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Ur. 9«S.

Marburg, Donnerstag, 22. Oktober 1885.

XX. Jahrgang.

grschcint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Sbonnements-PreiS bei der Srpedilion 2*/t Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 «fg. (exel. Bestellgeld). 4nsertionSgebühr für die «spalten- Zeile 10 Pf«. Kellamen für die Zeile

*6 Wl.

GkrMlhe Mmiz.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte-, sowied.Annoncen-Bureaux von Haasenstein undVogler in Frankurt a. M.,Caffel, Magdeburg und Wien: RudolfMoffe in Frankfurt a.LL,>8erIin, Münch«, und Adln: ®. L. Diode und Ao. in Frankfurt e. verlin,-aunover u Paris

Wöchcntüche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Sonutagsblatt. Expedition: Markt 21. Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. '

Die kovservative Partei im Abgeordueteuhause «ad ihre Aufgabe«.

I.

Die zweite Legislaturperiode des Abgeordnetenhauses ist abgelaufen, seit der konservativen Partei, innerlich geeint und von der Stimmung der Bevölkerung getragen, die schwere Aufgabe zugefalleu ist, die Führung in dem Ab- geordnetenhause zu übernehmen. Wenn es der Partei ge­lungen ist, in den wichtigsten Fragen des poli­tischen Lebens bedeutende Resultate zu er- ringen, jo dankt sie dies vor allem der überzeugungsvollen Unterstützung, welche sie in allen Kreisen des Volkes ge­sunden, orsien b-gründeten Wünschen und Bedürfnissen sie Ausdruck gegeben und Anerkennung verschafft hat. Die kouservüt ve Partei vertritt nicht einseitig eine Klaffe der Bevölkerung, fle umfaßt alle berechtigtm Jntereflen und setzt sich zusammrn aus allen Schichten der Bevölkerung, Grundbesitzern, Industriellen und Kaufleuten, Beamten, Anwälten und Arbeitern, ste ist darum auf allen Gebieten des öffevt ichen Lebens mit Erfolg thätig. Wen« die Partei fich ihrer Ausgaben und Ziele klar bewußt ist, die in ihrem Programm von 1877 bezeichnet sind, und dieselben mit voller Selbständigkeit und reichem Erfolge vertreten hat, so muß ste öffentlich bekennen, daß die gewonnenen Resultate nur haben erreicht werden können, weil fle im vollen Ein- vttständniffe mit den Männern handelte, welchen Se. Majo- stät rie Geschäfte der Regierung auvertraut und daß ste al- leitenden Gedanken tu ihrem Vorgehen von dem lebendigen Gefühle monarchischer Uebrrzeugung beherrscht war. Die letzten sechs Jahre haben den Charakter einer frischen lebens­vollen konservativen Politik gezeigt und die König!. Regie­rung, we che diese Wege eiugeschlagm, hat deshalb die Zu­stimmung der Ration und die kräftige Unterstützung der konservativen Partei gefunden.

Die Partei bildet vis heute noch nicht dir Mehrheit de- Abgeordnetenhauses, ste bedarf res Zutritts anderer Parteien, um eine Entsch-i ung herbeizuführrv, und ste erkennt es an, daß ste Unterstützung in wichtigen Fragm sowohl von seilm veS Zentrums als der Nationalüberaleu gefunden, während sie mit den eng verbundenen Frei-Konservativen fast ausnahmslos tu allen wichtigen Fragen H md in Hand gegangen ist.

Die dritte Bedingung, welcher die gewonnenen Resultate zu danken sind, ist die enge Beziehung, in welcher die Partetgenoffeu des Landtags und des Reichstags miteinander gestunden haben. Die wirtschaftlichen Fragen der Zölle und Steuern, welche den Reichstag und Lauetag beschäftigen, bedingen das gleichmäßige Vorgehen der Parteigenossen tu beiden Körperschaften und diese volle Ueberetnsttmmung, und das Haus in Hand gehen beider, stchcrte den Bestre-

Der Demokrateubart des Herr« Strippe!.

Humoreske von Fritz Brentano.

(Fortsehuog.-

Uub jetzt mache, daß Du fortkommst, ich habe zu arbeiten/ Und Hans ging. AIS tr draußen war, lachte er hell auf Über die schöne Rase, dir er seinem Herrn gedreht hatte.

Der Mensch lacht vor Vergnügen", meinte Herr Strippe! für sich. Ach, wenn er gewußt hätte, warumder Mensch" lachte.

Der Mensch war klüger wie er.--

Ich würde Dich langweilen, lieber Leser, wenn ich Dir nochmals das Erstaunen schlldern wollte, was allgemein entstand, als Herr Strippe! abermals, diesmal vollständig glatt rastert unv wirklich total verändert, im Kreise der Seini>,en erschien. DaS geht überhaupt über jede Be­schreibung. ES war eine recht aufregende Scene zwischen Manu, Frau, Tochter und Hausfreund, aber herauSzu- kriegen war aus Herrn Strippet absolut nichts, al« auf alle Fragen die stereotype Antwort:Es ist sitzt so Mode!" UebttgmS war er wieder vergnügt, ließ den Kopf nicht mehr hängen, war, mit etnemWortt, seinen abgeschorenenDemo- kratenbart abgerechnet, wieder der alte, normale Strippest

Na, bas war für die Setnigen auch ein Trost und so legte stch denn gegen abend nach und nach die hochgrhende Flut der Neugieroe und alle- gtog wieder tu seinem ge­wöhnlichen, ruhigeren Fahrwasser.

Am Abend aber kam ter Polizeirat mit seinem Sohne an.

Der Polizeirat war ein schlanke-, kleine- Männchen Mit pfiffig blinzeludeu Aeugletn und einem äußerst jovialen Gesicht, au« welchem eine Nase hervorragte, deren rotviolette Färbung audeutele, daß ihr Besitzer ben Freuden, welche Gott Bachu- den Sterblichen zu teil werden läßt, gerade nicht abhold war. Gustav hingegen «ar ei« hvchgewachseuer

bungen der Partei die Erfolge, welche nur auf diesem Wege zu erreichen waren. Wenn wir auf die langen und mühe­vollen Arbeiten de- Abgeordnetenhauses zurückblickeu, so können wir mit Befriedigung darauf Hinweisen, daß die konservative Partei die Last der L itung der Geschäfte und kommissarischen Arbeiten in vollem Maß und eingedenk ihrer Pflicht al« führende Partei gethan hat.

Wenn die konservative Partei vor sechs Jahren nur ihre Aufgaben zu formulieren hatte, so kann ste nach Ab­lauf dieser Legislaturperiode bereits auf eine Reihe von Erfolgen im öffentlichen Leben Hinweisen, welche Bürgschaft geben, daß die gesteckten Ziele erreichbar find und werden erreicht werden. Diese Resultate muffen der Sporn sein, wie bisher mit unermüdlichem Eifer zu verfolgen, wa- dem deutschen Volke zum Segen gereicht.

Betrachten wir die verschiedenen Gebiete des öffentlichen Leben-, so nimmt die Wirtschaftspolitik das Jutereffe vor­zugsweise in Anspruch.

AlS eine der bedeutungsvollsten Thatsachen muß der vollkommene Sieg des Staatseifenbahnsystems in Preußen bezeichnet werden. Hierbei sind die Konserva­tiven von den Nativnalliberalen, wenn auch unter gewissen Beschränkungen, unterstützt worden. ES sind durch eine Reihe von Verträgen die Hauptltnien der Prtvatbahnen in dir Hände des Staates üdergegangen und es sind bereits in diesem Jahre über 20000 Kilometer Eisenbahnen im Staatsbetriebe. Damit ist nicht allein dem Verkehre eine Stetigkeit und Unabhängigkeit von Sonderlnteress-n gegeben, welche die Vereinfachung und Herabsetzung der Tarife, Ab­schaffung der früheren Uebergang-gebühreu, schnellen und stcheren Transport herbetsühren, sondern auch den Finanzen de- Staates ist eine Bethllfe gewährt, welche wesentlich die Ursache war, daß ohne erhebliche- Defizit die Ausgaben de- Staates zu bestreiten waren. Mit der Entwickelung des Staatsbahnsystems ist im weitesten Umfang der Aus­bau der Anschlußvahnen in Angriff genommen und in allen Teilen der Monarchie find die langgehegten Hoffnungen, den Anschluß an die großen VerkeheSftraßen zu gewiunm, auch für entfernte Gegenden zur Thatsache geworden. Zu diesem Zwecke sind in den letzten drei Jahren nahe an 300 Millionen Mark verwendet worderu Unablässige Thä- tigkeit und Weiterstreben auf dem begonnenen Wege uuo eine feste Unterstützung der Regierung, welche die Initiative mit Energie und Umsicht seither ergriffen, wird den Segen in immer neue und weitere K eife tragen. E- bildet diese Fürsorge wesentlich eine Aufgabe der lokalen Parteivereine, weil fit mit den Bedürfnissen ihrer Provinzen am genauesten bekannt sind.

bildhübscher ju ger Mann, mit dunklen, sprechenden Augen, die e- wohl erklärlich machten, daß ein hübsches Mädchen stch in ihn verlieben konnte. Auch von feinem Gesichte strahlte eint gemütliche Bonhommie und er nahm beim ersten Augenblick für stch ein.

Als der Polizeirat feines alten Freundes Strippel an­sichtig wurde, stutzte er einen Augenblick. Er hatte ihn zwar fett 11 Jahren nicht mehr gesehen, aber das war ihm toch erinnerlich, daß er damals ganz ander- auSge- fehm hatte. Namentlich fielen die stark gefärbten Augen- braunen feinem scharfen Polizei-Auge aus, aber er schluckte die satyrische Bemerkung, die er darüber wachen wollte, heldenmütig hinunter. Er wollte den ersten Augenblick de« Wiedersehen- nicht verderben und sparte sich dieselbe aus eine gelegenen Zeit aus.

Jetzt mußte er vor allen Dingen seinen Sohu vor­stellen, der den künftigen Schwiegereltern tafofern unbekannt war, als dieselben ihn nur vor langen Jahren, gelegentlich eines Besuche- in Hannover, al» Knaben gesehen hatten. Der junge Manu gefiel Herrn und Frau Strippe! sehr wohl und sie freuten sich herzlich der guten Wahl, die ihr Töchterchen getrcffm hatte.

Alle« war recht hübsch und e- herrschte ein äußerst gemütlicher Ton in der Gesellschaft. Die jungen Leute unterhieüea stch mit allerlei verliebtem Schnickschnack in der Fevstemische; Strippel, der sehr vergnügt und gegen seine Stimmung am Morgen wie au-gewechselt war, plauderte mit dem Polizeirat von alten Zeiten, wobei er nur dann in einige Verlegenheit geriet, al- dieser einige Male sehr scharf fein Gesicht musterte und namentlich die Augenbrauneu öfter- auf da» Korn nahm.

Fra« Strippel aber richtete die Abmdtafel her und e» dauerte nicht lang«, so saßm alle, Trampel natürlich

Deutsche- «eich.

Berli«, 20. Oft. Der Kaiser wird Freitag dieser Woche in Berlin zurückerwartet. Die Abreise au- Baden- Baden erfolgt Tag- zuvor. Gestern nachmittag 1 Uhr fand eine Sitzung des preußischen Staatsministeriums statt, in welcher, nach dem Vermuten der ,B. P. N., über dm Zeitpunkt der Berufung des preußischen Landtages beraten worden fein dürfte. Die kommissarischen Beratungen zwischen dem Finanzministerium und den übrigen Ressorts stnd jetzt abgeschlossen, so daß nunmehr an die Feststellung des preußischen Etat- herangetreteu werden kann. Au» dieser Thatsache an sich erhellt schon zur Genüge, daß ein auch nur annähernd richtiges Bild von der Gestaltung de- Etat- bisher niemand zu geben in der Lage war. Die Vermutungen, die feit Wochen durch die Zeitungen gingen, dürften sich, wie man heute schon versichern kann, als durchaus unzutreffend erweisen/ weil, abgesehen von mauuig. fachen Entgegenkommen des Finanzministeriums in bezug auf Mehrbewilltgung von Mitteln für kulturelle Zwecke, der eben dem Abschlüsse nahe Reichshaushalts - Etat für 1886/87 den preußischen Etat ganz anders beeinflussen muß, als oberflächliche Beurteiler dies vor einigen Wochen herausrechneten. Die UeberMm über die Gefchäfts- thätigkeit des Hauses der Abgeordneten in der letzten Session sind erschienen. Dieselben sind von dem Büreau-Direktor des Hauses, Geheimen RechuungSrat Kleinschmidt, in der bisherigen mustergültigen Art angefertigt und zerfallen in die Rednerliste, die Ueberstcht über den StaatShauShaltS- Etat und die Hauptüberstcht. Die Rednerliste ergiebt den Tag, an welchem, sowie den Gegenstand, über welchen jeder einzelne Redner gesprochen hat, unter Hinweis auf die betreffenden Seiten der stenographischen Berichte. Die Übersicht macht die bezüglichen Anfragen, Anträge und Verhandlungen ersichtlich und weist unter den verschiedrnm Verwaltungen sämtliche EtatStitft mit ihren Beträgen speziell nach. Die alphabetisch geordnete Hauptüberstcht umfaßt, abgesehen von dem Staatshaushalts Etat, alle zur Erör­terung gelangten Gegenstände, unter Darlegung des Verlaufs der Berftung. Die Regierungsvorlagen, sowie die Anträge zu denselben sind darin in ihrem Wortlaut übernommen und die Verhandlungen über ein und denselben Gegenstand, auch wenn dieselben zu verschiedeneu Zeiten und bet ver- schiedenen Gelegenheiten stattgefunden haben, auf einer Stelle verzeichnet. Zu der Hauptübersicht gehört ein be­sonderes Inhaltsverzeichnis, welchem eine Gesamtüberstcht der BeratungSgegenstäude beigefügt ist. Die Zahl der Subhastationen landwirtschaftlicher Grundstücke hat, wie in Preußen, so auch in Bayern in den letzten Jahren eine beträchtliche Abnahme erfahren. 1880 gelangten daselbst 3739 Anwesen mit 30059 Hektar, 1883 nur noch 1803 mit einbegriffen, bei Tische, der vortrefflichen Küche der Hausfrau alle Ehre machend.--

Da« Defert war aufgetragen und der Herr Polizeirat besonder- in prächtigster Laune. Er hatte verschiedene Gläser Wein hinter die Binde gegossen, seine Uniform längst anfgeknöpf, was bei ihm ein Zeichen großer Be- Häßlichkeit war, hatte seine Prrrücke denn auch er er« fl ute stch diese« Möbel« auf Krakeel gesetzt, kurz er hatte den AmtSmenschen ad acta gelegt und war heiterer Lebemann geworden.

»Junge," tief er seinem Sohne zu,wir find jetzt so gemütlich beisammen, nun thue mir den Gefallen und erzähle uns mal die Geschichte, die Du neulich ia Ham­burg erlebt. Ich sage Euch," fuhr er, zur Gesellschaft gewendet, fort,famos. Ich habe wich ungeheuer dabei amüsiert."

Aber Vater," antwortete Gustav verlegen,was soll denn hier"

»Erzählen erzählen!" rief die ganze Gesellschaft, und Herr Strippel, der sehr angeheitert war, brummte hinterher:Hamburg war ich auch erzählen I"

Meinetwegen," sagte lachend der junge Man«, aber der Vater übertreibt, e» war ein harmloser Witz von mir und stecke nicht viel dahinter. Ich hatte meine Ge­schäfte in Hamburg abgemacht und folgte der Einladung einiger Freunde zu einem fielen Maskenball, den dieselben in geschlossener Gesellschaft veranstalteten. Wir hatten uuS bl» gegen 1 Uhr köstlich amüsiert und warm im Begriff, «ach Hause zu gehen, al« einer der Vorschlag machte, noch einen RestaurationSkeller zu besuchen, der in der Karnevals- zeit die ganze Nacht über geöffnet ist. Wir wollten dort einm sogenannten Schlummerpunsch trinke« und daun zu Bett gehen. «Fortsetzung folgt.)