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Mr. MO.
Nkarkurg, Dienstag, 30. Oktober 1885.
XX. JahlMg.
Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» zbonnements-PreiS bei der Expedition LV« Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 pfg. (excl. Bestellgeld). Jnsertionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf«. Reklamen für die Zeil«
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OdchrsMe MW.
Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen»Bureaux von Haasenstein undBogler in Franlurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien: Rudolf Moffe in Frankfurt e. ÖL, Berlin,München und Mta: G. 8. Da«r und Io. in Frankfurt e. ÖL# v«rltn,H«mover u. Paris.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Smmtagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.
Oesterreich - Ungar» aad die Ballanvölker.
Von hochgeschätzter diplomatischer Seite wird der „Eur. Äon.* geschrieben:
AIS Oesterreich gezwungen wurde, den Präsidial«Fauteuil in der Eschenheimer Gasse zur Frankfurt a. M. auf- zugebeu, wurde ihm zum Trost gesagt, e» könne nun „seinen Schwerpunkt nach Osten verlegen*. Damit war offenbar nicht bloß die politische Autonomie Ungarn-, sondern auch der Hinweis auf eine südeuropäische Kultur- missiou ausgesprochen, durch deren Erfüllung Oesterreich- Ungarn ein Aequtvalent für den in Deutschland verlorenen Einfluß erlangen sollte. Da- neue Deutsche Reich wollte sich offenbar auf die wachsame Defensive gegen da- Revanche brütende Frankreich beschränken, statt seine Kraft mit zur Eroberung des SüdostenS im handelspolitischen, ethnographischen und diplomatischen Sinne einzusetzen. Der Verzicht Deutschlands auf eigene Unternehmungen im unteren Donaugebtet und auf eigene Adria- und Levante Schiffahrt sollte gewisiermaßeu die politische Ausstattung bilden, welche man von Berlin aus den Oesterreichern zu ihrer Kulturmission i« Osten mitgab, wozu sich noch die wichtigsten Leistungen der deutschen Diplomatie gesellten, deren Ziel und Wirkung da- Zurückoräugen des russischen Einflüsse- vom Balkan war. Deutschland hat geholfen, ein selbständige- Rumänien zu schaffen; eS hat dazu betgetragen, daß Serbieu und Bulgarien sich lediglich aus eigene Füße stellten, kurz rS hat dem Bruder Oesterreicher ein Kartenspiel mit schönen Trümpfen in die Hand gegeben, aber spielen sollte natürlich Oesterreich selbst. Nun — diese- Spiel Oesterreichs ist 615 jetzt zu keinem sichtbaren Erfolg gelangt. ES widerstrebt nämlich den Balkanvölkern, Oesterreich-Ungarn überhaupt als L piel-Partner anzunehmen, geschweige denn, sich ihm als einer führenden Macht unterzuorsuen. Und auf eine österreichische Hegemonie über die Balkanstaaten schien doch die Sache mit der Schwerpunkt - Verlegung hinau- laufen zu sollen. WaS Oesterreich - Ungarn fehlt, ist die Sympathie der Balkauslaweu, die religiöse Toleranz, die geistige FortschrittStendenz, die wtrtschaflltche Regsamkeit, unb im Handel und Wandel die geschäftliche Ehrlichkeit. Diese Mängel rächen sich im jetzigen entscheidenden Moment und so muß denn ein angesehenes Blatt Oesterreich-, die ,91. Fr. Presse*, folgendes Geständnis abglegeu:
„Wenn sich auch die momentanen Schwierigkeiten auf friedliche Weese beseitigen lasten, wenn auch König Milan mit verhaltenem Ingrimm das Schwert in der Scheide behält, wenn Bulgarien sich mit der von dem Sultan bewilligten Personal - Union bescheidet — gewiß ist, daß Oesterreich-Uugarn an den Kosten einer solchen friedlichen Lösung nicht unerheblich bet« tilgt sein wird. Denn die Ansprüche, welche in der Hoffnung auf seine Unterstützung von Serbien erhoben werden, wercen dann unerfüllt bleiben, und junge Sympathien, die mit unsäglicher Mühe die öfter- reichliche Staa-Lkunst In Serbieu erworben, werden unter dem Reife der Enttäuschung vergehen. Vielleicht Ist es gut
und nützlich, daß wir gelernt haben, was der deutsch-österreichische Bund bedeutet, wenn Oesterreich-Ungarn einmal etwa- Andere- will, als sein Verbündeter; erfreulich ist eS nicht; denn das schöne Lustschloß von unserer slawischen Machtsphäre droht dabet zu zerrinnen und au seiner Statt die alte, nie genug beherzigte Wahrheit sich von neuem zu etablieren, daß Oesterreich-Ungarn auch unter dm anscheinmd günstigsten Umständen mit dem Einfluste Rußland- auf die Balkanvölkir nicht zu konkurrierm vermag.*
Alfo der erste fchüchterue Versuch Oesterreich-, einen Balkanstaat au sich zu ziehen und väterliches Patronat über ihn zu üben, ist schon In Gefahr, wie der Reif in der FrühlingSnacht, zu verfliegen ? — DaS klingt recht betrübend für die, welche von der Ferne, und theoretische Luftgebäude baumd, Oesterreich - Ungarn überhaupt die Eignung zutrauen, sich bei den Balkanvölkern Ansehen und Neigung zu gewinnen. Wer den Balkan kennt, der weiß, daß Oesterreich-Ungarn dort die bestgehaßte Macht ist, — genau wie der österreichische TrdeSco früher in Italien» — und daß eS mit der österreichisch-serbischen Freundschaft stets sehr fragwürdig bestellt war und noch ist. Lediglich ein momentanes Jntereffe Serbiens konnte es veranlaffen, diese Freundschaft zu heucheln. Oesterreich-Ungarn hat auch gar nicht die Mittel, eine politische Liebeswerbung aus der Balkanhalbinsel durchzuführen. Seine Steuerschraube ist auf das Aeußerste angestrengt wordeu, und nur für ganz außerordentliche, vom Enthusiasmus der Nation, bezw. aller seiner Nationalitäten, getragene Zwecke wären allenfalls die nötigen Opfer noch aus dem Volksbeutel zu ziehen. Wie steht e8 aber mit diesem Enthusiasmus? — Er ist lediglich nicht vorhanden. Die Völker Oesterreichs haben so viele Händel untereinander und so viele eigene Sorgen, daß sie von dem »Räubervolk da unten*, wie man in Wien die Balkanslawen nennt, nichts wissen wollen. Wieder ist eS die „N, Fr. Preffe*, welche dies bezeugt, indem sie schreibt:
„ES vermag niemand zu sagen, welche auswärtige Politik von der Majorität des österreichischen Reichsrats gebilligt und welche mißbilligt wird. Mau frage die Czechen, man frage die Polen, man frage die Klerikalen auf ihr Gewissen, welche Stellung Oesterreichs, gegenüber den orientalischen Er-igniffm sie wünschen, und man wird die seltsamsten Widersprüche hören, die je eine parlamentarische Mehrheit aufzuwetseu hatte. Jede dieser Fraktionen hat lebhafte Sympathien und Antipathieen, die einander zum Teil entgegengesetzt sind; aber alle zusammen sind nicht Im Stande, eine Meinung zu haben, und wenn ihnen etwas gemeinsam ist, so ist es Der innere Widerwillen gegen das Bündnis mit Deutschland, eben das Bündnis, welches die Grundlage der auswärtigen Politik der Monarchie bildet.*
Möge Deutschland aus dl-sen Wahrnehmungen die Konsequenz zieh.n, daß eS selbst die Führerrolle aus dem Balkan übernehmen muß, wenn eS dieselbe nicht Rußland zusallm lassen will. Ein großer mittel- uns süseuro- päischer Staatenbund, dem Deutschland alS Pristdialmacht,
dann Oesterreich-Ungarn, Rumänien, Serbien, Bulgarien und Griechenland angehören, wäre die einzig richtige, einzig segensreiche Lösung de« großen Problem- der Balkan- Pactfikation.________________________
Deutscher Reich.
Berlin, 17. Okt. In der Generalsynode referierte v. Kleist- Retzow namenS der VerfaffungSkommisston über den Beschluß der pommrrtschru Provinzialsynode, betreffend $ 6 der Generalsynodalordnung. Nach einer vom Präsidenten de- OberkirchenratS, Hermes, abgegeben« Erklärung wird von v. Kleist-Retzow folgender Beschluß vorgeschlagen und fast einstimmig angenommen: In Erwägung, daß nach der heutigen Erklärung deS Königlichen KommiffarS anzunehmen ist, daß der Oberkirchenrat auch künftighin die Beschlüffe der Generalsynode zur Kenntnis de» König- bringen wird, geht die Generalsynode über den Antrag der pommerischen Provinzialsynode zur Tagesordnung über. Zwei Vorlagen de- OberkirchenratS, betreffend die Aen- derung der 88 und 14 der Syuodalotdnnng, werden angenommen. Nach dem Berichte der BerfaffungSkommis- ston wird der Beschluß der pommerischen Provinzialsyaode^ durch welchen ein Zusatz zu § 31 der Sy Malordnung beantragt wird, nach längerer Debatte angenommen. — Fürst BiSmarck soll von seinen Gichtschmetzm wieder völlig hergestellt sein. — ES bestätigt sich, daß der Landrat Freiherr v. Richthofen Polizei-Präsident von Berlin wird. Er ist bereits nach Baden-Baden gereist, um sich dem Kaiser vorzustelleu. — In bezug aus die Erleichterung der vorübergehenden Holzlagerung aus den Bahnhöfen der StaatS- bahnen hat der Minister der öffentlichen Arbeiten folgendes bestimmt: „Die Lagerung von Holz und auderm Rohmaterialien auf den Bahnhöfen kann, soweit hierzu Rau« verfügbar ist, zum Zwecke der Ansammlung zu Wagenladungen oder zur vorübergehenden Niederlegung angekommener WazenladuugSgüter mit besonderer Genehmigung deS Eisenbahnbetriebsamtes gestattet werd«; daS Platzgeld beträgt für je Iqm und 10 Tage 2 Pfennige. Für Zelt- betröge unter 10 Tagen werden je volle 10 Tage und ebenso werden angefangene Quadratmeter der überwiesenen Fläche für voll berechnet. Einer Aufforderung zur Platz- ränmung muß biuueu drei Tagen entsprochen werden, widrigenfalls die In den Tarifen festgesetzte gewöhnliche Lagergebühr für Lagerung der Güter im Freien tu Ansatz kommst* — Als vor einiger Zeit eine von der serbischen Regierung ausgeschriebene Kauonenlieferung nicht an Herm Krupp, sondern an die französische Fabrik de Bange vergeben wordeu war, ergingen fich verschiedene französische Zeitungen in emphatischen Verherrlichungen dieses Sieges bet französischen über die deutsche Industrie. Die serbische Regierung, behauptete die „RSpublique sranxrlse*, habe eine Entscheidung erst dann getroffen, nachdem ourch gründliche Experimente die Superiorität der Kanone de Bange über die Krupp-Kanone festgestellt worden sei. Eben die
Der Demokruteubart des Herr« Strippet.
Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetzung.)
Auch er schlug den Weg noch Haus ein und überließ den bei der neuen Maschine Versammelten daS Nachsehen. WaS lag ihm auch jetzt an einer Futterschneidemaschine? Er hatte wichtigeres zu thuu; er mußte Frau Strippe! sprechen, mußte mit ihr über den Zustand chreS Mannes seine Meinung austauschen. Denn wenn auch die Gelehrten behaupten, jeder Mensch befinde fich mehr oder weniger immer la einem abnormalen Zustande, so war doch offenbat bet Zustand seine» Freunde- Strippel seit besten Rückkehr von Hamburg derartig abnormal, daß eS wohl der Mühe wert wat, sich etwas den Kopf darüber zu zerbrechen.
DaS war freilich für ©rumpel eine ziemlich harte Arbeit, denn daS Kopfzerbrechen über Irgend etwas war immer feine schwache Seite gewesen; er hatte eS anderen überlasten, die großen uns kleinen Rätsel, welche un» tagtäglich bas Leben oufgiebt zu lösen.
Aver diesmal ging es ihm den doch übet den Spaß. Wie eS Strippet trieb, da» wat schon mehr polizeiwidrig, da» mußte eine Ursache haben; diese Ursache muhte an- Licht der Sonnen und wenn et darüber Nachdenken sollte, daß die Haare auf seiner Pertücke dampften.
Er ging ziemlich rasch, aber Stripp'l hoste er nicht mehr ein. Wohl aber traf er in bet Nähe de- Hause» besten Fran unb Sophie. Man kann fich nach dem Vor- betgegaagenen ungefähr die Gesichter derselben denken, al» sie abermals erfuhren, was draußen vorgefallen. Eß war zum Verzweifeln mtt dem Mam.
„Aber jetzt gehe ich zu ihm*, tief Frau Strippel. „Ich werde mit ihm reden. Ich will doch sehen, ob ich diese Narrheit nicht herauskriege — mit dem Mann werde ich schon fertig werden — oho, Ich bin schon mit anderen Leuten fertig geworden.*
Und in aller Eile lief sie weg, während Grumpel und Sophie alle möglichen und unmöglichen Betrachtungen anstellten, warum Herr Strippel fo und nicht anders sei, beten Resultat eben war, daß Grumpel fich mit aller Bestimmtheit sagte: „Et ist verrückt geworden l* Laut sagte er die» freilich nicht, da murmelte er blo»: „Hamburger Lust!* machte eine zweideutige Bewegung mst dem Zeigefinger nach der Stirne und ging ebenfalls.,
Frau Strippel aber konnte ihren Mann trotzdem nicht zur R-de stellen, au» dem einfachen Grunde, weil er für sie unsichtbar blieb. In Hau» und Garten war er nicht und auch nicht in feinem Allerheiligsten, fo nannte er nämlich das Arbeitszimmer. Wenigstens wat die Thüte beffeiben fest verschlossen und trotz sorgfältigsten Obfet- virens durch da» Schlüstelloch konnte sie nicht» von dem Gesuchten entdecken. Schweren Herzen» ging ste weg. Natürlich, e» war etwa» viel für eine Frau, mit solchen Geschichten chicaniert zu werden, ohne deren Ursache zu tennen.
Aber Herr Strippe! wat doch in seinem Zimmer. O, er hatte seine Alte recht gut gehört draußen, al» ste Strippe!, StrippelchenI Herrmann, Hermänncheul ries — aber geöffnet hatte er trotz dieser zärtlichen Dtminutivchen doch nicht. Et war mit zu wichtigen Dingen beschäftigL Ersten« hatte et sich unter schweren Seufzern den Rest seine- Batte» unter der Nase »eggenommm, wobei ihm, sei e- nun, daß
da- Rasirmester kratzte, oder daß der Schmerz übet dm Verlust feinet stolzen, männlichen Zier ihn übermannte, sogar zwei Thtänm, zwei wirkliche salzige Thtänm, über die fetten Backen liefen, und zweiten» hatte et sich mit einem Stückchen alter chinesischer Tasche, welche» fich seit Iaht« ans seinem Tintenfaß hemmtrieb, die impertinent blonden Augenbrauueu schwarz —- kohlschwarz gefärbt, wa» im Gegensatz zu seinem Hellen Haar und feinen roten Backen scheußlich-schön ausfah.
Der glückliche Gedanke mtt dem Färben der Augenbraunen, btt» er für ein vorzügliche» Mittel hielt, sich unkennllich zu mache«, wa» doch fein ganze- Ziel und Streben war, wat ihm im letzten Augenblick gekommen. E» war ihm nämlich eingefallen, daß einmal im nahm Städtchen eine Seiltänzerbande gehaust hatte, deren Hans- wurst sich durch obige- Experiment stet- merkwürdig ent« stellt hatte.
Ja, Herr Strippel war ein denkender Kops!
Al» et sich in feiner neuen Metamorphose lange im Spiegel betrachtete, flog zwar rin Schatten tiefer Trauer, gleich darauf aber auch ein Zug voller Befriebigung Über seine Züge. Jetzt wa» da» Ziel erreicht, j tzt konnte ihn Niemand mehr erkennen, der ihn früher nur im Bollbart flüchtig gesehen hatte. Ja, er schmeichelte sich sogar, daß jetzt seine HauSgenoffeu in ihm schwerlich sogleich ihrm Herrn und Gebieter hetauSfiudm würden.
Da» wat nun allerdings ein großer selbsttäuschender Jrrthmn, dem» Figuren, wie die {einige, sind etwa- schwer zu verleugne«. (Fortsetzung folgt.)