Nr. ««».
Marburg, Freitag, 16. Oktober 1885.
XX. Jahrgang.
Obcchkßschk MW
scheint die Lage der deutschen Baumwollindustrie nach Auslassungen der „Frankfurter Zeitung" eine sehr gesunde zu sein, da die Produktion von dem stets steigenden heimischen Bedarf angenommen wurde. Auch hier lauten freilich spätere Berichte weniger günstig. Der „Franks. Zeitung" geschieht eS dabei, daß dieser Bericht ihres HandelSteilS daS Lob derselben Schutzzollpolitik singen muß, die sie in ihrem .objektiven" politischen Teil auf« heftigste bekämpft. Während überhaupt der ruhig denkende Teil unseres Volkes im Großen und Ganzen die Segnungen unserer Wirtschaftspolitik, der Politik eines gemäßigten Schutzzolls, rückhaltlos anerkennt, wird es den Freihändlern immer schwieriger, für ihre Nörgeleien geeignete Vorwände zu staden. ES fehlt dabei nicht au Beispielen, wo die Thaisacheu mächtiger sind als alle Theorien, wo auch die frsshändlerische Prefie, wie einst Bileam, segnen muß, wo sie fluchen möchte. — Di« Versammlung nahm eine von Herrn Plattenberg vorgeschlagene Resolution einstimmig an. Der Schluß derselben lautet nach der gruannteu Zeitung: In allen diesen Punkten stehen wir mit unseren Parteigenofleu Im Osten wesentlich auf dem gleichen Boden konservativer Prinzipien; wir sind unS, wie der Waffenbrüderschaft, so auch unserer grundsätzlichen Zusammengehörigkeit mit ihnen vollkommen und freudig bewußt. Wir unterscheiden unS von ihnen tu der einen und anderen Beziehung nur durch die Wahl der Mittel und Wege, sowie der Bundesgenoffeu, durch welche wir unseren konservativen Grundsätzen die gebührende Mitwirkung bei der weiteren Entwickelung unseres politischen Lebens und unserer Gesetzgebung zu stcheru bemüht sind. In diesen letzteren Betracht glauben wir, zur Zeit, bet der gegenwärtigen Parteikonstellatton, in denjenigen Nationalliberalen, welche auf dem Boden teS Heidelberger Programms stehen, die berufenen Bundesgenossen im Kampfe gegen die antinationaleu Tendenzen deS UltramoutauiSmuS, Radikalismus und der Sozialdemokratie erblicken zu müssen. Die Nationalltberalen Heidelberger Observanz haben, wie das nach ihrem neuen Programm und den tn der Folg« von ihren Führern abgegebenen Eiklärungen unbestreitbar ist, mit uns so mannigfache Berührungspunkte auf den Gebieten, die zur Zeit im Vordergründe des parlamentarischen und politischen Lebens stehen, daß wir rheinischen Konservativen eS durch die Verhättaisse geboten erachten, mit den Nationalliberalen, wenn auch getrennt zu marschieren, so doch vereint zu schlagen, — vereint zu schlagen im Kampfe für die nächstliegenden, hochwichtigen Aufgaben der Gesetzgebung, und auch vereint zu schlagen bet der bevorstehenden Wahl zum Landtage. Unser gesamtes, öffentliches, politisches Thun und Lassen aber steht unter der lebendigen Einwirkung deS Geistes des uns immerdar als Leitstern vorleuchtenden Wahlspruches:
»Mit Gott für König und Vaterland! Mit Gott für Kaiser und Reichl"
antwortete Herr Strippe! auf die Bemerkung Grumpel», — „sehr traurig I"
„Ja, was soll deuu daS bedeuten? Warum hast D« Deinen Bart verändert, den Du nun seit fünfundzwanzig Jahren so trägst?" fragte ängstlich seine Frau.
„ES ist jetzt so Mode," antwortete Herr Strippe! mit dumpfer Stimme, „aber eS ist noch nicht geuug."
„Was ist noch nicht genug?" fragte Grumpel.
„DaS findet sich," mtgegnete Strippe! kurz, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand auö dem Zimmer, wie er gekommen.
Erstaunt sahen sich die Zurückgebliebenen au. Grumpck deutete mit dem Zeigefinger auf die Stirn und ging ebenfalls hirauS; Frau Strippe! aber, welche doch eine sehr resolute Frau war und mancherlei Schrullen ihres Alten erlebt hatte, war von seinem sonderbaren Benehmen so betroffen, daß ihr daS Weinen west näher stand, al- das Lachen.
Aber eS sollte noch brsscr kommm.
ES war etwa eine halbe Stunde später, als Sophie, die Tochter des „Demokraten Strippet" mit der Magd Lene im Garten beschäftigt war, Blumen zu schneiden, um einige Sträuße herzustellen, welche den Tisch bet dem Ver- lobuogSschmauS schmücken sollten. Den» daß eS an festlichen Tagen in der Familie Strippe! hoch herging und. wacker gegessen und pokuliert wurde, das war von jeher UsuS gewesen und nicht umsonst hatte das Bäuchlein deS Hausvaters jene sanfte Rundung angenommen, von welcher Goethe seinen Studenten singen läßt:
Hat sich ein Ränzlein angemüst, Als wie der Doctor Luther.
«Fortsetzung folgt)
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»Ml.
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger s. d. Kreise Marburg n. Kirchhain. Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch. ____________________________
Lettische- Reich.
Berlin, 14. Ott. Die Generalsynode nahm daS Kirchen« .xsetz, betr. daS Dienstalter der Geistlichen, mit unwesentlichen Aenberungen in zweiter Lesung an. Die Vorlage gher den Ertrag der Landeskirchenkollekte für die Berliner Stattmission wurde durch Kenntnisnahme erledigt. Der Antrag Stöcker, der Berliner Stadtmissiou für die nächsten sechs Jahre eine alle zwei Jahre stattfindeude landeskirch« siche Kollekte zu bewilligen, wurde einstimmig angenommen. Lei der Beratung des Antrages der Pommerfchen Pco- vinzialfynüde, daß dir evangelischen Theologen ihrer aktiven Militär ienstpflicht, analog wie die Aerzte, nnr 6 Monate mit der Waffe und 6 Monate im Lazarettdienste und in der Mtlttärseelsorge genügen dürfen, wurde von einer Beschlußfassung abgesehm. — Gegenüber der Nachricht der Mlter über eine angebliche Erweiterung der Befugnisse deS kaiserlichen Gesundheitsamts zu einer beaufsichtigenden und leitenden Behörde für das Medtzinalwesen und das Betertnärwefen In allen deutschen Staaten erfährt die „Nordd. Alla. Ztg." von verläßlicher Seite, daß In dem genannten Amte hiervon nichts bekannt fei; ebenso seien die Mitteilungen über eine angebstch bevorstehende P-rsonaländerung in der Stelle eines veterinärärztlichen Mitgliedes mit größter Vorsicht au'zumhmeu. — Der Fürst Hohenlohe hat sich von Baden-Baden nach Straßburg begeben um am 15. die Statthalterschaft zu übernehmen.—Vertreter der preußisch n Staatöbahndtrekttoueu werden am 21. Oktober zu einer Konferenz in Berlin zusammentreten, in welcher verschiedene den Personal- und G päckoerkehr betreffende Angelegenheiten beraten werden sollen. — Die französische Regierung ist jetzt amtlich von der beabsichtigten Ernennung des G.afen Münster zum deutschen Botschafter tn Paris verständigt worden. — Die halbe Besatzung des deutschen Kanonm- booteS „Hyäne" soll in Zanzibar abgelöst werden. Di« neue Besatzung geht Mitte November von Hamburg mit Privatdampfer ab, die abgelvste Mannschaft kehrt mit dem „Adler" Mitte Dezember zurück. — Der Herzog von Cumberland hat an den Vorstand deS „Klub Welf" in Braunschweig ein Schreiben gerichtet, in welchem er seinen Dank für eine ihm übersandte ErgebenheitSadresse auSsprtcht, sowie den Wunsch, der Inhalt des Briefes möge zur Kenntnis der Adresseuuterzeichner gebracht werden. Dem Vernehmen des „Braunschw. Tgbl." zufolge werden die letzteren «uö triftigen G.üuden nicht von dem Inhalte deS Dant- schreibens tu K-nntniS gesetzt werden. — BemerkeüSwert. ist, daß die Brüsseler „Revue Gsuörale", die Monatsschrift d-r katholischen Partei tn Belgien, in ihrer letzten Nummer einen Aussatz über das heutige Spanien und die Karoltneu- frage enthält, in welchem der Verfasser, obgleich er auS fltuen Sympathien für Spanien k-in Hehl macht, doch in der Beurteilung ver Karolinensra.« sich vurchauS auf Seiten
Der Demokcatenbart des Herr« Strippe!. Humoreske von Fritz Brentano.
(Fortsetznog.)
ES war eine fremde Karte, die eines harmlosen Wein- reisenden, der sie mir an der Hochzeitstafel gegeben hatte. Aber wird der Schwindel mich herausreißm? Man wird btn Weinreisenden fassen, er wird auSsagrn, daß ich der Kartenbcsttzer gewesen, man verfolgt mich hierher, ich bin verloren l W-nn ich läugnete? Aber daS geht nicht, meine Persönlichkeit ist zu unverläugbarl Wenn ich dieselbe ver- Sndirn, mich unkenntlich machen könnte; aber wie, wie? — Gtebt'S denn gar kein Mittel? Ich habe oft gelesen, daß Verbrecher sich den Bart abschnitten zu diesem Zweck und so den Armen der Justiz entkamen; wenn ich eS auch so machte? Bei mir müßte die Berävderung eine vollständige sein. Mein Bart ist mir zwar theuer, ich thue es nicht gern, aber mein Hals ist wir noch theurer — eS muß sein, — er fallet" —
Und spornstreichs lief Herr Stripprl, so schnell die- ihm seine dicke Persönlichkeit gestattete, dem Wohnhaus zu.
ES wer eine Stunde später. Frau Strippe!, welche sich bin Morgen über mit den Vorbereitungen zu der bevorstehenden Verlobung wacker in HauS und Garten herum- gepiagt hatte, war, nm einen Augenblick der Ruhe zu Pflegen, in oa« gemeinschaftliche Wohnzimmer gegangen.
Ja einer Ecke desselben saß mißmuthig Grumpel, der eS noch nicht verschmerzen konnte, daß er statt seines schönen toten Fez nun wieder seine fuchsige Perrücke tragen mußte, dir an Farbe getrost mit einem vrrschabten Soldatrntorntster konkurrieren konnte,
„Ra," sagte Fran Strippe!, att sie die mürrisch«
Deutschlands stellt. — »u« Madrid heißt es, daß die - Reichsregierung in der letzten deutschen Note Spaniens : Rechte auf die Karolinen • vor der letzten Besitzergreifung ■ durchaus nicht anerkenne. Die Stimmung über den Ausgang des Streites ist in Madrid ziemlich kleinlaut. — Nach einer der „Psltt. Korr." aus Rom unter dem 12. d. zugehenden Meldung wird die lateinische Münzkonferenz am 22. d. in Paris zusammentreten, vorausgesetzt, daß nicht daS Resultat der Stichwahlen für daS französische Parlament einen Ministerwechsel nach sich zieht. Die Teilnahme Belgiens an der Konferenz gilt als wenig wahrscheinlich. — Die „Morning Post" verkündigt jetzt auf das bestimmteste dir Versetzung des Grafen Münster rach Paris und widmet dem scheidenden Botschafter einen sehr warmen Nachruf.
— Ja einem ausführlichen Bericht der „Rheinisch- Westfälischen Zeitung" über den dritten Parteitag der Konservativen der Rheinprovinz in Mülheim a. d. Ruhr findet sich u. a. ein Vortrag des Kaufmann- G. A. Schlechtendahl auS Barmen über die wirtschaflliche Lage, weicher in der Einlettung folgendes ausführt: ...Das Bild, welches vor einem Jahre Herr Kommerzienrat W Hermann Ihnen von dieser Stelle aus entrollen durfte, war ein frennd- lichereö, als eS mir heute vergönnt ist, Ihnen vorzuführen. Gesteigerte ArbeitSthätigkeit, besserer Verdienst der Arbeiter, welche ihre Lebensbedürfnisse zu billtgereu Preisen decken konnten, — das galt mit vollstem Recht vom Jahre 1883, während im verflossenen Jahre diese Richtung zum mindesten nicht sich fortgesetzt hat. Nach den statistischen Ermittelungen scheinen besonders in der Eisen- und Stahlindustrie und im Kohlenbergbau die Löhne zwar stehen geblieben, «ber die Arbeitsgelegenheit hie und da etwas vermindert zu sein, während dir Textilindustrie im Punkte des Lohnes k.inerlet Rückschritt gemacht zu haben scheint So hat die Lohneinnahme des einzelnen Arbeiters bei 206 der größeren Eisen- und Stahlwerke sich gegen das Vorjahr um eine Kleinigkest — etwa 3 Prozent vermindert; die Handelskammer zu Hagen stellt fest, daß die Lohnsätze zwar geblieben, aber die Arbeitszeit hie und da beschränkt worden sei, und die Bochumer Handelskammer kann für ihren Bezirk dasselbe erklären. Anderseits scheint die Textil - Industrie sich tu besriedigeuderer Lage zu befinden. Selbst die so sehr leidende Krefelder Industrie hat nach Ausweis ihrer musterhaften Statistik im Jahre 1884 noch keinen nennenswerten Rückschritt gemacht, soweit die Zahl der beschäftigten Webstühle, gezahlter Lohn und Umsatz in Betracht kommen. Die Zahl der Stühle hat sich von 37010 auf 37 675, die Summe des Lohnes von 28529 auf 29 463 Taufend Mark erhöht; der Umsatz dagegen von 86,6 auf 85 6 Millionen Mark vermindert. Daß auf diese Industrie der Satz von dem trotz der Anstrengung aller Kräfte verminderten Ertrage Anwendung finden dürft-, ist leider anzunehmen. Dagegen
Micne des Men erb'tckte, „schmidm wir auch Gesichter? Grnmpelchw, mein Mann hat Sie wohl angestckt? Was er nut hat, der Alte, eS geht mir ordentlich im Kopf hemm, daß ich ihn feit feiner Rückkehr von Hamburg so mürrisch sehe."
„DaS weiß der liebe Gott," antwortete Grumpel, wobei er seulzmd nach seinem Kopf griff, „mich hat er angeschnauzt, daß mir alle Lust vergangen ist, mich heute nochmals in einen DisknrS mit ihm einzulassen."
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür und Herr Strippe! trat ein. Mit verschränkten Armen und großen Schritten trat rr langsam zwischen die Beiten, sie lange mir fragendem Blicke ansehrnd.
Es war eine seierliche Stille, 618 endlich Frau Strippe! fragte: „Was ist denn los, Alter?"
„Alter ?' entgegnete Herr Strippe! mit dumpfer Stimme, „hast Du wich denn gleich erkannt?"
„Gerechter Gott, der Mann ist verrückt geworden!
Warum soll ich Dich denn nicht kennen?"
„Bemerkst Du denn gar keine Veränderung an mir?" fragte ängstlich Herr Strippe!. „Gar keine? Seht mich doch recht an!"
Frau Strippss und Grumpe! leisteten dieser Aufforderung Folge, und plötzlich schrie die Erstere ans: „Was ist denn das mit Deinem Bart? Du hast Dir ja einen Tcll Deines Bartes abgeschvitten."
„Weiß Gott," sagte Grumpel, „Sie haben Recht, na, daS ist komisch!"
Herr Strippe! hatte sich nämlich daS Kinn ftd rastert, freilich so wenig, daß man eS nur bei näherer Bestchttgnng entdecken konnte. . , .
„Komisch findest Du daß? DaS finde ich schr tramtz,"