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JRatßutg, Mittwoch, 7. Oktober 1885.
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WerhejW Aitms
berh. Zeitung nebst Amtlichem Illustriertem Sonutag-blatt"
*ür das vierte Quartal werden Bestellungen ö auf die „Ober!
Anzeiger und Illustriertem Sonutag-blatt" noch angenommen, auswärts von allen Postämtern, sowie hier von der Expedition (Markt 21.)
Die neue französische Armee.
Die republikanischen und deutschfeindlichen Wortführer in Pari- pflegen die französtsche Armee, welche nach 1871 wieder völlig neu geschaffen, mit Stolz .ihre' Armer zu nennen und ste als eine solche hivzustrlleu, mit der sich das Heer des Kaiserreiches gar nicht messen konnte. Ste schwärmen von dem in der Armee herrschenden republikanischen Geist, der die Truppeu zu großen Thaten an- feuern, aus ihnen das siegreiche Werkzeug der Revanchetdee machen soll. Was den republckanischen Geist anbetrifft, so wollen wir diese Sache auf sich beruhen lasten. ES könnt« damit ähnlich stehen, wie mit der vor anno 70 viel gepriesenen Anhänglichkeit der Soldaten an den Kaiser Napoleon; nur daraus mag hingewteseu sein, daß eine ganze Zahl srauzöstjcher höherer Offiziere sofort damit etuverstanseu wäre, wenn aus drrRrpublck wieder eine Monarchie würde. Offen sagen sie da» natürlich nicht, aber an Zeichen, welche die Richtigkeit dieser Behauptung beweisen, fehlt eS für den aufmerksamen Beobachter nicht. Wenn die Franzosen auf die Neubilvuug ihrer Armee stolz sind, so sind sie aller» ding« im Recht und wir wüsten ihnen in dieser Beziehung offen und ehrlich unsere Bewunderung auSsprecheu. Kein anderer Staat hat in dem entsprechenden Zeitraum solche Unsummen für MUitärzwecke auSgegeben, wie Frankreich sie seU dem letzten großen Kriege geopfert hat und heute noch opfert. Sobald die Regierung für wichtige Militär» zwecke Geld fordert, so gibt efl in der Volksvertretung kein Frllschen. Die Summen werden mit einer Bereitwilligkeit bewilligt, daß mau sie fast Verschwendung nennen kann. Au Wehrfähigkeit und Zahl ist also die republikanische Armee der napoleonischen bedeutend überlegm, wir bezwei- srln aber billig eine größere Fähigkeit zum Siegen. WaS dem dritten Napoleon sehlle, da« fehlt auch der dritten Republik: ein tüchtiger General. ES ist im hohen Grade beschämend, daß tu einem verhältnismäßig unbedeutenden Kriege, wir der vstafiattsch« rS war, alle Augenblicke ein neuer Obergeneral ernannt werden mußte, weil sein Vorgänger zu große Unsähigkrit zeigte. Jetzt kommandiert dort General Courcy. WaS er geleistet, läßt auf alle« Andere eher schließen, als auf Ueberfluß an Feldherrntalent. Und diese bittere, bittere Thatjache empfindet man in Parts sehr schmerzlich. Mit verzweifelter Anstrengung sucht man unter den französischen Offizieren nach einem Moltke, aber gesunden hat man dis aus diesen Tag noch keinen.
Der sranzöfische Soldat ist ein tapferer Draufgänger, aber ihm fehlt sehr ost die Fähigkeit, auf die Dauer Strapaze» zu erttagen. Da« ist eine allgemeine Klage, und
Anzeige», nimmt entgegen die Expedition d. Blatte», f owied.Annoncen- Bureaux von Haasenstein undBogler in Frankurt a. M., Cassel, Magdeburg und Wien; RudolfMoffe in Frankfurt ♦ o M., Berlin,München und
Adln: ®. L. Da«e und
Io. in Frankfurt e. äH, Berltn,Hannover u Pari«.
Im Hause -er Witwe.
Erzählung von Moritz Lilie.
(Fortsetzung).
.Ich bin nicht bester und nicht schlechter wie meine WerSgmosstuurn, und habe vor Diesen nicht- voraus, erklärte di- Tochter der Wittwe, während Letztere ihr einen bittenden Blick zuwarf, der sie zu ermahnen schien, dm
Wilcorf ein, .Sie sind fleißig und anspruchslos, donnern sich uicht auf wie die Puter- hähne und verstehen zu «betten, das steht man an Jhr.m Garten, der immer hübsch und sauber auSsteht, so sauber wie Sie selbst. Seheu Sie, Mamsell, und da» ist rS gerade, waS wir an Ihnen immer so gefallen und mich nach reiflicher Ueberlegung dahin gebracht hat, dem Jung- gesellenlebeo zu entsagen und Sie zu meiner LebenSgesährttn zu waLeu.'
Mich, Herr WUdorf?' fragte Gabriele mit gutge- heucheltem Erstaunen, al» erfahre ste von dm Abstchten des Mannes jetzt das erste Wort.
Lasten Sie eS gut sein, Kind, Sie wisteg, ich brauche nicht damach zu frag«, wieviel Ihre Mitgift beträgt, lachte der Mann selbstzufrieden und klopfte mtt der flachen Hand auf die Tasche seine- »eiokleide«. .Sie sollen daschönste Brautkleid habm, da» jemal- vor dem Altar unserer Kirche getragen worden ist, die ganze Stadt soll staunen, und Ihre Freuadinnm werden die Köpfe zusawmmsteckeu und sich ärgern, daß gerade Sie und nicht «tat Andere die wohlhabende Frau WUdorf grwordm sind.»
Erscheint täglich außer an g^ttagen nach Sonn und Feiertagen. — Quartal» KbonnementS-PreiS bei der Expedition 2*/t Mk, bei wen Postämter Ä Mk. 50 «ja. (excl. Bestellgeld). SpfertionSgebühr für die «efpoltene Zeile 10 Wfß. Aellamen für die Zelle
Wöchentliche Beilagen: Amtlicher Anzeiger f. 6. Kreise Marburg u. Kirchhain. — Illustriertes Sonntagsblatt.
Expedition-, Marit 31. — Redaktion, Druck und Verlag von Joh. Ang. Koch. _________
hauptsächlich von dem Tempo ab, welche- die Landtags- arbeiten nehmen werden Von einigem Einfluß auf den Z itumsang, den die parlamentarischen Arbeiten erhalten werden, ist der Umstand, daß Ostern und dem enstprrchend auch Pfingsten auf den überhaupt möglichst späten Termin, jene» auf den 25. April, dieses auf den 13. Juni fällt. Wmn eS auch zunächst die fortschreitende Entwickelung der wärmeren sommerlichen Jahreszeit ist, welche die Reihen der Abgeordneten zu lichten pflegt, so ist doch auch die Lage der Festzeiten nicht ganz ohne Einwirkung, da auf allm Setten das Verlangen sich gewöhnlich kundgiebh da» Pfingstfest nicht in der Reichshauptstadt, fondem in der Heimat zu erwarten und nach demselben nicht mehr von parlamentarischen Arbeiten behelligt zu sein. — In den Ausführungsvorschriften, welche der Minister der Sffmüichen Arbeiten auf Grund des Gesetzes über die Ausdehnung der Unfall- unv Krankenversicherung für dm Bereich der vom Staate für eigene Rechnung verwalteten Eisenbahnen erlaffrn hat, ist u. a. festgestellt worden, daß für die Bahnm dieser Kategorie in jedem DiretttonSbeztrk ein Schiedsgericht errichtet wird, besten Sitz mit demjenigen der betreffenden König!. Eisenbahn - Direktion zusammeufällt. Die Bezirke dieser Schiedsgerichte erstrecken sich nicht aus die vou dm Königl. Eisenbahn-Direktionen für Rechnung von Prtvat- Uvternehmuugen verwalteten Eisenbahnen. Letztere gehörm zu den Bezirken der sür die Privateisenbahn-BerufSgenosten- schast gebildeten Schiedsgerichte. — Bon der Ankunft vnd dem Aufenthalt der Frau Priuzesstn Wilhelm in Wim berichten die dortigen Blätter folgendes: Prinzessin Augusta Viktoria von Preußen ist Freitag abend mtt de« Ortevt- Expreßzuge der Westbahn in Wien etugetroffen, um einige Zeit in Laxenburg, vereint mit ihrem erlauchten Gemahl, dem Prinzen Wilhelm von Preußen, als Gäste des Kron- prinzenpaareS zu verwetten. Kronprinz Rudolf, in der preußischen Uniform mtt dem Großkreuze des Schwmzm AdlerordmS geschmückt, erschien in Begleitung der Ober« Hofmeisters Grafen Bombelles bald nach 10 Uhr aus dem Bahnhose und wurde von dem deutschen Botschafter Prinzen z« Renß, vou den Mitgliedern der Botschaft, vom Feldmarsch rill Leutnant Fürsten zu Wtndischgrätz, vom RegterungS Rate Obermayer, die sich etwas früher eingefunden hattm, begrüßt. Als der Zug still stand, trat der Kronprinz auf den Salonwagen zu, in dem Prinzessin Augusta saß, und war der hohen Dame beim AuLsteigen behilflich. Kcon- prin Rudolf begrüßte die Prinzessin herzlich und küßte ihr die Hand, worauf die Vorstellung der offiziell erschienenen Sommitätea erfolgte. Prinzessin Augusta Viktoria verließ zur Rechten des Kronprinzen den Perron und bestieg sodann die bereitgehaltene Hofcquipage und fuhr in die Hof- bürg, wo Frau Kronprinzessin Stefanie den hohen Gast erwartete und herzlich begrüßte. Am Sonnabend nahm die Prinzessin gemeinschaftlich mit der Kronprinzessin Stefanie da» Dejeuner ein. Um 2 Uhr machte die Prinzessin eine Rundfahrt, zuerst über die ganze Ringstraße und den.Qnai,
freies Leben zu bieten vermag, diesem Bettelmustkantru vorziehen.'
Gabriele richtete sich hoch auf, und die sonst so träumerisch blickenden Augen schauten drohend auf den Beleidiger des Geliebten.
.Otto ist kein Bettelmustkavt, Herr Wildorf,' rief sie mit lauter Stimme, .der Genius der Kunst leitete seine Schritte und wird ihn sicher »och zu jener Vollendung führen, nach welcher er unablässig strebt — *
.Verzeihen Sie dem uversahrmeu Mädchen,' unterbrach Frau Werner ihre Tochter und hoffte damit eine herbe Bemerkung derselben zu verhüten und gleichzeitig den Zorn des Bewerbers zu beschwichtigen, .Sie wiffen, die Jugend urteilt rasch, aber: kommt Zeit — kommt Rat!'
.Wenn Du damit sagen willst, Mutter, daß ich andereu Sinne» werden könnte, so hast Du mich nicht richtig erkannt,' versicherte Gabriele in festem Tone. .Herr Wildorf wird mich in dieser Beziehung hoffentlich richtiger beurteilen!'
„Sie scheinen wenig Einfluß auf Ihre Tochter zu besitzen, Frau Werner,' sagte der Mann, indem er seine Mütze erfaßte und ste ohne wettere» auf den Kopf stülpte, .und Sir, Mamsell, kommen noch zrtttg genug zur Eiuficht, wenn Sie erst am Hungertuche nagen gelernt haben. Freilich zwingen Sie mich jetzt auch, mein Recht geltend । zu machen; dir Zahlungsfrist für das Jhnru gekündigte i Kapital ist längst vorüber, und ich halte mich nunmehr an das 1 mir verpfändete Grundstück. Sie wollm e» nicht bester haben!'
Ohne einen Abschtedsgruß verließ er da» Zimmer, die l Thür Mer sich geräuschvoll tu» Schloß werfend.
(Fortsetzung folgt )
die Lazarette in Tonking und Anam haben den Franzosen 1 weit schwerere Verluste beigebracht, als dir Chinesen. Trotz- 1 dem ist eie Armee aber doch durch Zahl und Bewaffnung eine furchtbare und in Deutschland unterschätzt man ste durchaus nicht. Das beweisen die Aeußerungeu der deutschen ■ Offiziere, welche den französischen Manöver» bet ArraS beiwohnten, und die den dortigen Leistungen großes Lob spkn- beten, worüber die Pariser, wenn sie eS sich auch nicht haben merken lasten wollen, doch sehr erfreut gewesen sind. Man hat in Frankreich seit 1870 große Fortschritte gemacht und sich redlich zu lernen bemüht. Jndesten eins, die Hauptsache, ist doch nicht begriffen worden, und daran tragen nicht zum geringen Teil die Parteiverhältniste mit Schuld, der oberste Letter der französischen Armee ist nicht ein genialer Feldherr, die hat man eben nicht, sondern der KrtegSmtnister. In den letzten vier Jahren nun hat Frankreich dnrch die verschiedenen Kabinettswechsel ca. 8 Kriegs- Minister gehabt, und daraus entspringt natürlich ein bedeutender Einfluß auf die Lettung der Armee. Sagte der eine .Hott', so sagte der andere .Har'. Die möglichste Vervollkommnung der Schlagfertigkeit der Armee, dies Ziel hatten alle, aber ste suchten eS auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Bald waren die Meinungsverschiedenheiten größer, bald kleiner, die Folge aber war immer, daß auS dem ganzen Verwaltungsapparat die fest bestimmte, einheitliche, dis in die kleinsten Dinge sorgfältig geordnete Wirtschaft verbannt wurde. Auf dem Papier sieht sich somit tu der französischen Armee alles recht schön an, kommt eS aber einmal zum Ernst, so hapert eS bald hier, bald da und die Eifersucht der Offiziere auf einander trägt noch wehr dazu bei, die Hindernisse zu vergrößern. WaS sich bei den Mobttisteruugen für Tunis und Ostasten gezeigt, beweist, daß die Behauptung von der unbedingten Schlagfertigkeit der Armee des republikanischen Frankreich bis heute noch nicht Wahrheit ist.__
Deutscher Reich.
Berlin, 5. Ott. Die Kaiserin Augusta hat dem hiesigen Magistrat und den Stadtverordneten für die Gratulationen zu ihrem Geburtstage herzliche Dankschreiben zugehen taffen. — In den kürzlich während der Anwesenheit des Fürsten Bismarck tn Berlin stattgehabten Beratungen über die Einteilung der bevorstehenden parlamentarischen Kampagne ist, wie man hört, die Berufung des Reichstags zu Mitte November bestimmt in Aussicht genommen worden. Man hält eS für wahrscheinlich, daß der BerufungLtermiu auf den 17. November oder einen demselben nahegelegenen Tag anberaumt werden wird. Der preußische Landtag soll dagegen erst zu dem verfastungS- mätzig spätesten Termin im Januar zusammentreten, wo dann cer Reichstag ihm zunächst Raum giebt, um dann zu einem späteren Termin gegen Ostern seine Arbeiten wieder auszuuehmen. Ob dabet ein gleichzeitiges Tagen beider Körpers-d asten wird vermieden werden können, hängt
Gabriele hatte ihre Arbeit beiseite gelegt und war aufgestanden; eine unbezwingliche innere Unruhe hatte ste «ährend der letzten Worte deS Besucher« befallen. Jetzt trat ste au ihu heran, im Antlitz den Ausdruck milden Ernstes, aber auch fester Entschloffeuhett.
»Ich sehe, Sie reden im Ernste, Herr WUdorf,' sagte ste in ruhigem freundlichem Tone, .lasten Sie auch also wir das Recht, Ihnen zu sagen, daß ich aber nie Ihre Gattin werden kann, weil — weil ich bereits verlobt bin.'
.Sie meinen mtt dem jungen Menschen, der bei dem Eismbahnunfalle voriges Jahr verunglückte und den Ste tn Pflege nahmen?' erwiderte in gleichgiltigem Tone der Bewerber, mehr zur Mutter, al» zur Tochter gewandt. »Das wird wohl kaum ein Hindernis sein; diesem armen Schlucker schreiben Sie einfach, daß sich Ihnen inzwischen eine gute Partie geboten hat und daß Sie ih« sein Wort zurückgeben.'
.Niemals — niemals!' rief das junge Mädchen begeistert au», so daß der Mann ganz verblüfft zu ihr auf- schautc. .Und sollten wir uns unseren Unterhalt vor den Straßevthüren erbetteln, Otto mtt der Geige, ich mit dem Teller tn der Hand, kein Anderer als er soll mich zum Altar führen.'
Eine minutenlange Pause entstand; WUdorf schien einiger Zeit zu bedürfen, um den vollm Sinn der eben gehörten Worte zu begreifen. Endlich erhob er stch langsam, und stch an die Mutter wendend, sagte er:
.Die kleine Närrin wird wohl noch anderer Anstcht werden und einen wo^sttairten Man«, der chr rin sorgen-