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Marburg, Sonntag, 11. Oktober 1885.

XX. Jahrgang.

grscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. — Quartal- Abonnements-Preis bei der Expedition 21/* Mk., bei den Postämter 2 Mk. 50 Psg. (excl Bestellgeld). JnleNionsgebühr für die gespaltene Zeile 10 Pf». & eil amen für die Zelle 85 Pf».

Obkchksslsllic MU.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», sowied.Annoncen-Bureaux vonHaasenstein undVogler in Frankurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt a. M., Berlin,München und Köln: <8. 8. Daube und tc in Frankfurt e.

B«lin,channooer n. Pari».

Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. d. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Soimtagsblatt.

Expedition■ Markt 21. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Aug. Koch.

flvür das vierte Quartal werden Bestellungen ü auf die „Oberh. Zeitung nebst Amtlichem Anzeiger und Illustriertem Sonntagsblatt" noch angenommen, auswärts von allen Post­ämtern, sowie hier von der Expedition (Markt 21.)

Wochenschau.

Unser Kaiser, sowie die Kaiserin weilen noch in Baden- Baden und befinden sich — trotz deS zeitweise rauhen und stürmischen Wetters — recht wohl. Die Rückkehr deS Kaisers und der kronpiinzlicheu Famllie (aus Ztolien) wird in Berlin für Mitte Oktober erwartet, während die Kaiserin erst noch Aufenthalt in Koblenz zu nehmen gedenkt. Der neue Statthalter für Elsaß - Lothringen, Fürst Hohenlohe, hat dem Kaiser in Baden-Baden seine Aufwartung gemacht, ebeufo der neuernannte türkische Minister deS Auswärtigen Said-Pascha. Urber den künftigen deutschen Vertreter in Paris find mannigfache Nachrichten im Umlauf, tndesien ist bisher keine bestätigt worden. — Zum Regenten des Herzogtums Braunschweig soll der LaodeSvertretung nun­mehr der Prinz Albrecht von Preußen vorgeschlageu werden, nachdem der Kaiser seine Zustimmung dazu gegeben hat. Dir bezüglichen Verhandlungen mit dem Prinzen Neuß sollen au der Geldfrage gescheitert fein. Der greife Polizei­präsident von Berlin, Herr von Madai, hat seinen Abschied vom Kaiser auS Gesundheitsrücksichten erbeten. Zum Besten der Hinterbliebenen der Mannschaften der all gesunken be­trachteten deutschen Korvette „Augusta" ist von einem Ber­liner Zentralkomitee, an dessen Spitze der Oberbürgermeister von Forckenbeck steht, ein Auftuf zu Sammluugeu erlassen worden, denen hoffentlich recht zahlreiche Spenden zufließen werden.

Drei Parlamente find in Oesterreich - Ungarn gegen­wärtig in Thätigkeit. Die Sitzungen des öftrrreicht'chen Abgeordnetenhauses sind bisher ziemlich ruhig verlaufen/ aber rS ist bereits eine Interpellation wegen des Streites zwischen Tschechen und Deutschen in Böhmen angekündigt. Dabei wird eS wieder einigen Lärm geben. Im ungarischen Abgevrdneteuhause hat sich der Ministerpräsident TtSza über Kremster und die Orientfrage geäußert und gemeint, die Katjerbegeguuug sei nur der Ausdruck der persönlichen Freundsoraft der beiden Herrscher gewesen. Zur Orteut- sragc erklärte er, Oesterreich werde zunächst nicht militärisch ringreifen, sondern das wettere abwarten. Geradezu köstlich ist aber eine Anfrage, ob die ungarische Regierung von der sächsischen Regierung in Dresden dafür Genugthuung for­dern wolle, daß während deS Dresdener Turnfestes ein Kranz mit den ungarischen Farben von der Rednertribüne entfernt sei. Bekanntlich war dieser Kravz von den magyarischen TurngSsteu tu provokatorischer Weise ange­bracht und wurde nun einfach wieder entfernt. Und dafür noch Genugthuung? UMjtkehrt könnte die Sache eher passen? Damit alle gute Dinge drei werden, haben wir noch vom kroatischen Landtag, dem Radau-Landtag, zu sprechen. Nun, eS ist wieder hübsch bunt zugegaugen und den Kroaten wäre zu empfehlen, au den Bänken der Skandal- machrr je zwei Hausknechte mit ordentlichen, festen Stöcken aufzustellen. Und geht der Lärm wieder los, dann dazwischen gep!» fiert.

Papst 8(0 XIII. hat eia allgemeines Jubiläum für die ganze katholische Welt angeordnet. Ueber den Beginn seine» Vermittlungsamtes in der Karoltnrnfrage ist noch nichts vrrlautet. Zum Uallenischen Minister de» Auswärtigen ist der bisherige Botschafter tu Wien, Graf Robtlant, ernannt worden. Die Cholera in StzUten läßt allmählig nach.

Daß Hochmut doch oft genug vor dem Fall kommt davon sind unsere neunmal klugm guten Freunde In Pari- recht gründlich belehrt worden, und die am letzten Sonntag stattgehabten Kammerneuwahlen haben ihnen gezeigt, daß, bevor die Republtt Frankreich einen Revanchekrteg führen kann, sie vor allem erst daran denken muß, sich im Lande selbst wieder gründlich zu befestig«. Andernfalls würde es bei einem Kriege der Republik nicht um ein Haar breit anders gehen, al» eem Kaijertumr: Eine Reihe von Nieder­lagen und die Republik wäre gewesen. Frankreich ist höchstens zur Hälfte noch republikanisch, denn die Hälfte aller am Sonntag angegebenen Stimmen ist den Aahängern der Monarchisten zugefallen; und von dieser Hälfte wieder­um zwei Drittel den Orleantsten, ein Drittel den Bona Partisten. Da» Verhältnis würde ein umgekehrtes fein, wenn der Sohn Napoleon III. noch lebte; aber wer soll sich für den alten Querkopf von Jerone Napoleon groß begeistern? Die Exkaiserin Eugenik wird t» jetzt mit er­

neutem Schmerze empfind«, daß ihr Sohn unter den Speeren der ZuluS sein Leben auShauchte. Die beiden repu­blikanischen Parteien, die Gambettisten und Radikalen, ge­stehen offen ein, daß ihre Sache eine sehr schwere Nieder- age erlitten, aber daß sie durch ihre thörichte und verkehrte Politik beide gleichmäßig zu diesem MKHeur betgetragen haben, das will niemand eingrstehen. Die Radikaleu deS Herrn Clemenceau lachen sich noch ins Fäustchen, daß die Gambettisten besonders schwer geschädigt au» der Wahl­schlacht hervorgehen, sie können jetzt hoff« — mit Hüt e der Monarchisten selbst anS Ruder zu kommen; denn Radikale und Monarchisten haben zusammen die Majorität in der Volksvertretung und die letzteren werden von Herzen gern bereit sein, einem radikalen Ministerium auf die Beine zu helfen, denn ein beffere» Mittel, die Republik in Miß­kredit zu bringen, giebt e» nicht. Die Gambettisten ver­loren, weil der französische Bürger der Provinzen nichts von auswärtigen Kriegen wissen will; die Steuern und Abgaben sind so schon hoch genug, er will Ruhe, Eine radikale Regierung wünscht er aber erst recht dahin, wo der Pfeffer wächst, sie zaubert ihm eine Herrschaft der „Roten" vor Augen und davon will mit Ausnahme de» Pariser Pöbels niemand in Frankreich etwas wissen. Die letzten Wahlen haben auch gezeigt, daß das alte Wort, Paris ist der Kopf von Frankreich, feine Wahrheit verloren hat. Diesmal sind die Glieder nicht entfernt fo gegangen, wie der Kopf eS wollte. Jedenfalls — nochmal» fei eß wiederholt — werden nun die Pariser Revancheapostel eingesehen haben, daß Hochmut ost genug vor dem Fall kommt.

Die Auflösung de» englischen Parlamente» zum Zweck der Neuwahlen wird Anfang Dezember erfolgen. Von einer Wahlagitation ist bisher nur in Irland etwa» zu bemerken. Alle Wahlkandidaten sind dort ve- pflichtet worden, dem ungekrönten Herrscher von Irland/ dem Agitator Par- uell, Gehorsam zu leisten. Die Wähler, welche nicht un­bedingt mit den Anhängern ParnellS gehen, werden förm­lich verfehmt und von jedem gesellschaftlichen Umgang auS- geschloffen. Unter solchen Umständen ist eS natürlich außer Frage, daß Irland nur den Briten feindliche Abgeordnete wählt, deren Ziel die Unabhängigkeit der grünen Jnfel ist.

Auö dem Sudan kommt wieder die Nachricht von einer Schlacht. Auf Grund eine» mit den Engländern abge­schlossenen Vertrages hat der König von Abessynten ein H-er zum Entsatz der Stadt Kaffala im Ostsudau auß- geschickt. Die Abessynier haben die Araber nach hartem Kample besiegt und unter den Gefallenen soll sich auch der erste General deS Mahdi, OSman Digma, befinden. Bestätigt sich diese Nachricht, so dürste eS mit der Re­bellion im Ostsudan zu Ende sein.

Zwischen Spanien und England hatte eS einen diplo- mattfchen Konflikt gegeben. Die spanische Steuerbehörde forderte von der englischen Gesandtschaft in Madrid un­rechtmäßige Steuern, deren Zahlung aber verweigert wurde. Darauf erschien ein Struerexekutor in der Gesandtschaft und dieser wür ige Herr wurde von den Hausdienern mit Glanz an die Luft gesetzt. Die englische Regierung forderte Genugthuung, hat aber bisher nur da» Versprechen erhalten, daß die Steuerforderung niedergeschlagen werden solle.

In Kopenhagen ist der dänische Reichstag eröffnet worden. Die radikale Majorität ist ebenso fest wie früher entschlossen, dem Ministerium Estrup seine Forderungen nicht zu bewilligen und so ist also die Session ziemlich außstchtloS.

Die Orientfrage ist ein kräftiges Unkraut, da» sich so leicht nicht [auSjäten läßt. Indessen, eS ist doch einige Klarheit schon in die Sache gekommm und eS läßt sich absehen, wir sich die Dinge entwickeln werden. Das Leit­motiv ist aber nicht von den in Konstantinopel versam­melten Vertretern der Mächte angegeben, sondern in Fried­richsruhe, wo der Reichskanzler mit dem russischen Minister von Gier» und dem österreichischen Botschafter konferiert hat. Wenn Griechenland und Serbien, die ihre Rüstungen ununterbrochen fortfetzen, in die Türkei einrückeu, so ist ein größerer Krieg unvermeidlich. Die Pforte muß stch ihrer Haut wehren, oder sie geht zu Grunde. Die beiden Kleinstaaten beanspruchen aber nur dann GebietSvergröße- rungen, wenn Bulgarien und Rumelien vereinigt bleiben, und deshalb muß hier ein Wechsel eintreten. Dem Fürsten Alexillder von Bulgarien soll zugestanden werden, vaß er als Statthalter Ost Rumelien regieren kann; verlangen die Bulgaren und Rumelier aber mehr, nun so bleibt nicht» andere» übrig, al» daß die Türkei die Widerspenstigen mit Waffengewalt zum Gchorsam bringt. Nur so kann ein

allgemeiner Balkankrieg vermieden werden, der ganz Europa in Milleidenschaft ziehen würde. Es muß nun abgewartet werden, ob die Bulgaren und Rumelier e» wagen, dem ausgesprochenen Willen ganz Europa» zu trotzen*

Deutsche» «eich.

Berlin, 9. Olt. Die Kaiserin hat durch die Admiralität dem Komitee für die Hinterbliebenm der Besatzung der Korvette „Augusta" 1000 Mk. mit der Bestimmung „für besonder» hülsSbedürftige Hinterbliebene" überweisen lassen. — In Kiel und in Wilhelmshaven wird am Sonntage, den 11. d. M., in Anlaß des Verluste» S. M. Kreuzer­korvette „Augusta" in den Garnisonkirchen ein Trauer- gottesdienst stattfinden, an welchem speziell die Matrosen- diviston, die Werstdlvlston und da» Seebataillon, au» deren Personal die Besatzung der Korvette entnommen war, teil­nehmen werden. Während de» TrauergotteSdieuste» werden die Flaggen auf den Schiffen und Dienstgebänden Halbstocks geholt werden. — Da» hier zusammeugetretene Komitee für die Unterstützung der Hinterbliebenen der mit der „Augusta" Verunglückten erläßt folgenden Aufruf: Bon S. M. Kreuzer­korvette „Augusta" fehlt feit vier Monaten jede Nachricht; unzweifelhaft haben Schiff und Besatzung in wild erregter Flut ihren Untergang gefunden. DaS Verzeichnis der au Bord der Korvette eingeschifften Personen ist von dem Chef der kaiserlichen Admiralität veröffentlicht; eS bringt die schmerzliche Kunde, daß 223 rüstige Söhne de» Vaterlandes in seinem Dienste früh und plötzlich dahingerafft find; An der Küste und im Binnenlaude beklagen hart betroffene Familien den Tod deS Hauptes, de» Vaters, des Sohne» oder deS Bruder». Mit ihnen trauert das Land. Aber, wo dieser SchtcksalSschlag nicht Trauer allein, sondern auch Sorge und Not in daS Haus brachte, wo die Wellen die Stütze der Eltern begruben, wo fie Frauen zu darbenden Witwen, Kinder zu hilflosen Waisen machten, da ruft die Katastrophe wie unser Herz zum Mitleid, so unsere Hand zum Helfen. Die vom Gesetz bestimmten Unterstützung« und Entschädigung« erleichtern das den Familien auferlegte Opfer nicht in dem Grade, wie eß herzlicher Teilnahme möglich und wünschenswert erscheint. Ausreichend kann nur die freiwillige Thätigkeit derer helfen, die d« Dank für das patriotische Verdienst todesmutiger Seeleute in der Unterstützung ihrer Hinterbliebenen zu bethätlgen wünschen. In diesem Sinne find die Unterzeichneten zu einem Komitee für die Unterstützung der Hinterbliebenm der mit S. M. Korvette „Augusta" untergegangenen Besatzung zusmnmeu- gettelen, und bitten um Gaben, sowie event. um Bildung von Zweig Komitees, resp. Errichtung von Sammelstellen. An der Spitze der provisorischen Geschäftsführung des Komitees steht der Oberbürgermeister Herr v. Forckenbeck. Sammelstelleu find: 1. die Deposttenkasse der Deutsch« Bmk — welche als Zentralstelle dient — Berlin W., Mauerstraße 29, 2. die Kasse des ZmtralkorniteeS der Deutschen Vereine vom Rot« Kreuz, Berlin W., Wilhelm- straff 73, 3. Die Prästdialkasse de« Königlichen Poltzei- PrästdiumS, Berlin 6., Mvlkenmarkt 1, 4. die städtische Haupt-Stiftungs-Kasse, Berlin 6., Rathaus, Zimmer Nr. 25, Eingang von ver Spandauer Straße. — Al- präsumtiver Nachfolger des bisherigen Polizeipräsidenten von Berlin, des Herrn v. Madai, wird jetzt tu erster Linie auch daß frühere Mitglied der hiesigen Polizeiverwaltung, der jetzige RegterungS - Präsident v. Heppe, in Aurich ge­nannt. An anderer Stelle glaubt man, daß' Herr von Colmar die meiste Aussicht habe. — Dr. August Reichen­sperger, der im vorigen Jahr auf ein fernere» Mandat zum Reichstag verzichtet hat, wird nun auch dem Abgeord- neteuhaufe, dem er länger als 30 Jahre angrhvrt hat, Valet fagen. Damit scheidet ein Veteran des Parlamen­tarismus aus dem öffentlichen Leben, der — abgesehen von den Verdiensten um dir eigene Partei — durch Wissen, Redegabe und Leutseligkeit sich stet» ausgezeichnet hat.

— Der vor 14 Tagen in Berlin zusammengetretme internationale Kongreß von über 250 Geologen verschiedener Weltteile hat seine Arbeiten beendet; die AuSfühmng einer großen geologischen Karte von ganz Europa nach einem einheitlichen Schema ist gesichert und die Oberleitung den Direktoren der preußischen geologischen Landesanstalt Hauche- cotne und Beyrich endgültig übertragen worden. So wird auch diesem Wnke ein deutscher Stempel aufgedrückt, der den unau-gesktzten Bemühungen und dem Anseh« der beid« genannten Herren für da» Zustandekommen der Karte, zu deren Kosten alle Staaten beitragen, zu dank« ist. Von dm zahlreichen im RetchßtagSgebäude gehaltenen Vor­trägen, die mit den Verhandlungen abwechselten, erwähn«