzu;welche Unsumme von Huzel-id wäre ihr wie mir dann erspart geblieben!'

Hör' mal, mein Junge," entgegnete der Doktor, »da« ist denn doch ein wenig früh verzeih' mir, aber eS sind ja kaum sechs Monate seit Eurer Verheiratung verstrichen, mb nun schon solche Worte, solche Reue?! Deine Frau machte doch einen guten, den besten Eindruck auf mich, ste war so sanft und bescheiden und schien Dich über alle« zu lieben. WaS ist dmn vargefallen, Reinhard?'

Ja, ja o ganz gewiß iS ste sauft und gut, und alles, was Du von ihr gedacht, ist vollkommen wahr, wir waren j, auch sehr zufrieden und glücklich mit einander."

Waren, Reinhard?! Was soll das nur heißen? Drückt Dich doch nut nicht unzweideutig au«?' rief

Walter erschreckt.Ist sie krank tot gar oder was sonst ist zwischen Euch getreten?!*

ES wollte nicht über des Assessor- Lippen das um- unwundene Geständnis seiner Untreue; er fürchtete den Freund zu verlieren, dessen streng rechtliche Gesinnung er kannte und vor dessen Kritik er sich scheute,

Walter Grell war von jcher schon als Student ruhiger und besonnener gewesen, als sein Freund, deffeu leicht erregtes Blut er manches Mal erfolgreich beruhigt hatte. Beide stammten au» einer Stadt und waren von Kindheit an Freunde gewesen. Walter nahm Reinhard'S Hand und sagte ernst:

Vertraust Du mir nicht mehr wie früher? Du bist unglücklich, Da reibst Dich auf dadurch, daß Du allein Deinen Schmerz trägst! Gerade Du bist eine Natur, die eine- mitfühlenden Herzens, eines ratenden Freundes bedarf, der Leid und Freude mit Dir teilt. Ich glaubte nicht, daß ich noch einmal so za Dir sprechen müßte, Reinhard, denn ich hatte ja mein Anrecht auf Dein Ver­trauen an Deine Frau übertragen, welche Dir vom Augen­blick Eures GflöbniffeS au am nächsten stand und stehen mußte. Dein Freund bin ich aber geblieben, obgleich ich den Grundsatz hochhalte, daß man sich in die inneren An­gelegenheiten zweier Eheleute nicht mischen soll; aber mitunter ist auch der gute Rat eines aufrichtigen Freundes beachtens­wert und ich glaube, R-ivhard, Du bedarfst deffeu!"

Walter, mein Freund, mein Bruder!' rief leidmschaft« lich der Affeffor uad umschlang den Hals deS Arztes Du wirst mich verdammen, nachdem ich Dir gebeichtet habe, doch ich matz es Dir sagm, muß Dir mllteilev, was gescheh« ist! (Fortsetzung folgt.)