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fliaröutg, Donnerstag, 15. Oktober 1885.
XX. JlhlMg.
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Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. - Illustriertes Soimtagsblatt.
Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.
Arbeiter und Arbeitgeber.
Ja der letzten RetchStagSsesfion ist wiederholt von verschiedenen Abgeordneten der sozialdemokratischen Partei die Behauptung aufgestellt worden, nur ihre Partei vertrete wahrhaft die Interessen des Arbeiters, des kleinen Mannes Übeihaupt. Gegen diese kühne Aufstellung ist von allen anderen Parteien Protest erhoben, und diese Worte sind als .Anmaßung* bezeichnet worden. Selbstverständlich stad dadurch die sozialistischen Abgeordneten nicht anderen Sinnes geworden, sie haben au ihrer Aufstellung festgehalten und bemühen sich nach wie vor, den Arbeitern ihre Lehre als das allein richtige politische Evangelium anzupreiseu. Etwas Gutes, mag es von einer Seite kommen, von welcher es will, wird immer Anerkennung finden; der eine gute Kern, welcher in den sozialdemokratischen Forderungen liegt, nämlich eine Besserung des Loses des letzten Standes, ist auch anerkannt, aber dabei darf nicht vergeffeu werden, daß diese Forderung nicht von den Sozialdemokraten erfunden worden ist, nein, sie hat bestanden, bevor es eine sozialistische Partei gab. Was diese erfunden, sind ausschweifende Phantasten, deren Erfüllung ebenso unmöglich ist, als wollte man auch bet Nacht die Welt mit Sonnenlicht «leuchte«. Die Sozialdemokraten predig« dem Arbeiter fortwährend: .Du haft Rechte!" Natürlich hat er die; sie vergess« aber zu sagen, daß hochherzige Arbeitgeber ihren Leuten schon weit, weit mehr gewährt haben, als die phantastischen Zukuvft»- pläne der Sozialisten ihnen jemals gewähren werde«. Was den Arbeitgeber anbetrifft, so heißt es dagegen: „Du hast Pflichten!" Gewiß hat er bte; aber auch Rechte. Und nun einmal haarscharf die Wahrheit beim Schopfe genommen: „Wenn nicht foviele Arbeitgeber Tag und Nacht darauf bedaqt gewesen wären, ihre Absatzquelle zu erweitern, durch alle nur möglichen, kostspielig« technische« Erfindungen den fortschreitende« Ansprüchen gerecht zu werdru und die Konkurrenz auszuhalten, daun lebten Tausende von Ar» b.ilern ein wahres Jammerleben, dann würde« auch die soztolbemokrattschen Apostel auf den Arbeiterfonds verzichten müssen!' Daß unsere Industrie so dasteht, wie eS eben ter Fall, dem verdankt die Sozialdemokratie überhaupt ihre Existenz. ES ist begreiflich, daß Krisen im Weltmarkt, gegen oie der einzelne Staat und erst recht der einzelne Fabrikant ohnmächtig ist, auch auf die Arbeiterlöhne wirken. Die daraus entstehende Unzufriedenheit benutzen die Sozialdemokraten; noch mehr aber wirken ste dadurch, daß sie systematisch den Haß zwischen Arbeiter und Arbeitgeber scyüren l Und was stud so viele von den Helden der Arbeiter: .Ztgarreuhäudler, Möbelhäadler, Schriftsteller rc." Jede Befchä tigung in Ehren, aber find das die Männer der schwieligen Faust?
Gehen wir etwas weiter, und es wird sich der krasieste Widersinn der sozialistisch« Lehre« mit den Thatsachen Herausstellen. Der Arbeitgeber wird als der Feind des Arbeiter» hingestellt; der Arbeitgeber soll leisten, aber nicht
Der Demokrateubart des Herr» Strippe!.
Humoreske v. Fritz Brentano.
(Fortsetzuns.)
Wenn ich aber dem Leser sage« soll, warum Herr Strippe! bei dem Anblick des hinter ihm steheudeu Individuums auffchrte, so würde ich jedenfalls in einige Verlegenheit geraten, denn der Gegenstand feines Schreckeu- war wahrhaftig nicht erschrecklich.
Es war Grumpel, der Hausfreund, ei« aller harmlos« Junggeselle, feit so langer Zeit im Strippelsche« Hause wohnend, daß eigeullich kein Mensch sich je erinnern konnte, wann n in dasselbe gekommen war. Er war körperlich da» Gegmteil seine- Freundes Strippe!, denn währmd dieser sich ein« äußerst respektablen Dicke «freute, war Grumpel so mager, daß « au-sah wie eine mäßige Bohnenstange , der mau eine P«rücke aufgesetzt und fie daun in einen weiten Heberzleher gesteckt hatte.
Grumpel war sehr verwundert über ben Schrei Strippe!» und seine Mime brückte dies bmtlich au».
Dieser ab« athmete sichtlich auf, als « in dem ihn Berühreudm seinen HauSfrmnd «kannte.
.Du bist'», Grumpel, ich dachte, es wäre ein Türke. Was soll Dein orientalischer Kopfputz?"
Dabei deutete « zitternd auf das Haupt Grnmpel», welche» allnding» mit einem auffallend großm türkischen Fez geschmückt war.
.Gefällt er Dir?" ftagtr Grumpel harmlos, .ja da» soll wohl fein, ich habe ihn mir während Dein« Sbwesw- frett zugelegt und wnde ihn al» HauSmütze tragen; ich sehe au» wie der türkische Gesandte, d« Dir neullch —1
fordern, wie e» der Arbeiter soll. Wa» ist denn dn Arbeiter unserer modernen Zeit? Etwa ein Geschöpf, da» verdammt ist, sein ganze» Lebm hindurch sich für andne zu quälen, nur deren Gebote zu befolgen und für sie zu verdienen? Freilich, von heute auf morgen wird man nicht Geheim« Kommerzienrat, aber ein Arbeiter, d« auf sein Fortkommen mit klugen, scharfen Augen achtet, kann noch immer Meister und Arbeitgeber werden, und die Sozialdemokraten sollten einmal ihren Anhänger« erzähle«, daß die ersten Chef» vieler großer Häuser unserer Zeit schlichte, einfache Lmte — eben Arbeiter gewesen sind. So steht die Sache! Der Arbeitgeber ist nicht au» arbriterfeindlichen Elementen zusammengesetzt, er ist Fleisch vom Fleisch de» Arbeiter», Blut von seinem Blut, wo es sich um die Sache selbst, um die Arbeit, handelt. Allerdings e» giebt Ausnahmen, aber diese bestätigen eben die Existenz einer Regel. Wenn die sozialdemokratische« Wortführer wahrhaft für de» Arbeiter» Wohl sorgen wollten, so müßten sie, statt Programme aufzustellen, welche die Begindm erwecke», aber sie nicht stillen, de« Arbeiter« vor allen Dingen ben Weg weisen, bet zur Selbstständigkeit führt; sie gerat« sonst mtt Recht in den Verdacht, die Arbeitermasien nur um der eigenen Macht willen in ihrem bisherigen Abhängigkeitszustans erhalten zu wollen. Da» Ziel eine» jeden tüchtigen Arbeiter» muß die Selbstständigkeit sein; nicht jed« kann e» «reichen, aber viele, und wa» bann? Soll er auf die Früchte seine» laugen schweren Fleißr» vnzichten, anderen tu die Hände werfm, wa» er selbst redlich verdient, wovon er seiner Famllie ein ruhige» Auskommen sichern will? So sind die Thatsachen, nu« halte man die sozialdemokratischen Lehren dagegen! So lange der Arbeiter gegen seinen Arbeitgeber opponiert, Bravo bei den Sozialisten; wird er nach mühevollen Jahren aber selbstständig, dann gehört « zu den Feinden de» Arbeiter», dm« « muß einsehen, daß diese ZukunftSpläne nichts als eitel Lug und Trug sind. Und würde« die Herren, die diese Pläne aufgestellt, Tag au» Tag ein, auf sich selbst angewiesen, arbeiten müsien, nun, auch ihre Bekehrung ließe sicher nicht auf sich warten.
Zur OriettlkrisiS.
Aktuelle Ereigutsie sind heute zwar nicht zu verzeichnen, doch unterliegt e» keinem Zweifä, daß auf der Balkan- halbtnfel allerorten die Rüstungen energisch weiterbetrieben werden. Inzwischen kreuzen sich die Fäden der Unterhandlungen nach allen Richtungen, und daS elngrstanbene Ziel der Bemühungen all« Großmächte geht dahin, die Wirkung der geschehenen Antastung de» Berlin« Vertrage» auf ein möglichst geringe» Maß zu beschränken und neue Störungen zu verhüten. Die in dieser Beziehung an die „Kleinen" erteilten Mahnungen dürsten an Entschiedenheit nicht» zu wünschen übrig lassen, wa» au» dem Bestreben d« ersteren, um jeden Preis alle störenden Umtriebe zu unterdrücken,
erkennbar ist. Die Wiener Zeitungen bring« jetzt verschiedenes offenbar von der dortigen türkischen Botschaft ausgehende Berichtigungen der Meldung, daß d« Sultan den Fürsten Alexand« bereit» im Grundsatz al» Generalgouverneur von Ostrumelim anerkannt habe. Doch währmd die Kundgebung in einigen Blättern sehr entschied« klingt, erscheint eine andere in andern schon wett weniger unbedingt. Offenbar wünscht man türkischersett» nicht den Anschein zu erwecken, als ob der Sultan der Entscheidung der Großmächte vorgreifen wolle, während anderseits die Verlautbarung feiner friedfertigen Gesinnungen in Philippopel ihr« guten Grund in der Absicht hat, die Gemüter zu beruhig«. Zwischen dem Fürsten Alexander und der Pforte soll übrigen« lebhaft verhandelt w«den und wenn die letztere die Bereinigung von Oftrumelien und Bulgarien auch «och nicht offiziell anerkennen will, so scheint eS doch keinem Zweifel zu unterliege«, daß sie bedingungsweise auf das Projekt eiugehen wird, und zwar um so mehr, al» sie die Heber« zeugung gewonnen haben dürste, daß der Bulgarenfürst im stände sei, au» Großbnlgarim einen lebenskräftigen, unabhängigen Staat zu schaffen, der mehr als alle» andne geeignet wäre, den russischen Einfluß auf der Balkanhalb- in el zu beschränken. Damit hätte die Türkei aber ihrem ge Lhrlichsten Gegner daö Vordringen erschwert. MU bezug auf die augenblickliche Situation meint der „Standard", Europa könne sich glücklich schätzen, wen« in den nächsten Tagen nicht die ganze orientalische Frage wieder eröffnet werde. Es sei glücklich für England und Europa, daß sich eine konservative Regierung im Amte befinde, und daß das ernsteste und politische Problem in der Welt in einem breiten und staatsmännischen Geiste behandelt werd« würde. England wünsche den Frieden, und für VerttLge so viel Achtung, als mit dem Frieden verträglich sei. Wenn aber der Frieden nicht aufrecht erhalten werd« könne, dann wünsche England, daß der Krieg nicht Rußland zum Vorteil gereiche. Weiter meldet da» Blatt: Deutschland schlug mit voller Billigung Oesterreich«, Rußland» und Englands vor, der Vertrag von Berlin soll so wenig wie möglich »«ändert werden. Die Ford«ungen Griechenland« und Serbiens werd« zurückgewiesen und der Türkei angeratm, nötigenfalls mit Waffengewalt einzuschreitea, falls Griechen» land oder Serbi« türkische» Gebiet besetzen. Die Personalunion für Bulgarien und Oftrumelien mit dem Fürsten Alexander wird anerkannt, vorausgesetzt, daß das vereinigte Bulgarien seinen finanziellen Verpflichtungen nachkomme und die Souveränetät des Sultan» anerkenne.
UebrigenS soll sich der frühere bulgarische Finanzminist« Nakasew augenblicklich in Wien mit vertraulichen Aufträgm de» Fürsten Alexander für die österreichische Regierung befinden. Heber die neuere selten» der Pforte den Mächten mttgeteilte Note hört man im ferneren noch, ste weise auf die Folgen hin, welche die Ereigniffe tu den Balkanprovinzen gehabt hätten, namentlich die Rüstungen Serbien« und
Wieder schrie H rr Strippe! auf. — „Grumpel, um Gotteswillen, Du weißt? Bon wannen kommt Dir diese Wissenschaft —"
„Was denn — bist Du v«rücki?" antwortete d« erstaunte Grumpel, ,wa» soll denn freute Deine Schreierei, — ich sage, ich sehe au», wie d« türkische Gesandte, d« Dir neulich in der Gartenlaube so sehr gefiel.".
.Ah so," entgegirte He« Strippe! aufathmmd, — .höre, Grumpel, wir find imm« gute Freunde gewesen, tfrne mir einen Gefall«."
„Recht gern."
.Bringe dies« Fez au» dem Bereiche meine» Srhver- rnöger«."
.Aber ich bitte Dich —'
„Bringe ihn weg, ich sage Dir, « macht mich nervös."
.Na, meiuetwegm," sagte gutmütfrig Grumpel, indem « den Fez abnahm, unter welchem sich eine große kahle Platte entpuppte. .Schade, er bedeckte so schön meine sterbliche Stelle, und nun muß ich «leb« meine P «rücke anfsetzen."
Bei diese« Wort« steckte « in die linke Tasche seine- weite« Rocke» ben Fez, während « au« der recht« eine alle, fuchsige Perrücke «ahm und fie aufstülpte.
„Die rote Farbe tfrut mein« Augen fo weh," entschuldigte sich der wied« ruhig?» gewordene Strippe!, „nimm mtt'» nicht Übel, alt« Junge."
„Ach ne," sagte dieser kleinlaut, „ab« e« war so hübsch, ich sah so imposant au», wie d« türkische Gesandte."
.Fängst D« schon «leb« mit Deinem dämlich« Gesandt« 0«," brauste Strippe! auf, „Du wüst «ich «och krank mach«."
„Na nu, ich bin ja schon still," brummte Grurnpe! erschrocken und entfernte sich mit ben Worten: „Wa» et nut hat — er scheint in Hamburg verrückt geworden zu fein — merkwürdig — na, meiuetwegm!'
He« Strippe! ab« «ging sich in einem Selbstgespräch, anfangs murmelnd, dann ab« laut und heftig werdmd, wobei er wieder grimmig mit den Häudm in der Lust herumfocht, wie Han» der Großknecht e» schon früh« bemerkt hatte. Der Monolog de» Her« Strippe! lautete ungefähr so: „Staatsvenäterl Es läßt mir keine Ruhe, üb«all verfolgt mich die Angst, daß mau mich faffen könne, — alle Mensch« jagen mtt Furcht ein, denn imm« meine ich, ste müßten mir ansehen, wa» in mtt vorgeht. Wen« mich der Gesandte reklamiert, wmn man mich auSliesnte — vernrteitte, — die Justiz soll kurz« Prozeß mach«, am Ende «wartet mich die seidene Schnur.
Bei diesen Worten machte Hnr Strippe! wieder bk verzweiflungsvolle Bewegung nach dem Halse, welche, wtt HanS, der Großknecht, meinte, da» Häng« bebeute, und fuhr bann fort: „Ich bin nicht feig, ab« schon bet Gedanke daran schnürt mtt ben Hal» zu, und soll mein Hal« für die Vorelligkett meines Munde« büß«? Schrecklich! Aber meine Alte hat mich immer gewarnt, die verfluchte Politik! So ost ich ein Paar Gläser Wei« getrunk« habe, läuft mit d« Mund über. Mußte mich da» Un* glück auch nach der fi seien Hochzeit in später Nacht noch in bo« Lokal führen. Wa» ich geredet habe, weiß ich nicht, ab« bet Muselmann war wüthenb. Er würbe grob, er verlangte meine Karte, die ich Esel ihm in bet Augst auch gab, da« heißt, die ich ihm eigentlich nicht gab:
(Fortfetzung folgt.)