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XX. Jahrgang.

JHatÖlirg, Mittwoch, 14. Oktober 1885.

Ur. W1

GklWschr jfitimo

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. BlatteS, sowied-Annoncen-Bureaux von Haasenstein undBogler in Franturt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Mofle in Frankfurt ♦ Berlin,München und

R6ln: A. 8. Daube und Co. in Frankfurt M, Berlin,ch anno »er u Pari-.

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. —

Expedition: Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch.

grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal» Kbonnements-PreiS bei der Expedition SV. Mk., bei den Postämter 2 «k. 50 Psg. (erd. Bestellgeld), -»nsertionsgebühr für die «spaltene Zelle !• Pf,. Reklamen für die §dle

*5 Pf,.

Le«tjcher Reich.

Berlin, 12. Ott. Kaiser Wilhelm wird bekanntlich am 2. Januar sein fünfundzwanzigjährigeS Regierungsjubiläum als preußischer König begehen. In weiteren Kreisen be­schäftigt man sich bereits mit Vorbesprechungen zu einer recht würdigen Feier dieses seltenen ErinneruugStagrS. — Der Vorsitzende der Acneralsyaode verliest die Antwort deS Kaisers auf daS Begrüßung^telegramm, also lautend: „Dank der Geueralsyuode für den warmen Ausdruck huldigender Treue, mit dem Wunsche, daß die Beratungen in evange­lischem Geiste unter Gottes Segen zum Heile der Landes­kirche gereichen." In das von dem Präsidenten ausgebrachte Hoch auf den Kaiser stimmte die Versammlung begeistert ein. Cremer-GreifSwald fragt, ob die Revision der Agende bis zur nächsten Gmeraisyaode za erwarten sei. Ober- kirchenr-tS Präsident Hermes erwioert, die Synode erhalte in den nächsten Tagen eine Vorlage wegen deS Zusatzes zum Kirchengebete für die Marine. ES werde sich dabei Gelegenheit bieten, über die Frage zu verhandeln. — Die Generalfyiwde nahm das Kirchengesctz, betreffend daS Dienst­alter der Geistlichen, mit unerheblichen Zusätzen an, sowie die Vorlage, betreffend die Einführung einer landrSkirch- ltchen Kollekte für die deutsche evangelische Diaspora des Auslandes. Stöcker beantragte die Zustimmung der General- ynode, dazu, daß der Berliner Stadtmisstoa alle zwei Jahre ür die nächsten sechs Jahre eine allgemeine Kirchenkollekte rew lligt werde. — Die „Nordd. Allg. Zeitung" schreibt: Sicherem Vernehmen nach finden anläßlich des Graefscheu ProzefleS wegen einzelner in der mündlichen Verhandlung vorgekommenen Unzuträglichkeiten üb r t ie Mittel, solchen auf dem Boden bestehender Gesetzgebung vorzubeuzen, Kon­ferenzen im Justizministerium statt, woran auch die Präsi­denten der hiesigen Gerichte und Beamte der Staatsanwalt­schaft t-tlnchmen. — Der „Reichsanzeiger" publiziert eine allerhöchste Verordnung vom 28. September, betreffend die Uebertragung landesherrlicher Befugntfle auf den Statt­halter von Elfaß-Lothringen. — Infolge des ErlaffeS des Herrn Ministers für Handel unü Gewerbe ist die Handels­kammer von der königlichen Regierung zu Wiesbaden auf- gefordert worden, eine Untersuchung über die Sonnt igS- arbeit bet den Handelsgeschäften und Betrieben der Groß- und Fabrtkineustrie einzuleiten. Die von der Handelskammer ausgegebenen Fragebogen find von 68 Gewerbetreibenden und Fabrikanten beantwortet worden, und zwar haben sich 31 Handels- und Fabrikbranchen für die Notwendigkeit einer in den seitherigen Grenzen ausgeübten teilweisen Soun- tagöarbcit ausgesprochen. Ferner hat die Handelskammer der königlichen Regierung dir Namen von 22 Arbeitgebern und 22 Arbeitnehmern aufgegeben, die zur Anhörung bei einer Enquete über die SonntagSarbeit berufen werden foben. — Ueber die weitere Entwickelung der braunschwei­gischen Regierungsfrage wird der ,Nat.-Ztg.' geschrieben:

jBerechtigter Abdruck.!

Der Demolrateubart deS Herr« Strippet").

Humoreske v. Fritz Brentano.

Herr Strippe! war seit zwei Tagen sehr unwirsch. Warum, daS wußte keine menschliche Seele, und vergeben« bemühten fich die Seinigen, die au ihm dergleichen nicht gewöhnt waren, die Ursache seiner Verstimmung zu er­gründen.

Er war und blieb unergründlich, ging tiefsinnig in Haus, Garten und Feld umher, und Hans, der Großknecht, erzählte den staunenden Mägden, der Herr bleibe draußen alle fünf Minuten stehen, fechte mit den Händen in der Luft umher und murmle geheimnisvolle Reden, die er stets mit einer Bewegung der rechten Hand um den Hals herum schließe, „so, als ob er das Hängen audeuten wolle," meinte Hans, der Großknecht.

Und HanS hatte Recht; HauS war ein scharfer Beo­bachter, ein feiner Kopf, und was er gesehen, daS hatten Andere auch bemerkt.

Gestatte mir, lieber Leser, Dir vor allm Dingen meinen Freund Hermann Strippe! vorzustellen; er ist dieser Ehre nicht unwürdig, denn er ist kein gewöhnlicher Mensch, er ist, wie er selbst sagt, ein Charakter, und Charattere find io unserer charakterlosen Zeit eine große Seltenheit.

Herr Strippe! ist 61 Jahre alt, hat aber daS Aus­sehen eines Vierzigers, ist verheiratet und, waS viel sagen will, sehr glücklich verheiratet; seine Nachkommenschaft 6t*

*) In nächster Woche beginnt im Feuilleton der bereit» an- gekündigte Roman «Heiser Sinn."

Kurz vor dem Zusammentritt der Landesversammlung wird die staatsrechtliche Kommission berufen werden, um in Ge­meinschaft mit dem RegentschastSrat die Vorschläge festzu stellen, welche der Landesvertretung bezüglich der Berufung des Regenten zur Beschlußfaffung, aller Voraussicht nach in geheimer Sitzung, zu unterbreiten sind. ES gilt als feststehend, daß die Wahl des Prinzen Albrecht von Preußen gesichert ist; es ist anzunehmen, daß dieselbe mit Ein­stimmigkeit erfolgt. Alles, was über die mögliche Ueber- nahme der Souveränetät durch den Kaiser, der einen Stell­vertreter bestellen würde und dergleichen verlautet, ist Er­findung.

— (Briefwechsel Pius' IX. mit König Wil­helm.) Das letzte Beispiel einer päpstlichen Vermittelung ist, wie „Voce della Verita" und „Fanfulla" mitteilen, ein Brief Papst PmS IX. an den König von Preußen kurz vor Ausbruch des französisch-deutschen Kriege». Der Bries deS Papstes lautet:

Majestät I In der schwierigen Lage, in der wir uns befinden, wird es Ihnen vielleicht ungewöhnlich erscheinen, von mir ein Schreiben zu erhalten. Aber als Vikar des Friedensfürsten auf Erden kann ich nicht umbin, Ihnen meine Vermittelung anzutragen. Mein Wunsch ist, die KriegSvorbereituvgen beseitigt zu sehen und die Uebel, die aus einem Kriege hervorgehrn müßten, zu verhindern. Meine Mediation ist diejenige eines Souveräns, der in seiner Eigenschaft als König wegen der Kleinheit seines Territoriums keinerlei Eifersucht, sondern nur Vertrauen einflößen kann durch den moralischen und religiösen Ein- fiuß, der in ihm personifiziert ist. Daß Gott mein Gebet erhöre, daß er auch die erfülle, die ich zum Himmel empor­sende für Ew. Majestät, mit welcher ich durch dieselben Bande christlicher Liebe vereint sein möchte. AuS dem Vatikan, 22. Juli 1870. Pius P. P. IX. P. 8. Ich habe in gleicher Weise an Se. Majestät den Kaiser der Franzosen geschrieben.

Darauf erwiderte der König Wilhelm:

Berlin, 30. Juli 1870. Erhabenster Pontifex 1 Nicht überrascht, wohl aber tief gerührt hat Mich die Lektüre der rührenden Worte, durch die Sie der Stimme des FricdenSgotteS Gehör verschaffen wollen. Wie sollte Mein Herz nicht einem solchen mächtigen Appell Rechnung tragen? Gott ist Mein Zeuge, daß weder Ich, noch Mein Volk den Krieg gewünscht, noch provoziert haben. Gehorsam den heiligen Pflichten, die Gott den Souveränen und den Völkern auserlegt, ziehen wir da» Schwert, um unsere Un­abhängigkeit und die Ehre des VatcrlandtS zu verteidigen. Wir sind stets bereit, eS wieder cinzustecken, wenn diese Güter unangetastet bleiben. Wenn Ew. Heiligkeit Mir seitens desjenigen, der so unüberlegt uns den Krieg erklärte, die Versicherung einsichtiger, friedlicher Neigungen und die Garantie, daß sich solche Attentate gegen den Frieden und

steht in einem holdseligen; 19jährigen Töchterlein, welch'S den nicht ganz ungewöhnlichen Namen Sophie führt. Ein Stammhalter war Herrn Strippe! vom Schicksal nicht be- schieden, die männliche Linie der StrippelS stirbt mit ihm aus.

Er betreibt daS einträgliche Geschäft eines reichen GutS- besttzxS und bildet sich ein, rin Demokrat vom reinsten Waffer zu sein.

Nun stad ober gewöhnlich so glücklich sttuirte Menschen keine Demokraten, und auch die Demokratte deS Herrn Strippe! best-nd nur in einem riesig großen, etwa» auf­fallend blonden Bart.

Böse MeusLcu behaupteten zwar, derselbe sei rot, und nannten seinen Besitzer den „toten Stripp6," allein e« sah nur so aus, wenn die Sonne recht grell auf ihn schien, — im Schatten war et doch eigentlich blond.

Im Allgemeinen aber war es ein rechter Demokraten­bart — eines derjenigen Exemplare, vor welchem anno 1848 die „Tyrannen" erzitterten, und seit dieser Zett ttug ihn auch Herr Strippel, ihn hegend und pflegend, wie ein geliebtes Kleinod — etwa wie eine alte Jungfer ihrm geliebten Mops, oder wie vordem der Kladderadatsch die drei Haare des Fürsten Bismarck.

„Biel Geschrei um ein Paar Haare," denkst Du viel- I leicht, lieber Leser, wmu Du diese verhältnismäßig lange l Beschreibung des Strippe!'scheu Bartes liesest.

Aber Du irrst Dich, dieser Bart hat sine Bedeutung in meiner wahrhaftigen Geschichte, er ist so zu sagen die Hauptperson in derselben.

Also, Herr Strippel war seit zwei Tagen schlechter Laune; seit et von Hamburg zurüügekommen war, wo er

die Ruhe Europa» nicht wiederholen werden, avbieten könnten — würde Ich dieselbe aus den Händen Ew. Heiligkeit, mit der Ich durch die Bande christlicher Liebe und Freundschaft verbunden bin, in Empfang nehmen.

Wilhelm.

Hierzu bemerkt die „Germania": So wie» also Kaiser WUhelm, der sich jetzt an Leo XIII. gewandt hat, damals auch die Vermittelung Plus IX. nicht zurück. Napoleon jedoch, fügt die „Voce" hinzu, verschloß sich dem Rufe de» Papstes und es kam, wie es gekommen ist. (Wir drucken diese Briefe ab, weil sie wieder durch alle Blätter laufen. Sie sind aber keineswegs „erst jetzt" bekannt geworden, sondern haben schon vor 15 Jahren in den Blättern gestanden.)

Badeu-vade«, 12. Olt. Der Fürst Hohenlohe ist heute hier angekommen und zur Audienz beim Kaiser em­pfangen worden. Der Staatssekretär v. Hofmann ta Straßburg trifft heute gleichfalls ein.

Stratzburg, 10. Ott. Die tragikomische Geschichte, welche, als der kaiserlichen Tabakmanufattur vor einiger Zeit zugestoßen hier erzählt wurde, ist leider in vollem Umfange wahr. Die Tabakmanufattur hat in der Thal verzeffen, ihre Fabrikmarke — die bekannte schwarze Hand — nach Ablauf der bestimmungsmäßigen Frist erneuern zu laffen. Die Behörde, bei welcher die Erneuerung hätte er­folgen müffeu, kam der Vergeßlichkeit der Manufaktur nicht zu Hilfe, so daß § 5 des Gesches vom 30. Nov. 1874 ungehindert Platz griff. Die schwarze Hand wurde dadurch von ihrem Besitzer losgelöst und lag sozusagen auf der Straße. Ein Konkurrent hat sich das Versehen der Manu­faktur zu Nutze gemacht und die herrenlose schwarze Hand aufgehoben, eingesteckt und als sein Besitztum eintragen lassen. Die Lacher hatte er dadurch alle auf seiner Seite gehabt und die Manufaktur mußte zum Schaven auch noch dm Spott tragen, wenngleich das Unternehmen ihres Kon­kurrenten keine moralische Billigung fand. Die Tabak­manufattur ist nun aber nicht gesonnen, auf ihre schwarze Hand kurzweg zu verzichten, sondern hat einen Prozeß gegen den gegenwärt'gen Besitzer derselben angestrengt. In der Zwischenzeit macht sie nun vorläufig nach wie vor Ge­brauch von der schwarzen Hand, obwohl sie dieselbe recht­lich gar nicht mehr besitzt. Ja anbetracht des Umstandes; daß die Sache demnächst vor dem zuständigen Richter ver­handelt werden wird, ist über diese Seite der Frage vor­läufig nicht mehr zu reden. Dagegen verdienen zwei Punkte auch heute schon Hervorhebung. Erstens geht au» der Geschichte hervor, daß die Erzeugniffe der Manufaktur doch nicht so schlecht sein können, als sie von manufattur- feindlicher Seite immer hingestellt werden. Wenn schon die Fabrikmarke der Manufaktur ein so geschätztes Abzeichen ist, daß man darauf sörmlich Jagd macht, so müffeu die Fabrikate, die mit diesem Zeichen gedeckt werden, doch einen

bet silbernen Hochzeit eine» alten Freundes angewohnt hatte. Diese schlechte Laune war seiner Famllie gerade jetzt um so unerklärlicher, al» morgen der Polizeirat Wahrlich aus Berlin mit seinem Sohne Gustav eintteffen und die Ver­lobung de» Letzteren mit der einzigen Tochter de» Herrn Strippel gefeiert werden sollte.

Der Polizeirat war ein JutimnS de» „Demokraten Strippel," was wieder ein sehr verdächtiges Licht auf deffm demokratische Gesinnung warf, denn bekanntlich sind Polizei, täte meistens Autidemokraten.

Sophie wat vor vier Monaten längere Zett in Berlin in der Familie Wahrlich zu Besuch gewesen und hatte dort Gustav, der ein hübscher flotter Junge war und ein ebenso flottes KanfmannSgeschäft betrieb, kennen lernen. Die Sache hatte sich gemacht, wie Mama Strippe! den Freunden des Hause» erzählte, und morgen sollte, wie oben bemerkt, Verlobung sein.

Aber trotz de» bevorstehend« freudigen Ereigniffe» war Henn Strippel» Stirn mit düste« Wolken verhangen, und er schlich herum wie Hamlet der Däne, wenn et über «Sein oder Nichtsein" grübelt und die reizende Ophelia mit Gewalt zur Nonne machen will.-----

Wieder ging er durch den Garten und blieb tiefsinnig vor einem Stachelbeerstrauch stehen, die Blätter beff eiben anstatrenb, als wenn er ein „große- grausige« Schicksal" aus benselben herauslesen wollte; btt tippte ihn von hintm leise eine Hanb auf die Schulter; erschrocken drehte er sich nm und stieß einen ordmtlichm Schn! au«.

«Fortsetzung folgt)